Schon im April waren keine Eintrittskarten mehr zu haben, der Ansturm auf das Southside-Festival in Neuhausen ob Eck ist so groß wie meistens in den 18 Jahren seines Bestehens. Und doch ist diesmal vieles anders.

Nie zuvor war das Großereignis auf der schwäbischen Alb mit so vielen Fragezeichen versehen: Wie sicher ist ein Besuch der Veranstaltung nach dem verheerenden Anschlag auf ein Konzert in Manchester vor wenigen Wochen? Wird das Wetter diesmal halten, nach dem verheerenden Sturm im vergangenen Jahr? Was, wenn bloße Angst eine Massenpanik auslöst wie erst kürzlich bei einer Fußballübertragung in Turin? Wir haben die drei größten Gefahrenszenarien für Southside näher untersucht.

Terrorgefahr: Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen auch beim Southside


Die zwischenzeitliche Evakuierung des Geländes beim legendären Festival „Rock am Ring“ Anfang des Monats hat vielerorts Verunsicherung ausgelöst. Von einer terroristischen Gefährdungslage war die Rede, verantwortlich dafür waren zwei Verdächtige. Nach einer polizeilichen Überprüfung wurde Entwarnung gegeben, das Festival konnte weitergehen.

Jonas Rohde, Pressesprecher des Southside-Veranstalters FKP Scorpio, sieht im reibungslosen Ablauf dieser Evakuierung schon einen ersten Erfolg der in den vergangenen Jahren verstärkten Sicherheitsmaßnahmen: „Sämtliche Veranstalter in Deutschland und die Sicherheitsbehörden arbeiten ganzjährig sehr eng zusammen und stimmen ihre Maßnahmen weitestgehend ab.“
 

Was ihr zu euer Sicherheit wissen müsst

  • Was muss ich tun, wenn ich mich bedroht fühle?
    Viele Besucher scheuen sich davor, sich in einer als bedrohlich empfundenen Situation anderen Menschen anzuvertrauen. Der Veranstalter bietet deshalb besorgten Besuchern eine niederschwellige Hilfe an. Wer ungewöhnliche Vorkommnisse beobachtet oder sich einfach nur unwohl fühlt, kann sich mit der Frage "Wo geht's nach Panama?" an Mitarbeiter wenden, die ein grün-violettes Armband mit dem Schriftzug "Panama" tragen. Er wird dann ohne weitere Rückfragen oder Kommentare in eine geschützte Umgebung gebracht.
  • Wie läuft eine Evakuierung ab?
    Ein Verantwortlicher des Festivals wird auf der Bühne die Besucher über die Notwendigkeit der Räumung informieren. Die Besucher werden dann gebeten, das Gelände ruhig, aber zügig durch den nächstgelegenen Notausgang zu verlassen und im Auto Schutz zu suchen. Dort sollen sie auch Besuchern, die ohne Auto angereist sind, Schutz bieten. Auch die Shuttlebusse bieten Schutz.
  • Wie viele Ausgänge hat das Gelände?
    Der Campingplatz hat 25, das Veranstaltungsgelände 8. Alle Ausgänge sind in den Besucherplänen verzeichnet.
  • An wen sollten sich Eltern von Festivalbesuchern richten, wenn sie sich wegen eines unvorhergesehenen Ereignisses um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen?
    Die Polizei ist über Notruf 110 und unter der Rufnummer 07461/941 350 rund um die Uhr erreichbar. Der Veranstalter hat zudem eine Betreuungs-Hotline eingerichtet. Die Rufnummer lautet 01806/853 653.
  • Kann es passieren, dass bei Southside verdächtige Mitarbeiter beschäftigt sind?
    Bei Rock am Ring gab es eine Evakuierung aufgrund eines Verdachts gegen zwei Mitarbeiter. Die Gefahr scheint beim Southside Festival aber gering zu sein. Die Polizei teilt auf Anfrage mit, man habe die "Sicherheitsüberprüfungen voll umfänglich durchgeführt".
  • Wie viele Polizisten sind überhaupt im Einsatz?
    Diese Frage bleibt ein großes Geheimnis. Die Polizei bittet dafür um Verständnis, dass sie "aus verschiedenen Gründen keine Stärkemeldung liefern" könne. Sicher sei lediglich, dass mehr Beamte im Dienst sein werden als im vergangenen Jahr.
  • Wie stark sind die Johanniter auf dem Festival vertreten?
    Die Johanniter-Unfall-Hilfe ist mit 450 Helfern vor Ort.
  • Welche Krankenhäuser werden im Notfall angefahren?
    Da ist das Klinikum in Tuttlingen die erste Adresse. Sollte dessen Kapazität nicht ausreichen, werden die Patienten von Tuttlingen aus in weitere umliegende Krankenhäuser weitergeleitet.
  • Welche Hallen stehen als Notunterkünfte zur Verfügung?
    Praktisch alle umliegenden Schul- und Sporthallen. Die jeweiligen Hausmeister sind informiert und stehen bereit, um sie im Notfall zu öffnen. Die Hallen werden mit Shuttlebussen angefahren.
  • Sind für den Fall einer Evakuierung Busse im Einsatz?
    Ja, es sind sowohl zwei Shuttlelinien auf dem Festivalgelände als auch eine Shuttlelinie zum Bahnhof Tuttlingen im Einsatz. Diese Busse werden auch im Falle einer Evakuierung genutzt.

Auch das Publikum selbst verhalte sich vorbildlich: „Ich denke, da hat unsere von den Behörden viel gelobte Kommunikation letztes Jahr auch ihren Anteil. Die Gäste wissen, dass man nicht zum Spaß das Programm unterbricht.“ 

 

Detaillierte Einblicke in die Lehren aus den Vorfällen in Manchester und bei Rock am Ring will man beim Veranstalter nicht geben. Gerade die Geheimhaltung sei ein wichtiger Baustein des Sicherheitskonzepts, heißt es. Einen Hinweis gibt es aber doch: Die Besucher müssen sich auf intensives Körperabtasten und ausführliche Taschenkontrollen einstellen. Deshalb lautet der beste Rat: Reist gar nicht erst mit Taschen an!

Wer das beherzigt, wird doppelt belohnt. Denn nicht nur die Kontrolle des Gepäcks entfällt, sondern auch das lange Anstehen: Wer außer seiner Kleidung nicht mehr mitbringt als ein Mobiltelefon, einen Schlüsselbund und sein Portemonnaie, wird auf einer sogenannten Fast Lane, also einer schnelleren Spur, besonders schnell durchgewunken.

Mehr Sicherheit verspricht neben dem Veranstalter selbst auch die Polizei. Sie wird 2017 erstmals den neu eingerichteten Twitteraccount sowie die Facebook-Seite nutzen, um mit den Besuchern zu kommunizieren. Außerdem gebe es auf dem gesamten Gelände eine Kameraüberwachung. 

Überdies wolle man die Zahl der Beamten im Vergleich zum Vorjahr erhöhen, sagt Thomas Kalmbach vom Polizeipräsidium Tuttlingen. „So wird Sicherheit sichtbar gemacht.“ Allerdings werde man auch Maßnahmen treffen, von denen die Besucher nichts mitbekommen.

Unwetter: Sicherheitskonzept hat im vergangenen Jahr Schlimmeres verhindert


Schwarze Wolkenberge, umherfliegende Zelte und Menschen, die sich vor Blitz und Donner in Autos und Turnhallen flüchten – es klingt nach Apokalypse, wenn Besucher und Einsatzkräfte vom Abend des 24. Juni 2016 erzählen. An diesem Freitag verwandelte ein schweres Unwetter das Southside-Festival innerhalb weniger Minuten von einem hochsommerlichen Musikspektakel in ein von Sturmböen und Regenmassen zerstörtes Schlachtfeld. 27 Menschen wurden in dieser Nacht verletzt. Der Abbruch der 18. Auflage des Southside war eine traurige Premiere für alle Beteiligten.

Das Sicherheitskonzept, heißt es bei FKP Scorpio, habe Schlimmeres verhütet. Was darunter genau zu verstehen ist, möchte man aber auch hier nicht preisgeben. Grund diesmal: Versicherungssummen. Festivals wie Southside sind ein Millionengeschäft, wie wiel Geld wirklich im Spiel ist, möchte man ungern verraten.

Gesprächiger sind die Einsatzkräfte, die während des Festivals für Sicherheit sorgen. Die Johanniter, die für den Sanitätsdienst auf dem Festivalgelände zuständig sind, teilen mit: Von 1000 mitgebrachten Infusionen, 1500 Verbandspäckchen und 280 Meter Pflaster war nach der Sturmnacht nicht mehr viel übrig. Der Gesamtschaden belief sich auf 46.000 Euro.

 

FKP Scorpio hat nach dem Abbruch seinen Kunden die Ticketkosten anteilig zurückerstattet. Wie viele Geschädigte dieses Angebot in Anspruch nahmen und wie viele Personen das Ersatzangebot eines vergünstigten Frühbuchertickets nutzten, das alles gehört zum Geschäftsgeheimnis – „Versicherungsinterna“, wie Benjamin Hetzer, zuständig für die Veranstaltungsorganisation bei der Konzertagentur, betont.

So unbefriedigend der ständige Verweis auf die Versicherung auch anmutet, einen Vorteil hat das Thema doch: Es garantiert, dass Southside auch bei einem erneuten Abbruch nicht vor dem Aus steht. „Wir haben eine Versicherung“, erklärt Hetzer gebetsmühlenartig, „und sind damit bestmöglich für solche Vorfälle abgesichert.“


Wie hoch ist die Gefahr einer Massenpanik?


Als am 3. Juni bei einer Fußballübertragung zu einer Massenpanik kam, wurde deutlich, dass in diesen unruhigen Zeiten schon allein die Angst vor einem potenziell gefährlichen Ereignis tödlich sein kann. 1500 Menschen wurden verletzt, niedergetrampelt oder eingeklemmt von einer außer Kontrolle geratenen Menschenmenge.

Die Ursache ist bis heute nicht geklärt. Manche sollen „Terror“ gerufen haben, andere „Ein Auto kommt!“. In Wahrheit war wohl keine Gefahr gegeben. Panikforscher sprechen hier von „Crowd turbulences“. Menschen flüchten kreuz und quer, dabei baut sich tonnenschwerer Druck auf. wer jetzt fällt, hat kaum mehr eine Chance. Wie hoch ist diese Gefahr auf einem Festival?

Armin Seyfried, Physiker am Forschungszentrum Jülich, ist Experte für die Fußgängerdynamik bei Großveranstaltungen. In Turin, sagt er, sei man vollkommen unvorbereitet gewesen, „es gab keine Rettungswege“. Für Veranstaltungen wie das Southside dagegen gibt er weitgehend Entwarnung: „Eine hundertprozentige Sicherheit in der aktuellen politischen Situation gibt es nicht. Trotzdem hat man in den letzten Jahren, insbesondere durch das, was auf der Love Parade passiert ist, die Veranstalter geweckt. Die sind sensitiv, sie wissen, worauf sie achten müssen.“ Bei der Love Parade im Jahr 2010 waren 21 Menschen infolge fehlgeleiteter Besucherströme gestorben.

Alle für die Besucher relevanten Sicherheitsinformationen sind auf der Internetseite des Festivals nachzulesen. Zusätzlich sollen die Festival-App, Facebook und der Radiosender Camp FM die 60 000 Menschen auf dem Gelände auf dem Laufenden halten.

Bleibt noch eine Frage zu klären: Wie hoch ist der Preis für den gestiegenen Sicherheitsaufwand? Fest steht, dass die Ticketpreise nochmals stark angezogen haben. Während 2016 der Preis für das Drei-Tages-Ticket in der letzten Preisstufe 189 Euro betrug, mussten die Fans in diesem Jahr 219 Euro bezahlen.

Doch Benjamin Hetzer von FKP Scorpio bestreitet einen Zusammenhang. „Wir betrachten die Festivals grundlegend getrennt voneinander. Die Kalkulation des Ticketpreises setzt sich aus zahlreichen Faktoren zusammen, sodass der Einfluss eines einzelnen Postens gering ausfällt“, erklärt er. Wenn eine Karte mehr koste als im Jahr zuvor, so habe das allenfalls mit gestiegenen Personal- und Künstlerkosten zu tun.


Schlechtes Wetter oder der Ausfall eines Künstlers – der Besuch eines Festivals kann sich schnell vom Vergnügen in ein Fiasko verwandeln. Doch welche Rechte haben die Besucher im Schadensfall? 

Entschädigung bei Festivalabbruch:
 Bei einem vorzeitigen Abbruch kann ein Teil des Ticketpreises zurückverlangt werden. Die Höhe der Erstattung ist jedoch von vielen Faktoren abhängig. „Trägt der Veranstalter Schuld am Ausfall, ist er auch haftbar. Bei höherer Gewalt, wie beispielsweise einem Unwetter, kommt es darauf an, wie viel Leistung bis zum Zeitpunkt des Abbruchs erbracht wurde. Wie viele Tage konnten stattfinden? Welche Bands haben schon gespielt?“, erklärt ein Sprecher der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. 

Verlorenes oder beschädigtes Eigentum: „Als erstes muss immer gefragt werden: Wer ist für den Schaden verantwortlich?“, erklärt der Sprecher. Bei mutwilliger Zerstörung muss der Verursacher für den Schaden aufkommen. Bei höherer Gewalt, wie beispielsweise ein Unwetter, kann niemand haftbar gemacht werden – auch nicht der Veranstalter. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen wird die Haftung für verlorene Gegenstände während des Festivals in der Regel von vornherein ausgeschlossen. 

Hotel- und Reisekosten: „Bei einem durch höhere Gewalt bedingten Abbruch muss der Besucher die Kosten selbst tragen. Liegt die Schuld beim Veranstalter, muss er durch den Abbruch entstandene Kosten übernehmen“, erklärt der Sprecher der Verbraucherzentrale. Im Fall der Evakuierung eines Zeltplatzes muss der Veranstalter mit seinem Sicherheitskonzept sicherstellen, dass die Besucher sicher untergebracht werden. 

Ticketrückgabe und Verkauf: In Deutschland sind Veranstaltungs- tickets vom Widerrufsrecht ausgeschlossen, können also nicht zurückgegeben werden. Es besteht aber die Möglichkeit, Karten privat zu verkaufen oder zu verschenken. Vorsicht sei jedoch bei personalisierten Tickets geboten, warnt die Verbraucherzentrale: „Hier muss mit dem Veranstalter Rücksprache gehalten werden, ob die Karte übertragbar ist.“ (jel)