Wenn die Natur ein Unternehmen gründen würde, wie würde es aussehen? Diese Frage ist für Stefanie Aufleger zur Leitfrage geworden. Die 40-jährige Unternehmensberaterin aus Konstanz hat sich das Ziel gesetzt, ihr Unternehmen so gut wie möglich im Einklang mit der Natur zu führen. Auch anderen Unternehmen möchte sie helfen, ökologische Fragen stärker in den unternehmerischen Alltag einzubeziehen. "Wir erforschen Wachstumsprinzipien der Natur und übertragen diese auf Betriebsprozesse", erklärt Aufleger ihre Grundidee.

Zentral für sie ist dabei das Konzept der Gemeinwohlökonomie, das von dem Österreicher Sozialwissenschaftler Christian Felber entwickelt wurde (siehe Interview). Demnach werden Unternehmen nicht an ihrem Gewinn gemessen, sondern daran, was sie für die Gesellschaft tun. Besonders nachhaltige und soziale Unternehmen sollen nach diesem Konzept mit Steuererleichterungen und günstigen Krediten belohnt werden. Zentrale Werte des Konzepts sind Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung. Diese Werte werden in der Gemeinwohlbilanz anhand der Beziehung zu Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden, Geldgebern und der Gesamtgesellschaft durchdekliniert. Je besser und authentischer ein Unternehmen diese Werte lebt, desto höher fällt die Punktzahl in der Gemeinwohlbilanz aus. Die Gemeinwohlbilanz ersetzt die klassische Unternehmensbilanz, in der Gewinne und Umsätze im Vordergrund stehen, allerdings nicht. Zunächst einmal erstellt ein Unternehmen die Gemeinwohlbilanz freiwillig und nur für sich. Das Finanzamt ist – anders als bei der klassischen Bilanz – in diesen Prozess nicht eingebunden. Man sich seine Gemeinwohlbilanz aber durch einen externen Prüfer bestätigen lassen, um bei Kunden und Mitarbeitern glaubwürdiger auftreten zu können.

Das Konzept der Gemeinwohlökonomie legt großen Wert auf ein Wirtschaften im Einklang mit ökologischen und sozialen Kriterien – im Bild symbolisiert durch Grafiken auf einem Tablet.
Das Konzept der Gemeinwohlökonomie legt großen Wert auf ein Wirtschaften im Einklang mit ökologischen und sozialen Kriterien – im Bild symbolisiert durch Grafiken auf einem Tablet. | Bild: Robert Kneschke – stock.adobe.com

Noch ist die Idee ein Nischen-Konzept ohne rechtliche Bindung. Doch allein in Baden-Württemberg gibt es aktuell 16 Regionalgruppen, die sich mit dem Thema Gemeinwohlökonomie auseinandersetzen. So hat beispielsweise die Regionalgruppe Konstanz aktuell 15 aktive Mitglieder. Immer mehr Unternehmen – beispielsweise der Outdoor-Hersteller Vaude aus Tettnang – schließen sich diesem Konzept an. In Konstanz bilanzieren aktuell etwa eine handvoll Unternehmen nach dem Gemeinwohl-Prinzip – eines davon ist die Unternehmensberatung von Stefanie Aufleger, die sie 2001 als junge Studentin gründete und die heute sechs Mitarbeiter beschäftigt.

"Durch die Bilanzierung nach Gemeinwohl-Kriterien ändert sich zunächst gar nichts", gibt Stefanie Aufleger zu. Doch in einem zweiten Schritt könne die neue Form der Bilanzierung für ein Umdenken im Unternehmen sorgen. "Es geht um eine Änderung der unternehmerischen Einstellung", sagt Aufleger. Eine Bilanzierung nach Gemeinwohl-Kriterien sei kein PR-Thema. "Die Werte müssen in die Unternehmenskultur einfließen. So etwas muss man ganz oder gar nicht machen", sagt Aufleger, die große Konzerne, Mittelständler, aber auch Gemeinden und Schulen berät. Die Gemeinwohlökonomie ist somit eher eine Philosophie oder Weltanschauung als eine Buchführungstechnik

Der Outdoor-Hersteller Vaude bilanziert nach Gemeinwohl-Kriterien.
Der Outdoor-Hersteller Vaude bilanziert nach Gemeinwohl-Kriterien. | Bild: Vaude

Dass die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) kein reines Unternehmerthema ist, zeigen die beiden Vorarlberger Gemeinden Nenzing und Mäder. Die beiden Gemeinden bilanzieren seit vergangenen Jahr nach Gemeinwohlkriterien und gehören damit zu den Pionieren im deutschsprachlichen Sprachraum. Knapp hundert Seiten umfasst die Bilanz. Die Analyse reichte vom Einkauf des Streusalzes für die Straßen und von Spielsachen für den Kindergarten über die Form der Geldanlagen und Versicherungen. "Seitdem wir nach der GWÖ bilanzieren, ist das Bewusstsein für das, was wir im Alltag machen, gestiegen", sagt die Nenzinger Verwaltungsmitarbeiterin Laura Scherer. So habe man vor allem hinterfragt, ob alle Lieferanten auch den ethischen Kriterien der GWÖ entsprechen. Künftig sei zudem angedacht, besonders nachhaltige Unternehmen bei der Kommunalsteuer zu entlasten.

Rechts:</span> Blick auf die Vorarlberger Gemeine Nenzing, die nach Gemeinwohlkritierien bilanziert. Bild: Nenzing</span>
Blick auf die Vorarlberger Gemeine Nenzing, die nach Gemeinwohlkritierien bilanziert. Bild: Nenzing

Mittlerweile bilanzieren auch die Gemeinden Wielenbach (Bayern) sowie Breklum, Klixbüll und Bordelum (Schleswig-Holstein) nach GWÖ-Kriterien. Auch in Baden-Württemberg gibt es erste Ansätze. So bilanzieren vier Stuttgarter kommunale Betriebe (Hafen Stuttgart, die Bau- und Wohngesellschaft, die Stadtentwässerung und der städtische Eigenbetrieb Leben und Wohnen) anhand des Gemeinwohl-Konzepts. Auch die Stadt Konstanz erwägt einen ähnlichen Schritt. "Oberbürgermeister Uli Burchardt unterstützt die Zielrichtung grundsätzlich und hat angeregt, dass – entsprechend der städtischen Unternehmen der Stadt Stuttgart – auch Konstanzer Betriebe den Weg der Gemeinwohlbilanzierung beschreiten können", heißt es von Seiten der Konzistadt. So sei angedacht, dass künftig die Spitalstiftung, die vor allem in der Altenpflege tätig ist, eine Gemeinwohlbilanz erstellt.

Auch an den Hochschulen gewinnt das GWÖ-Konzept an Fahrt. So hat die spanische Universität Valencia einen Lehrstuhl für Gemeinwohl-Ökonomie eingerichtet. Die Fachhochschule Burgenland (Österreich) hat einen Masterstudiengang zur Gemeinwohlökonomie ins Leben gerufen. Und die Universitäten Kiel und Flensburg haben ein großes Forschungsprojekt zur Gemeinwohlökonomie gestartet.

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Doch taugt das Konzept, um eines Tages unser auf Gewinne ausgerichtetes System der freien Marktwirtschaft abzulösen oder zumindest ergänzen? Der Ökonom Martin Leschke von der Universität Bayreuth hat sich mit dem Konzept beschäftigt und kommt zu einer skeptischen Beurteilung. "Das Konzept ist eine radikale Kehrtwende gegenüber dem heutigen marktwirtschaftlichen System", sagt er. Positiv hebt er hervor, dass Unternehmen einen Anreiz zu ethischem Verhalten bekommen. Doch das Konzept habe "entscheidende Schwachstellen". Dadurch, dass Gewinn als lenkender Faktor weitgehend abgeschafft werde, würde das Innovationspotenzial einer Volkswirtschaft drastisch reduziert.

Zudem sei die Messung von Gemeinwohlhandeln als Grundlage der Unternehmensbesteuerung schwieriger als die Messung von Gewinnen. Der Ansatz weise zwar zurecht auf zahlreiche Probleme in den Bereichen Umwelt, Finanzen und Wirtschaft hin. Doch der Therapievorschlag sei wenig hilfreich. Es sei besser innerhalb des bestehenden marktwirtschaftlichen Systems die Rahmenordnung so zu optimieren, dass unerwünschte ökologische und soziale Nebenwirkungen des Wirtschaftens beseitigt werden. "Die Staaten sind für die Regulierung zuständig und verantwortlich. Umweltprobleme sind genauso wie gravierende Missstände im Finanzsektor auf eine fehlerhafte oder lückenhafte Regulierung zurückzuführen", sagt er. Da unser Wirtschaftssystem lernfähig sei, seien Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit kein prinzipieller Widerspruch – auch wenn es in der Vergangenheit oft so war.

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