Wie kommt das Schenken in die Welt? Nach Auffassung der meisten christlichen Theologen fängt alles mit dem einmaligen Kind an: Jesus von Nazareth kam vor mehr als 2000 Jahren zur Welt. Seine Geburt und, noch viel mehr, sein Leben und Sterben wird als Geschenk an die ganze Menschheit interpretiert. Das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft. Später beschenkten sich Christen gegenseitig. Ein Akt der praktischen Nächstenliebe. Damit erinnern sie an die Geburt des Erlösers.

Schenken ist demnach Theologie zum Auspacken und Anfassen. Durch den Austausch von Nützlichem oder auch herrlich Nutzlosem erinnern sich Menschen im christlichen Kulturkreis an Christi Geburt. Seine Stärke bezieht diese Übertragung von Eigentum durch stetes Wiederholen: Weihnachten wird erwartbar am 25. Dezember als dem eigentlichen Festtag begangen. Bereits am Heiligen Vorabend werden Pakete mit roten Schleifen angeliefert, aufgebaut und in den Wohnzimmern aufgetürmt.

Man vergisst sich selbst

Die Idee des Schenkens selbst ist wohl das größte Geschenk. Denn in diesem Vorgang vergisst der Mensch ein stückweit sich selbst: Er gibt die ausgrenzende Idee des Eigentums auf, indem er einen Gegenstand in fremde Hände legt. Er verzichtet darauf, und zwar ohne Vertrag und ohne Unterschrift. In diesem Vorgang überwindet er für einige Momente seinen natürlichen Egoismus. Im Schenken entdeckt er sich als soziales Wesen.

Genau beobachtet er die Reaktion dessen, dem er etwas zu Füßen legt. Dieser wiederum gibt sich in der Regel auch alle Mühe, die Gabe über den grünen Klee zu loben. Das entspricht einer kulturellen Übereinkunft: Ein Geschenk wird an und für sich gewürdigt, auch wenn es dem Empfänger nicht gefallen sollte (was ja vorkommen kann). Dieser wird in den meisten Fällen die Gabe loben. Er wird ihren praktischen, mindestens aber ideellen Wert als bedeutend herausstreichen. Geschenkkritik gilt als verpönt.

<strong>Weihrauch, Myrrhe und Gold</strong> brachten die Drei Könige dem Kind von Bethlehem. Damit begründeten sie die Tradition des Schenkens. Auch der Meister von Meßkirch malt die Übergabe der drei Kostbarkeiten breit aus. Dieses Altarblatt hängt sonst in der Meßkircher Pfarrkirche St. Martin; derzeit schmückt sie die Ausstellung mit Werken des Meisters in Stuttgart.<em>Bilder (2): Staatsgalerie</em>
Weihrauch, Myrrhe und Gold brachten die Drei Könige dem Kind von Bethlehem. Damit begründeten sie die Tradition des Schenkens. Auch der Meister von Meßkirch malt die Übergabe der drei Kostbarkeiten breit aus. Dieses Altarblatt hängt sonst in der Meßkircher Pfarrkirche St. Martin; derzeit schmückt sie die Ausstellung mit Werken des Meisters in Stuttgart.Bilder (2): Staatsgalerie | Bild: Staatsgalerie Stuttgart

Präsente für den Frieden

Freilich ist diese soziale Praxis nicht auf die christlich geprägten Gesellschaften beschränkt. Lange bevor die Drei Könige mit ihrem Mega-Geschenkkorb nach Bethlehem eilten, wurde geschenkt, was das Zeug hält. Der Ethnologe Marcel Mauss berichtet von Stämmen, deren Häuptlinge sich gegenseitig übertrafen, wenn sie sich besuchten. Jeder wollte dem anderen das größere Paket reichen. Die Staatsgeschenke waren teils derart überdimensioniert, dass sich die Häuptlinge verschuldeten bei ihrer Beschaffung. Daraus folgert Mauss, dass die Gaben hochbrisant waren. Sie dienten einem stammeserhaltenden Zweck. Sie sollten den Frieden zwischen den Stämmen bewahren. Teure Mitbringsel sind immer noch billiger als ein Krieg mit seiner Verschleuderung von Menschenleben, von Herden und Sachwerten, die als Beute vom Sieger weggeführt wurde. Das Geschenk als diplomatische Maßnahme – was für ein kluger Gedanke.

 

Ein Buch für den Papst

Heute gestaltet sich der Gütertausch zwischen Staaten eher symbolisch. Ein schönes Beispiel bietet der Besuch von Winfried Kretschmann beim Papst (2016). Er überreichte Franziskus eine alte Ausgabe des Romans „Unterm Rad“ von Hermann Hesse. Wobei einige Diktatoren bis heute Dinge anschleppen, die überdimensioniert wirken.

Um jeglichen Verdacht zu bannen, bleiben die Mitbringsel in den meisten Staaten in der öffentlichen Hand. Vor einigen Tagen öffnete die Bundesregierung ihr Schatzkästlein und ließ interessante Stücke versteigern – auch ein Zeichen dafür, dass die ursprüngliche Funktion des Geschenks verloren ging. Es war ein politisches Tauschgeschäft: Nippes gegen Frieden, goldene Armleuchter gegen sichere Grenzen.

Auch das Geschehen an Weihnachten spiegelt die bewährten Muster. Die drei Weisen nehmen große Mühen auf sich, um den neugeborenen König zu finden. Sie wollen ihm huldigen und nur ihm: Er ist nicht irgendein Provinzfürst, sondern der Herr der Welt. Entsprechend sieht das Gepäck aus, das die drei Herren mitführen und das seitdem in unzähligen Krippen ausliegt. Weihrauch, Myrrhe und Gold zeigen an, dass der Säugling künftig herrschen will. Die Dreier-Packung steht für Macht, Glanz, Segen – und auch für Vergänglichkeit. Denn die bittere Myrrhe, ein Gummiharz, wurde zum Einbalsamieren von Leichnamen verwandt. Während der Weihrauch nach oben steigt, drückt Myrrhe nach unten (siehe auch das Interview am Ende dieser Seite).

Weihrauch, Myrrhe und Gold werden bald zum Vorbild der maßlosen Güte von Herrschern. Sie belohnen gute Dienste und halten ihre Dienstleute bei Laune. In der Dichtung des Mittelalters finden sich handfeste wie auch poetische Beispiele. Dichter wie Walter von der Vogelweide rühmen die Großzügigkeit des Königs – auch in der Hoffnung, dass ein Zeitgenosse wie Kaiser Friedrich II. tatsächlich die Spendierhosen anzieht und vor allem an Minnesänger denkt. Walter und andere Dichter beschwören deshalb die Milte des Herrschers. Das alte Wort entspricht der heutigen Milde, und zwar in finanzieller Hinsicht: Nicht knickrig, sondern freigiebig soll ein echter König sein, wünschen die gewitzten Literaten. Aus dem Vollen schöpfen soll er.

Kunst gegen milde Gabe: Die Minnesänger des Mittelalters, hier Walter von der Vogelweide.
Kunst gegen milde Gabe: Die Minnesänger des Mittelalters, hier Walter von der Vogelweide. | Bild: Staatsgalerie Stuttgart

Königliche Pflichten

Die Milte rangierte in der Liste der fürstlichen Tugenden ganz oben. Walter von der Vogelweide wird diese Gunst dann tatsächlich zuteil: Am Ende seiner Laufbahn als Wanderkünstler schenkt ihm der Kaiser ein kleines Gut. „Jetzt habe ich mein Lehen, alle Welt, ein eigenes Lehen“, posaunt er stolz.

Nicht nur bei Walter wird klar: In vielen Geschenken steckt auch ein Funken Berechnung und Eigennutz. Nicht nur Altruisten schenken, sondern auch Ökonomen und Geizhälse. Der Einzelhandel müsste jeden Tag im Advent einen Kniefall vor den Drei Königen verrichten – er profitiert von deren Hinterlassenschaft. Der Dezember ist der umsatzstärkste Monat des Jahres und das Weihnachtsgeschäft eine Mischung aus Großkampf und Kassenklingeln. So kommt die Wirtschaft auch auf ihre Kosten: Geschenke müssen erst einmal gegen Bares besorgt werden, bevor sie später ohne Bares überreicht werden.

Eine Win-Win-Situation, wie die Fachleute gerne in der Kirchensprache der Wirtschaft formulieren – Englisch. Die Jahresendzeit-Ökonomie ist ein Glücksfall für den Einzelhandel.

Im Alten Testament wechseln laufend Herden, Zelte und Menschen den Besitzer. In aller Regel unfreiwillig. Bei den verfeindeten Brüdern Esau und Jakob kann ein Unglück gerade noch verhindert werden: Jakob hat seinen älteren Bruder um das Erbe betrogen. Später muss er sich Esau doch stellen. Er rechnet mit dem Schlimmsten und ist deshalb bereit, dem mächtigen Esau seinen gesamten Besitz zu übergeben. Herden, Frauen und Kindern stehen zur Auslieferung bereit.

Dann geschieht etwas Unerwartetes: Esau will das Angst- und Panikgeschenk seines Bruders nicht. Er weist es zurück und versöhnt sich mit ihm, ohne Jakobs Besitz auch nur anzurühren. Jakob, der Erbschleicher, hat den Bruder falsch eingeschätzt. Diesem geht es nicht um Rache, sondern um Ausgleich. Seine Ziegen, Frauen und Kinder kann er behalten. Jakob ist beschämt. Der Patriarch wird in dieser Episode ganz klein. Sein Bruder hat die aufgedonnerten Gaben schnell durchschaut: Sie waren als Bestechung gedacht – und als untaugliche Form der Vergangenheitsbewältigung.

Jakob ist nicht der Einzige, der mit fragwürdigen Methoden arbeitet. Auch die griechischen Belagerer der Festung Troja greifen zum Etikettenschwindel. Nachdem sie in zehn Jahren Krieg die Trojaner nicht besiegten, ersinnen sie eine List: Aus Holz nageln sie ein großes Pferd zusammen, in dessen Bauch sich die 40 griechischen Kämpfer verstecken. Nur mit diesem Trick nehmen sie Troja und gewinnen den Krieg. Das Holztier ist ein falsches Geschenk – das sprichwörtliche Danaergeschenk. Es trägt den Untergang in die Stadt. Davor haben kluge Menschen gewarnt wie die Seherin Kassandra. Ihre Warnung wurde in den Wind geschlagen.

Wie deutet man die Zeichen des Himmels richtig? Und was kann der Mensch tun, um die Götter oder den einzigartigen Jehova gnädig zu stimmen? Die Antwort der orientalischen Kulturen lautet: Ein Opfer muss her! Mit dem Schlachten und Verbrennen von Tieren sollten die höheren Mächte gnädig gestimmt werden. Die jüdischen Stämme entwickelten im ersten Jahrtausend vor Christus ein verzweigtes System. Brand-, Rauch- und Speiseopfer wurden Jehova gewidmet. Diese Gabe ist nutzwertig: Gott wird beschenkt, im Gegenzug sichert er dem Menschen gute Ernte, eine gesunde Familie und friedliche Zeiten zu. Die Tempel zwischen Jerusalem und Samaria müssen gerochen haben wie ein Schlachthaus. Tierische Wärme, frisches Blut, geröstetes Fleisch.

Dann ist da der Fall Isaak: Sein Vater Abraham tötet ihn um ein Haar. Sein Gehorsam ist stärker als die Liebe zum Sohn. Nicht viel hätte zum Menschenopfer gefehlt. Eine Schauerepisode.

Sein Opfer: Abraham ist bereit, seinen Sohn Isaak zu töten.
Sein Opfer: Abraham ist bereit, seinen Sohn Isaak zu töten. | Bild: ©jorisvo - stock.adobe.com

Die Geburt Jesu unterbricht diesen blutigen Brauch. Jesus opfert sich selbst einmalig und abschließend. In biblischer Perspektive ist sein Tod ein einmaliges Geschenk an die Menschheit, an das jedes Jahr erinnert wird. Lebendige Opfer für höheren Schutz und Segen werden damit hinfällig. Sie verschwinden aus der Geschichte. Auch selbsternannte Märtyrer sind unerwünscht.

Die einzigen Lämmer oder Rinder, die in den kommenden Tagen dargebracht werden, landen in der Küche. Der Festtagsbraten zählt in vielen Ess- und Trink-Gemeinschaften zur festen Tradition. Wer dazu eingeladen hat, wird kaum ablehnen. Ein Geschenk!

 

Schenken Tiere?

Auch einige Tierarten tauschen Gaben aus, und zwar einseitig: Die Männchen einiger Insektenarten bieten dem Weibchen etwas zum Essen an, bevor sie mit diesem kopulieren. Während des Aktes frisst das Weibchen das Geschenk auf – meist ein kleines Beutetier. Die männliche Skorpionsfliege hält es zum Beispiel so: Sie bringt dem Weibchen etwas zum Essen mit. (Quelle: Axel Meyer, Biologe an der Uni Konstanz).

Eine Skorpionsfliege.
Eine Skorpionsfliege. | Bild: ©scarlet61 - stock.adobe.com

 

"Jeder Tag ist ein geschenkter Tag"

Rainer Maria Schießler, 57, arbeitet als katholischer Stadtpfarrer in München. Er wurde auch als Autor bekannt

Herr Pfarrer Schießler, kann man sich selbst beschenken ?

Das geht nicht, man kann sich vieles gönnen, aber nicht selbst beschenken. Einen Ferrari kann man sich leisten, aber nicht selbst schenken. Das Schenken setzt den anderen Menschen voraus. Ich erhalte es vom anderen.

Weil es um die Beziehung geht?

Ja. Das Selbstgeschenk erinnert mich an eine Szene mit Mister Bean, worin er eine Karte an sich selbst schreibt. Später öffnet er den Briefkasten und freut sich, dass er seine Karte vorfindet. Geschenk ist etwas, worauf ich kein Recht habe – aber eine Freude daran. Ich habe keinen Anspruch darauf. Das macht es so großartig.

Pfarrer Rainer Maria Schießler.
Pfarrer Rainer Maria Schießler. | Bild: Susanne Krauss

Was hat dieser Brauch mit Weihnachten zu tun?

An Weihnachten geben wir uns etwas, weil wir das Schenken Gottes nachahmen. Wir wollen es spüren. Wir wollen sehen, mit welcher Hingabe er sich selbst hingibt in Jesus von Nazareth. Das unterscheidet die Religon der Christen von anderen Religionen. In diesem Kind können wir Gott hautnah erleben. Ich denke mir das so: So wie Maria ihr Kind in Windeln geschlagen hat, packen wir auch unsere Geschenke ein. Verpackte Liebe also.

Der Empfänger weiß nie, was unter der Verpackung steht. Hat das System?

Ja, die Überraschung gehört dazu. Den Hirten wurde gesagt: Euch ist heute der Heiland geboren. Sie hatten vom Heiland sicherlich eine andere Vorstellung. Die Hirten dachten an eine mächtige Persönlichkeit. Und dann das: Ein Kind in der Krippe!

Später erhält das Kind selbst Geschenke. Die drei Weisen oder auch Könige packen ordentlich aus.

Gold steht für die Königsherrschaft, Weihrauch für das Gebet, das nach oben steigt. Und die Myrrhe spielt auf die Bitternis des Todes an. Diese drei Symbole sind Gaben, die die Kirche in diesem Stall ablegt. Das eigentliche Geschenk ist das Kind selbst. Der evangelische Theologe Heinz Zahrnt sagte einmal: „Ich glaube an den Jesus seinen Gott.“ Von der Grammatik her ist der Satz schief, aber er bringt es auf den Punkt.

Wer beschenkt Sie?

Oh je, viele, viele Menschen. Ich bremse immer. Dieses Jahr fordere ich dazu auf, für die Welthungerhilfe zu spenden. Ich akzeptiere nicht, dass wir fürstlich leben und andere am Hungertuch nagen. Daneben freue ich mich tierisch über jedes kleine, persönliche Geschenk. Ein Paar gestrickte Socken zum Beispiel.

Was ist das schönste Geschenk, das Sie erhalten haben?

Jeden Tag erhalte ich Schönes. Begegnungen mit Menschen gehören dazu. Ein Lächeln, eine Bewegung genügen.

Auch Ihre Berufung als Priester?

Absolut. Es gibt keine Automatik, Priester zu werden. Ich hatte gute Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Ihnen verdanke ich viel. Für mich ist jeder Tag ein geschenkter Tag.

Fragen: Uli Fricker

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