Ja, natürlich, er war zuallererst Horst Schimanski. Als wichtigster deutscher TV-Bulle war er stilbildend, Revolutionär der Mattscheibe, der polternde, empörte Held des kleinen Mannes. Aber Götz George, der nun im Alter von 77 Jahren verstorbene Schauspieler, war noch viel mehr. Zuverlässig wie kein Zweiter hat er über Jahrzehnte die deutschen Nachkriegsgenerationen begleitet. Er war, als die Wirtschaftswunderkinder nach Ablenkung, Abenteuer und schönen Landschaften verlangten, Fred Engel, der beim Kampf um den „Schatz im Silbersee“ tollkühn vom Rücken des galoppierenden Pferdes hechtete, um den Schurken zu fangen. Firlefanz, Märchenkino. Götz George war aber auch dabei, wenn es ernst wurde. Wenn die mörderische Vergangenheit, über die die Alten lieber schwiegen, Thema sein musste, weil die Nachgeborenen am Unausgesprochenen zu ersticken drohten.

Eine seiner bedeutendsten Rollen spielte Götz George im Jahr 1977: Rudolf Höß, den Lagerkommandanten von Auschwitz. „Ich sagte mir, ich spiele hier einen ganz treuen kleinlauten Deutschen, der nur den Befehlen folgen und zuhören kann, einer, der niemals auftrumpft“, erzählte der Schauspieler seinem Biografen Torsten Körner. „Das durfte kein grölender Nazi sein, sondern ein kleiner Mann, der auf einmal hinter dir steht, der tut mit keinem Flügelschlag kund, dass er da ist, aber gerade deshalb ist er so gefährlich.“

„Aus einem deutschen Leben“ – so harmlos der Filmtitel klingt, so brutal ist der Inhalt. Bis ins Mark erschütternd ist die Szene, in der der Kommandant seiner entsetzten Gattin versichert, dass er selbst seine eigenen Kinder töten würde, wenn ihm das befohlen würde. Götz Georges Höß sitzt am Schreibtisch und sorgt sich, ob 10¦000 „Einheiten“ täglich zu schaffen sind, während er einen Fussel von der Uniform schnippt.

Regisseur Theodor Kotulla drehte „Aus einem deutschen Leben“ an den Mordstätten von Auschwitz-Birkenau. Dass er an diesem Ort in der Uniform eines SS-Offiziers marschieren und kommandieren musste, war die vielleicht extremste Erfahrung in Georges langem Berufsleben. Zeitweise erstarrte er geradezu, am Ende der Dreharbeiten war er psychisch vollkommen erschöpft. Geblieben ist ein leider wenig gesehener, aber wichtiger deutscher Nachkriegsfilm.

Götz George hätte vermutlich die Gelegenheit bekommen, einen weiteren fürchterlichen KZ-Kommandanten zu verkörpern – in einer aufsehenerregenden Großproduktion, die ihm wohl den Weg nach Hollywood geebnet hätte. Regisseur Steven Spielberg plante 1992, ihn mit der Rolle des Amon Göth in „Schindlers Liste“ zu betrauen. George zauderte, schlug schließlich die Einladung des Starregisseurs zum Kennenlernen aus. Er, der deutsche Schauspieler, vertraue seiner Kunst nur in der eigenen Sprache, erklärt Biograf Körner. Außerdem waren ihm auch hier vielleicht die Erlebnisse des verehrten Vaters Heinrich George Warnung genug, der sich in Hollywood versucht und bald wieder nach Deutschland zurückgesehnt hatte. Den Amon Göth spielte dann Ralph Fiennes.

Götz Georges großes Vorbild

Heinrich George, der Vater. Das große Vorbild, das zu erreichen Götz George immer unmöglich schien. Schon dass er Götz hieß, wies auf Beruf und Erfolg des so Verehrten hin, auf den „Götz von Berlichingen“, Heinrich Georges liebste Rolle. Aber Vater Heinrich spielte eben auch in „Jud Süß“, dem ekelhaften Machwerk der NS-Propaganda, und im Durchhaltefilm „Kolberg“, er ließ sich von den Nationalsozialisten vor deren Karren spannen. Götz George hat den Vater ein Leben lang verteidigt, leidenschaftlich und manchmal geradezu blindwütig. 2013 spielte er seinen Vater in dem Dokudrama „George“. Der Film war Götz George eine Herzenangelegenheit. Dass die ARD-Verantwortlichen ihn in der Sommerzeit quasi versendet hätten, nahm der Star dem Sender nachhaltig übel.

Heinrich George, der große Schauspieler, starb im September 1946 in sowjetischer Gefangenschaft, „Götz“ soll sein letztes Wort gewesen sein. Der Sohn war da acht Jahre alt. Der tote Vater wird ihm zum „Begleiter aus dem Schattenreich“, wie er es einmal formulierte. Als junger Schauspieler am Deutschen Theater in Göttingen trug Götz George stets Schallplattenaufnahmen des Vaters mit sich, um dessen Stimme zu studieren. Um stets vom Vater zu lernen.

Wo die Betroffenheit über die Verstrickungen des Vaters endete und das Interesse an den menschenverachtenden, mörderischen Mechanismen des Nationalsozialismus begann, das wusste vielleicht auch Götz George nicht genau – ebenso wie viele Männer und Frauen seiner Generation. Auffällig ist jedenfalls, dass er in etlichen, auch sehr unterschiedlichen Filmen dabei war, die große Schuld und fehlende Sühne, Verdrängung und Verharmlosung behandelten. Ein Jahr, nachdem er im jugoslawischen Karstgebirge den wackeren Helden auf dem gefährlichen Weg zum Silbersee gegeben hatte, spielte er 1963 in „Mensch und Bestie“ (Regie: Edwin Zbonek) ebenfalls in Jugoslawien einen geflohenen KZ-Häftling. 1964 war er mit von der „Herrenpartie“ (Regie: Wolfgang Staudte). Eine fröhlichen Reisegruppe von Wirtschaftswundergewinnlern kommt in Jugoslawien vom komfortablen Weg ab und wird mit den Opfern einer deutschen Vergeltungsaktion während des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Der Zuschauer lernt schnell: Die Schicht, die den demokratischen Bundesbürger vom alten Nazi trennt, ist hauchdünn.

Glanzstück in Götz Georges Karriere

„Schtonk“, Helmut Dietls herrliche Satire auf die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher, gilt zu Recht als Glanzstück in Götz Georges Karriere. Hinreißend spielt er Starreporter Hermann Willié, der Nazi-Plunder aller Art sammelt, auf Görings Yacht residiert und Görings Nichte beschläft. Diese Mischung aus Pfau und Pfeife ist ein leichtes Opfer für Fälscher Fritz Knobel, der ihm für viel Geld Hitlers angebliche Tagebücher andreht („.

.. die unmenschlichen Anstrengungen der vergangenen Tage verursachen mir Blähungen im Darmbereich“). „Schtonk!“ watscht mit Wonne die grassierende Hitlertümelei ab. Meister Dietl war 1992 übrigens von seinem Hauptdarsteller begeistert: „Dieser Mann braucht weltweit keinen Vergleich zu scheuen. Er gehört für mich zu den großen, internationalen Kalibern.“

Was wäre, wenn Dr. Josef Mengele, der Folterarzt von Auschwitz, zurückkäme in die Bundesrepublik, um sich vor Gericht zu verantworten – mit dem Argument, dass er aus damaliger Sicht nichts Unrechtes getan habe? Mit diesem Gedankenexperiment spielt „Nichts als die Wahrheit“ von Roland Suso Richter aus dem Jahr 1999. Götz George gibt – hinter Latexfalten schwer zu erkennen – den Schlächter Mengele, der mit diabolischer Freude seine Argumente vorträgt und den Rechtsstaat vorzuführen versucht. Der Filmdienst befand: „Ein eindringlich gespielter Polit-Thriller, der die fiktive Geschichte geschickt mit realen gesellschaftlichen Zuständen verbindet, wobei er provokativ die Frage nach der Wahrheit stellt, den Zuschauer aber nicht mit eindeutigen Antworten entlässt.“

Immer wieder hat George das große Thema von den Verbrechen der Deutschen umkreist und sich ihm von den unterschiedlichsten Seiten genähert. In „Mein Kampf“, basierend auf der Groteske von George Tabori, spielt er 2009 den Juden Schlomo Herzl, der sich in einem Wiener Männerheim bemüht, dem überspannten Jüngling Adolf Hitler so etwas wie Herzenswärme, Güte und Nächstenliebe nahezubringen. Das vollkommene Scheitern solcher Bemühungen ist allerdings bekannt.

2014 erhielt Götz George das Bundesverdienstkreuz. Zu Recht.

 

Film-Ausschnitte von Götz George:

“Wetten, dass ..?” (1998):

 

Das Besondere am Schimanski-Tatort:

 

Mein Kampf – Trailer:

 

Rossini - Trailer

 

Aus einem deutschen Leben – Trailer: