Herr Mastiaux, die Energiewende soll für die Verbraucher sicher, für die Firmen wirtschaftlich und für die Umwelt klimaverträglich sein. Erfüllt sie die Kriterien?

Die Energiewende ist ein sehr anspruchsvolles und komplexes Unterfangen, das noch keinesfalls beendet ist. Ursprüngliches Ziel war es, Deutschland unabhängiger von Energieimporten aus dem Ausland zu machen und einen entscheidenden Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz zu leisten. Daher hat man sich energiepolitisch zunächst stark auf den Ausbau von Sonne, Wind und Biomasse als Gegenstück zu fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas sowie auf den Ausstieg aus der Kernenergie konzentriert. Dabei wurden die Auswirkungen auf das gesamte Energiesystem zu wenig berücksichtigt. Zudem hat man die Dynamik der energiepolitisch ausgelösten Entwicklungen stark unterschätzt. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer, und nicht jede Entwicklung war vorhersehbar.

Wo liegen die Haupt-Knackpunkte?

Im Moment gelingt es Deutschland nicht, seinen Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) planmäßig zu reduzieren. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es ja, im Vergleich zum Referenzjahr 1990 40 Prozent CO2 bis 2020 einzusparen. Aktuell liegen wir jedoch erst bei Einsparungen von 27 Prozent. Und die restlichen 13 Prozent werden wir bis 2020 nicht mehr hereinholen.

Die Entwicklung deutet sich schon länger an. Hätte man umsteuern können?

Ein Grundproblem ist, dass wirtschaftliche Anreize fehlen, CO2 einzusparen. Kohlendioxid hat auf dem sogenannten Zertifikatemarkt einen zu geringen Preis. Dieser liegt aktuell bei rund 5 Euro je Tonne CO2. Um eine Klimawirkung zu erreichen, wären aber Preise oberhalb von ca. 25 Euro je Tonne nötig. Erst dann wäre es rentabel, auf klimaschonende Verfahren und Technologien umzusatteln. Genau dies geschieht aktuell aber in zu geringem Maße. Die Konsequenzen sehen wir am deutschen Energiemix: Der Anteil der Braunkohle ist trotz Energiewende heute höher als vor fünf Jahren. Für einen wirksamen Klimaschutz brauchen wir einfach höhere CO2-Preise, und vor allem müssen auch mehr Branchen in den Zertifikatehandel einbezogen werden und für CO2-Emissionen bezahlen.

Wieso passiert das nicht?

Eine entsprechende Regelung müsste auf EU-Ebene vereinbart werden. Dagegen gibt es aber enorme Widerstände insbesondere von denjenigen Staaten, deren Energieerzeugung stark auf Kohle fußt.

Aber damit hören die Probleme der Energiewende ja nicht auf...

Ein weiterer Knackpunkt ist der verzögerte Ausbau der Stromnetze. Ich rede hier nicht nur von den großen Trassen, sondern auch von den Verteilnetzen, die die Energie zu den Häusern bringen. Bei den großen Überlandleitungen haben wir in Deutschland Verzögerungen von mindestens drei Jahren. Was eigentlich zwischen 2020 und 2022 hätte fertig werden sollen, kommt jetzt frühestens ab 2025. Auf der Verteilnetz-ebene sind die Herausforderungen mindestens genauso groß. Vor Beginn der Energiewende gab es in Deutschland 450 Kraftwerke, die Strom erzeugten. Heute haben wir deutschlandweit rund 1,6 Millionen dezentrale Stromerzeugungsanlagen, die ans Netz angeschlossen werden müssen. Vom Biogaskraftwerk bis zur Dach-Solaranlage. 2025 werden es sieben Millionen sein. An diesen Zahlen sehen Sie den enormen Wandel, den die Energiewirtschaft zu bewältigen und zu gestalten hat.

Die Verbraucher spüren die Energiewende im Geldbeutel. Wie lange wird das noch so weitergehen?

Seit der Liberalisierung des Strommarkts 1998 sind die Endkundenpreise um 70 Prozent gestiegen. Die Steigerung geht ganz überwiegend auf staatliche bzw. regulatorische Anteile zurück, also insbesondere auf Steuern und Umlagen, die aktuell rund 55 Prozent am Endkundenstrompreis von durchschnittlich knapp 30 Cent je Kilowattstunde ausmachen. Der Anteil, den die Energieversorger selbst bestimmen, der sich also am Markt bildet, beträgt aktuell nicht einmal mehr 20 Prozent. Und es kommen weitere Milliardenkosten auf uns zu, insbesondere für den Netzausbau.

Wie teuer wird es am Ende?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Klar ist aber, dass die derzeitigen Kosten von rund 24 Milliarden Euro jährlich für die EEG-Umlage maßgeblich auf die Vergütung von bestehenden Wind- und Solaranlagen zurückgehen. Wenn für diese Anlagen nach 20 Jahren die Förderung endet, dann wird die Erzeugung von erneuerbarer Energie sehr günstig. Wind- und Solarkraft sind bereits heute in bestimmten Konstellationen mit fossiler Energie wettbewerbsfähig.

Wird die EnBW die Strompreise für die Kunden in diesem Jahr erhöhen?

Nein.

Bei aller Kritik, aber im Ausland wird die Energiewende als Erfolg gesehen…

Was in Deutschland durchaus mutig begonnen wurde, ist heute in vielen Teilen der Welt ebenfalls bereits technologische Realität. China hat 2016 rund 23 Gigawatt an Solarenergie ans Netz genommen. Das ist mehr als die Hälfte des deutschen Anlagenbestands. Ähnliches findet in den USA statt. Deutschland geht den Weg zu Null-Emissionen also nicht allein, hat aber von Anfang an eine wichtige Vorreiterrolle übernommen. Den CO2-Ausstoß zu senken, steht heute weltweit auf der Agenda, und da spielt es auch keine so große Rolle, ob die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen oder nicht.

EnBW-Chef Frank Mastiaux (2. v. li.) im Gespräch mit der SÜDKURIER-Redaktion in Konstanz.<em>Bild: Oliver Hanser</em>
EnBW-Chef Frank Mastiaux (2. v. li.) im Gespräch mit der SÜDKURIER-Redaktion in Konstanz.Bild: Oliver Hanser


Trotz aller Probleme ist der Umstieg auf Öko-Energien also ein Selbstläufer?

Ich denke, dass die Entwicklung einer regenerativen Energiezukunft künftig nicht mehr allein von politischen Erwägungen, sondern zunehmend vom Markt getrieben wird. Die EnBW wird Mitte des kommenden Jahrzehnts einen großen Windpark in der Nordsee komplett ohne staatliche Förderung errichten. Wir gehören zu den Ersten, die das angekündigt haben, und wir sind uns sicher, dieses Ziel auch zu erreichen. Die Erneuerbaren Energien werden sich in den kommenden Jahren an die Schwelle zur Marktreife entwickeln, und das war ja von Anfang an das Ziel.

Durch neue gesetzliche Regelungen wird die Windkraft gerade ausgebremst. Sind die Ausbaupläne der EnBW nicht zu optimistisch?

Die Umstellung der Förderung von Windkraftanlagen auf Ausschreibungen in Deutschland hat in der ersten Auktionsrunde zwei Folgen gehabt. Erstens sind fast ausschließlich Bürgerenergiegenossenschaften zum Zug gekommen, weil sie gegenüber Energieunternehmen im Verfahren erhebliche Vorteile genießen. Die beabsichtigte Anbietervielfalt wurde damit nicht erreicht. Zweitens werden nun überwiegend Projekte im Norden Deutschlands gefördert, obwohl man eigentlich eine bessere regionale Verteilung wollte. Beide Punkte zusammen führen, wenn man sie nicht schnell korrigiert, zu einer Schieflage. Ich bin sicher, dass man sich das noch einmal anschauen muss.

Was wären die Konsequenzen, wenn es zu keiner neuen Regelung kommt?

Die Folge wäre, dass der Windenergieausbau im Binnenland und speziell im Süden Deutschlands ausgebremst würde. Baden-Württemberg würde das stark betreffen. Allein die EnBW plant in den kommenden Jahren, Windkraftanlagen mit einer Leistung von 500 Megawatt in Baden-Württemberg zu installieren. Dieses Ziel wäre unter den jetzigen Ausschreibebedingungen stark gefährdet.

Haben Sie Alternativen?

Schon jetzt richtet die EnBW ihren Blick beim Thema Windkraft auf ganz Deutschland und verstärkt auch aufs Ausland. Unsere Suche nach lohnenden Standorten außerhalb Deutschlands müssten wir dann intensivieren. Da kommen europäische, aber auch außereuropäische Standorte in Frage.

Man muss viele Windräder bauen, um eine Kernkraftwerk zu ersetzen. Wird die neue EnBW ähnlich ertragsstark wie der alte Atomkonzern?

Das ist unser Ziel. Die Fortschritte beim Umbau unseres Unternehmens zeigen, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Waren es vor fünf Jahren noch die Kern- und konventionellen Kraftwerke, die den größten Teil des Konzerngewinns ausmachten, wird das Ergebnis der EnBW bis 2020 weitestgehend von Erneuerbaren Energien, durch die Netze und den Vertrieb erwirtschaftet werden.

Machen Sie doch mal ein Beispiel?

Wir haben jahrzehntelange Erfahrung darin, Nuklearanlagen sicher zu betreiben sowie hochsensible Netzleitzentralen, damit die Stromversorgung rund um die Uhr gewährleistet ist. Warum sollte man diese Fähigkeit und dieses Wissen nicht auch auf andere Infrastrukturbereiche übertragen?

Wird die EnBW alle 20 000 Mitarbeiter an Bord halten können?

Personalabbau ist für uns immer die letzte Wahl, manchmal aber unvermeidbar. Im Zuge unseres Konzernumbaus haben wir seit 2011 rund 2000 Stellen abgebaut. Gleichzeitig haben wir jedoch an anderer Stelle – vor allem in den Wachstumsbereichen wie etwa den Erneuerbaren Energien und im Innovationsbereich – 1100 neue Stellen geschaffen. Die zukünftigen Mitarbeiterzahlen sind heute nicht leicht zu prognostizieren. Klar ist aber, dass sich unser Anforderungsprofil verändert hat und wir uns sowohl kulturell als auch in der eigenen Veränderungsfähigkeit weiter entwickeln müssen.

Wann wird die EnBW in die schwarzen Zahlen zurückkehren?

Wir lagen bereits im vergangenen Geschäftsjahr beim operativen Gewinn im Plan. Der hohe Jahresverlust war maßgeblich geprägt durch die Milliarden-Belastungen in Folge des Atomkompromisses. Wir haben uns vorgenommen, in diesem Jahr ein operatives Ergebnis zu erwirtschaften, das gegenüber dem Vorjahr mindestens stabil ist, mit dem Ehrgeiz, es sogar zu steigern. Wir haben die Ergebniswende fest im Blick.

Und wann werden sie auch unter dem Strich wieder schwarze Zahlen schreiben?

Sollten keine negativen externen Faktoren, die wir nicht beeinflussen können, auftreten, werden wir 2017 auch unter dem Strich wieder Gewinn machen.

Im Sponsoring setzt die EnBW auf Breiten- nicht auf Spitzensport. Warum?

Wir haben beim Sponsoring einen Richtungsschwenk vollzogen: weg vom prominenten Großsponsoring, hin zu unserem Geschäft vor Ort. Dahinter steht die Philosophie, dass wir uns als nahbarer Partner der Menschen vor Ort definieren und nicht als Konzern, der vor allem den Spitzensport und Mega-Events fördert. Das trägt auch unserer neuen Struktur als Landesunternehmen Rechnung. Unsere Eigner sind Land und Kommunen, damit auch die Bürger, und die sind beim Turnverein im Heimatdorf aktiv.

Fragen: Walther Rosenberger und Stefan Lutz

Zur Person

Gilt als smart, aber auch als hart: EnBW-Chef Frank Mastiaux. Er hat den Job, den Energieversorger EnBW zu einem Öko- und Infrastrukturkonzern umzubauen. Bilder: Oliver Hanser
Gilt als smart, aber auch als hart: EnBW-Chef Frank Mastiaux. Er hat den Job, den Energieversorger EnBW zu einem Öko- und Infrastrukturkonzern umzubauen. Bilder: Oliver Hanser
  • Frank Mastiaux (53) stammt aus der alten Energiewelt. Für Konzerne wie Veba Oel, Aral und BP kümmerte sich der gebürtige Essener bis Mitte der 2000er-Jahre hauptsächlich um die Vermarktung und den Handel von Öl und Gas. 2005 avancierte er bei BP zum Chef des weltweiten Flüssiggasgeschäfts, einem Brennstoff, dem auch im Zeitalter der erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle zukommt.
  • Eon, der deutsche Energie-Branchenprimus, verpflichtete ihn im Jahr 2005 und machte ihn zum Leiter des neu eingerichteten Geschäftsfelds Erneuerbare Energien – ein Job, der ihn für das Amt des EnBW-Vorstands-chefs qualifizierte. Dieses bekleidet der promovierte Chemiker seit Herbst 2012 als Nachfolger des Atom-Mannes Hans-Peter Villis. Mastiaux ist für seine lockere, aber verbindliche Art bekannt.

  • Bei der EnBW steht er vor der Mammutaufgabe, den einstmals atomenergielastigsten deutschen Versorger zu einem Konzern umzubauen, der fast ausschließlich auf Öko-Energie fußt. Dazu hat der Vater dreier Kinder einen Transformationsprozess eingeleitet, der mittlerweile auch von Kritikern als alternativlos gewertet wird. 

Die EnBW – ein Konzern im Wandel

Die EnBW ist Deutschlands drittgrößter Energieversorger. Eine Übersicht. 

 

  1. Wie war die Geschichte? Im Jahr 1997 aus einer Fusion Baden-Württembergerischer Energieversorger entstanden war die EnBW mit ihren insgesamt fünf Atommeilern der am stärksten von Kernenergie abhängige Versorger der Republik. Seit dem knapp fünf Milliarden Euro teuren Einstieg des Landes im Jahr 2010 ist die EnBW ein Staatskonzern. Heute halten Land und der Zweckverband OEW je 46,75 Prozent an dem Karlsruher Unternehmen. 2016 fuhr die EnBW mit rund 20 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 19,4 Milliarden Euro und einen Verlust von knapp 1,7 Milliarden Euro ein. 
  2. Was ist mit dem Kraftwerken? Von fünf Kernmeilern der EnBW sind nur zwei noch am Netz. Allerdings bleibt die EnBW mit 17,5 Prozent am französischen Pannenmeiler Fessenheim beteiligt. Aus der Kohle zieht man sich weitgehend zurück. Insgesamt neun konventionelle Kraftwerksblöcke hat die EnBW zur Abschaltung angemeldet, muss sie aber für Notsituationen in Bereitschaft halten. 
  3. Wo steht man zukünftig? Großkraftwerke verlieren bei der EnBW dramatisch an Bedeutung. Zum angepeilten operativen Gewinn im Jahr 2020 von 2,4 Milliarden Euro soll sie gerade noch 300 Millionen beitragen. Der Stellenwert von Wind- und Solarkraft soll massiv steigen - um 250 Prozent sollen die Gewinne hier anwachsen. Dazu dringt die EnBW in neue Geschäftsfelder im Infrastrukturbereich wie E-Ladesäulen oder den Breitbandausbau vor. Auch eine intelligente Straßenlaterne ist im Programm. 


Ist die Wende am Ende?

Die Umstellung Deutschlands auf grüne Energie wird kontrovers diskutirt. Wo steht dsa Jahrhundertprojekt aktuell? Von Walther Rosenberg. 


2016 stammte knapp jede dritte erzeugte Einheit Strom in Deutschland aus regenerativen Quellen. Kein vergleichbares Industrieland mit ähnlicher Ressourcenausstattung ist in Sachen Ökoenergie schon so weit gekommen. Mittlerweile übersteigt die Leistung der deutschen Öko-Kraftwerke jene der konventionellen Meiler bei Weitem. Allerdings speisen sie nur an einigen Tagen im Jahr mehr Strom als ihre kohle- oder gasgebtriebenen Vettern ins Netz ein. Mittlerweile lässt sich ein Nord-Süd-Gefälle der Energiewende erkennen. Zwar stehen in Bayern die meisten Anlagen, der meiste Ökostom wird aber durch Windräder in Niedersachsen erbracht. Klar ist: Langfristig wird der Norden stärker als der Süden von der Energiewende profitieren. er schultert allerdings auch den Großteil der baulichen Beeinträchtigungen. Viel diskutiert sind die Kosten des Projekts, die sich pro jahr auf bis zu 25 Milliarden Euro belaufen. Neueste Berechnungen ergaben, dass jeder Bundesbürger – statistisch betrachtet – zwischen 2000 und 2025 rund 6300 Euro für die Energiewende bezahlen muss.