Liu Jia horcht auf. Hat da wirklich jemand dieses ausgestorbene Wort gesagt? „Jiejie“, hört sie eine Kinderstimme rufen, die chinesische Bezeichnung für große Schwester. Liu Jia blickt von ihrem Balkon im zweiten Stock auf den Park vor ihrem Haus: Eine junge Mutter sitzt auf einer Bank und versucht, das schreiende Kleinkind auf ihrem Arm zu beruhigen. Doch erst als ein kleines Mädchen im karierten blauen Kleid gerannt kommt und dem Kleinen einen Zweig vors Gesicht hält, wird es stiller. „ Jiejie“, brabbelt es, große Schwester.

Liu Jia ist 34 Jahre alt und arbeitet als Redakteurin bei einer angesehenen chinesischen Modezeitung. Große Schwester. So hatte Liu Jia früher die drei Jahre ältere Nachbarstochter genannt, die ihr abends nach der Schule bei ihren Hausaufgaben half. Dass sie nun zwei echten Geschwistern beim Spielen zusieht, das kennt sie eigentlich nur aus Erzählungen.

Denn eigene Geschwister hat sie keine. Und auch ihr Mann ist wie sie als Einzelkind aufgewachsen. Ihre vier Jahre alte Tochter ist ebenfalls Einzelkind. Für sie ist „Tante“ keine Verwandte, sondern die Haushaltshilfe, die einmal die Woche für ein paar Stunden zum Putzen kommt. „Ich, mein Mann und meine Tochter“, sagt Liu Jia. „Wir sind das Ergebnis von Chinas Ein-Kind-Politik.“

35 Jahre lang hat die kommunistische Führung jungen Ehepaaren die Geburt von nur einem Kind erlaubt. Wurden junge Mütter aus welchem Grund auch immer ein zweites Mal schwanger, drohten saftige Geldstrafen bis hin zu Zwangsabtreibungen. Chinas Führung wollte auf diese Weise das Bevölkerungswachstum eindämmen.

Auf ihrem Parteikongress Ende Oktober haben die regierenden Kommunisten in China das Ende dieser restriktiven Bevölkerungspolitik verkündet und erlaubt seitdem allen jungen Ehepaaren ein zweites Kind. Schon im vergangenen Jahr hatte sie Stück für Stück die Regelung gelockert. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt Liu Jia. Sie begrüße diesen Schritt durchaus. Doch die Lockerung werfe neue Fragen auf. Wer kann sich das wirklich leisten? Wer will überhaupt ein zweites Kind?

Bäuerin Feng Jianmei erlebte eine Zwangsabtreibung

Feng Jianmei war mit ihrem zweiten Kind im siebten Monat schwanger. Am 30. Mai 2012 kamen Beamte aus der Kreisstadt, verbanden ihr die Augen und brachten sie an einen unbekannten Ort. Fünf Männer erschienen und injizierten ihr Gift in den Fötus. Drei Tage später gebar sie ein totes Kind.

Feng ist Bäuerin in einem Dorf in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Der nächste Bahnhof ist rund 50 Kilometer entfernt. An diesem Vormittag sitzt sie auf einer schmalen Bank an einem quadratischen Holztischchen in einem kleinen Imbiss. Neben ihr läuft der Fernseher. Sie hat eine ausgebleichte Bluse an, ihre Haare sind sehr viel länger als auf dem Bild, das von ihr vor drei Jahren veröffentlicht wurde. Sie wirkt auch sehr viel magerer.

„Wochenlang lag ich benommen im Bett“, erinnert sie sich an die Zwangsabtreibung. Nun will sie nicht mehr über dieses Thema sprechen. Nur so viel: Ihre inzwischen achtjährige Tochter gehe zur Schule. Ihr Mann habe auch wieder Arbeit. Vor allem aber, und das ist das Ungewöhnliche: Die Verantwortlichen wurden bestraft. Nach der Zwangsabtreibung hatte ihr Mann ein Foto von ihr ins Internet gestellt. Sie lag in einem Krankenbett, neben ihr der abgetriebene Fötus. Das Bild ging um die Welt. „Eine Schande für ein zivilisiertes Land“, kommentierte jemand im Internet. Ein anderer fragte: „Warum kann das große China nicht einen weiteren Menschen aufnehmen?“

Zunächst fühlten sich die Behörden noch auf der sicheren Seite. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass sie so vorgegangen waren. Die zuständigen Beamten schüchterten die Familie ein, sorgten dafür, dass ihr Mann seinen Job verlor. Feng Jianmeis Tochter, die damals fünf Jahre alt war, sollte nicht in die Schule gelassen werden.

Dieses Mal allerdings reagierte die Führung anders. Sie ließ die zuständigen Beamten rauswerfen, außerdem wurde Feng Jiamei „finanzielle Hilfe“ zugesprochen. „Keine Entschädigung“, erinnert sich ihr Mann. Auf diese Formulierung legten sie sehr viel Wert. Und trotzdem: ein Zeichen, dass das Umdenken begonnen hatte.

Chinesische Regierung: Ein-Kind-Politik war Grund für Chinas erfolgreiche Armutsbekämpfung

1,38 Milliarden Einwohner zählt China heute. So viele Menschen leben in keinem anderen Land. Es hätten noch sehr viel mehr werden können. Hätte es die Ein-Kind-Politik nicht gegeben – die Bevölkerungszahl läge heute bei knapp 2 Milliarden und damit um 600 Millionen höher. Das zumindest behauptet die chinesische Führung – und erhält bis heute dafür Beifall. Sie sei ein wesentlicher Grund für Chinas erfolgreiche Armutsbekämpfung gewesen, ur teilte die Weltbank 2005. Der britische Economist bezeichnete die Ein-Kind-Politik 2014 als eine der wichtigsten Maßnahmen zum Klimaschutz. Ohne sie wären bis 2005 rund 1,3 Milliarden Tonnen mehr Kohlenstoffdioxid in die Erdatmosphäre geblasen worden.

Die Politik hatte ihren Preis: 300 Millionen Abtreibungen haben die Behörden in den vergangenen 30 Jahren vorgenommen – viele davon erzwungen. 1983 etwa gab es 14,4 Millionen Abtreibungen, 29,7 Millionen Sterilisationen. Das war die andere Seite der Medaille.

Cai Yong, Demografie-Experte, hält die Behauptung, die Ein-Kind-Politik habe 400 Millionen zusätzliche Neugeborene verhindert, für reine Propaganda, die Forscher und Medien aus aller Welt bloß nachbeteten. Statistiker hätten die Geburtenrate der frühen 50er-Jahre mit einem steilen Strich einfach bis in die Gegenwart verlängert. Eine völlig falsche Annahme, kritisiert Cai. Mit zunehmendem Wohlstand gehe die Zahl der Kinder ganz von selbst zurück.

Seinen Untersuchungen zufolge fiel der größte Rückgang der chinesischen Geburtenrate denn auch gar nicht in die Zeit ab 1980, als die Ein-Kind-Politik eingeführt wurde. Die Zahl war schon vorher deutlich zurückgegangen, von sechs Kindern Anfang der 70er-Jahre auf 2,8 zehn Jahre später. Und sie wäre ohne Zwangsmaßnahmen weiter gefallen, ist sich der Demografie-Experte sicher, der an der University of South California forscht und lehrt. „Die Grausamkeiten hätte sich die chinesische Führung sparen können.“

2030 ist jeder vierte Chinese ein Greis

Dafür steht China nun vor einem anderen Problem: der Überalterung. Vor diesem Problem stehen zwar viele Länder. Doch in keinem wird das Ausmaß so groß sein wie in der Volksrepublik. Bis 2030 wird die Zahl der über 60-Jährigen auf mehr als 300 Millionen steigen. Jeder vierte Chinese ist dann ein Greis. Schon jetzt weiß die chinesische Führung nicht, wie sie ihre vielen alten Menschen versorgen soll. Wie wird es dann erst in zehn Jahren aussehen? In Fernsehwerbespots wird nun die vierköpfige Familie zum Ideal erklärt.

Für so richtig und notwendig Liu Jia das Ende der Ein-Kind-Politik hält – für sie selbst kommt ein zweites Kind nicht infrage. „Zu teuer“, sagt sie. Sie zählt auf: Umgerechnet 300 Euro an Kitagebühren müsse sie pro Kind im Monat aufwenden. Dabei verdient sie mit ihrem Mann zusammen doch nur rund 1500 Euro. Und dann kämen Klavierunterricht hinzu, die Kosten für die Nachhilfe am späten Nachmittag und das Sparen fürs Studium.“ Natürlich, all das mussten wir früher nicht ausgeben, weil es die Dinge nicht gab“, sagt sie.

Die Ansprüche seien heute aber eben andere, sagt Liu. Sie zeigt auf das Familienfoto von ihrem Disneyland-Besuch in Hongkong, das groß über ihrer Wohnzimmercouch hängt. Die Zeit lasse sich nun mal nicht zu rückdrehen.