Am Laternenpfahl vor dem Friedrichsplatz hängt eine rätselhafte Botschaft. „Contemporary Art: We need to talk. This isn’t working anymore.“ He, Zeitgenössische Kunst! Wir sollten mal mit einander reden, denn: So läuft das irgendwie nicht mehr!

Wer auch immer diese anonyme Warnung angebracht hat, er trifft mit ihr einen wunden Punkt. Denn wie man es auch dreht und wendet: Auf der größten Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst lässt sich zwar manch Interessantes und Erhellendes finden – um Kunst jüngeren Datums handelt es sich dabei jedoch eher selten. Wie kann das sein, ausgerechnet in einer so krisenhaften Situation des Nationalismus und Rechtspopulismus? Müsste gerade jetzt nicht die Kunst aufblühen und neue raffinierte Ausdruckformen finden?

Kunst als Raum für Fremdheitserfahrungen

Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung ist Mitglied des Führungsteams der documenta 14. Er diagnostiziert in der europäischen Gesellschaft unserer Tage ein dreifaches Leiden an Unsicherheit. „Die Menschen sind unsicher wegen Zahlen: Wie viele kommen noch zu uns? Sie sind unsicher wegen ihrer Identität: Wer gehört wohin? Und drittens sind sie unsicher wegen des Anspruchs: Wer hat ein Recht auf was?“ Mit solchen Unsicherheiten umzugehen, sagt Ndikung, lerne nur, wer sich auf das Fremde einlasse. Kunst sei so ein Raum für Fremdheitserfahrungen, hier könne man das lernen.

Protestakt: Die Rentierschädel der samischen Kunstaktivistin Máret Anne Sara weisen zum Teil Einschusslöcher auf . <em>Bild: dpa</em>
Protestakt: Die Rentierschädel der samischen Kunstaktivistin Máret Anne Sara weisen zum Teil Einschusslöcher auf . Bild: dpa

Das ist treffend formuliert. Doch beim Rundgang über das Ausstellungsgelände drängt sich bald der Verdacht auf, dass die Kuratoren ihrerseits das Fremde scheuen. Allzu glatt fügen sich die Positionen ins Weltbild einer Kunstelite ein. Das wäre nicht weiter schlimm, wäre dieses Weltbild dazu geeignet, neue Sichtweisen zu erschließen und alte Denkweisen zu hinterfragen.

Stattdessen gibt es Appelle: Bildung könne uns lehren, „dass es keine Unterwesen gibt, sondern die Geburt eines Lebens ein Wert an sich ist“, schreibt die senegalesische Künstlerin Pélagie Gbaguidi und stellt unter Fahnen mit Kinderzeichnungen Schulbänke auf. Wer sollte da widersprechen? Olu Oguibe wuchtet für sein Anliegen gar einen 16 Meter hohen Obelisk auf den Königsplatz. Eingraviert: ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium – „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“. Auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch. Wer, der bei Verstand ist, sollte dagegen etwas einzuwenden haben?

Von den Anfängen der documenta bis heute

Die documenta war mal Grund zur Aufregung. 1977 bohrte der Amerikaner Walter de Maria mitten in der Stadt ein Loch in den Boden, angeblich einen Kilometer tief Richtung Erdmittelpunkt. Die Kasseler Bürger liefen Sturm. Wenig später pflanzte Joseph Beuys unter dem Motto „Stadt-Verwaldung statt Stadt-Verwaltung“ 7000 Bäume und setzte jeweils eine Stele daneben. „Verschandelung!“, riefen seine Gegner.

Heute ruft niemand mehr. Denn was heute zu sehen ist, bedient den gesellschaftlichen Konsens. Kunst sei jetzt Psychowellness, schrieb eine Kritikerin angesichts des documenta-Programms: Sie heile und wärme wie eine Hot-Stone-Massage.

Auch in dieser Installation von Guillermo Galindo geht es um das große Thema Flüchtlingskrise: Die Wracks von Flüchtlingsbooten stammen von der griechischen Küste. Dort hinein hat der Künstler Musikinstrumente integriert. <em>Bild: dpa</em>
Auch in dieser Installation von Guillermo Galindo geht es um das große Thema Flüchtlingskrise: Die Wracks von Flüchtlingsbooten stammen von der griechischen Küste. Dort hinein hat der Künstler Musikinstrumente integriert. Bild: dpa
In solchen Röhren hausten Flüchtlinge im Hafen von Patras. Auf der documenta werden sie zu einem Exponat. <em>Bild: dpa</em>
In solchen Röhren hausten Flüchtlinge im Hafen von Patras. Auf der documenta werden sie zu einem Exponat. Bild: dpa

Mögen die Zeiten auch noch so politisch aufgeladen sein, in Kassel ist man froh um jedes Werk, das sich dieser Aktualität entzieht. Je weiter sie in die Vergangenheit strebt, desto interessanter wird die Kunst. Der israelische Künstler Roee Rosen zum Beispiel erzählt Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig“ neu und versieht es mit Illustrationen. Zwischen den Originaltext fügt er eine eigene Fassung aus der Perspektive des jüdischen Geldverleihers Shylock. Seine Identifikation mit der Figur geht so weit, dass er nach der (selbst hinzugedichteten) Blendung blind weiterzeichnet. Das Ergebnis ist so komisch wie tragisch: Aus den Figuren werden Karikaturen, Shakespeares Wucherer erweist sich als Vorlage für die später in der Geschichte dominierenden Wahrnehmungsmuster jüdischer Identität.

Hinter Rosens Shakespeare-Interpretation steht die Ahnung, dass wir manche Probleme allein aufgrund Jahrhunderte lang eingeübter Mythen nicht mehr loswerden. So zitiert das Kuratorenteam den Germanisten Jack Zipes, der bereits in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts unser gesamtes Kulturverständnis als Folge der Grimmschen Märchensammlung deutete. Die „manische Beschäftigung“ der Deutschen mit den Märchen der Brüder Grimm zeuge von ihrer Neigung, „Lösungen für soziale Konflikte im Bereich der Kunst zu suchen, also in subjektiv hergestellten Wirklichkeiten, anstatt den Machthabern öffentlich entgegenzutreten“.

Ein zweiter Mythos neben den romantischen Märchen der Brüder Grimm ist im Erbe der Aufklärung zu finden. Weil einst im 18. Jahrhundert in Johann Joachim Winckelmann ein deutscher Gelehrter die edle Einfalt und stille Größe der griechischen Bildhauerkunst zum ästhetischen Ideal erkoren hat, neigen wir bis heute zur Betonung schlichter weißer Formen: bei der Dekoration unseres Kleingartens bis zur Fassadengestaltung von Bankgebäuden. Dabei waren die antiken Tempel ursprünglich gar nicht weiß, sondern auffallend bunt.

Pelagie Gbaguidi stellt Schulbänke unter Fahnen mit Kinderzeichnungen: Die Installation „The Missing Link“ ist ein Appell für mehr Bildung. <em>Bild: dpa</em>
Pelagie Gbaguidi stellt Schulbänke unter Fahnen mit Kinderzeichnungen: Die Installation „The Missing Link“ ist ein Appell für mehr Bildung. Bild: dpa

Die faszinierendste Erkenntnis bei dieser documenta besteht in den überraschenden Verbindungen zwischen solchen Mythen. Als eine Folge von Winckelmanns Antikenverehrung werden beispielsweise zwar künstlerisch minderwertige, aus dokumentarischen Gründen aber relevante Akropolis-Abbildungen deutscher Maler der Romantik gezeigt. Einer, der damals die weißen Säulen besonders schön kitschig ins griechische Abendlicht zu rücken verstand, hieß Louis Gurlitt: Urgroßvater jenes Kunstsammlers Cornelius Gurlitt, der mit seinem über sechs Jahrzehnte unentdeckt gebliebenen Bilderschatz einen ganz eigenen Nachkriegs-Mythos geschaffen hat.

Ein anderer Künstler dieser Zeit hieß Ludwig Emil Grimm, der jüngere Bruder der berühmten Märchenerzähler. Sich auf das Fremde einlassen: Diese Forderung des Kurators Ndikung hatte dieser Maler mit Porträtstudien wie „Zwei Mulatten“ (1815), „Drei feilschende Juden“ (1820) oder „Die Mohrentaufe“ (1841) auf seine ganz eigene Weise eingelöst. Wenn sich auch eine bewusst karikierende Absicht nicht zwingend unterstellen lässt, so lassen sich doch jene Stereotype wiedererkennen, die auch Roee Rosen in seiner bildhaften Shakespeare-Bearbeitung reflektiert.

Doch Winckelmann, Gurlitt und Grimm liegen lange zurück. Und Rosens Werk datiert auf Anfang der Neunzigerjahre. Seine Tiefe erreichen neuere Exponate nur selten. Im besten Fall sind sie ehrenwert, wie beim irakischen Künstler Hiwa K. Unter seiner Anleitung haben Studenten vor dem Fridericianum abgelegte Wasserrohre zu beengten Flüchtlingsunterkünften ausgebaut: wieder so ein Fall von gut gemeinter Mahnung zur Betroffenheit. Im schlechteren Fall sind sie einfach nur plump, wie bei einem Künstler, der sich Sergio Zevallos nennt und unter dem Titel „War Machine“ Porträts von allerlei einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zu einer großen Verschwörungssoße zusammenrührt: Pegida von links.

Hoffnungsschimmer für die Kunstszene?

Adam Szymczyk, Chef der documenta 14, hat seinem Ruf als politischer Kurator mit Hang zur Theorie alle Ehre gemacht. Wer die Leichtigkeit eines Jeff Koons schätzt und die Ironie eines Erwin Wurm, der wird nicht glücklich in dieser Ansammlung zutiefst ernster, oft genug moralinsaurer Kommentare zur Lage der Welt.

Von den größeren Exponaten vermag einzig das Augenfälligste auch inhaltlich wirklich zu überzeugen. Marta Minujíns „Parthenon der Bücher“, eine maßstabgetreue Kopie des Akropolis-Tempels auf dem Friedrichsplatz, schließt in ästhetisch reizvoller Weise an die Antikenverehrung der deutschen Kulturgeschichte an. Doch statt weißer Säulen ragen Tausende Bücher in den Himmel. Die Bürger sind aufgerufen, Exemplare aus dem eigenen Regalbestand beizusteuern. Einzige Bedingung: Das Buch muss schon einmal verboten gewesen sein.

So flaniert der Besucher zwischen potenziell gefährlicher Literatur umher und staunt, was so alles die Mächtigen dieser Welt derart verängstigen konnte. Unter anderem handelt es sich um Bücher von Mark Twain oder auch Erich Kästner. Ein Hoffnungsschimmer für die junge Kunstszene? Nun ja: Minujín ist auch schon 74 Jahre alt.

Anreise

Die documenta 14 können Sie bis zum 17. September besuchen, alle Spielorte sind täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Für die Anreise mit der Bahn bieten sich ICE oder Eurocity an (Ausstieg Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe). Von dort fährt die Tram bis ins Stadtzentrum. In Verbindung mit einer Eintrittskarte zur documenta gibt es bei der Bahn ein Sparpreisticket. Mit dem Flugzeug lassen sich nur die Flughäfen in Hannover und Frankfurt/Main erreichen. Wer mit dem Auto anreist, dem empfiehlt sich die Nutzung des Park&Ride-Systems: Gebührenfreies Parken ist am Auestadion, an der Holländischen Straße, am Wilhelmshöhe Park oder am Platz der Deutschen Einheit möglich. Von hier aus geht es mit der Tram in die Innenstadt. (brg)

Eindrücke von der Kunst bei der documenta im Video: