Die Geschichte kennt in Stockach jedes Kind. Im Jahr 1315 bereitet sich der Habsburger Herzog Leopold I. auf seinen Einfall in die Schweiz vor. Da wagt sein Hofnarr, Hans Kuony von Stocken, ihm einen Rat zu erteilen: Es sei ja schön und gut, darüber zu sinnieren, wie man in ein Land gelangt. Aber mindestens so wichtig wäre es doch, wieder heil herauszukommen!

Über das Herauskommen nachzudenken statt über das Eindringen: Angesichts dieser absurden Idee brechen die Militärstrategen des Herzogs in schallendes Gelächter aus. Doch das soll ihnen wenig später vergehen. Denn beim Ägerisee geraten die zurückweichenden Ritter ins Sumpfgebiet und gehen jämmerlich zugrunde. An einen Fluchtweg hatte niemand gedacht: niemand außer Hans Kuony. Der Herzog, mit knapper Not dem Tod entronnen, belohnt ihn dafür. In seiner Heimatstadt Stockach soll er fortan jährlich die Mächtigen vors Gericht zerren dürfen. Und so hält der einfache Bürger bis heute genüsslich Gericht über Bundespolitiker, Landesväter und Oberbürgermeister. Was gefällt ihm daran?

Der Überlieferung zufolge ist es die Möglichkeit, denen da oben endlich mal die Meinung zu geigen. Meinungsfreiheit war im ausgehenden Mittelalter weitgehend auf die Fasnacht beschränkt. Wer am Aschermittwoch weiterpöbelte, musste mit strengen Strafen rechnen. Ob es freilich an den Tagen vor Aschermittwoch um die Toleranz so viel besser bestellt gewesen ist, wie es die Legende will, ist fraglich. Fest steht, dass es keineswegs ein Grundrecht war, Narrengerichte abhalten zu dürfen. Im Gegenteil: Immer wieder ist dieser Brauch verboten worden. In Stockach gab es seit Mitte des 19. Jahrhunderts für mehr als hundert Jahre keinen Schuldspruch mehr.

Ende der Fasnacht

Die Vorstellung eines von den Herrschenden geknechteten Volkes, das im Narrengericht seinen Unterdrückern die Stirn bietet, ist was für Fasnachtsromantiker. Mit der Realität hat sie wenig gemein, weil ein wirklich geknechtetes Volk auch zur Fasnacht keine Nachsicht erwarten kann: Als 1933 in Stockach die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte ihr Narrentreffen abhält, richtet der Präsident artig Dankesworte an die Reichsregierung und erklärt, „mit allen Kräften“ am „Wiederaufbau des Vaterlandes“ mitarbeiten zu wollen. Schon bald diktiert die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ das Geschehen. An Narrengerichte mit Nazi-Größen auf der Anklagebank ist nicht zu denken.

So gehört es zum Paradox des Narrengerichts, dass es sich zwar als Rebellion gegen die Mächtigen inszeniert. Dass es zugleich aber eines Mindestmaßes an demokratischer Gesinnung bedarf, um überhaupt stattfinden zu können. „Narrengerichte sind weitaus weniger rebellisch, als sie sich geben“, sagt der Rottweiler Fasnachtsexperte Werner Mezger auf SÜDKURIER-Anfrage. „Man kann nicht die Welt auf den Kopf stellen, ohne sie zu erhalten.“

Worin aber besteht unter diesen heutigen Bedingungen die Lust an der Verurteilung von Politgrößen aus Stuttgart und Berlin? Anders als im Mittelalter und in Zeiten der Diktatur kann der Bürger in unserer durch und durch demokratischen Republik seine Meinung auch abseits des närrischen Treibens äußern. Ja, es verhält sich vielmehr umgekehrt: Während der Fasnacht dürfen sich Politiker den Vorstellungen hingeben, ihre Beschimpfungen seien wenigstens diesmal nicht ernst gemeint.

Genau das ist auch eines der Geheimnisse der Narrengerichtstradition. Für den einfachen Bürger, erklärt Mezger, bestehe die Lust nämlich nicht darin, die Mächtigen zu verurteilen. „Es geht vielmehr darum, ihnen überhaupt zu begegnen!“ Was als Gericht daherkommt, sei in Wahrheit ein „Schmusekurs mit denen, die Rang und Namen haben“. Umgekehrt genießen Politiker die Gelegenheit, sich ihren Wählern einmal von einer ganz anderen Seite präsentieren zu können. „Nirgendwo sonst haben sie die Möglichkeit, zu zeigen, dass sie auch witzig sein können!“ Nicht umsonst machten Mächtige dieses Landes nur zu gerne davon Gebrauch: Wer in den vergangenen Jahrzehnten einen Schuldigen fürs Narrengericht suchte, hat sich selten Absagen eingefangen. „Wenn sie sich noch steigern wollen, müssen sie irgendwann den Papst einladen“, sagt Mezger.

Chance auf Besserung

Am ehrlichsten seien deshalb noch die kleinen Narrengerichte ohne große Prominenz. Wenn in kleinen Dörfern auf dem Land Bürgermeister und Landräte vor Gericht zitiert werden, sei noch eher offene Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu erwarten als bei den Auftritten von Bundesministern zur besten Fernsehsendezeit.

Und doch erfüllen auch die großen Narrengerichte eine demokratische Funktion. Um sie zu erkennen, lohnt es sich, Hegels „Philosophie des Rechts“ zu lesen. Wer straft, so heißt es darin, erkenne den anderen nämlich als lernfähig und vernunftbegabt an. Dem Täter werde so der Weg zurück in die Gesellschaft gewiesen. Auch wenn Befürworter einer modernen Strafrechtslehre diese These schon früh als zynisch gegeißelt haben: Hegels Resozialisierungsgedanke leitet bis heute das Strafverständnis unseres Rechtsstaats. Und nirgendwo kommt dieser Gedanke so deutlich zum Ausdruck wie in der Tradition des Narrengerichts.

Denn tatsächlich ist es längst eine Ehre, sich vor diesem Tribunal verteidigen zu dürfen. In einem freien Land mit freien Narren darf der Spitzenpolitiker seine Anklage als Vertrauensbeweis deuten. Und indem der Bürger ihn verurteilt, betreibt er dessen Wiedereingliederung ins einfache Volk. Das Spektakel zur Fasnacht: Es ist ein von Klägern und Beklagtem gemeinsam inszeniertes Theaterstück mit dem Ziel, das Oben und das Unten einer Gesellschaft zusammenzuhalten.

Das erklärt auch, warum Narrengerichte niemals jene Politiker vorladen, die bei näherer Betrachtung am allermeisten eine Anklage verdient hätten. Populisten vom linken oder rechten Rand beispielsweise. Es ist auffällig, dass AfD-Politikern die Ehre einer Anklage bis heute weithin versagt geblieben ist: Sobald es politisch ernst wird, sind die Narren nicht mehr dabei – aus guten Gründen.

Und wie verhält es sich nun mit der Legende um Hans Kuony? War er wirklich der kluge Narr, der seinen Herrn beinahe vor seiner schweren Fehlentscheidung bewahrte? Mezger hat Zweifel. „Die Geschichte zu dieser Figur ist sicher jüngeren Datums“, sagt er. Dass sich der Narr als Weiser und umgekehrt der Weise als Narr entpuppen kann: Diese beliebte Denkfigur habe erst William Shakespeare im 17. Jahrhundert erschaffen. Und tatsächlich weist der in „König Lear“ so treffsicher argumentierende Narr eine verdächtige Ähnlichkeit zu seinem Stockacher Kollegen auf. Vielleicht gäbe es ohne Shakespeare heute auch keinen Hans Kuony.