Anfangs strotzte er vor Selbstbewusstsein, am Ende verließ er demütig, aber erhobenen Hauptes die Stadt. Thomas Strobl, Landesinnenminister, fuhr kurz vor seinem 58. Geburtstag die wohl schwerste Niederlage seiner Karriere als Chef der Landes-CDU ein. Mit 246 Litern kassierte am Donnerstagabend der Beklagte, dessen Schwiegervater Wolfgang Schäuble einst in der Griechenlandkrise den Satz „s isch over“ prägte, eine der höchsten Strafen, die das Hohe Grobgünstige Narrengericht zu Stocken an einem Schmotzigen verhängte.

Vom Beklagten des Stockacher Narrengerichts zum Fasnet-Fürsprecher: Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU).
Auch diese Szene gehört zur Tradition in Stockach: Der Beklagte wird gefesselt in den Saal geführt. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Dabei hatte der Tag für den Mann in dem Orden-besetzten Fischerhemd so gut angefangen. Das närrische Gerangel in der Landes-CDU um die Wahlrechtsreform und die Bildung einer GroKo in Berlin hatten ihn mit ordentlich Rückenwind an das Tor zum Bodensee geweht. „Ich bin ein Stockacher“, rief er den „Eingeborenen“ schon am Vormittag im Bürgerhaus Adler Post etwas anbiedernd zu. Er fühle sich in dem für den Abend terminierten „Skandalprozess“ total unschuldig. Und um dem Hohen Gericht schon mal die Richtung zu weisen, drohte er für den Fall seiner Verurteilung mit literweise Trollinger von der Schwäbischen Alb. Prädikat: Von der Sonne verhöhnt.

Grün-schwarze Eintracht: Thomas Strobl mit seinem grünen Kollegen Winfried Hermann (links) in Stockach. <em>Bild: Seeger</em>
Grün-schwarze Eintracht: Thomas Strobl mit seinem grünen Kollegen Winfried Hermann (links) in Stockach. Bild: Seeger

Allerdings hatte Strobl die Rechnung ohne den Kläger gemacht. Thomas Warndorf, gefürchtet für seine geschliffene Zunge, machte frühzeitig deutlich, dass er auch seinen 14. Beklagten nicht davonkommen lassen werde. Bisher seien alle anständig abgeurteilt worden, sagte er gegenüber dem SÜDKURIER. Das erwarte er auch bei seiner letzten Gerichtsverhandlung, nachdem er kürzlich in der Dreikönigsitzung wegen Amtsmüdigkeit seine Kündigung eingereicht hatte.

Thomas Strobl trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Links Bürgermeister Rainer Stolz und Thomas Warndorf. <em>Bild: Löffler</em>
Thomas Strobl trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Links Bürgermeister Rainer Stolz und Thomas Warndorf. Bild: Löffler

Fasnachtsbräuche in der Region


Das Narrengericht zu Stockach ist zwar die bekannteste Großveranstaltung, aber nicht die einzige. Die Fasnachtsbräuche in der Region sind vielseitig:
  • Streckgericht in Pfullendorf
    In Pfullendorf tagte am Schmotzigen das Streckgericht. Der verurteilte Siegbert Krall, Ortsvorsteher von Otterswang, wurde vom Henker auf der Streckbank in die Länge gezogen.
  • Malefiznarrengericht und Hoorige Mess in Tiengen
    In Tiengen tagt am Fasnachtssamstag das Malefiznarrengericht in der historischen Altstadt. An dem Tag findet hier auch die Hoorige Mess statt, eine der größten Straßenfasnachten am Hochrhein. Viele Narren machen um 11.11 Uhr einen Abstecher zu der närrischen Gerichtsverhandlung, bei der sich dieses Jahr Oberbürgermeister Philipp Frank verantworten muss.
  • Bräutlingsstange in Sigmaringen
    In Sigmaringen werden Hochzeiter (Bräutlinge) am Fasnachtsdienstag auf einer Bräutlingsstange (gepolstert) um den Rathausbrunnen getragen.
  • Die Schiltach hinunter in Schramberg
    In Schramberg fahren am Rosenmontag 40 Zuber mit zwei Personen an Bord die Schiltach hinunter und werden von 30 000 Besuchern bejubelt.
  • Walpurgisnacht in Löffingen
    In Löffingen wird seit 1928 an Fasnet die Walpurgisnacht aufgeführt. Ein beliebtes Hexenspektakel mit den Löffinger Hexen, mit musikalischer Unterstützung der Stadtmusik.
  • Zunftball der Katzenzunft in Meßkirch
    In Meßkirch wird beim Zunftball der Katzenzunft am Schmotzigen einem Delinquenten die Nase geschliffen. In diesem Jahr war es Stefanie Bürkle, Sigmaringer Landrätin.
Alle Bilder vom Fasnachtstreiben in der Region finden Sie hier!
Auch die Kanzlerin kommt Strobl zu Hilfe – zumindest als Maske.
Auch die Kanzlerin kommt Strobl zu Hilfe – zumindest als Maske. | Bild: dpa

 

Optimistisch zeigte sich am Nachmittag noch Strobls Intimus, der Stockacher Laufnarr Andreas Jung. Nach den quälenden GroKo-Verhandlungen sei das Stockacher Intermezzo doch geradezu ein Jungbrunnen für den Minister, streute er Zuversicht aus. Er rechne mit einem Freispruch, so der Abgeordnete, schränkte aber schon ahnungsvoll ein: „Hier verurteilt zu werden, ist ein Ritterschlag, der zu höheren Weihen führt.“ Das könne man ja prächtig an Kanzlerin Merkel ablesen, die als CDU-Bundesvorsitzende 2001 angeklagt wurde und den Wein eimerweise abliefern musste. Beim Bad in der Menge tanzte der fränkische Schwabe mit Alt-Stockacherinnen und ließ sich vom Publikum anfeuern. Vor dem Narrenbaumstellen gab es für ihn im Badischen Hof noch eine letzte Mahlzeit vor der Verhandlung, die schon andere Beklagte wie Malu Dreyer, Heiner Geißler und Winfried Kretschmann hier eingenommen hatten.

Thomas Strobl legt am Wagen, auf dem der Narrenbaum liegt, Hand an. Probeweise. Das Ziehen erledigen dann die Experten.
Thomas Strobl legt am Wagen, auf dem der Narrenbaum liegt, Hand an. Probeweise. Das Ziehen erledigen dann die Experten. | Bild: Ramona Löffler

 

Was aber machte eigentlich der Zeuge des Abends, der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann? Auf ihn hatte Narrenrichter Jürgen Koterzyna schon am Vormittag sehnsüchtig gewartet („Er ist vermutlich noch mit dem Dienstfahrrad aus Stuttgart unterwegs.“). Hermann musste sich am Nachmittag im 40 Kilometer entfernten Konstanz dem strengen Maß der Narren stellen. Beim Jakobiner-Tribunal entging er zwar – aus Rücksicht auf seinen Auftritt in Stockach – der närrischen Guillotine. Wurde aber dazu verdonnert, an einer Geschwindigkeitskontrolle der Polizei auf der A 81 teilzunehmen. Schließlich hatte das von ihm zwischen Kreuz Hegau und Geisingen verfügte Tempo 130 nahezu weltweit zu heftigen Protesten geführt – außer in Geisingen.

... derweil muss sich Verkehrsminister Winfried Hermann beim Jakobiner-Tribunal in Konstanz verteidigen.
... derweil muss sich Verkehrsminister Winfried Hermann beim Jakobiner-Tribunal in Konstanz verteidigen. | Bild: Aurelia Scherrer

In der prall gefüllten Jahn-Halle kreuzte der Angeklagte am Abend mit seinem Ankläger die Klinge. In einer fulminanten Rede überführte Warndorf den „letzten Konservativen der CDU“ der „unkorrekten Verbrüderung“ mit Hermann, dem Grünen. „Wenn es um Baden-Württemberg geht, ist Winfried Hermann mein Bruder“, habe er einst gesagt und so seine Gesinnung verraten. Der Auftritt des Zeugen Hermann mit grün-ausgeblichener Schürze und Strohhut ging ins Leere. „Der Zeuge taugt nichts“, befand die Anklage.

Ein Tänzchen in Ehren in den närrischen Tagen: Das Publikum feiert auf Stockachs Straßen den Beklagten, Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl, der das Bad in der Menge sichtlich genießt.
Ein Tänzchen in Ehren in den närrischen Tagen: Das Publikum feiert auf Stockachs Straßen den Beklagten, Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl, der das Bad in der Menge sichtlich genießt. | Bild: Isabelle Arndt

Dass er für sich kämpfen kann, bewies der Beklagte und Stockacher Laufnarr Strobl schließlich mit vielseitigem rhetorischen Besteck. Tosenden Applaus erntete er mit seinen maßlosen Angriffen auf Ankläger Warndorf und dessen „Vorwürfe aus Absurdistan“ („s isch over, Thomas Warndorf“) und seine scharfzüngige Attacke gegen das Hohe Grobgünstige Narrengericht. „Ein Gericht ohne Frauen gehört ins Mittelalter“, stellte Frauenförderer Strobl fest. Das Gericht habe in den 667 Jahren seines Bestehens im Übrigen beim Strafwein nach falschem Maß gerechnet und sich selbst damit 50 000 Liter Wein zu viel eingeflößt. Damit sei das Narrengericht die älteste kriminelle Vereinigung der Welt, stellte der Innenminister fest – und sprach zugleich sein eigenes Urteil.

 

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