Hier riecht die Fastnacht noch nach Ziegenstall, alten Fellen und Talg. Sie riecht nach den Hörnern von Stier und dem Geweih des afrikanischen Kudu. Nach Almabtrieb und bengalischem Feuerwerk. Sie riecht so, wie die Fastnacht im Südwesten bisher nicht gerochen hat. Es ist das Parfum der Anarchie und der Gestank der wilden unverheirateten Hirten, der die „Unterwelt Perchten Radolfzell“ umgibt wie der Zaun die nächtliche Herde. Die Perchten sind eine junge, vielleicht die jüngste Entwicklung im breiten Strom der Fastnacht. Sie wollen dazugehören. Entsprechende Gruppen gibt es außer in Radolfzell auch in Konstanz oder Donaueschingen. Die Liste lässt sich erweitern. Sie wächst still. Nicht alle sind damit glücklich.

Hausbesuch bei Michael Kern. Er hat eine Schwäche für die dunklen Seiten des Lebens, sagt er. Der junge Mann ist Gründer und Chef der Unterwelt Perchten. Micha, so nennen ihn seine Mitperchten, ist etwa 1,90 groß und 100 Kilogramm schwer. Ein stattliches fastnachtliches Kampfgewicht, das er für seine Gruppe mit derzeit zwölf Mitgliedern auch braucht. Die Perchten sind angeschirrt wie die Kuh für den Almabtrieb: Micha trägt einen Anzug aus echten und würzig duftenden Ziegenfellen, einen breiten Gürtel mit einer schweren Glocke, eine plastinierte Brust. Gekrönt wird der martialische Auftritt von einer schweren und furchterregenden Holzmaske mit blutigen Augen und langen Zähnen. Dazu echte Hörner. Die schönsten stammen von einem Kudu mit einer Länge von etwa einem Meter.

Zierliche Frau im Zottelhäs

Seine Mitstreiter sind ähnlich aufwendig aufgerüstet. Wenn sich die zierlichen Frauen in dieser Gruppe ins Häs zwängen, kneten Männerhände mit und zurren den Gürtel fest. Maureen Seidel ist begeistert von ihrem gruseligen Aussehen. Die Larve mit den hinterleuchteten Augen macht aus der jungen Frau mit der Ponyfrisur eine Horrorfigur. „Mein Vater findet das mega-interessant“, meint die 21-Jährige. Sie ist dem zottligen Haufen beigetreten, weil sie vom Traditionellen wegwollte.

Das hört man immer wieder von den Perchten: Oh je, das Traditionelle. Das sind für sie die großen Narrenvereine oder die Hexengruppen. Die Perchten sind anders – ein junger Haufen mit jungen Leuten, die meisten zwischen 20 und 30 Jahren alt. Die Freaks der Unterwelt. „Ich wollte mal was anderes“, sagt Perchtin Caroline.

Anders sind sie. So gravierend anders, dass sich die Hüter der Tradition mit Grausen abwenden. Die großen Narrenverbände wollen nicht, dass die Perchten bei ihren Treffen mitlaufen. Sowohl die Schwäbisch-Alemannische (VSAN) wie auch die Narrenvereinigung Hegau-Bodensee wehren sich gegen die krawalligen Neubürger im Narrenreich. Der Grund liegt nicht im Aussehen, auch nicht an den Ziegenfellen und an ihrer Dämonie. Sondern an der Widerborstigkeit der Dunkelmänner und Dunkelfrauen. „Die Perchten sind kein alemannischer Brauch,“ sagt Rainer Hespeler als Präsident für Hegau und Bodensee. Sein Kollege Roland Wehrle springt ihm fast wortgleich bei: „Die Perchten kommen aus einem völlig anderen Kulturraum“, sagt er als VSAN-Präsident im Gespräch mit dieser Zeitung.

Beide Ober-Narren sind sich einig: Mit den haarigen Geistern werden Grenzen verwischt und Kulturen vermischt. „Wir brauchen keine neuen Figuren“, antwortet Wehrle.

Die Weitergabe des Feuers

Diese fein ziselierten Argumente sind den Fell-, Donner- und Hörnermenschen um Micha eher gleichgültig. Niemand wird ihnen verbieten, am Schmutzigen Donnerstag oder am Fasnetssonntag durch die Straßen zu ziehen. Sie besuchen Kindergärten, Schulen und die Metzgerei, in der Micha arbeitet. Sie vermehren sich. Drei Anwärter müssen in der einjährigen Probezeit erst zeigen, dass sie zur Gruppe passen und den kleinen feinen Rahmen nicht sprengen. Nach dem Höhenflug der vielerorts gegründeten Hexenzünfte mit ihrer hohen Ähnlichkeit hebt nun das Zeitalter der Krampusse, Walddämonen und Ziegengeister an.

„Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche,“ schreiben die Lohwaldteufel aus VS-Villingen auf ihrer Homepage und zitieren den Musiker Gustav Mahler. Das kann man auch als Seitenhieb auf die Etablierten lesen, die seit Jahr und Tag das alte Häs aus dem Schrank ziehen und die Wiederholung der Wiederholung auflegen. Auf gut Deutsch: Same procedure as every year. Das fanden Maureen, Carolin, Kevin nicht prickelnd.

Zeremonienmeister: Michael Kern, Gründer der Perchten-Gruppe.
Zeremonienmeister: Michael Kern, Gründer der Perchten-Gruppe.

Jürgen Riedle, 51, ist der Älteste bei den Unterwelt Perchten, ein Veteran der Fünften Jahreszeit. „Ich war 31 Jahre bei der Froschenzunft,“ bemerkt er. Nach dem großen Narrentreffen Radolfzeller Anno 2012 „mit einem Haufen Arbeit“ kehrte er den Fröschen den Rücken. 2013 stieß er zu Kerns eben gegründeter schwarzen Truppe. Die Mischung aus Primatentum, hochwertigen Larven und grusligem Blendwerk sprach ihn an. Auch eine gewisse Exklusivität reizte ihn, die Exklusivität des Hässlichen. Wenn die Perchten schnaubend unterwegs sind, werden sie angesprochen und befragt. Sie erregen Interesse, man nimmt sie wahr, Kinder wollen das Fell anfassen. Sie sind wer!

Halb so wild: Kinder fürchten sich nicht vor uns, sagen die Perchten – man muss es ihnen nur erklären.
Halb so wild: Kinder fürchten sich nicht vor uns, sagen die Perchten – man muss es ihnen nur erklären. | Bild: Uli Fricker

Import aus Kärnten

Wie kommt man auf diese verrückte Verkleidung? Michael Kerns Antwort ist ernüchternd: Über das Internet verfiel er auf das Perchtenlaufen in Kärnten. Er stieß auf eine aktive Szene, die von Männern beherrscht wird. Die Masken und Häser tragen häufig nur eine Saison. Später werden sie im Internet verkauft. So zirkulieren die Häser. Brauchtum wird digital verhökert – nicht der einzige Widerspruch des Vorgangs.

Kern griff damals zu und erwarb die erste Vollausstattung aus Österreich. Larve, Fellanzug, Brustpanzer, Gürtel, Glocke. Je nach Qualität und Umfang überweist er bis zu 2000 Euro. Inzwischen stößt er selbst Masken ab und erwirbt neue. Im Keller des Elternhauses lagert er die grimmigen Köpfe. Im Nebenraum hält er übrigens 13 Würgeschlangen, die sich unter der Wärmelampe wohlig aalen. „Sie sind nicht giftig,“ sagt er. Klingt beruhigend.

Damit wird deutlich: Die Gruppe speist sich aus einer importierten Kultur. Idee und Gestalten entstammen dem Alpenraum. Das Internet hilft beim Aussuchen, Sortieren, Handeln und beim Kauf. Meistens klappt der Austausch zwischen Kärnten und dem Hegau auch. Nur einmal erlebte Kevin Riedle einen Reinfall. Ware und Preis passen nicht zusammen. Er drohte mit juristischen Schritten, bis der Verkäufer schließlich einlenkte.

Hässlichkeit nach Plan

So kann man den Perchten einiges anhängen, aber eines nicht: dass sie bequem seien. „Fastnacht ist Arbeit“, stöhnt der Chef, der stets nach neuen Varianten Ausschau hält. Der Fernhandel mit Kärnten hält auf Trab. Der Aufzug selbst ist von sorgfältigster Hässlichkeit. Er trägt beispielsweise 33 Kilogramm Gerät am Leib. Die zierlichen Frauen schleppen weniger, aber noch immer genug, um sich komplett zu verkleiden. Dazu kommen das Trinkhorn, Feuerwerk, Rauch. Nach eigenem Bekunden hält sich die Gruppe mit Alkohol zurück.

Alles halb so wild? Fest steht, dass die Perchten nicht einfach mitlaufen, sondern die Fastnacht als aufwendige Show aufziehen. Sie knien sich hinein, vereinbaren Termine, werben für ihre Sache. „Das Brauchtum verändert sich doch“, sagt einer. Sie sehen aus wie wilde Geister von den Bergen – und sind eine extrem organisierte Gruppe. Gefährlich sehen sie nur vermummt Larve aus. Sonst fühlen sie sich als Schafe im Wolfspelz. Wilde Gestalten, die ausgezogen sind, um das närrische Establishment das Fürchten zu lehren. Aber nur zum Schein, weil die Fastnacht der schönste Schein ist. Vor allem Nachts.

Interview mit dem Volkskundeforscher Werner Mezger: "Für Individualisten ist die freie Fastnacht da"

Werner Mezger. Bild: Kerstin Heller
Werner Mezger. Bild: Kerstin Heller | Bild: Kerstin Heller

Herr Mezger, immer mehr freie Gruppen bevölkern die Fasnacht als Freibeuter des Brauchtums. Eingesessene Zünfte wollen die neuen Gruppen nicht aufnehmen. Haben Sie dafür Verständnis?

Im Prinzip ja, denn die Fastnachtsbräuche und Maskenfiguren des schwäbisch-alemannischen Raums repräsentieren kein beliebiges Durcheinander, sondern haben ihre festen Regeln und Formen. Genau das macht sie attraktiv. Neue Gruppen mit Gruselfiguren, die weder stilistisch noch historisch ins Bild passen, gehören nicht dazu.

Ohne Historie geht also gar nichts. Darf man das so verstehen?

Wie weit etwas geschichtlich zurückreichen muss, um als Tradition zu gelten, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Viel wichtiger scheint mir die freiwillige Selbstverpflichtung der Akteure auf landschaftstypische Formen und auf einmal vereinbarte Spielregeln zu sein. Natürlich können die Formen und Regeln im Konsens aller Beteiligten mit der Zeit durchaus auch mal behutsam modifiziert werden. Tradition bedeutet ja nicht Erstarrung, sondern sie meint – ganz im Gegenteil – einen dynamischen Prozess. Aber das ändert dennoch nichts daran, dass Fastnacht als Repräsentationsbrauch präzise immanente Ordnungen hat.

Sie ist alles andere als eine Art temporärer Anarchie.

Also nichts für Individualisten?

Eben doch! Für Individualisten ist die freie Fastnacht da. Im nicht organisierten Teil des Narrentreibens kann jeder tun und lassen, was er will, und sich verkleiden wie er möchte – ganz nach der Devise: Jedem Narren gefällt seine Kappe. Nur in der organisierten Fastnacht der Zünfte sieht es anders aus. Da akzeptieren die Mitglieder klare Spielregeln.

Es werden sogenannte Perchten-Gruppen gegründet. Wie sehen Sie das?

Durch erhöhte Mobilität und neue Informationsmöglichkeiten via Internet und nicht zuletzt durch Filme werden insbesondere junge Leute auf Fantasy-Figuren oder auch auf fremde Brauchphänomene aufmerksam und finden es toll, sie zu imitieren. Gerade die Perchten, die hier manche gern in die Fastnacht integrieren wollen, sind ein gutes Beispiel für solche folkloristischen Plagiate. Sie haben nämlich mit Fastnachtsnarren nicht das Geringste zu tun. Vielmehr sind sie furchterregend aussehende Brauchfiguren aus dem Alpenraum, die dort am Vorabend des Dreikönigstags, am 5. Januar, auftreten – im Salzkammergut, in Bad Gastein zum Beispiel, im Pinzgau oder im Pongau in Österreich.

Woher kommt der Name?

Er kommt vom altdeutschen „Giperchta-Nacht“, was die Nacht vor Epiphanie, also eben vor dem Erscheinungsfest am 6. Januar bedeutet. Damit sind sie zugleich direkte Verwandte der italienischen „Befana“, der Personifikation von „Epifania“, die in Südeuropa als gutmütige Hexe am 6. Januar auftritt und die Kinder beschenkt. Wer also Perchtengruppen in die Fastnacht bringen möchte und glaubt, dort seien sie mal was Neues oder gar eine Bereicherung, hat von Brauchtraditionen und Kulturgeschichte leider nur wenig, um nicht zu sagen keine Ahnung.

Aber liegt diese Suche nach Neuem nicht auch in bisschen daran, dass unsere historischen Fastnachtszünfte zunehmend unter einer gewissen Erstarrung leiden?

Da ist durchaus was dran. Vor allem die großen Traditionszünfte müssen aufpassen, dass sie auf Dauer nicht an ihrer eigenen Würde scheitern. Die Edelzünfte, der Narrenadel, die Gralshüter der Tradition oder wie man sie sonst noch nennt, wirken zwar in ihrem farbenprächtigen, geschlossenen Auftreten nach außen hochgradig eindrucksvoll – aber dass gerade junge Leute da manchmal etwas die Spontaneität vermissen, ist nachvollziehbar. Man sollte stets daran denken, dass die überlieferte Fasnet – wissenschaftlich ausgedrückt – sowohl ein repetitives als auch ein innovatives Element hat. Mit dem Repetitiven meine ich das, was sich jedes Jahr wiederholt und gleich bleibt, mit dem Innovativen das, was Jahr für Jahr neu und ein bisschen anderes ist, das Überraschungsmoment also. Traditionsbewusste Fasnet braucht beides.

Fragen: Uli Fricker