Die Stimmung ist gelöst, die Gläser sind schon halb geleert an diesem Sonntagvormittag in der Hegau-Gemeinde Tengen. Als Rainer Hespeler beim Zunftmeisterempfang im Foyer der Grundschule das Wort ergreift, wird es offiziell. Es geht um Sicherheit, um Auflagen, um Kosten – das Schwarzbrot des Narren, wie es so schön heißt. Und da versteht er keinen Spaß. „Wir sind hier noch gesegnet in Tengen“, ruft der Präsident der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee den Vertretern der 35 Vereine zu und spielt auf die hitzige Debatte um Sicherheitskonzepte und Klingelknöpfe an.

Beifall brandet auf, und der geht klar an den Konstanzer Landrat, der für die Narren zurzeit so etwas wie der beliebteste Kreisbehördenchef der Region ist. Während der Landkreis Konstanz bei der Planung von großen Veranstaltungen als „sehr kooperativ“ gilt, fühlen sich die Narren in anderen Fasnachthochburgen, besonders im Schwarzwald durch zunehmende Sicherheitsanforderungen drangsaliert und überfordert. VSAN-Chef Roland Wehrle feuerte unlängst zum Auftakt der Fünften Jahreszeit eine Breitseite auf das Land ab, weil bei vielen Zünften die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen auszuufern drohen. Prompt reagierte Innenminister Strobl und kündigte einen Runden Tisch an. Der Mann hoffe offenbar, heißt es unter Narren-Hand, am Schmutzigen Donnerstag nicht gegrillt zu werden, wenn er vor das Stockacher Narrengericht treten muss.

In Tengen läuft es weitgehend rund. Doch die Narrentage hinterlassen nicht nur Konfettispuren. Zeit, Aufwand und Kosten sind die Faktoren, die den Vereinen das närrische Handwerk zunehmend schwerer machen. Der Narrenverein Kamelia hatte für die Festivitäten im 125. Jahr seiner Vereinsgeschichte den Vorteil, dass er auf Vorlagen des Narrentreffens 2013 zurückgreifen konnte. Ein hundert Seiten starkes Sicherheitskonzept, wie in anderen Gemeinden gefordert, wurde in Tengen nicht verlangt. „Wir konnten das Grundkonstrukt – was kommt alles wohin – übernehmen“, sagt Michael Grambau, der seinem Verein seit sieben Jahren vorsteht. Ein Absprachen-Marathon mit Straßenverkehrsamt des Landkreises, Ortspolizeibehörde, Bauhof, Polizei, Rotem Kreuz und einem Sicherheitsunternehmen folgten. Ein gutes Jahr lang wurde geplant, gemailt, geschrieben, gewhatsappt, telefoniert und gefaxt, bis alles pünktlich aufgebaut werden konnte.

Michael Grambau | Bild: Südkurier

Allein aus dem eigenen Mitgliederfundus ließen sich die Narrentage nicht stemmen, bestätigt Grambau. 300 Ehrenamtliche waren an dem Wochenende im Einsatz, aber nur 270 Mitglieder zählt die Kamelia. Was also tun? – „Wir hatten bei den Vereinen der Ortsteile um Hilfe gebeten, das hat auch gut geklappt“, sagt Grambau.

Als Sicherheitsdienst verpflichtete die Kamelia eine Firma aus Sigmaringen – ein Unternehmen des einstigen Personenschützers von Erwin Teufel, das in Narrenkreisen einen guten Ruf hat. An allen drei Tagen sorgte jeweils ein gutes Dutzend schwarzer Sheriffs in den Festzelten dafür, dass keine Jugendlichen unter 18 Jahren Zutritt hatten und dass es meist friedlich ablief. Über Funk standen sie mit Helfern im Saal und an den Theken in Verbindung. „Früher haben die Vereine eigene Leute für die Aufsicht abgestellt“, erinnert sich Grambau. Doch die Zeiten sind längst vorbei. Streitereien könnten schneller eskalieren, das fängt dann auch ein stabil aufgestelltes Vereinsmitglied nicht mehr ab: „Feste dieser Größenordnung brauchen heute einen professionellen Sicherheitsdienst,“ das sei auch im Interesse der Vereine. Allerdings geht’s dabei um Geld, das erst einmal verdient sein muss. Zu den Kosten will sich Grambau mit Verweis auf die noch laufende Abrechnung nicht äußern. Größere Narrentreffen wie jenes in Markdorf vor einem Jahr, sollen nach Berichten 30 000 Euro allein für das Erstellen eines solchen Sicherheitskonzepts gekostet haben. Wenn dann noch Kosten für Security-Mitarbeiter und Zelte dazugerechnet werden, liegt man schnell bei einem höheren fünfstelligen Betrag, den der veranstaltende Verein schultern muss.

Bild: Nils Köhler
Sicherheitsmitarbeiter kontrollieren den Einlass zum Festzelt, zu dem Jugendliche keinen Zutritt haben. | Bild: Nils Köhler

Wer bestellt, zahlt auch – nach dieser Devise muss der Veranstalter für alles aufkommen. Neben dem Verkauf der Fest-Pins sind es für die Kamelia vor allem Einnahmen aus Speisen und Getränken. Überschreiten diese einen gewissen Freibetrag, der eingetragenen Vereinen zugebilligt wird, so fallen noch Umsatz- und Körperschaftssteuer an. „Unser Ziel ist es, unsere Unkosten zu decken, um kein Minus zu machen,“ sagt Grambau. „Wenn am Ende ein paar Euro mehr in der Kasse sind, kann das Geld für Vereinsangelegenheiten verwendet werden.“

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Die Behörden sichern sich vor Großveranstaltungen durch umfangreiche Sicherheitskonzepte ab. Zu schaffen macht den Narren die unterschiedliche Lesart bei der Aufsichtspflicht. Stadt- und Landkreise haben nämlich Spielraum bei den Auflagen. Hier der liberalere Kreis Konstanz, dort der rigidere Schwarzwald? – „Oberhalb von Geisingen wird es streng,“ raunt ein ranghoher Funktionär, der seinen Namen nicht lesen will. Die Landschaften der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee erstrecken sich über die Kreise Konstanz, Bodenseekreis, Tuttlingen, Zollernalb und Sigmaringen. Das Landratsamt Konstanz gehe da noch am liberalsten vor, sind sich die Narren einig. Vor allem in Villingen-Schwenningen und Donaueschingen werde Sicherheit rigide gehandhabt. In den großen Kreisstädten sind eigene Straßenverkehrsbehörden für verkehrsrechtliche Genehmigungen zuständig. Diese braucht man, um beispielsweise Straßen zu sperren und Umleitungen einzurichten. „So ein dickes Papier ist das,“ sagt Manfred Knopf, Landvogt der Landschaft Höri-Bodanrück bei der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee, und stapelt zwischen Zeigefinger und Daumen eine Menge Luft.

Manfred Knopf | Bild: Roland Dost

Manches lasse sich auch absprechen, sodass es „für beide Seiten tragbar ist“, findet er. Das fängt schon bei den Auflagen für einen kleinen Umzug mit 100 Personen an. „Wenn man einen Narrenbaum aufstellt, hat man die schon beisammen.“

Für Blumbergs Narren hat sich inzwischen der traditionell bunte Umzug mit dem Narrenbaum erledigt. Sie verzichten darauf, weil sie sich nicht mehr in der Lage sehen, den Umzugsweg und die Einmündungen der Straßen zu sichern. Klagen gab es auch über den schleichenden Anstieg der Gebühren. Die Narrengesellschaft Blumberg (NGB) konnte noch bis zum Jahr 2013 einen formlosen Antrag für alle vier Fasnachtsumzüge bei der Straßenverkehrsbehörde des Landratsamts Schwarzwald-Baar stellen. Die Kosten: einmalig 60 Euro. „Ab 2014 musste für jeden Umzug gesondert ein Antrag gestellt werden“, erklärt Narrenpräsident Dieter Selig. Dafür mussten sie nun vier mal 40 Euro, also 160 Euro berappen. „Das entspricht einer Gebührensteigerung von 166,66 Euro.“ – Eine geradezu närrische Zahl.

Mit Spanplatten verkleidet, damit auch Kinder nicht bei der Suche nach Bonbons unter die Räder kommen: Ein Traktor der Grenzgeister aus Wiechs am Randen fährt im Tengener Umzug mit. Zunftmitglied Stefan Winter sichert das Gefährt.
Mit Spanplatten verkleidet, damit auch Kinder nicht bei der Suche nach Bonbons unter die Räder kommen: Ein Traktor der Grenzgeister aus Wiechs am Randen fährt im Tengener Umzug mit. Zunftmitglied Stefan Winter sichert das Gefährt. | Bild: Sabine Tesche

Bei den Umzügen in Villingen-Schwenningen müssen diesmal alle Gefährte Alarmklingeln haben, damit der Fahrer im Fasnachtstrubel auch gleich mitbekommt, wenn etwas passiert, und die Bremse ziehen kann. Bis heute ist der tödliche Unfall vor zwei Jahren in Geislingen bei Balingen präsent, als eine Frau vom Umzugswagen überrollt wurde. Die zuständige Verkehrsbehörde in Villingen bezieht sich mit ihrer Anordnung zwar nicht auf dieses Unglück, verweist aber auf eine Erhöhung der Sicherheit. Man habe sich an die Empfehlungen eines Gutachtens gehalten, sagt Pressesprecherin Madlen Falke. Die Lösung habe inzwischen viele Zünfte überzeugt.

Kapituliert haben hingegen die Motorsportfreunde Pfohren im gleichnamigen Donaueschinger Stadtteil. Ihre skurrilen Fahrzeuge, die alljährlich beim Fasnachtsumzug ohne TÜV-Genehmigung für eine Riesengaudi sorgen, dürfen nicht mehr auf öffentlichen Straßen zum Einsatzort rollen. Ein Sattelschlepper müsste sie herankarren. Unbezahlbar, heißt es bei den Motorsportfreunden.

 

Schwere Zwischenfälle

Sicherheit hat viele Seiten. Das gilt besonders für große Veranstaltungen wie Narrentreffen und -umzüge. Im Folgenden Beispiele aus der Region:
  • Geislingen-Binsdorf
    In Geislingen-Binsdorf (Zollernalbkreis) fiel eine 32-jährige Frau im Januar 2016 von einem Umzugswagen und starb. Nach ihrem Sturz war sie von einem Rad des Wagens überrollt worden. Der tragische Unfall führte erneut zu einer Debatte um die Sicherheit von Umzugswagen.
  • Friedrichshafen
    Im Stadtbahnhof Friedrichshafen hatte ein 21-Jähriger aus Lindau am Fasnachtssamstag des Jahres 2015 mehrere Passanten angegriffen und Widerstand gegen Polizeibeamte verübt. Die Straftat war aus einem Streit heraus entstanden. Schlägereien, vor allem unter Alkoholeinfluss, gehören zu den ungeliebten Begleiterscheinungen der Fasnacht. Daher setzen Veranstalter inzwischen professionelles Sicherheitspersonal ein.
  • Villingen
    In der Villinger Färberstraße kam es in früheren Jahren immer wieder vor allem in der Fasnachtszeit zu Schlägereien. Die Polizei reagierte mit verstärkten Streifen und Videokameras an Fasnacht.
  • Glottertal
    Im Glottertal (Breisgau-Hochschwarzwald) geriet bei einem Fasnachtsumzug am 1. Fabruar 2008 ein 46-jähriger Mann zwischen Zugmaschine und Anhänger, wurde von dem Wagen erfasst und getötet. Der Mann aus Denzlingen war als Sicherungsposten eingesetzt und lief neben dem Umzugswagen her.
  • Geislingen
    In Geislingen (Zollernalbkreis) hatte sich nach einem Fasnachtsumzug am 17. Februar 2007 eine 32-jährige Frau auf das Heck eines Sportwagens gesetzt. Als der Fahrer kräftig Gas gab, wurde die Frau auf den Bordstein geschleudert und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu. Wie es später hieß, soll der Fahrer, den zwei weitere Frauen darum gebeten hatten sie mitzunehmen, nichts davon mitbekommen haben.

 

 

Die Gemeinden tragen traditionell schon Lasten bei Fasnachtsveranstaltungen – sei es über den Bauhof wie in Tengen oder auch finanziell, wie jetzt der Konstanzer OB Burchardt anklingen lässt. Sicherheit sei ein hohes Gut, erklärte er. Es kann aber nicht sein, dass wir die Kosten allein den Narrenzünften anlasten.“ Er kündigte an, mit den Zünften nach der Fasnacht „das weitere Vorgehen zu besprechen“.

 

Nummerierte Narren: Auch Hansele Lisa Specker aus Engen trägt eine Zahl am Arm, die bei Beschwerden die Identifizierung ermöglichen würde. | Bild: Sabine Tesche

Früher war alles einfacher. „Da fuhren die Umzugswagen ohne Verkleidung, ohne Begleitung durch die Straßen“, erinnert sich Gottmadingens Fasnachts-Urgestein Walter Benz an andere Zeiten. „Heute müssen vier Leute um das Fahrzeug herum mitgehen.“ Ob sinnvoll oder nicht, fest stehe doch: Immer neue Auflagen nähmen dem Fasnachtsbetrieb zunehmend die Luft. Es gebe schon Zünfte, die keine Narrentage mehr abhalten wollen, aus Sorge vor dem Aufwand und den Kosten.

Für Michael Grambau ist nach einer zweitägigen Aufräumaktion in Tengen erst einmal Schluss mit Großveranstaltungen. Drei solcher Narrentreffen hat er schon hinter sich. „Mein Soll ist erfüllt,“ sagt er und lacht. Dass die Kamelia in fünf Jahren mit dem 130. Jubiläum wieder an der Reihe sein könnte, schreckt ihn nicht. „Wir schauen mal, ob wir noch eine andere Urkunde finden,“ kontert er schlitzohrig.