Ihre Augen sind ein Chamäleon. Sie sind grün-grau-blau, je nach Stimmung und Tageslicht. An diesem verregneten Sonntag sind sie grau mit einem Tropfen Anthrazit. Es ist dunkel in der Vorhalle des Freiburger Münsters, in der Jacqueline Straub auf und ab geht und die alten Steinfiguren betrachtet. Das Treffen in diesem gotischen Raum haben wir bewusst gewählt.

Die 25 Jahre alte Frau, die zu Füßen der Klugen und der Törichten Jungfrauen Platz nimmt, hat einen Berufswunsch, der mitten in die christliche Bildwelt passt: Sie will katholische Priesterin werden ohne Wenn und Aber. Sie will eines Tages Kinder taufen, feurig predigen, Tote begraben. Sie will Brot und Wein in Fleisch und Blut verwandeln. Und auch noch heiraten dürfen. Volles Programm also, das volle katholische Programm.

Wenn ihre Augenfarbe irrlichtern wie der Körper eines Chamäleons, dann sind ihre Ansichten umso fester gegründet. Jacqueline Straub weiß seit zehn Jahren genau, wohin sie will. Mit 15 Jahren hatte sie ein Erlebnis, das ihr altes Leben über den Haufen geworfen hat. „Ich wurde von Gott berufen“, erzählt sie, und: „Mein Glaube ist damals auferstanden“.

Damit begann ihr neues Leben mit dem erklärten Ziel, Priesterin zu werden mit allen Vollmachten und allem Zubehör – also all dem, was die katholische Kirche seit bald 2000 Jahren nur Männern gewährt. Eine Bastion, gegen die schon Heerscharen von Frauen anrannten und hinaufschossen. Erreicht haben sie nichts. Noch nicht, denkt Straub. Sie will das ändern, die Männerdomäne an Altar.

Vor ihrer persönlichen Wende war sie nicht besonders religiös. Die bekennende Schwäbin wuchs in Göggingen (Kreis Sigmaringen) auf, später in Pfullendorf. Dort machte sie ihr Abitur. Das kirchliche Leben beeindruckte sie kaum. Der Vater ist aus der Kirche ausgetreten. Die wichtigste Anregung kam von außen: Eine Freundin nahm sie mit in ein katholisches Jugendlager. Das war der Beginn ihrer Bekehrung.

Der Fisch und der Tanker

Alles andere folgt daraus mit einer zwingenden Logik. Mit 17 Jahren fing sie als Ministrantin an – in einem Alter also, in dem die meisten Mädchen mit dem Dienst am Altar aufhören. Da hatte die quirlige junge Frau ihr Fernziel schon klar vor Augen: Sie will zur Priesterin geweiht werden. Sie sprach viel mit Pfarrern und Pastoralreferenten. Alle hörten ihr zu, die meisten sprachen ihr Mut zu und unterstützten das Vorhaben. Aus einer religiös gleichgültigen Jugendlichen war über Nacht eine Vorkämpferin für eine große Sache geworden. Ein kleiner Fisch, der gegen den Tanker Kirche anschwimmt.

Die Gefühlsentscheidung der 17-Jährigen ist inzwischen gereift und akademisch geprüft. Nach dem Abitur beginnt sie das Studium der Theologie. Sie weiß, dass es auf gute Argumente ankommt, die sie für ihre Sache sammeln muss. Diese Argumente gibt es längst, sie wurden von klugen Frauen (und Männern) in vielen Jahrhundert gesammelt, oft unter Tränen und Enttäuschungen. Jacqueline Straub liest und schreibt und blättert. Erst im badischen Freiburg mit seiner renommierten katholischen Fakultät. Ihr Vorhaben hält nicht hinter dem Berg. Dafür ist sie viel zu offen und zu gesprächsselig. Die Studentin zeigt sich als Kommunikationstalent, wie man es in Kirchenkreisen selten findet. Von ihrem Traum – manche nennen ihn Utopie – spricht sie feurig. Die Medien beißen an.

Dann eckt sie an: Einer ihrer Professoren grüßt sie nicht mehr, nachdem er sie im Fernsehen gesehen hat. Deshalb wechselte sie ins Schweizer Fribourg und wird demnächst mit dem Magister in Luzern abschließen. „Die Schweizer sind liberaler“, meint Straub, die inzwischen in Muri im Kanton Aargau wohnt.

Ihr größtes Pfund ist freilich nicht das Fachwissen, das sie sich an Hochschulen über Kirche und Liturgie angeeignet hat – das haben andere auch. Dafür verfügt sie über ein Gespür für Medien, die sie mit leichter Hand vor den Karren spannt. „Die meiste Arbeit verbringe ich mit Medienarbeit“, erzählt sie lachend, nur so könne sie aufklären.

Seit knapp 50 Jahren dürfen Mädchen in der katholischen Kirche ministrieren.
Seit knapp 50 Jahren dürfen Mädchen in der katholischen Kirche ministrieren. | Bild: Uwe Zucchi (dpa)

Inzwischen haben wir den Standort gewechselt. Die zugige Vorhalle mit den gotischen Jungfrauen haben wir mit einem alten Freiburger Gasthaus vertauscht. Sie hat Kässpätzle bestellt: „Ich mag halt Regionales, Sushi brauche ich nicht“, erzählt sie, während sich der Käse an der Gabel zieht. Ihre Augen sind inzwischen Smaragdgrün.

Presse, Fernsehen, Magazine. Jacqueline Straub war schon überall, wo Scheinwerfer stehen und Journalisten auf Futtersuche sind. Spielerisch präsentiert sie die Argumente: „Ist es gerecht, wenn man mehr als die Hälfte der Christenheit von Weiheämtern ausschließt?“ Natürlich nicht. Die junge Frau sagt es ohne Verbitterung. Ohne jene Leiderfahrung, die manche Pastoralreferentin im kirchlichen Dienst sammelte und die bitter macht. Sie ist unbefangen. Sie lebt und lacht gerne übers ganze Gesicht, das fast noch kindliche Züge aufweist. Sie sagt Sätze wie „Ich brenne für Gott“ und man nimmt es ihr sofort ab. Über ihr Christsein spricht sie wie andere über Kochrezepte, es ist ein natürlicher Tonfall.

Ihren Feldzug für die Priesterinnen hat sie professionalisiert. So ein Glück: Ihre Schwester Meli leitet ein Fotostudio und hat für Jacqueline einen Online-Auftritt eingerichtet, der sich gewaschen hat. „Für das Bild hat mir Meli noch Locken gedreht,“ sagt sie lachend. Seit bald drei Jahren tourt sie mit ihrer Agenda durch die Lande, hält Vorträge und fliegt zum Frauenkongress in die USA. Sie hockt in Talkshows und kugelt dort dunkelgrau mit den Augen. Eben war sie drei Tage bei Stern TV. „Immerhin, die Zugfahrt haben sie bezahlt.“
 

Disziplin und Boxtraining

Mit dem Predigen hat sie auch begonnen. Ein Pfarrer in Österreich lädt sie in seine Kirche ein. Die Gemeinde ist angetan, wenn jemand das Wort Gottes auslegt, der auch in einem Bikini eine gute Figur macht. Der Heilige Geist weht wo er will.

Das Leben zwischen Studium und theologischer Kampagne hält sie mit Disziplin durch. Für anderes ist kaum Zeit. Nur Boxen gönnt sie sich – ihre wichtigste Sportart.

Eine Erfindung, mehr nicht: eine Päpstin Johanna hat es nie gegeben, es sei denn im Film. Sie wurde von Johanna Wokalek dargestellt.
Eine Erfindung, mehr nicht: eine Päpstin Johanna hat es nie gegeben, es sei denn im Film. Sie wurde von Johanna Wokalek dargestellt. | Bild: Constantin film (Constantin_film)

Sie trinkt nicht und raucht nicht, sagt sie lächelnd im Gespräch mit dieser Zeitung. Auf Partys verzichtet sie und geht dafür früh zu Bett. Fürs Chillen hat sie weder Zeit noch Nerven. Straub kleidet sich dezent modisch. Kein Lippenstift, leichter Lidschatten.

Fürs Foto zieht sie die dunkle Jacke mit dem Pelzkragen ab. Drunter trägt sie einen roten Blazer, kardinalsrot. Sie stellt ihr Licht nicht unter den Scheffel, wie auch im Neuen Testament empfohlen. Daran hält sie sich. Die graue Kirchenmaus ist nicht ihre Sache.

Straub lebt konzentriert, weil sie ein klares Ziel hat. Ihr Schweizer Freund will sie manches Mal bremsen, zum Beispiel wenn sie auch im Urlaub täglich ihre Mails anschaut, zurückschreibt und neue Termine vereinbart. „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“, steht in großen Buchstaben auf ihrer Startseite.

Der Satz stammt vom Heiligen Augustinus, dem kein Papst widersprechen wird. Dieser Frau kann man nicht mit neuen Handtaschen kommen. Sie hat eine Mission, die sie mit entwaffnender Offenheit vorträgt. Ob diese Mission einen Erfolg hat oder nicht, weiß sie im Moment nicht. „Vielleicht ist das erst in 20 Jahren möglich, dann wäre es auch gut,“ meint sie.

Mit Papst Franziskus ist sie in vielem einig. Sein Rundschreiben „Amoris laetitia“ gehe in die richtige Richtung, sagt sie. „Es ist gut, dass er das Gewissen so sehr in den Vordergrund stellt“. Das Schreiben sei ein Schlag für die Konservativen. Und ein Segen für Homosexuelle, wei ihn eben die evangelische Landeskirche beschlossen hat? Den fände sie auch richtig, sagt sie. „Auch bei diesen Paaren sehe ich Liebe, Dauer und Treue.“ Warum werden sie ausgeschlossen?

Mit ihrem brennenden Wunsch stößt sie auf viel Verständnis. Priester schreiben ihr, Gläubige drücken ihr die Hand. Die Verfechter des bisherigen Modells – nur Männer – melden sich auch, sie hört dann versteckte Andeutungen. Einige Freunde verlor sie durch ihr Engagement, Mitstudenten distanzieren sich, gehen ihr aus dem Weg. Aus Neid oder aus opportuner Sorge um die eigene Zukunft? Sie weiß es nicht.

Gelegentlich hört sie die Empfehlung, sie könne ja die Konfession wechseln, evangelisch und Pastorin werden. Das lehnt sie ab. Ihre Großmutter hat ihr geraten, katholisch zu bleiben. „Man wechselt nicht einfach die Kirche,“ zitiert sie die Oma. Sie lässt sich nicht abschieben oder in ein anderes Fach stecken. Sie liebt das Katholische an sich und für sich, sie schätzt den Papst und sakrale Räume, sie liebt Weihrauch, Assisi, Taizé und akzeptiert nicht, dass sie dieser Gemeinschaft nicht voll dienen darf. „Ich bin zur Priesterin berufen, nicht zur Konvertitin.“

Plan A und Plan B

Im Sommer ist Jacqueline mit dem Studium fertig. Und dann? Sie weiß, dass das Frauenpriestertum ein dicker Balken ist, den sie mit der Feile bearbeitet. Sie weiß, dass sie eine enorme Menge an Aufmerksamkeit erntet. Doch die Amtskirche und deren Bischöfe erreicht sie nicht. Noch nicht.

Sie hat einen Plan B in der Schublade. „Dann eben Journalistin“, sagt sie, am liebsten bei einer Kirchenzeitung. Einschlägige Erfahrung sammelte sie bereits, schrieb Kommentare und Analysen. Plan B ist inzwischen Plan A geworden, mithilfe ihres Kreuzzugs für das Frauenpriestertum kann sie viele Kontakte knüpfen. Dennoch ist sie zuversichtlich: eines Tages wird eine Frau am Altar stehen.

Wir verabschieden uns. Der rote Blazer weht über den Freiburger Münsterplatz davon, sie trifft jetzt ihren Freund. Man könnte meinen, dass ihre Augen jetzt himmelblau leuchten.

Schon gewusst?

Wenn es nach Paulus als einem der wichtigsten Apostel geht, dann haben Frauen nichts zu sagen – im buchstäblichen Sinne. Paulus schreibt im 1. Brief an die Christen in Korinth: "Wie in allen Gemeinden sollen die Frauen in den Versammlungen schweigen. Es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie zu Hause ihre Männer befragen." Warum urteilt Paulus so hart? Er zitiert hier das jüdische Gesetz, wonach Frauen in der Synagoge nichts zu melden haben. Aus gutem Grund folgt man Paulus in diesem wichtigen Punkt nicht mehr.


 

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €