Hedwig heißt die erste Dame, die Uli Stein täglich besucht. Die zweite heißt Fräulein Bruni. Von beiden ist der Cartoonist und Fotograf begeistert. „Hedwig ist eine Taube, die seit fünf Jahren kommt. Ich füttere sie mit Erdnüssen und sie ist inzwischen fast zahm.“ Bulldogge Fräulein Bruni gehört Uli Steins Assistentin Kathrin Gawlik. „Ich liebe Hunde, habe aber keinen eigenen, weil ich allein lebe und dann niemand da wäre, der mit ihm rausgeht, wenn ich mal krank im Bett liege.“

Dafür habe er das Beste von beiden Welten: „Ich kann mich jeden Tag über diesen wunderbaren Hund freuen und habe doch nicht das ganze Paket der Verantwortung“, schmunzelt er. Dass er ein großer Fan der Vierbeiner ist, ist im Wohnzimmer zu sehen. An den Wänden hängen zwei großformatige Bilder mit Hundeporträts. Überhaupt ist in dem Haus in der Nähe von Hannover alles sehr groß: die Bilder, darunter ein Marlon-Brando-Gemälde seines Freundes Sebastian Krüger. Und der Fernseher – Uli Stein schätzt ihn auf 2,40 Meter Bilddiagonale. Die Möbel: groß, schwarz, Leder. Großer Glastisch.

Eine Ecke des Raumes ist zum Fotostudio umfunktioniert. Hier rückt Uli Stein Bulldoggen, Mastiffs und vielen anderen großen und kleinen Hunderassen mit seiner Nikon auf den Leib. Herausgekommen sind mehrere Bücher, eins davon heißt schlicht „Hunde“. 

Die Pinguine in der Sauna: Nette, etwas ironische Cartoons, so kennt man Uli Stein. Bild: catprint media
Die Pinguine in der Sauna: Nette, etwas ironische Cartoons, so kennt man Uli Stein. | Bild: catprint meddia

„Ein Buchprojekt war eigentlich gar nicht geplant. Alles begann mit ‚Donna’. Ich hatte sie in einem Restaurant gesehen, machte ein schnelles Handyfoto und wollte ihr Herrchen für einen Fototermin ansprechen. Dann war ich durch meine Essensbestellung abgelenkt und als ich mich wieder umdrehte, waren beide weg.“ Uli Stein läuft tagelang durch die Straßen und fragt nach dem dunkelbraunen Hund mit den ungewöhnlich großen Langhaar-Ohren, bis er ihn schließlich findet.

Das Shooting mit dem kleinen ehemaligen rumänischen Straßenhund macht Uli Stein so viel Freude, dass Hunderte weitere folgen, die meisten der sehr unterschiedlichen Hunde werden von seiner „wA“ („wunderbaren Assistentin“) Kathrin gecastet. „Hunde sind loyal, bedingungslos treu und man kann Tausend Sachen mit ihnen machen, das liebe ich so sehr an ihnen“, bekennt er und zündet sich eine filterlose Zigarette an. „Tiere allgemein liebe ich sehr.“ Er kann stundenlang unter einem Baum in Sichtweite eines Storchennestes liegen und so lange warten, bis alle drei Storchenbabys ihre Hälse recken, um dann im rechten Moment auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. „Das ist ja auch Arbeit“, sagt er und grinst. „Aber sehr angenehme!“

Der Cartoonist ist farbenblind

Auch sein Alltag sei alles andere als Stress. „Morgens frühstücke ich. Das heißt schwarzer Kaffee und Zigarette. Dann mache ich meinen Blogeintrag auf meiner Webseite, den ich am Abend vorher schon geschrieben habe und bespreche mich mit meiner Assistentin.“ Mittags geht’s dann zur Agentur, um Bücher zu signieren oder über neue Produkte zu sprechen. „Abends fahre ich zu meinem Italiener, weil ich keine Lust zum Kochen habe. Ich sitze immer am selben Tisch, seit Jahren schon.“

Ob er erkannt wird? „Ach nö, mein Gesicht kennt ja Gott sei Dank kaum jemand. Kann schon sein, dass mal jemand fragt: ‚Wer ist denn der Mann in Schwarz, der hier jeden Abend sitzt?’ – ‚Das ist Uli Stein’. – ‚Oh!’“, imitiert er den Kellner. Seine Fanpost wird wie auch alle Presseanfragen von seiner Agentin Katja Seifert von der Agentur Catprint vorsortiert. Bis er fünfzig war, hat der heute 70-Jährige alles selbst gemacht. „Hat mir damals aber auch Spaß gemacht!“, bekennt Uli Stein. 

Zwei Männer beim Bier: Hintersinniger Humor, wie die Uli-Stein-Fans ihn lieben. Bild: catprint media
Zwei Männer beim Bier: Hintersinniger Humor, wie die Uli-Stein-Fans ihn lieben. | Bild: catprint media

Nicht nur sein Alltag ist durchstrukturiert, auch das Arbeitswerkzeug ist gut sortiert, nichts liegt herum. „Früher, als ich meine Zeichnungen noch selbst koloriert habe, mussten meine Helfer immer die Farbstifte auf dem Tisch verteilen, wenn die Presse kam, damit es künstlerisch aussah“, verrät er. „Danach hieß es zack, zack, alles wieder in Reih und Glied nach Farben sortiert. So wusste ich immer, welche Farbe ich nehmen muss, ohne zu suchen.“ Hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass Uli Stein farbenblind ist. „Typische Rot-Grün-Schwäche“, meint er kurz.

Die Leidenschaft fürs Fotografieren und Zeichnen hat er von seiner Mutter. Genauso wie sie ist Uli Stein Autodidakt. „Sie hat neben dem Haushalt – mit Kohleofen! – gezeichnet, gemalt und fotografiert“, erzählt der gebürtige Hannoveraner. Er sei ein introvertiertes Kind gewesen. „Ich wollte immer Journalist werden, aber dann war ich bei der Berufsberatung. Die meinte, dass sei eine so brotlose Kunst, ich solle doch lieber Lehrer werden.“ Sechs Monate vor dem Ersten Staatsexamen an der Pädagogischen Hochschule passierte es dann. „Auf einmal war mir klar, dass ich mich nie vor Schüler stellen würde. Warum dann überhaupt die Prüfung ablegen? Ich bin von diesem Tag an nie wieder zur Uni gegangen.“

Schräge Satire nachts um elf

Damals verdiente er als Student schon genug Geld mit Beiträgen für den Saarländischen Rundfunk. „Das war eine Satiresendung, mit Dialogen über komische Tiere oder einem Interview mit einem Leichenwäscher.“

Bekannt wurde Stein eher für seine lustige Maus und sein Ehepaar Erwin und Martha. „Es gibt keine realen Erlebnisse, die mich inspirieren, jedenfalls nicht bewusst“, sagt er. Mit einer Zeichnung lasse sich eine Geschichte einfach viel schneller auf den Punkt bringen als mit langen Texten, erklärt er. Er hat aber auch eine dunkle Seite. „Das hier ist mein schwarzes Buch.“ Er zeigt auf ein schwarz eingebundenes Buch mit roter Schrift. Nichts für Anhänger der reinen Moral. Da hängt sich ein Mann auf und seine Ehefrau mokiert sich über die Rechtschreibfehler im Abschiedsbrief. Für Zeitschriften nicht abdruckbar, kam es bei den Lesern so gut an, dass „Das schwarze Buch“ inzwischen vergriffen ist. Ein kleiner, garstiger Nachfolgeband „Das kleine Schwarze“ („Ich mag den Titel sehr“, sagt er grinsend) wurde 2016 beim Lappan-Verlag herausgegeben und ist noch erhältlich.

Am Abend wird Stein wieder zu seinem Lieblingsitaliener fahren und auf dem Weg eine weitere Freundin treffen – ein Pferd. „Ich halte jeden Abend an und spendiere ihm eine Möhre. Inzwischen galoppiert es auch aus der Ferne heran, wenn es mich kommen sieht.“ Und am nächsten Tag wird er wieder fotografieren – vielleicht mit Bulldogge Fräulein Bruni, die gern als Fotomodell still sitzt. 

Autokauf der besonderen Art, gesehen von Uli Stein. Bild: catprint media
Autokauf der besonderen Art, gesehen von Uli Stein. | Bild: catprint media
Bei Eintagsfliegen muss alles etwas schneller gehen, auch die Nachhilfe... Gern lässt der Cartoonist in seinen Arbeiten Tiere sprechen. Bild: catprint media
Bei Eintagsfliegen muss alles etwas schneller gehen, auch die Nachhilfe... Gern lässt der Cartoonist in seinen Arbeiten Tiere sprechen. | Bild: catprint media