Frau Nikitin, machen wir es uns heute einfacher, aus dem traditionellen Beziehungsmodell – Mama, Papa, Kind, Eigenheim – auszubrechen als früher?

Jana Nikitin
Jana Nikitin | Bild: Uni Basel

Ich würde sagen, wir machen es uns nicht einfacher, es ist einfacher. Die gesetzlichen Grundlagen, die gesellschaftlichen Normen, der relative Wohlstand – obwohl auch heute geschiedene Eltern mit kleinen Kindern häufig von Armut betroffen sind – führen dazu, dass die Trennung heute einfacher und akzeptierter ist. Das Wort Scheidungskind ist kein Schimpfwort mehr, eine zweite Ehe einzugehen keine Seltenheit.

Ist eine polyamore Beziehung für unsere Psyche anstrengender als eine Zweierbeziehung?

Zu polyamoren Beziehungen gibt es noch wenig seriöse wissenschaftliche Forschung. Es ist aber anzunehmen, dass das Sich-Beschäftigen mit zwei oder mehreren Beziehungen mehr Ressourcen, also Zeit sowie geistige und emotionale Kapazität, kostet und in diesem Sinne sozusagen anstrengender ist. Der Effekt geht aber nicht darauf zurück, dass wir die Ressourcen, die mich die einzelnen Beziehungen zusammengerechnet kosten, einfach aufaddieren können. Man muss auch die Dynamiken, die zwischen den Beziehungen entstehen können, bewältigen.

Welche Chancen und Risiken bildet Polyamorie für unsere Zufriedenheit?

Theoretisch ist es möglich, dass Menschen, die in polyamoren Beziehungen leben, glücklicher sind als monogame Menschen, weil die unterschiedlichen Beziehungen unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen können. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass die eine Beziehung die Hingabe und damit die Zufriedenheit mit der anderen Beziehung untergräbt, dass also meine resultierende Zufriedenheit im besten Fall ein Nullsummenspiel ist oder sogar niedriger ist, als wenn ich nur eine Beziehung hätte. Und drittens kann es sein, dass ich meine tiefe Unzufriedenheit in einer Beziehung dadurch kompensiere, dass ich eine weitere Beziehung eingehe, was meine Gesamtzufriedenheit etwas erhöhen würde. Eine Studie von 2014 hat diese Fragen untersucht und gefunden, dass die Zufriedenheit in den unterschiedlichen Beziehungen relativ unabhängig voneinander ist. Zudem war es so, dass Menschen, die in einer Beziehung relativ zufrieden waren, es tendenziell auch in der oder den anderen waren.

Eine polyamore Beziehung bringt im Schnitt also nicht mehr Zufriedenheit, kostet aber auch nicht sehr viel?

Vermutlich können Bedürfnisse, die manche dieser Beziehungen erfüllen, auch gut von einem guten Freund, einer guten Freundin oder anderen, nicht sexuellen Beziehungen, übernommen werden.

Warum tun sich viele Menschen schwer, polyamore Beziehungen zu verstehen und zu akzeptieren?

Es entspricht unseren allgemeinen gesellschaftlichen Normen, monogam zu leben. Aber auch die sequentielle Monogamie, also mehrere Partner nacheinander zu haben, war früher gesellschaftlich verpönt und ist heute gesellschaftlich akzeptiert. Gesellschaftliche Veränderungen brauchen Zeit. Neue Trends sind mit Unsicherheiten verbunden, die wir zu beseitigen versuchen. Erstens betrachten wir Menschen, die solche Veränderungen bringen, mit Skepsis. Zweitens, wenn sich etwas über Jahrzehnte oder –hunderte durchgesetzt hat, muss es in unseren Augen eine Funktion erfüllen, die die neue Lebensform nicht zu erfüllen vermag. Außerdem sind unsere Gesetze meistens für die gängigen Lebensmodelle gemacht, was Schwierigkeiten mit sich bringt, wo und wie die neuen Modelle einzuordnen sind – denken wir zum Beispiel an die gleichgeschlechtliche Ehe und das Adoptionsrecht. Das alles löst in uns Unbehagen aus.

Könnte der Polyamorie als Beziehungsform dennoch die Zukunft gehören?

Ob polyamore Beziehungen überhaupt ein neuer gesellschaftlicher Trend sind, ist abzuwarten. Es gibt zum Beispiel auch vereinzelte Tendenzen zurück zu einer sehr traditionellen Ehe mit ersten sexuellen Erfahrungen erst in der Hochzeitsnacht. Meine persönliche Meinung ist, dass unsere Gesellschaft sich eher Richtung mehrere, nebeneinander existierende Lebens- und Beziehungsmodelle entwickelt, als dass sich ein bestimmtes Modell durchsetzt.

Fragen: Benjamin Brumm

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