Dutzende Menschen spazieren an diesem Abend die Avenida Embaixador Abelardo Bueno entlang. Die meisten tragen gelbe T-Shirts mit der Aufschrift „Rio 2016“. Das Helferheer des Organisationskomitees hat seine Tagesschicht im Olympiapark beendet, dem Herzstück der Spiele in Barra da Tijuca. Es ist 20 Uhr, die Sonne ist vor zweieinhalb Stunden untergegangen. Im Dunkeln ist Rio ziemlich unheimlich. Vor allem da, wo wenige Menschen in den Straßen unterwegs sind. So wie normalerweise in Barra, der amerikanisch anmutenden Vorstadt Rio de Janeiros mit ihren mehrspurigen Straßen, ihren unzähligen Shopping-Centern und abgeschlossenen Wohnparks. Die Mittelschicht ist mit dem Auto unterwegs, Arme gibt es kaum – seit den Umsiedlungen zahlreicher Favelas für die Panamerikanischen Spiele, die Weltmeisterschaft und Olympia sind es noch weniger geworden. Doch in den nächsten Wochen ist hier alles anders.

Rund um die Wettkampfstätten wirkt Rio wie ein Kriegsschauplatz. Am Rande des Olympiaparks stehen alle paar Meter Armeefahrzeuge und Soldaten. Polizisten der „Força Nacional“ aus allen Bundesstaaten Brasiliens patrouillieren in der ganzen Stadt. In diesen Tagen werden in Rio die Schutzmaßnahmen in Bahnhöfen, Flughäfen und auf den Straßen deutlich verstärkt. „Wir erwarten 500 000 bis 600 000 Touristen und werden bestmögliche Sicherheit garantieren“, sagt Verteidigungsminister Raul Jungman. Zur Eröffnungsfeier werden rund 100 Staats- und Regierungschefs erwartet. Mehr als 10 000 Athleten kämpfen bis zum 21. August um die Medaillen. Insgesamt bietet Brasilien 85 000 Sicherheitskräfte auf, darunter 38 000 Soldaten. Um Terroranschlägen vorzubeugen, soll ein Lagezentrum Geheimdienstinformationen aus rund 100 Ländern auswerten. Das alles soll ein Gefühl der Sicherheit verschaffen.

Carlos Guilherme Suarez Farina Teles da Silva lässt sich von den Zahlen nicht beeindrucken. „Was die Schießereien in den Favelas angeht, werden sie sicher einen Deal mit den Drogenbanden machen“, glaubt der 35-Jährige, „aber die Überfälle lassen sich nicht kontrollieren.“ Deren Zahl nimmt in Rio de Janeiro stetig zu, seit die Wirtschaftskrise den gleichnamigen Bundesstaat getroffen hat und Polizisten nur noch unregelmäßig oder gar nicht bezahlt wurden. Auch internationale Medien und Sportler haben damit schon ihre Erfahrungen gemacht. Vor wenigen Wochen wurde die Ausrüstung von ARD und ZDF gestohlen. Die australische Rollstuhl-Basketballerin Liesl Tesch verlor ihr Fahrrad in einem Raubüberfall. Auf besonders perfide Weise hat es jetzt auch den neuseeländischen Jiu-Jitsu-Kämpfer Jason Lee getroffen. Er wurde jüngst Opfer einer Entführung – durch zwei Beamte der Militärpolizei.

Polizisten patrouillieren in einer Favela oberhalb der Copacabana.
Polizisten patrouillieren in einer Favela oberhalb der Copacabana. | Bild: MARIO TAMA (GETTY IMAGES NORTH AMERICA)

Tiefe Rezession quält das Land

Carlos Guilherme fragt sich, wie das erst während der Spiele werden soll, wenn die Stadt voller Touristen ist. Seine Frau Yulia Timofeeva macht sich mehr Sorgen um Terroranschläge. „Dafür sind die brasilianischen Sicherheitsleute nicht gerüstet“, glaubt die 32-Jährige. Paulo Storani, ehemaliger Kapitän der Spezialeinheit der brasilianischen Militärpolizei Bope, sagte der Zeitung „Brasil de Fato“, die Força Nacional sei weder für Großevents noch für Terroranschläge trainiert worden. Die Armee schon, doch sie darf nicht in, sondern nur rund um die Wettkampfstätten agieren. „Rio de Janeiro hat einfach nicht die Voraussetzungen dafür, ein solches Megaevent auszurichten“, sagt Carlos Guilherme. Lauter Sonderregelungen seien notwendig, um die Probleme der Stadt während der Spiele in Schach zu halten.

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Rio und Olympia: es ist wie eine Wundertüte. Brasilien droht aus den Top Ten der führenden Wirtschaftsnationen herauszufallen, gebeutelt von einer der tiefsten Rezessionen seiner Geschichte. Als man den Zuschlag bekam, galt Brasilien noch als das Boomland der Zukunft. Die Präsidentin Dilma Rousseff ist im Mai suspendiert worden, die Nachfolgeregierung von Interimspräsident Michel Temer hat unter anderem wegen Korruptionsvorwürfen schon drei Minister verloren. Einige fürchten Proteste gegen das Spektakel, das immerhin rund zehn Milliarden Euro kosten wird, wobei aber über die Hälfte privat finanziert wird.

In den öffentlichen Krankenhäusern fehlt es seit Monaten an Ausrüstung. Wie brasilianische Medien enthüllten, wurden diese zum Teil für Olympia zurückgehalten. Genauso wie ein ganzer Flügel im städtischen Spital Miguel Couto in Leblon, zwischen Ipanema und Barra da Tijuca. Der neue Sektor mit Luxusausstattung – Klimaanlagen, Granitboden, Fernseher und Internetzugang – ist seit Mai fertig, wurde aber nicht für die Bevölkerung geöffnet. Andere Kliniken strichen kurzfristig OP-Termine im August und September, um während der Spiele (be)handlungsfähig zu bleiben.

Immerhin ein Problem hat sich quasi von selber gelöst: das Zika-Virus. Seit April nimmt die Zahl der Infektionen zusammen mit der Zahl der Tigermücken jahreszeitbedingt ab. Die WHO hat ihre Reisewarnung nur für Schwangere aufrechterhalten. Entsprechend enttäuscht ist man in Rio über einige Absagen von Sportlern wegen der Sorge vor Zika. Die meisten Brasilianer nehmen die Gefahr durch die Stechmücken nicht so ernst wie die internationale Gemeinschaft. Sie sind seit vielen Jahren an Dengue gewöhnt, ein Virus, der bei mehrfacher Infektion sogar zum Tod führen kann. Er wird durch die gleiche Mücke übertragen wie Zika. Inzwischen ist ein drittes Virus hinzugekommen: Chikungunya. Er kann für monate- bis jahrelang anhaltende Schmerzen in den Gelenken sorgen – und er breitet sich ebenso schnell im Land aus wie Zika. Ein Glück für die Olympia-Gastgeber, dass die Spiele auf den brasilianischen Winter fallen. Aktiv unter Kontrolle bekommen haben sie die Krankheiten nämlich nicht.

Während sich Männer beim Beach-Volleyball vergnügen, fährt im Hintergrund ein Kriegsschiff. Sicherheit ist das Mega-Thema.
Während sich Männer beim Beach-Volleyball vergnügen, fährt im Hintergrund ein Kriegsschiff. Sicherheit ist das Mega-Thema. | Bild: VANDERLEI ALMEIDA (AFP)

Die Verkehrssituation versucht die Stadt mit Sonderbedingungen zu kontrollieren: Schulferien und einige Feiertage sollen dafür sorgen, dass möglichst viele Einwohner die Stadt verlassen – oder zumindest die heillos überlasteten Straßen Rios. Die 30-Kilometer-Fahrt zwischen dem Olympiapark Barra und dem zweitgrößten Sportkomplex der Spiele in Deodoro dauerte bislang gut zweieinhalb Stunden. Der neue Schnellbus „Transolímpico“ umfährt seit wenigen Tagen auf einer Express-Spur die Dauerstaus in 20 Minuten. Gerade rechtzeitig fertiggeworden ist auch die neue Metrolinie zwischen Barra und Ipanema. In Folge der Pleite des Bundesstaats hätte es beinahe nicht bis zu den Spielen geklappt.

Da die letzte Station erst am 25. Juli fertiggeworden ist, konnte die Strecke allerdings nie in voller Länge getestet werden. „Ich werde die Linie erstmal nicht nutzen“, sagt Yulia. Die Russin lebt seit vier Jahren in Rio. Sie vertraut brasilianischen Bauwerken nicht. Wegen Korruption, fehlender Expertise oder eben nicht ausreichender Tests sind Mängel keine Seltenheit, wie der Einsturz eines für Olympia errichteten Radwegs im April zeigte. Aber: Wenn die Metro ihrem Test im laufenden Olympia-Betrieb standhält, hat die Stadt Rio tatsächlich ein seit Jahren überfälliges Transportnetz geschaffen.

Und trotzdem: Einer aktuellen Umfrage des Forschungsinstituts Datafolha zufolge glauben 63 Prozent der Brasilianer, dass ihnen Olympia mehr schaden als nutzen wird. Alan de Lima kann das nicht mehr hören. „Die Leute schieben die Schuld für alles, was schiefläuft, auf die Olympischen Spiele“, sagt der 35-Jährige. Schuld seien aber die Politiker, die das Land auf allen Ebenen schlecht verwalteten – und das Volk selber, das diese Politiker wähle und sich darüber hinaus nicht beteilige. Alan findet es fantastisch, dass die Spiele zum ersten Mal in Südamerika stattfinden. Mit dem Olympiapark habe Rio endlich eine Infrastruktur für diverse Sportarten geschaffen, so der Personal Trainer. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nach den Spielen erhalten wird. „Jetzt, wo die Spiele sowieso kommen, sollten wir sie feiern“, findet Alan. „Das ist etwas, das wir Brasilianer gut können.“

Aber nicht nur das, schon bei der Eröffnungsfeier im legendären Maracanã wird ein politisches Signal in unruhigen Zeiten gesetzt. Es wird erstmals ein Flüchtlingsteam geben, unter anderem ist die in Berlin lebende syrische Schwimmerin Yusra Mardini dabei. Das Team wird unter der olympischen Flagge starten und vor Gastgeber Brasilien einmarschieren. „Das Team kann ein Symbol der Hoffnung für alle Flüchtlinge werden“, glaubt IOC-Präsident Thomas Bach.

 

Vorfreude gedämpft

Die Vorfreude vieler Deutscher auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro ist durch Skandale wie die Enthüllung des Staatsdopings in Russland getrübt. 41 Prozent der Befragten einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ist der Spaß an den Rio-Spielen vergangen. Allerdings wollen sich 44 Prozent der 2011 Befragten die Begeisterung für Olympia dennoch nicht nehmen lassen. Besonders wenig Vorfreude empfinden Männer (46 Prozent) und Menschen, die älter als 55 Jahre alt sind (48 Prozent). Geteilt ist die Meinung der Deutschen auch über die Frage, ob Russland komplett von den Rio-Spielen hätte ausgeschlossen werden sollen.

44 Prozent der Befragten hätten es richtig gefunden, 40 Prozent sind damit einverstanden, dass nachweislich saubere russische Sportler an den Start gehen dürfen. (dpa)