Die alte Holzbrücke am Fluss hat zwei neue Fahrspuren bekommen – genau an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass eine EU-Delegation anreisen würde. Die schmalen Planken sollen die Überfahrt erleichtern über die holprige Querung. Der kleine Fluss bildet die natürliche Grenze zwischen Ruanda und der kongolesischen Region Süd-Kivu. Dennoch trennen beide Länder Welten.

Seit dem Plastikverbot in Ruanda gleichen die Straßen des Landes jener der Schweiz. Alles pieksauber, die Wege sind ordentlich geteert. Unten am Fluss müssen alle ihre Reisepässe vorweisen. Es wird gestempelt, gefragt und wieder gestempelt. Die feindliche Stimmung zwischen beiden Seiten ist fast mit Händen zu greifen – sie ist das Ergebnis eines blutigen Krieges, dessen Spuren bis heute in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa zu sehen sind: Bis dorthin war das ruandische Militär einst vorgedrungen. Ein Konflikt, dessen Brutalität kaum zu begreifen ist und den die Menschen nie wieder vergessen können.

Korrespondentin Mirjam Moll in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa.
Korrespondentin Mirjam Moll in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. | Bild: Mirjam Moll

Christos Stylianides, EU-Kommissar für humanitäre Hilfe, läuft zur Brücke, macht ein paar Fotos. Sofort kommt ein Grenzbeamter auf ihn zu: „Das dürfen sie nicht.“ „Sorry my friend“, sagt der gebürtige Zyprer in seiner herzlichen Art und klopft dem sichtlich überraschten Mann auf die Schulter. Schließlich darf die EU-Kolonne passieren. Auf der anderen Seite des Flusses beginnt so etwas wie eine Straße – rotbraune Erde mit Schlaglöchern so tief wie Granat-einschläge.

Sie ist Teil von Bakavu, einer Ein-Millionen-Einwohner-Stadt. Wer sich umdreht, kann noch den sauber geteerten Weg auf der ruandischen Flussseite sehen. Hier, im Kongo, in der Region Süd-Kivu, kommt man ohne Jeep keinen Meter weit. Doch Stylianides will ohnehin zu Fuß gehen, den Menschen begegnen, statt sie durch eine Scheibe zu betrachten. Wenigstens ein kurzes Stück. Leibwächter weichen ihm nicht von der Seite, sichtlich nervös ob der Menschentraube, die sich schnell bildet.

Es ist nicht ungefährlich für einen, der von der EU kommt. Denn ihre Hilfsgelder fließen, gepaart mit Kritik am Regime in der Demokratischen Republik Kongo, in der es keine freien Wahlen gibt und unzählige Milizen die verschiedenen Regionen gewaltsam beherrschen. Trotzdem lehnt das Land es ab, als humanitärer Notfall betrachtet zu werden.

Die Klinik Panzi in Bukavu gehört zu den wenigen Rettungspunkten inmitten einer Region, die jahrzehntelang Schauplatz grausamster Kriegsverbrechen war. Doch nichts kann auf das vorbereiten, was uns erwartet: Schicksale, die einem die Sprache verschlagen. Die Gewalt in der Region hat wieder zugenommen. Die Zahl der Kinder, die Opfer sexueller Gewalt wurden, hat sich von 2016 bis 2017 verdoppelt. 88 Minderjährige hat die Klinik allein im vergangenen Jahr deshalb behandelt, erklärt der Leiter der gynäkologischen Abteilung, Eric Wynants. Es herrscht erhöhter Alarm in Süd-Kivu. Frauen sind noch immer die Beute ruchloser Banden, die durch die Dörfer ziehen.

In der Ein-Millionen-Einwohner Stadt Bukavu gibt es wenig Infrastruktur. Geteerte Straßen gibt es kaum.
In der Ein-Millionen-Einwohner Stadt Bukavu gibt es wenig Infrastruktur. Geteerte Straßen gibt es kaum. | Bild: Mirjam Moll

Die 31-jährige Clotilde Mapensi ist erst seit einem Tag hier. Sie sieht viel älter aus, ihr Gesicht ist gezeichnet von unbeschreiblichem Leid. Apathisch sitzt sie in der Praxis von „Mami“. Sie wird von allen hier so genannt, weil sie sich um die Frauen kümmert, wenn sie hier ankommen und nicht in Worte fassen können, was sie durchmachen mussten. Clotildes einjährige Tochter Viviane sitzt auf ihrem Schoß und zerrt unerbittlich an den ausgehungerten Brüsten ihrer Mutter. Das kleine Mädchen weiß offenbar nicht, was ihr passiert ist. Es lacht viel und erkundet abenteuerlustig den Raum. Wenn die Frau spricht, bleibt ihr Gesicht nahezu regungslos. Ihre Stimme ist ganz leise, ihr Blick auf ihre Hände gerichtet, die unentwegt unsichtbare Falten aus ihrem Rock streichen.

Clotilde mit ihrer jüngsten Tochter in der Panzi-Klinik: Sie hofft auf ein neues Leben.
Clotilde mit ihrer jüngsten Tochter in der Panzi-Klinik: Sie hofft auf ein neues Leben. | Bild: Mirjam Moll

Nacht des Grauens

Es waren drei Männer. Sie schlugen gegen ihre Tür in Bunjakiri, 80 Kilometer westlich von Bukavu, und drangen sofort ins Haus ein. Alle trugen Militärkleidung, sagt sie. Die Fremden packten ihren Mann, drückten ihn zu Boden und stachen sofort auf ihn ein. So lange, bis seine Gedärme austraten. Als Mami übersetzt hat, steigt Übelkeit in mir auf. Clotilde beschreibt den Mord, den sie mitansehen musste, mit Gesten. Clothilde gestikuliert, ahmt die Messerstöße nach, die ihren Mann umbrachten. Ihre Stimme wird brüchig, Tränen rinnen über ihr ausgemergeltes Gesicht. „Sie haben ihm dem Kopf abgeschnitten, wie ein Metzger“. In ihrem Blick liegt purer Schmerz, es fällt mir schwer, nicht wegzuschauen.

Während ihr kleines Mädchen auf ihrem Schoß herumturnt, erzählt sie von den Grausamkeiten, die ihrer Familie angetan wurden – einer Familie, die es so nicht mehr gibt. Clotilde hatte zwei weitere Kinder. Fünf und acht Jahre alt waren sie. Mit demselben Messer, mit dem sie zuvor ihren Mann ermordet hatten, begannen die Eindringlinge die beiden Kinder zu verletzen. Schließlich griffen sie zu Kanistern, setzten sie in Brand und ließen das heiße, flüssige Plastik auf die Körper der Kinder tropfen. Ich verstehe zunächst nicht, was sie meint, als sie von tropfenden Fässern spricht. Die Übersetzerin erklärt es. Ich starre sie nur an, unfähig, etwas zu erwidern.

Ich kämpfe damit, keine Tränen aufsteigen zu lassen. Das heiße Plastik hat die Kinder überall getroffen – an den Armen, den Beinen, dem Bauch. Die Männer hielten ihnen die Augen auf, um mit dem glühend heißen Plastik die Augäpfel zu verätzen. An ihrer kleinen Tochter demonstriert Clotilde, was sich abspielte. Am Ende zieht ihr Finger unter der Kehle ihres Babys durch. Sie sind tot, die beiden Kinder. Auch ihre Jüngste hätte tot sein können. Die Männer warfen das damals sechs Monate alte Baby einfach auf den Müll. Clotilde vollführt eine Schleuderbewegung, nur um ihre Kleine noch fester in den Arm zu nehmen. In diesem Moment wird mir klar, dass Viviane wohl der einzige Grund ist, weshalb Clotilde noch einen Funken Lebenswillen in sich trägt.

Der friedliche Innenhof täuscht über die grausamen Erlebnisse der Frauen hinweg.
Der friedliche Innenhof täuscht über die grausamen Erlebnisse der Frauen hinweg. | Bild: Mirjam Moll

Diese Frau war ihren Peinigern hilflos ausgeliefert. Sie blieb nicht ihr einziges Opfer. Viele wurden in dieser Nacht überfallen. Clotilde schüttelt immer wieder ihren Kopf, ungläubig über das, was geschehen ist. Die Eindringlinge schnitten sie mit demselben Messer, dass zuvor ihren Mann und zwei ihrer Kinder tötete. Sie steht auf, zeigt ihre Narben. An der Achillesferse, damit sie nicht fliehen konnte. Am Oberschenkel, am Bauch – der Messerstich hat nur knapp innere Organe verfehlt, sie hätte verbluten können. Clotilde wurde vergewaltigt, mehrmals. Danach verschwanden die Fremden. Einfach so. Jemand muss ihre Schreie doch gehört haben, denke ich. Aber Clothilde blieb ihrem Schicksal überlassen. Einem Moment lang sagt niemand ein Wort. Denn es gibt keine, die angemessen wären.

Wäschetrocknen zwischen den Krankenzimmern: In der Klinik herrscht Platzmangel.
Wäschetrocknen zwischen den Krankenzimmern: In der Klinik herrscht Platzmangel. | Bild: Mirjam Moll

Die junge Frau wurde ins Krankenhaus gebracht, zusammen mit der kleinen Viviane, die den Wurf in die Mülltonne wie durch ein Wunder überlebte. Ihre äußeren Verletzungen werden behandelt. Doch die inneren bleiben. Clotildes Haus ist niedergebrannt. Sie kann nirgends mehr hin. Ihre drei ältesten Kinder waren an diesem Abend nicht zu Hause, andernfalls hätten auch sie den Überfall wohl nicht überlebt. Monatelang schlug sich die nun alleinstehende Mutter mit ihrem Baby und den drei Kindern im Wald durch. Schließlich ging es nicht mehr. Sie gab die drei in kirchliche Obhut in Katubiu. Clotilde selbst konnte nicht bleiben. Sie beschloss, in die Penzi-Klinik zu gehen. Sie ist mager geworden, weiß nicht, ob sie von den Männern mit einer Geschlechts- oder Infektionskrankheit angesteckt wurde. Die Blutproben werden noch untersucht. Sie möchte gerne hier bleiben, in der Klinik – und hier arbeiten: „Ich weiß nicht, wohin ich sonst soll“, sagt sie leise.

Schrecklicher Alltag

Clotilde ist kein Einzelfall. Jeden Tag kommen Hunderte von Frauen hierher. Deren Männer vor ihren Augen umgebracht wurden. Deren Kinder gezwungen wurden, die Vergewaltigung mitanzusehen und ihren Müttern nie wieder in die Augen sehen können. Stattdessen werden sie von ihren eigenen Familien verstoßen. Weil sie „unrein“ sind. Der Aberglaube, dass eine solche Frau der Familie Unglück bringen wird, herrscht in vielen Dörfern vor. Sie dürfen nicht mehr im selben Haus schlafen oder vom selben Teller essen. Ein Gefühl der Hilflosigkeit macht sich im Raum breit. Die EU will dieses Land unterstützen. Aber wie soll sie gegen die Stigmatisierung ankämpfen?

Dieser Arzt kümmert sich auch außerhalb mit einer mobilen Klinik um Patientinnen.
Dieser Arzt kümmert sich auch außerhalb mit einer mobilen Klinik um Patientinnen. | Bild: Mirjam Moll

Sifa Mtamwenge arbeitet als Psychologin in der Panzi Klinik. Sie weiß, wie sehr die Frauen leiden. Viel zu oft kommen junge Mädchen hierher. Mit Kindern, die aus einer Nacht der Gewalt entstanden sind. Sie wollen sie nicht. Weil sie von Rebellen gezeugt wurden, sagen sie. Die Kleinen könnten selbst zu Rebellen werden, fürchten sie. Ihre Männer wollen die „Bastarde“ auch nicht. Und so sind die Frauen oft auf sich allein gestellt. „Wir sind froh, dass sich wenigstens ein paar aus dem Westen für uns interessieren“, sagt Mtamwenge.

Inzwischen ist in der Panzi Klinik so etwas wie eine Dorfgemeinde entstanden. Die Frauen sitzen zusammen, es läuft Musik, einige kochen, andere waschen, wieder andere arbeiten im Gemüsegarten. Andere sitzen nur da, warten, auf ein besseres Leben? Auf einen Morgen, an dem sie ohne den Schmerz erwachen, das Geschehene vergessen haben? Trotzdem lächeln sie hin und wieder, wenn auch zaghaft, umarmen sich gegenseitig. Sie haben ihren Lebensmut nicht verloren. Panzi ist für sie eine Oase der Hoffnung. Für die Frauen hier ist die derzeitge Hilfe ein Geschenk.

Hinter der Klinik haben die Frauen Felder angelegt.
Hinter der Klinik haben die Frauen Felder angelegt. | Bild: Mirjam Moll

Als Stylianides sich von ihnen verabschiedet, brechen sie in Freudenschreie aus. Sie kennen ihn hier, den Mann, der das Geld aus der EU bringt, die Klinik am Leben hält. Vor dem Tor zur Außenwelt führen die Frauen einen Tanz auf. Sie sind dankbar dafür, dass sie nicht völlig vergessen werden hier in Süd-Kivu, einem gefährlich schwelenden Krisenherd, der sich zu einem Flächenbrand auszuweiten droht.

 

Krisenland Kongo

Die Demokratische Republik Kongo ist von Krisen gebeutelt und unterentwickelt: 

  • Größe: Der Kongo ist der zweitgrößte Staat des Kontinents und mit 2,2 Millionen Quadratkilometern 6,6-mal so groß wie Deutschland. Es ist in 26 Provinzen eingeteilt.
  • Einwohnerzahl: Im Kongo leben offiziell etwa 80 Millionen Menschen. Derzeit brauchen mehr als 13 Millionen humanitäre Hilfe.
  • Landessprachen: Neben Französisch (der Amtssprache) gibt es vier offizielle Nationalsprachen: Lingala, Suaheli, Kikongo und Tshiluba.
  • Regierung: Präsident Joseph Kabila Kabange gelangte 2001 an die Macht, wurde zuletzt 2011 wiedergewählt. Sein Mandat lief Ende 2016 aus. Ein Datum für Neuwahlen gibt es nicht.
  • Währung: Die Landeswährung ist der kongolesische Franc. Einhundert Francs entsprechen etwa fünf Eurocent. De facto ist die Wirtschaft des Kongos dollarisiert.
  • Wirtschaft: Trotz wertvoller Bodenschätze ist der Kongo eines der ärmsten Länder der Welt. Es lebt vom Bergbau und der Landwirtschaft. 77 Prozent der Kongolesen haben weniger als zwei US-Dollar pro Tag (Armutsgrenze).
  • Binnenmigration: Innerhalb des Landes befinden sich nach Schätzungen der EU 4,5 Millionen Menschen auf der Flucht, darunter 2,7 Millionen Kinder.
  • Innere Unruhen: Gewaltsame Konflikte in den Provinzen Kivu and Ituri gehören seit mehr als 20 Jahren zum Alltag, inzwischen auch in Tanganjika und Kasai.

„Afrika wird eine große Herausforderung“

EU-Kommissar Christos Stylianides Arbeit ist es, die Krisenherde dieser Welt zu bereisen. Im Interview kritisiert er, dass die Weltgemeinschaft in vielerlei Hinsicht wegschaut.

Herr Kommissar, Sie sind für humanitäre Hilfe zuständig und immer wieder mit schrecklichem Elend konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Es ist hart. Ich habe das Leid vieler Menschen mit eigenen Augen gesehen. Das übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen. Im vergangenen Jahr habe ich Bangladesch und Myanmar besucht. 62 Prozent der Kinder dort sind unterernährt, viele sind Waisen und ohne jegliche Aufsicht, der Menschenhandel grassiert ebenso wie sexueller Missbrauch. Ich war einfach nur schockiert.

Wie ging es Ihnen dabei, als Sie den Frauen in der Panzi-Klinik im kongolesischen Bukavu begegnet sind?

Vergewaltigung ist etwas, das mich besonders beschäftigt. Es war sehr verstörend, zu hören, was diese Frauen durchmachen mussten. Wenn die Opfer von Vergewaltigungen danach auch noch von ihren eigenen Familien verstoßen werden, ist das in meinen Augen noch schlimmer als eine Vergewaltigung. Diese Frauen werden sich psychisch niemals wieder von dem erholen, was ihnen widerfahren ist.

Sie sind seit vier Jahren der erste EU-Kommissar, der in den Kongo gereist ist. Warum?

Es ist kein Geheimnis, dass die Beziehungen mit Kongo schwierig sind. Immerhin war es ein sehr positives Zeichen, dass die Regierung meinen Besuch akzeptiert hat.

Die EU fordert Neuwahlen, seit Kabilas Amtszeit abgelaufen ist. Kann das gelingen?

Wahlen wären ein absoluter Wendepunkt – und die einzige Lösung für das Land. Aber ich bin auch nicht so naiv zu glauben, dass die DR Kongo sich morgen oder übermorgen in eine Demokratie verwandeln wird. Aber Wahlen, die in einem demokratischen Rahmen stattfinden, wären ein erster Schritt.

Wie sehen Sie die Lage im Kongo?

Die Situation erweckt den Anschein, unter Kontrolle zu sein, aber sie ist es nicht. Das zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: In keinem anderen afrikanischen Land gibt es so viele Vertriebene und Geflüchtete. Jeder sechste Kongolese ist auf humanitäre Hilfe angewiesen. Sollte sich die Lage verschärfen, droht eine Eskalation. Die Folgen wären unvorstellbar.

Wie meinen Sie das?

Die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, reichen bei Weitem nicht aus. Sollte sich die Situation weiter verschlechtern, riskieren wir eine tragische humanitäre Katastrophe. Gleichzeitig steht die EU unter nie da gewesenem Druck. Die Flüchtlingskrise ist noch nicht bewältigt. Hinzu kommt die Lage in Libyen. Unvorstellbar, was passieren würde, wenn nun auch noch Menschen aus dem Kongo nach Europa flüchten würden. Deshalb müssen wir den Dialog mit Mali, Niger und anderen Ländern aktiv verstärken.

Bei der Kongo-Geberkonferenz in Genf kam aber weniger zusammen als geplant...

Ich glaube, dass wir trotz der Abwesenheit der kongolesischen Regierung bei der Konferenz ein gutes Ergebnis erzielen konnten. Über 530 Millionen US-Dollar sind zusammengekommen. Es ist sicher, dass im Laufe des Jahres noch mehr Hilfe von der EU kommen wird. Vor ein paar Monaten war die humanitäre Krise im Kongo von der Welt fast vergessen. Jetzt nicht mehr.

Wird die Lage in Afrika generell unterschätzt?

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Afrika eine riesige Herausforderung ist. Die demografische Explosion wird die Hilfsbedürftigkeit vieler Länder noch verstärken. Im Kongo gibt es nur veraltete Schätzungen der Bevölkerungszahlen. Es ist wahrscheinlich, dass dort bereits heute weit über 100 Millionen Menschen leben. Im Niger bekommt eine Frau im Durchschnitt sieben Kinder. Wir brauchen eine gemeinsame Antwort auf diese Probleme.

Im Nordwesten des Kongos gibt es neue Ebola-Fälle. Was tut die EU gegen die Ausbreitung des Virus?

Dies ist eine Warnung an uns alle, dass wir uns in Sachen Ebola nie zurücklehnen dürfen. Wir haben ein Hilfspaket von drei Millionen Euro geschnürt. Der humanitäre Flugdienst der Kommission (Echo Flight) kommt zum Einsatz, um Ärzte, Experten, Notfallteams und Ausrüstung in die betroffenen Gebiete zu fliegen. Die schnelle medizinische Eingreiftruppe der EU (European Medical Corps), die nach dem großen Ebola-Ausbruch 2015 gegründet wurde, ebenfalls.

Fragen: Mirjam Moll