Uwe Rösler zu erreichen, erfordert Geduld. Er hat einfach nie Zeit. Rösler ist Fußballtrainer. In England, Mutterland und moderne Trauminsel des Fußballs. Zwölf Spiele bestritt seine Mannschaft allein in den vergangenen beiden Monaten. Gerade fährt der gebürtige Thüringer und fünffache DDR-Nationalspieler vom Parkplatz des Highbury-Stadions fort. Rösler soll die Anziehungskraft der englischen Ligen erklären. Die Stadien sind voll, Fernsehsender geben Milliarden für die Übertragsungsrechte aus, die Premier League gilt als das Nonplusultra. Während Politiker über den Brexit streiten, hieß es für 23 deutsche Profis in den vergangenen Jahren: Bloß hinein da. Darunter sind bekannte Gesichter wie Leroy Sané, Mesut Özil oder Ilkay Gündogan. Aber auch Spieler, die in der Heimat nur Experten kennen: Torhüter Rouven Sattelmaier oder Innenverteidiger Max Ehmer spielen bei den Drittligisten Bradford City beziehungsweise FC Gillingham.

Das ist Röslers Welt. Sein Highbury ist nicht das berühmte in London, ehemalige Heimstätte des FC Arsenal. Es ist das Highbury in Fleetwood, 5311 Plätze im Nordwesten des Landes. Fleetwood ist bekannt für seine Pastillen-Fabrik, Stichwort: Sind sie zu stark, bist du zu schwach. Der Fleetwood Town Football Club spielt in der dritten englischen Liga, Platz 10, graues Mittelmaß. Das trifft auch auf das Funknetz im englischen Nordwesten zu. Während Rösler über Landstraßen fährt, bricht die Verbindung immer wieder ab.

Das Warten auf die Funkloch-Pausen lohnt. Nur wenige Deutsche könnten so gut Einblicke in den englischen Fußball geben wie Uwe Rösler. Mit kleinen Unterbrechungen lebt und arbeitet er seit mehr als 20 Jahren in England. „Ich war einer der ersten deutschen Spieler, die damals auf die Insel kamen“, sagt Rösler hörbar stolz. „Weißt du?“ Das fügt er oft hinzu. Die englische Floskel „You know?“ hat sich längst auch in sein Deutsch eingeschlichen. Der Stürmer wechselte 1994 nach England, zu Manchester City. Dem Verein, der im Sommer mit Leroy Sané eines der größten deutschen Talente verpflichtete – für geschätzte 50 Millionen Euro.

Alle wollen Pep und Klopp

England, eine Trauminsel des Fußballs also, das Maß aller Dinge? Mitnichten. Das sagt Dustin Böttger, dessen Unternehmen Global Soccer Network (GSN) eine der größten Fußballdatenbanken Europas aufgebaut hat. „Die englische Premier League wird optimal vermarktet, darin ist sie vielleicht wirklich das Maß aller Dinge“, sagt Böttger. Fußballerisch seien die Bundesliga oder die spanische Primera Division auf Augenhöhe, „basierend auf unseren Datenmodellen, hat die Bundesliga momentan sogar ganz leicht die Nase vorne“. Um seine These zu untermauern, präsentiert Böttger Statistiken aus den fünf größten europäischen Ligen. Demnach wird in England weder besonders präzise gepasst, die Quote ist in Italien am höchsten. Noch sehr oft aufs Tor geschossen (Bestwert: Bundesliga). Auch die viel beschworene englische Härte wäre demnach eine Mär. Am häufigsten gegrätscht wird in Deutschland, am erfolgreichsten in Italien.

Uwe Rösler meint zu wissen, warum trotz dieser Statistiken viele deutsche Spieler nach England wechseln. Rösler sagt zwar: „Die Premier League ist die stärkste, am meisten umkämpfte Liga der Welt.“ Es sei aber vor allem die Liga des ganz großen Geldes. „Die Deutschen kommen jedenfalls nicht wegen des schönen Wetters her oder weil es in England so warm ist“, sagt er. Der 19-jährige Sané für 50 Millionen Euro zu City? Ein Klacks für den Lokalrivalen United, der den kaum älteren Franzosen Paul Pogba für über 100 Millionen Euro holte. Das Thema Finanzen setzt sich in die unteren Ligen fort. Ein Zweitligaspieler kann laut Rösler in England doppelt so viel verdienen wie in der zweiten Bundesliga. Hinzu käme die Aufmerksamkeit im Dunstkreis der Superstars. „Das ist nur die halbe Wahrheit“, widerspricht Dustin Böttger. Die „wahren Stars“ seien die Trainer: Pep Guardiola, José Mourinho oder Jürgen Klopp. „Spieler wollen sich weiterentwickeln, das geht am besten und schnellsten bei den besten Trainern der Welt“, erklärt er. Und wer nicht in einem der großen Teams spielt? Der versucht, sich über einen Drittligisten wie Fleetwood Town für Höheres zu empfehlen. Rösler: „Mich haben etliche Spielerberater angerufen, ob ich nicht helfen kann, ihre Klienten hierher zu vermitteln.“

„England war und ist allen anderen Top-Ligen voraus“

Rösler war der erste Deutsche im hellblauen City-Trikot seit Bert Trautmann, der Verein gab nicht einmal eine halbe Million Euro für den Thüringer aus. Damals war die Premier League noch nicht die heutige Gelddruck-Maschine. Rösler erreichte in der Stadt schnell Kult-status. Auch, weil er als Stürmer dem damaligen englischen Fußball-Idealbild entsprach: kopfballstark, körperbetont, einsatzfreudig. In seiner ersten kompletten Saison traf Uwe Rösler 22-mal für City, insgesamt absolvierte er für den Club und später den FC Southampton 103 Spiele. Er wurde zum Publikumsliebling, es gab T-Shirts mit dem Spruch: Uwe‘s Granddad bombed Old Trafford (Uwes Großvater bombardierte das Old Trafford – das Stadion von Citys Erzrivalen Manchester United, das während des Zweiten Weltkriegs von deutschen Bombern zerstört wurde). Rösler erinnert: „Man muss als Deutscher lernen, über sich selbst lachen zu können. Das hat auch bei mir gedauert.“

Mit reinem Spaß an der Freude hat der englische Fußball heute wenig zu tun. Wenn Rösler über ihn spricht, könnte auch ein Wirtschaftsberater dozieren. Es geht um Geschäftsmodelle, neue Märkte, frühzeitige internationale Vermarktung. „England war und ist allen anderen Top-Ligen voraus“, meint er. Als Bundesliga, Primera Division oder Serie A noch mit sich selbst beschäftigt waren, und sich deutsche Fans mit der Sportschau oder der Radiokonferenz zufriedengaben, schauten sich Investoren des englischen Fußballs bereits nach neuen Zielgruppen um. „Ob das China ist, ob das Australien ist oder sonst irgendwo: die Premier League wird weltweit als Liga Nummer eins gesehen.“ Die „finanzielle Power“ der ersten englischen Liga, wie Rösler es nennt, wird seiner Meinung nicht mehr aufzuholen sein. Neue TV-Verträge für die Bundesliga hin oder her.

Albtraum für den eigenen Nachwuchs

Röslers Eindruck lässt sich mit Zahlen bestätigen: Allein in diesem Sommer haben die Vereine der Premier League 1,43 Milliarden Euro für neue Spieler ausgegeben, mehr als doppelt so viel wie vor fünf Jahren; Aufsteiger FC Middlesbrough verfügt über einen Etat, der mehr als doppelt so hoch ist wie der des SC Freiburg. Je mehr Geld im Spiel ist, desto größer wird der Druck auf Spieler und Trainer – auch im unterklassigen Bereich, wie Uwe Rösler sagt. „Dieser Druck geht von Investoren aus, um unbedingt die Liga zu halten.“ Oder noch besser: aufzusteigen, um an die Fleischtöpfe zu gelangen. Jungen Talenten werden weder die Zeit noch die Aufmerksamkeit geschenkt, sich in unteren Ligen zu entwickeln. „Die englischen Nachwuchsakademien produzieren sehr, sehr gute Spieler“, sagt Rösler. Allein, ihn fehlten beim Übergang zum Profifußball die Einsatzzeiten.

Der englischen Nationalmannschaft fehlen dadurch Spieler mit großer Klasse. So erklärt sich, warum sich ein ganzes Land am letzten verbliebenen Star Wayne Rooney aufreibt, der sich mit 31 Jahren im Herbst seiner Karriere befindet. Das Mutterland des Fußballs mag der Traum für internationale Stars sein, das Land selbst träumt dagegen seit 50 Jahren von einem großen Titel. Zum Vergleich: In der Premier League sind zwei Drittel der Spieler Ausländer, die Bundesliga besteht zur Hälfte aus Legionären. In der deutschen 3. Liga sind 17,9 Prozent Legionäre, in der englischen 32,9. Mit der Folge, dass England zuletzt 1996 über ein Viertelfinale eines großen Turniers hinausgekommen ist. Vorläufiger Tiefpunkt: Das peinliche Aus im Achtelfinale der EM in diesem Jahr gegen Fußballzwerg Island.

Rösler: "Ich wollte meiner Leidenschaft nachgehen."

Auch Uwe Rösler sieht nach zwei Jahrzehnten auf der Insel seine Zukunft mittelfristig in der alten Heimat. Die Arbeit in Fleetwood gefällt ihm, dort bekommt er die für das Geschäft seltene Ruhe, etwas aufzubauen. Doch im Sommer war er kurz vor der Rückkehr nach Deutschland. Es gab mehrere Anfragen aus der zweiten Bundesliga. „Beim 1. FC Nürnberg war ich im engeren Kreis, das hätte ich gerne gemacht“, berichtet er. Nürnberg zögerte ihm allerdings zu lange, er war zu dem Zeitpunkt bereits mehr als ein halbes Jahr ohne Trainer-Job. „Ich wollte meiner Leidenschaft nachgehen. Als Coach darfst du nicht zu lange außen vor bleiben, weil es sonst immer schwierig ist, wieder aufzuspringen.“

Hat Rösler damit verpasst, England zu verlassen, bevor der Fußball dort am eigenen Größenwahn scheitert? „Mittelfristig wird genau das nicht passieren“, verneint Statistiker Dustin Böttger. Die Transfersummen und Gehälter seien derzeit schlicht zu groß. Mindestens zehn Jahre lang muss sich Rösler über sein Leben in England – abgesehen von Funk­löchern auf den Landstraßen – keine Sorgen machen. Für die Zeit danach malt Böttger mögliche Szenarien aus: „Was passiert, wenn überbezahlte Spieler, für die ein Club keine Verwendung mehr hat, den Verein nicht wechseln wollen, da sie nirgendwo anders so gut verdienen?“ Die Antwort: Abfindungen würden fließen, die selbst finanzstarke englische Großclubs vor Probleme stellen könnten. „Dazu stellt sich die Frage, was passiert, wenn die Öl-Milliardäre keine Lust mehr auf englischen Fußball haben und die Clubs abstoßen?“, ergänzt Dustin Böttger. Zehn Jahre blieben Uwe Rösler also noch in England. Dann wäre er Ende 50, im besten Traineralter. Wenn so lange Privatfahrten zwischen englischen Dörfern die größte Sorge bleiben, wird er ein sonniges Leben führen.