Es gibt Menschen, für die ist Einsamkeit ein Fremdwort. Für Anneliese Hegemer, 76, Stamislava Hossbach, 69, Irmgard Zeller und Claudia Horn zum Beispiel. Alle vier arbeiten als Ehrenamtliche beim AWO-Pflegeheim in der Singener Südstadt in der Betreuung mit. Anneliese Hegemer, die vor einigen Jahren aus Berlin zu ihrem Sohn nach Singen zog, wandte sich direkt an die Verantwortlichen und sagte: „Ich möchte etwas tun.“ Sie sorgt für Unterhaltung bei den Kaffeenachmittagen, weil sie nicht mehr so gut zu Fuß ist, singt mit den Senioren und macht Einzelbesuche.

Stamislava Hossbach bastelt mit den Senioren, hilft bei den Kaffeenachmittagen und geht mit den alten Leuten spazieren. Irmgard Zeller aus Tengen kümmert sich um spirituelle Bedürfnisse und begleitet Sterbende. Und Claudia Horn bietet Gymnastik an, organisiert Ausflüge und kümmert sich mit Interessierten um den Garten. Allerdings wirkt keine der Frauen so, als sei sie jemals einsam gewesen. Alle waren stets engagiert, ob in der Familie, in Vereinen oder im Beruf. Zwei arbeiten noch dazu in der Flüchtlingshilfe mit.

Anneliese Hegemer (links) und Stamislava Hossbach, ehremamtliche Betreuerinnen des AWO-Pflegeheims in Singen/Hohentwiel. Anneliese Hegemer sorgt für Unterhaltung beim Singen, bestreitet den Berliner Stammtisch, S. Hossbach bastelt und geht mit den Leuten spazieren. Bild: Schierle
Anneliese Hegemer (links) und Stamislava Hossbach, ehremamtliche Betreuerinnen des AWO-Pflegeheims in Singen/Hohentwiel. Anneliese Hegemer sorgt für Unterhaltung beim Singen, bestreitet den Berliner Stammtisch, S. Hossbach bastelt und geht mit den Leuten spazieren. Bild: Schierle | Bild: Beate Schierle

Hermann Hesse verglich die Einsamkeit mit einem isolierenden Nebel

Doch es gibt viele Menschen, die leben nicht so. Die Einsamkeit gilt als eine der Seuchen des 21. Jahrhunderts. „Ich bin überzeugt, dass es mehr werden“, sagt Anita Schaffner vom Seniorenrat Radolfzell. „Die Leute werden immer älter, und die, die nicht in Heimen sind, sitzen zu Hause und warten auf den Tag X.“ Inzwischen soll es in Deutschland 17 Millionen Single-Haushalte geben; am 1. März erscheint ein Buch des Internet-Skeptikers Manfred Spitzer zum Thema. Hermann Hesse verglich die Einsamkeit mit einem isolierenden Nebel, Rainer Maria Rilke mit der Monotonie des Regens.

Doch was ist die Ursache dieses Gefühls? Experten geben Hinweise, unabhängig von der allgemein beklagten Individualisierung der Menschen. „Gegenseitiges Misstrauen und negative Gedanken“, behauptet John T. Cacioppo von der Universität Chicago. Menschen, die sich einsam fühlen, empfänden die Welt als bedrohlich. Sie seien sich dessen vielleicht nicht bewusst, aber sie hegten negative Gedanken über andere Personen. Diese Gedanken zeigten sie durch ihren Gesichtsausdruck, ihre Gebärden, ihre Körpersprache oder Kommentare, zögen sich danach oft ins vertraute Schneckenhäuschen zurück – und verschlimmerten so ihre eigene Lage.

Einsamkeit ist aber nicht nur einfach ein Phänomen. Sie kann Krankheiten auslösen. Das weiß man gesichert seit gut zehn Jahren. In unterschiedlichen Studien wurde nachgewiesen, dass Einsamkeit Ursache für Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Depressionen oder Schlafstörungen sein kann. Denn wer so fühlt, leidet unter chronischem Stress. Einsame alte Menschen verlieren schneller als andere an geistiger Beweglichkeit. Laut einer Großstudie amerikanischer Psychologen haben Einsame ein kürzeres Leben: „Der Effekt ist vergleichbar mit dem des Übergewichts“, sagt die Wissenschaftlerin Julianne Holt-Lunstad, Professorin für Psychologie an der Brigham Young Universität in Utah. Darum sei Einsamkeit so etwas wie die neue Fettleibigkeit. Als Problem der öffentlichen Gesundheit werde sie bislang allerdings nicht ernst genommen.

Ein Risiko für Einsamkeit ist das Alter. Der Münchner Medizinprofessor Karl-Heinz Ladwig wertete mit Kollegen Daten von Senioren aus dem Augsburger Raum in der sogenannten Kora-Age-Studie aus: Fast jeder Fünfte über 65 fühlt sich demnach einsam. Zwischen Männer und Frauen gibt es dabei keine Unterschiede. Auffällig ist, dass gerade einsame Männer erheblich öfter depressiv werden als sozial gut angeschlossene Altersgenossen. Bei einsamen Frauen sind Depressionen dreimal so häufig. Doch zeigt diese Studie auch: Nicht das nur Alleinleben – insbesondere nach dem Tod des Partners – ist der Hauptgrund für Einsamkeit. Denn selbst bei über 85-Jährigen wächst der Anteil der Einsamen nicht.

Das entscheidende Rezept gegen Einsamkeit sei, ein soziales Netzwerk zu haben und sei es im Seniorenheim. Schon ein Gespräch am Gartenzaun oder beim Bäcker könne ein Rezept gegen die Einsamkeit sein, heißt es. Ladwig rät: „Jeder sollte der Alterseinsamkeit gegensteuern, und zwar nicht erst, wenn er den Rentenbescheid in der Hand hält.“ Der Wissenschaftler hält nichts davon, nach mehr Senioren-Programmen zu rufen. „Es gibt bereits eine sehr große Zahl an Angeboten für ältere Menschen.“ Wenn etwas gebraucht werde, dann mehr Motivation, diese Möglichkeiten auch anzunehmen.

Die Autorin Eva Wlodarek („Einsam – Vom mutigen Umgang mit einem schmerzhaften Gefühl“) rät erst mal zur Eigeninitiative: „Mach dir klar: Letztlich liegt es an dir, dass du einsam bist. Deine Mitmenschen haben sich nicht gegen dich verschworen.“ Der Weg aus der Angst führe durch die Angst, rät sie: Menschen ansprechen, Fragen stellen, zuhören. Dabei solle man sich nicht ärgern, wenn man auch mal auf Ablehnung stößt: „Nicht aus jedem neuen Kontakt entsteht sofort eine Freundschaft.“ Ihre Kollegin Doris Wolf („Einsamkeit überwinden. Von innerer Leere zu sich und anderen finden“) wird noch konkreter: „Der erste Schritt aus der Einsamkeit ist der Schritt auf sich selbst zu“, schreibt sie. Einsamkeit zu heilen bedeute, aufzuhören, sich selbst abzulehnen und stattdessen sich selbst anzunehmen – und dann das eigene Schneckenhaus zu verlassen.

Erste Gesprächspartner fänden sich schnell: Nachbarn, die Friseurin oder der Verkäufer im Laden. „Reden Sie über Alltägliches: das Wetter, einen Zeitungsartikel oder das Fernsehprogramm“, heißt es in Ratgebern. Empfohlen wird auch, sich eine Liste der eigenen Interessen anzulegen und dann zu schauen, wo man Menschen mit ähnlichen Hobbys treffen kann. Dies könne ein Kochkurs sein, ein Angelseminar oder Rückengymnastik für Anfänger. Vor allem sollte man keine Angst vor Neuem haben – ob Handy oder Computer. „Zu alt darf keine Ausrede sein“, heißt es. Am besten sei, sich einer sinnvollen Aufgabe zu stellen, zum Beispiel einem Ehrenamt. Dadurch fühle sich jeder gebraucht und habe Kontakt zu Menschen. Davon profitieren beide – der Helfer und der, dem geholfen wird.

Genau diesen Eindruck machen auch die vier Frauen in Singen. In der Gesprächsrunde wirken sie glücklich, zugewandt, ausgefüllt. Für Hanni Hassfeld, die Betreuungsfachkraft des Heimes, die die vielen Angebote koordiniert – vom Konzert des Männergesangvereins bis zum Besuch der Oldtimerfreunde – , und Heimleiter Dominik Eisermann sind die Ehrenamtlichen unverzichtbar: „Das ist so eine Bereicherung“, findet sie. Und Eisermann ergänzt: „Unser Personal reicht nicht für die soziale Betreuung der Heimbewohner aus. Das Pflegerische ist gewährleistet, aber die Zuwendung, die Abwechslung – das würde fehlen.“

<strong>Ehrenamtliche sind für sie unverzichtbar:</strong> Dominik Eisermann, Leiter des AWO-Pflegeheims (Emil-Sräga-Haus) in Singen (links) und Hanni Hassfeld, eine der Betreuungskräfte des Heims. Bild: Schierle
Ehrenamtliche sind für sie unverzichtbar: Dominik Eisermann, Leiter des AWO-Pflegeheims (Emil-Sräga-Haus) in Singen (links) und Hanni Hassfeld, eine der Betreuungskräfte des Heims. Bild: Schierle | Bild: Beate Schierle

Dass es heute mehr Einsamkeit gibt, das sehen die ehrenamtlichen Betreuerinnen auch so. „Das liegt ja auch am gesellschaftlichen Wandel“, sagt Claudia Horn. Es gebe keine Großfamilien mehr, und immer mehr Menschen seien alleine, auch Männer. Umso schöner sei es, die Dankbarkeit der Senioren zu erleben, sind sich die Frauen einig. Mal sei es ein Händedruck, mal ein Lächeln oder dieser schöne Wunsch eines Herrn aus Dresden, nachdem Anneliese Hegemer ihn besucht hatte: „Kommen Se recht bald wieder!“

 

Ein eigenes Ministerium zum Thema Einsamkeit

In Großbritannien hat Premierministerin Theresa May die bisherige Staatssekretärin für Sport und Ziviles, Tracey Crouch, zur Ministerin für Einsamkeit ernannt. Nach einer Studie fühlen sich dort neun Millionen Menschen oft oder immer einsam. Betroffen seien vor allem Senioren, pflegende Angehörige sowie Menschen, die um den Verlust eines nahestehenden Menschen trauern. Laut Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum fühlt sich hierzulande jeder Fünfte über 85 einsam. Der Augsburger Psychologe Rudolf Müller-Schwefe erklärt, es sei die Urangst schon des Frühmenschen, von der Gruppe zurückgelassen zu werden und so dem Tod geweiht zu sein. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert einen Verantwortlichen in einem Ministerium. Das Bundes-Familienministerium unterstützt bundesweit 540 Mehrgenerationenhäuser, in denen sich Menschen unterschiedlichen Alters begegnen können. In der Region gibt es sie in Radolfzell, Markdorf, Bad Dürrheim, Tuttlingen und Lauchringen. (kap/jk/bea)

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