Musik macht schlau, Musik macht glücklich. Wer singt, lebt stressfreier. Musizieren stärkt soziale Kompetenzen. Musizierende Kinder haben außerdem bessere Schulnoten und sind ehrgeiziger. Immer wieder kommen Studien zu solchen oder zu ähnlichen Ergebnissen. Der sogenannte Mozart-Effekt, nach dem speziell das Hören von Mozarts Musik schlau machen soll, ist inzwischen zwar ins Reich der Märchen verwiesen worden, aber die positive Wirkung von Musik und Musizieren ist kaum umstritten. Die Musiktherapie macht sich die heilsame Kraft von Musik schon seit Jahrzehnten zunutze – und beruft sich dabei auf den biblischen David, der mit seiner Zither Saul von quälenden Geistern befreit hat.

Aber wie es so ist in der Medizin: Wo Wirkungen sind, gibt es auch Nebenwirkungen. Und oft macht die Menge das Gift. Was dem Amateurmusiker hilft, kann beim Profimusiker zu Problemen führen. Es ist wie im Sport: Für den Laien ist Sport ein Ausgleich. Er baut Stress ab und gesundheitlichen Problemen vor. Der Profisportler aber, der Spitzenleistungen erbringen muss, kämpft nicht selten mit spezifischen physischen Problemen.

Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie beim Gesundheitstag in ihrem Probenraum.
Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie beim Gesundheitstag in ihrem Probenraum. | Bild: Pawel Katz

Profimusiker sind Athleten der kleinen Muskeln. Sie üben bis zu acht Stunden am Tag hoch komplizierte Bewegungsabläufe. Darin ähneln sie Spitzensportlern. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Profi-sportlern steht meistens ein Arzt oder Physiotherapeut zur Seite. Dass auch Musiker mit ihren typischen Musikerkrankheiten eine entsprechende Begleitung bräuchten – diese Erkenntnis setzt sich erst allmählich durch. Entsprechend jung ist auch der Zweig der Musikermedizin.

Geiger mit Schulterverspannungen, Flötisten mit Halswirbelproblemen, Klarinettisten mit Arthrose im Daumengelenk, schwerhörige Schlagzeuger – nach einer Untersuchung der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) klagt jeder zweite Orchestermusiker in Deutschland über körperliche Beschwerden. Dass das nicht so sein muss, war und ist vielen Musikern nicht unbedingt klar. Im Gegenteil: Viele Musiker glauben, sie müssten bei Schmerzen durch noch schärferes Üben dagegen antrainieren – und machen die Probleme dadurch noch schlimmer.

„Lange Zeit war genau das die landläufige Meinung, wenn irgendetwas nicht funktioniert hat: Du hast nicht gut genug geübt. Das war der Satz für alles“, sagt Susanne Schlegel, Geigerin bei der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz. Zusammen mit der Flötistin Karoline Renner leitet sie die AG Musikergesundheit der Südwestdeutschen Philharmonie. Das Orchester ist damit auf einem Weg, den längst noch nicht alle eingeschlagen haben. Aufklärung und Präventionsarbeit im Musikeralltag zu implantieren, ist in deutschen Orchestern keine Selbstverständlichkeit. Aber die Sensibilität für dieses Thema wächst.

Susanne Schlegel-Creutzburg spielt die 2. Violine.
Susanne Schlegel-Creutzburg spielt die 2. Violine. | Bild: Patrick Pfeiffer / Südwestdeutsche Philharmonie

Von einem „sensiblen Thema“ sprechen denn auch Susanne Schlegel und Karoline Renner. Bei Problemen suchen Musiker in aller Regel erst einmal die Schuld bei sich selbst. Karoline Renner veranschaulicht es an ihrem eigenen Instrument, der Querflöte: „Das wiegt 350 Gramm. Das ist eigentlich nicht schwer. Und dann sitzt man halt mal ein paar Stunden in dieser Haltung und denkt sich: kann ja nicht so anstrengend sein.“ Ist es aber. Vor allem, wenn dann anspruchsvolle und höchst störungsanfällige feinmotorische Bewegungen dazukommen, die man im Alltag nicht macht. Dann spürt man nach zweieinhalb Stunden Probe die 350-Gramm-Flöte eben vielleicht doch im Rücken. Und denkt sich: Woran liegt’s? Hat man nicht genügend geübt? Ist man möglicherweise gar nicht begabt genug?

Das künstlerische Verdikt über sich selbst schwingt da sehr schnell mit. Daher tragen Musiker ihre Probleme häufig mit sich selbst aus. „Es ist zwar nicht mehr so wie vor dreißig Jahren, wo heimlich Medikamente geschluckt wurden, die Probleme werden nicht mehr grundsätzlich tabuisiert, aber der Umgang damit muss dennoch in einem geschützten Raum stattfinden“, so Susanne Schlegel. Nicht umsonst habe das Institut für Musikermedizin in Freiburg seine Sprechstundenräume in den Komplex der Uniklinik verlagert und gehe sehr sorgsam mit der Sprechstundeneinteilung um – damit sich da nicht eventuell Kollegen auf dem Gang begegnen.

Karoline Renner, Flötistin.
Karoline Renner, Flötistin. | Bild: Südwestdeutsche Philharmonie

Dass es eine erreichbare Hilfe für Musikerleiden gibt, etwa in Form von Musikerambulanzen wie in Freiburg, musste sich in den vergangenen Jahren auch erst einmal herumsprechen. Übrigens auch unter Ärzten und Physiotherapeuten. „Mein Hausarzt hat mich ausgelacht, als ich zum ersten Mal eine Überweisung wollte für die Musikermedizin in Freiburg. Es war ihm völlig unbekannt, dass es diesen Fachbereich gibt“, erzählt Schlegel. In diesen Ambulanzen arbeiten Ärzte, die auch eine musikalische Ausbildung haben. Das ist wichtig, um die spezifischen Probleme überhaupt einordnen und etwa durch eine Korrektur der Arm- oder Fingerhaltungen und durch spezielle Übungen behandeln zu können. Der Athlet der kleinen Muskeln braucht auch den Experten der kleinen Muskeln.

Womit Musiker am häufigsten zu kämpfen haben, sind Lärmbelastung, orthopädische und psychische Leiden. Wobei die Probleme häufig miteinander korrelieren. Wer sich unter Druck fühlt, verspannt sich schneller – woraus orthopädische Probleme entstehen können. Und wo der Schallpegel im Orchester ständig zu hoch ist, entsteht Stress, was wiederum auf die Psyche schlägt.

 

Spezifische Probleme einzelner Instrumente

Die meisten Musikerleiden resultieren aus Überlastung und Verschleiß durch einseitige Beanspruchung und durch asymmetrische Körperhaltungen wie bei Violine oder Querflöte. Meist sind Arme, Hände und Schulter betroffen. Weitere Probleme sind Gehörschäden und Tinnitus sowie psychische Probleme durch hohen Leistungsdruck oder aufgrund von Auftrittsangst.
  • Geige
    Typisch für viele Geiger ist der sogenannte Geigerfleck. Der gut sichtbare blaue Fleck am Hals ist eine Druckstelle und entsteht durch das Pressen des Instruments zwischen Kinn und Schulter. Er kann sich schlimmstenfalls zum operationsbedürftigen Abszess auswachsen. Geiger und Bratscher sind aber vor allem Opfer der ungewöhnlichen Körperhaltung. Sie führt häufig zu Verspannungen, zu Schulter- und Halswirbelproblemen. Hier gilt es, falsche Körperhaltungen zu korrigieren und ergonomische Hilfen wie den Kinnhalter individuell anzupassen.
    Einseitige Bewegungen und eine asymmetrische Haltung können beim Violinspiel zum Problem werden.
    Einseitige Bewegungen und eine asymmetrische Haltung können beim Violinspiel zum Problem werden. | Bild: Jens Kalaene, dpa
  • Querflöte
    Beim Spielen der Querflöte muss der Kopf etwas gedreht und die linke Schulter angehoben werden. Darunter können Wirbelsäule und Armnerven leiden. Auch Handhaltung (Abknicken des Handgelenks) oder zu hohe Position der Ellbogen können Probleme verursachen. Resultat: Schmerzen und Gefühlsstörungen bis in die Finger.
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    Beim Spielen der Querflöte muss der Kopf etwas gedreht und die linke Schulter angehoben werden. | Bild: Berchtesgaden, adobe.stock.com
  • Klarinette
    Viele Instrumente wiegen mehr, als man auf den ersten Blick glaubt. Vor allem wenn sie permanent in einer Position gehalten werden müssen. Auf diese Weise entsteht etwa der sogenannte Klarinettendaumen. Dabei handelt es sich um eine Überbelastung des Daumengelenks, die dadurch entsteht, dass der rechte Daumen die Klarinette hält. Das kann sich zur Arthrose auswachsen. Abhilfe kann ein Tragegurt schaffen.
    Der Druck, den der Oboist zur Tonerzeugung aufbaut, lässt auch den Augeninnendruck steigen.
    Der Druck, den der Oboist zur Tonerzeugung aufbaut, lässt auch den Augeninnendruck steigen. | Bild: Damir , adobe.stock.com
  • Oboe
    Der Oboist muss beim Spielen viel Druck aufbauen, ohne dass aber viel Luft zur Tonerzeugung gebraucht wird. Dieser Luftstau kann schon mal auf den Kreislauf gehen. Auch der Augeninnendruck steigt. Ob es dabei zu Schädigungen der Gefäße oder Nerven kommen kann, ist umstritten. Diskutiert wird eine höhere Anfälligkeit für Glaukom (Grüner Star).
  • Trompete
    Bei Blechbläsern stehen vor allem die Gebissschäden im Fokus. Beim Musizieren werden die Zähne durch den Druck des Mundstücks und auch durch die Lippenspannung belastet. Das kann eine Verschiebung der Zähne zur Folge haben. Abhilfe schaffen kann hier eine abnehmbare Krallenschiene.
    Die Volksbank Hochrhein-Stiftung fördert junge Nachwuchsmusiker aus der Region.
    Die Volksbank Hochrhein-Stiftung fördert junge Nachwuchsmusiker aus der Region. | Bild: adobe.stock.com
  • Klavier
    Der berühmteste Fall ist Robert Schumann, der vom sogenannten „Musikerkrampf“ betroffen war. Medizinisch korrekt heißt dieses Leiden „Fokale Dystonie“. Nicht nur Pianisten, auch andere Instrumentalisten können betroffen sein. Beim Spielen lassen sich einer oder mehrere Finger nicht mehr richtig kontrollieren. Da das Problem nur beim Instrumentalspiel auftaucht und nicht bei alltäglichen Handlungen, nimmt man an, dass ein im Gehirn gespeichertes Bewegungsprogramm der Finger gestört ist. Bei dem Pianisten Leon Flei­sher haben Botox-Spritzen geholfen, die Symptome aufzuhalten. (esd)
    Manche Pianisten leiden unter dem „Musikerkrampf“, bei dem sich die Finger nicht mehr richtig kontrollieren lassen.<sup></sup><sup></sup>
    Manche Pianisten leiden unter dem „Musikerkrampf“, bei dem sich die Finger nicht mehr richtig kontrollieren lassen. | Bild: mnimage, adobe.stock.com
    Der Schallpegel hängt maßgeblich auch vom Raum ab. In dieser Hinsicht sind die Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie besonders leidgeprüft, weil ihre Arbeitsstätte, das Konstanzer Konzil, nicht genügend Platz nach oben bietet. Das ist nicht nur ein Problem für die Zuhörer im Saal, sondern auch für die Musiker auf der Bühne. Wo der Schall nicht nach oben entweichen kann, sich aber auch nicht in den Raum hinein entfaltet, fällt er wie in einem Ping-Pong-Spiel geradewegs wieder auf die Musiker zurück. „Der HNO-Arzt Martin Fendel hat uns zunächst nicht geglaubt, als wir ihm die Messungen aus dem Konzil vorgelegt haben“, erzählt Renner. „Auf meinem Platz gab es schon beim Einspielen Spitzen von über 110 Dezibel. Um die zu messen, müssen Sie normalerweise zum Flughafen Zürich gehen.“

 

Inzwischen sieht man in den Konzerten häufig Schallschutzständer. Außerdem haben alle Philharmonie-Musiker einen individuell angepassten Gehörschutz. Anders als bei Ohropax, das die Ohren versiegelt, geht es dabei darum, die Lautstärke im Ohr zwar zu senken, gleichzeitig aber das Klangbild zu erhalten. Denn Musiker sind beim Spielen ja darauf angewiesen, sich selbst und die anderen möglichst gut zu hören. Das Spielen mit Gehörschutz ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Nicht alle Musiker nutzen es konsequent. „Aber viele der jungen Kollegen, die das von Anfang an trainiert haben, spielen dauerhaft damit“, sagt Schlegel.

Auch sonst hat das Orchester bereits einiges für die Musikergesundheit getan. Auch passende Stühle und das richtige Licht am Pult gehören dazu. In regelmäßigen Abständen werden Gesundheitstage organisiert mit theoretischen und praktischen Teilen, wo es um Entspannungstechniken und Ausgleichsübungen, aber auch um individuelle Beratungen gehen kann. Künftig sollen noch mehr individuelle Angebote gemacht werden. Letztlich geht es darum, typische Leiden nicht nur zu heilen, sondern erst gar nicht entstehen zu lassen.

 

Wie Musiker mit Lampenfieber und psychischem Druck umgehen: 

Dateiname : Die Angst des Musikers vorm Einsatz
Dateigröße : 237.13 KBytes.
Datum : 22.02.2018
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