Schon von Weitem ist die gewaltige Dampfwolke zu sehen, die über dem Kernkraftwerk Leibstadt in dichten Schwaden in den Himmel über dem Hochrhein aufsteigt. Ein halbes Jahr stand der Schweizer Reaktor nahe Waldshut-Tiengen, der 1984 seinen Dauerbetrieb aufnahm, aus Sicherheitsgründen still. Jetzt werden am Hochrhein wieder Atome gespalten – wenn auch etwas weniger als zuvor.


Ein Grund zur Beunruhigung? Die Schweizer Atomaufsicht zerstreut Befürchtungen beim deutschen Nachbarn. Dennoch darf das Kraftwerk nur mit verringerter Leistung seinen Betrieb fortsetzen. Der Grund für die Auflage durch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi): An einem Teil der Brennelemente waren Roststellen entdeckt worden. Der unerwünschte Rost, so stellte die Atomaufsicht fest, könnte zumindest teilweise mit einer Erhöhung der Reaktorleistung zusammenhängen, die in den Jahren 1985 bis 2002 realisiert wurde und damals umstritten war. Wegen Klärung der Korrosionsbefunde musste der Reaktor nach der Jahresrevision im August 2016 fast ein halbes Jahr pausieren.

Die Ursachenforschung ergab laut Ensi: Zeitweise waren Brennstäbe im Reaktor nicht wie vorgesehen vollständig von einem Wasserfilm bedeckt. Dieses Phänomen trat im Zusammenhang mit der Bildung von Dampfblasen auf. Die Fachleute sprechen von Dryout, wenn sich eine solche Austrocknung zeigt. Die mangelnde Bedeckung mit dem Reaktorwasser und die daraus resultierende stärkere Erhitzung sollen der Grund für das Oxidationsproblem sein. 30 von 62 000 Brennstäben sollen so stark betroffen gewesen sein, dass sie ersetzt werden mussten.

Dass ein Brennstab regelrecht durchgerostet war, kam laut Ensi allerdings nur einmal vor: Im Jahr 2014 sei an einem Hüllrohr ein drei bis vier Millimeter großes Loch entdeckt worden. Doch auch dies soll keine Gefahr dargestellt haben, Brennstabschäden in Reaktoren seien ein bekanntes Phänomen. Das Ensi verweist auf die radiologischen Grenzwerte, die zum Schutz der Umgebung für den Kühlwasserkreislauf gelten. Die Limits seien beim Atomkraftwerk Leibstadt bei Weitem nicht erreicht worden.

Doch welche Folgen kann es haben, wenn Brennstäbe austrocknen und dadurch teilweise nicht richtig gekühlt werden? Ensi-Kommunikationsleiter Sebastian Hueber erklärte auf Anfrage dieser Zeitung: Der Kühlwasser-Füllstand im Reaktor sei jederzeit korrekt gewesen. Durch die Dryouts habe es zwar „lokale Temperaturerhöhungen in den betroffenen Hüllrohr-Bereichen“ gegeben. Hueber: „Dadurch kann es aber nicht zu einer Erhitzung des Reaktors kommen.“ Dryouts führten „entgegen der Behauptung einiger Atomkritiker nicht dazu, dass die Leistung des Reaktors unkontrolliert ansteigt und deshalb ein Sicherheitsproblem entsteht“. Ralph Schulz, Leiter des Ensi-Fachbereichs Sicherheitsanalysen, sieht es ähnlich und versichert: „Mensch und Umwelt waren nie in Gefahr.“

Gleichwohl hat das Rost-Problem zur Folge, dass die Schweizer Atomaufsicht die am 16. Februar 2017 erlassene Genehmigung zum Wiederanfahren nur unter Auflagen erteilte. Ralph Schulz erklärt: „Die Dryouts führen zu einer beschleunigten Oxidation der Hüllrohre und schwächen sie dadurch.“ Deshalb sei die Austrocknung von Brennstäben im Normalbetrieb nicht zulässig. Kernkraftgegner, die wiederholt die Leistungserhöhungen an dem Reaktor kritisiert haben, können sich zumindest teilweise bestätigt fühlen. Denn Schulz erklärt: „Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die das Auftreten von Dryout beeinflussen. Die Reaktorleistung gehört sicherlich dazu.“ Passend dazu wurde eine weitreichende Vorgabe erlassen: Die thermische Leistung wird auf maximal 95 Prozent reduziert und sinkt bis September 2017 auf 88 Prozent.

Weniger Leistung bedeutet weniger Wirtschaftlichkeit. Seit Dezember 2001 schafft der Reaktor am Rhein mit Genehmigung der Berner Atomaufsicht 3600 Megawatt – beim Start 1984 waren es 3012 Megawatt. Begründet wurde die Leistungssteigerung seinerzeit mit dem Ziel, die Stromproduktionskosten zu senken, um am Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Und jetzt? Kraftwerksdirektor Andreas Pfeiffer sagt: „Zum heutigen Zeitpunkt können die finanziellen Auswirkungen nicht genau beziffert werden, da diese von der Marktpreisentwicklung abhängig sind.“ Ob die Einschränkungen wieder aufgehoben werden, hängt laut Kraftwerksleitung auch von den Ergebnissen der nächsten Jahreshauptrevision ab. Die Anlage und die Sicherheitssysteme seien von Beginn an auf 3600 Megawatt ausgelegt gewesen, heißt es in Leibstadt.

Im Atomkraftwerk Leibstadt steht Leiter Andreas Pfeiffer vor einem Modell des Reaktors (Archivfoto).
Im Atomkraftwerk Leibstadt steht Leiter Andreas Pfeiffer vor einem Modell des Reaktors (Archivfoto). | Bild: Roland Gerard

Doch nicht nur die Reaktorleistung ist von den Auflagen betroffen. Eine weitere Vorgabe lautet: Das Atomkraftwerk muss sofort abgeschaltet werden, wenn ein Anstieg bei den radioaktiven Abgasen festgestellt wird. Denn dies deute auf einen Brennstabschaden hin. Laut Ensi ist die Ursachenanalyse des Rost-Problems noch nicht vollständig abgeschlossen. Dementsprechend hält die Kritik an. Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, erklärte auf Anfrage dieser Zeitung: „Das Vorgehen der Schweizer Atomaufsicht ist nicht vertrauenerweckend. Leibstadt muss abgeschaltet werden.“

"Die Schweiz geht einen anderen Weg"

Rita Schwarzelühr-Sutter, 54, ist SPD-Politikerin aus Lauchringen (Kr. Waldshut-Tiengen). Die Bundestagsabgeordnete wurde nach der Wahl 2013 als Staatssekretärin ins Umweltministerium berufen.

Frau Staatssekretärin, wie sicher ist das Atomkraftwerk Leibstadt?

Das ist leider schwer zu sagen. Die Schweizer Atomaufsicht Ensi steht in der Pflicht, den sicheren Betrieb der Schweizer Atomkraftwerke zu garantieren. Zusammen mit Beznau I, dem ältesten Atomkraftwerk der Welt, und Beznau II, gehört Leibstadt zu den alten Reaktoren. Er wurde Anfang der 80er-Jahre in Betrieb genommen. Zu Recht sind die Bürger wegen der sich häufenden Vorfälle besorgt.

Wie bedrohlich sind diese Vorfälle? In der offiziellen Darstellung liest sich jeder einzelne harmlos. Täuscht das?

Es gab und gibt offene Fragen. Ich erinnere da zum Beispiel an die Bohrungen am Containment (Sicherheitsbehälter), die über Jahre hinweg unentdeckt geblieben sind und offenbar niemanden interessiert haben. Das war eine Frage der Sicherheitskultur. Eine Frage, die noch nicht beantwortet ist, ist die restlose Aufklärung der Ursache für die sogenannten Dryout-Effekte. Und deshalb wollen wir auch wissen, was die technischen Hintergründe sind, die zur Entscheidung für ein Wiederanfahren geführt haben.

Treiben diese Fragen nur die Deutschen um? Die Schweiz pflegt doch ein ähnlich hohes Sicherheitsbedürfnis.

Ja, selbstverständlich beschäftigt dies Deutsche und Schweizer. In den Schweizer Zeitungen finden Sie auch viele kritische Berichte.

Sie sprechen immer wieder von offenen Fragen. Werden Sie von der Schweizer Seite gut und regelmäßig informiert?

Die Fachebene pflegt einen guten Austausch mit ihren Kollegen aus der Schweiz. Nur in diesem konkreten Fall wäre ein frühzeitiger Austausch für uns wichtig gewesen – noch bevor das AKW wieder angefahren wird. Deshalb hat das Bundesumweltministerium das ENSI bereits vor dem Wiederanfahren des AKW um ein Gespräch gebeten.

Sie sind Staatssekretärin im Umweltministerium, bei dem auch die Reaktorsicherheit angesiedelt ist. Welche politischen Mittel können Sie einsetzen, um mit den Schweizer AKW-Betreibern auf dieselbe Wellenlänge zu kommen?

Wir nutzen jede Gelegenheit und thematisieren den Ausstieg aus der Atomkraft und die Sicherheit alter Reaktoren. Über die Energiepolitik und das jeweilige Abschalten entscheidet aber jeder Staat für sich. Wenn ich Richtung Schweiz schaue, sehe ich zuerst das Ergebnis der Volksabstimmung vom November 2016. Die Bürger haben sich gegen einen schnellen Ausstieg ausgesprochen. Das müssen wir respektieren.

Man gewinnt den Eindruck, dass der Rhein nicht nur ein Gewässer ist, sondern auch einen Eisernen Vorhang der Energiepolitik bildet.

Ja, Es gibt da einen Unterschied über den Ausstieg. In Deutschland haben wir seit Fukushima einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens, aus der Atomkraft auszusteigen. Die Schweiz geht nach Fukushima einen anderen Weg und baut erst einmal keine neuen Atommeiler. Unsere Aufgabe ist es zu zeigen, dass man trotz Energiewende ein erfolgreicher Industriestaat sein kann. Oder gerade wegen der Energiewende!

Wieviele Jahre geben Sie Leibstadt noch?

Wenn es nach mir ginge, würde ich das AKW Leibstadt lieber heute als morgen endgültig abschalten. Mir ist aber auch bewusst, dass jedes Land hier souverän entscheidet.

Fragen: Uli Fricker