Jetzt laufen sie wieder, die hochbeinigen Klaudias, die dürren Pias, die langhaarigen Saras und wasserstoffblonden Zoes. Alle supernett. Alle extrem leidensbereit und lächelfähig. Alle wollen allerbestes Model werden. Leider ist der Fernsehsender ProSieben nicht Paris. Die Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) geht in die nächste Runde.

Heidis Schönheitsideal führt zu Essstörungen

Die Sendung, abgekupfert aus den USA, was auch sonst, gibt es seit 2006. Und ebenso lang die Kritik daran. Wir wissen es jetzt. GNTM-Konsum führt zu Essstörungen und Model-Mama Heidi Klum in eine Barbie-World mit Bulimie. Die Mädchen haben Kleiderstangen-Format, die Gesichter Kindlein-Schema-Qualität. Dieses Schönheitsideal züchtet Magersüchtige, das belegen Studien. Ja, es gibt Teilnehmerinnen, die sich das bisschen Restfett absaugen und die Lippen aufspritzen lassen. Noch was?

Die Argumente werden nicht gerade jünger. Derweil hat Heidi immer frischen Nachwuchs. Durch die MeToo-Debatte bekamen kritische Stimmen zwar Aufwind. Eine Handvoll Hamburger Schülerinnen singt derzeit im Internet ein Protestlied (#NotHeidisGirl). Allerdings: Gegen diesen rührenden Clip ist die GNTM-Traumquote ein Schlag aufs Auge. 2,11 Millionen Zuschauer sahen die vorletzte Folge.

Wer glaubt, der Zulauf habe mit Wahlfreiheit und Konsumentendemokratie zu tun, weiß nichts von Manipulation. Wer sich wundert, dass alle Mädchen irgendwie gleich aussehen, lange Haare, lange Beine, Rehblick, weiß nichts von Biologismus. Natürlich ist das nicht.

Gerade hat der 13. Staffel-Lauf auf Highheels und Hochplateau-Sohlen begonnen. In der zweiten Folge präsentierten die armen Dinger die Lidl-Kollektion von Heidi Klum. Wohin laufen sie, die süßen Mädels? Sicher nicht in Richtung Top-Karriere. Nicht mal Ziehmutter Klum selber hat es auf die Catwalks von Dior oder Tom Ford geschafft. Karl Lagerfeld, Entdecker echter Spitzentalente wie Claudia Schiffer, gibt den Tarif durch: „Heidi Klum kenne ich nicht. In Frankreich hat es sie nie gegeben.“ Echt?

Klar doch, Karl kennt Klum. Er will nur sagen: Heidi ist nichts für Paris. Macht nichts. Es gibt genügend andere Auftrittsmöglichkeiten. Bei der Grammy-Verleihung 2018 jetzt trat Klum, 44, in schwarzer Spitzen-Corsage mit Straps und Strümpfen auf. Danach posierte sie bäuchlings im Bett mit nacktem Po und Stöckelschuhen. Super Vorbild für unsere Töchter. Kommentar eines Followers: „Bei jeder Gelegenheit die Möpse und den Hintern in die Kamera halten, hat nicht gerade Stil!“

Nichts als Werbung

Wer meint, es gehe bei „Germany’s Next Topmodel“ um die Ausbildung von Firstclass-Mannequins, der glaubt vermutlich auch, das Abo in einer Muckibude sei der beste Weg, um Olympia-Teilnehmer zu werden. Die ProSieben-Sendung ist keine Model-Schule. Was wir sehen, sind Werbestrecken, länger als jeder Laufsteg. Schönheit ist machbar, Fräulein Nachbar, machbar durch Beauty- und Fashion-Produkte. GNTM ist erstens eine Werbesendung, zweitens eine Werbesendung, drittens eine Unterhaltungssendung und viertens, das ist jetzt wichtig, eine Erziehungssendung. Sie schafft Vorbilder.

Der Privatsender ProSieben funktioniert als öffentliche Erziehungsanstalt ohne rechtlichen Auftrag. Lernziel für höhere und niedere Töchter: Wie ich eine richtig tolle Frau werde. Millionen schauen zu. Zwei Generationen sind durch Heidis Schule gegangen. Dabei haben Frauen viele Lektionen gelernt.

  • Erste Lektion: Du bist Körper. Sonst bist du nichts. Zeige deinen Körper. Er ist dein Kapital. Konzentriere sämtliche Anstrengungen auf Schönheitspflege, geschmeidiges Gehen und aufrechtes Stehen.
  • Zweite Lektion: Du bist Körper, aber keine Nutte. Halte dich bei Nacktfotos zurück. Sex ist nur Mittel zum Zweck. Du sollst Lust wecken – Kauflust.
  • Dritte Lektion: Übe deine Posen, bis sie natürlich wirken. Sei Puppe, aber lebensecht. Mädchen spielen gerne; Männer auch.
  • Vierte Lektion: Bewege dich wie aufgezogen! Sei ständig gut drauf! Als sei Konkurrenz dein Lebenselexier. Zeige auch Freude am gemeinsamen Erfolg: Hoch die Arme! High Five, made in USA. Mach mit! Bei GNTM herrscht ein irres Geziere, Gezicke, Haargezwusel und Getue.
  • Fünfte Lektion: Umarme deinen Nächsten. Hier umarmen sich immer alle und alle immerzu. Als müsse ein Dauerkrieg künstlich niedergehalten werden. Wer eine Studie über weibliche Abwehrhysterie machen will, findet bei GNTM haufenweise Probandinnen.
  • Sechste Lektion: Gib dich abweisend auf dem Laufsteg. „Sei arrogant und elegant“, sagt Heidi Klum. Wer die lächelnden Mannequins der 1960er-Jahre kennt, mag sich wundern, warum moderne Models so grantig dreinschauen. Hin zu den Fotografen am Ende des Laufstegs, kurzer Stopp, starre Pose, gleich wieder zurück. Der Ingrimm hat Methode. Es ist wie im Supermarkt. Die Ware präsentiert sich hintereinander, stachelt die Sinne an und entzieht sich wieder. Ewiges Lustversprechen, nie wirklich einlösbar: So funktioniert die Warengesellschaft – und auch diese Kohorte unglaublich schöner, unbegreiflich abweisender Frauen.
  • Siebte Lektion: Halt die Klappe. Dein Körper ist gefragt, nicht deine Meinung. Die GNTM-Teilnehmerinnen sind keineswegs dumm; Schülerinnen und Studentinnen sind in der Überzahl. Aber sie haben nichts zu melden. Heidis Wille geschehe. Schlimmer kann es im Matriarchat nicht zugegangen sein.
  • Achte Lektion: Falls du schon den Mund aufmachen musst, dann am besten für Phrasen und Freudenschreie. „Macht voll Spass!“ – „Megatoll!“ – „Wahnsinnige Outfits!“ – „I love it!“ Kann man alles bei Heidi lernen und geht super einfach.
  • Neunte Lektion: Du darfst crazy sein. Verrückttun wie ein Huhn gehört zum Geschäft wie der „Lach-Fruchtgummi“ aus dem Hause Storck zur Unterbrecherwerbung. „Mach crazy“, befiehlt Heidi Klum. Gib Pfötchen, sagt die Filmtier-Dompteuse. Heide Klums Methoden haben das Subtile von Zuckerbrot und Peitsche. Ein Beispiel für viele: Folge 3. Trampolinspringen im Pelz unter der Karibik-Sonne. Ein Mädchen kollabiert schier. Seine Hände zittern. Heidi fragt scheinheilig: „Geht es dir gut?“ Im selben Atemzug macht sie Druck: „Das ist aber der letzte Versuch!“ Und schiebt heuchlerisch ihr Mitgefühl hinterher: „Schade.“ Diese widersprüchliche Botschaft macht irre und abhängig. Heidi beherrscht sie aus dem Effeff. Um diese Frau spontan, humorvoll und natürlich zu finden, muss man sehr jung sein oder keine Ahnung von Menschen haben.
  • Zehnte Lektion: Leistung ist alles, Gegenwehr zwecklos. Das kannst du dir gleich mal für deinen späteren Berufsweg merken. „Du musst auch in Extremsituationen Bestleistungen bringen“ (Heidi). Wer entlassen wird, ist selber schuld. Hat es nicht gebracht. Ist unwürdig, vor den Augen der Welt zu erscheinen. Wenn du gefeuert wirst, vergiss nicht, Danke zu sagen.

Danke, Heidi. Die supernette Castingshow ist ein Schaulaufen junger Frauen in erniedrigenden Umständen. Es geht nicht nur ums Schönheitsideal. GNTM ist eine politische Sendung. Der Ranking-Wahn erzeugt ein hierarchisches Bewusstsein. GNTM ist eine fiese Einübung in öffentlicher Demütigung. Man gewöhnt sich daran, Opfer zu sein. Und dabei zu tun, als sei alles wahnsinnig lustig. Das Irre wirkt normal. GNTM übt Selbstunterwerfung auf scheinbar freiwilliger Basis. GNTM fabriziert Prototypen für die Puppenstube. Niemand muss mitmachen. Jeder kann abschalten. Wer das schafft, bitte vortreten.

„Germany’s Next Topmodel“ läuft immer donnerstags auf ProSieben um 20.15 Uhr.

Die Show und die Kritik daran

  • Aktuelle Umfrage: 74 Prozent der Befragten stimmten in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov vor Beginn der dritten Staffel der Aussage zu, dass die Sendung ein falsches Schönheitsideal vermittele. Nur 15 Prozent der Befragten waren der Ansicht, die Sendung sei authentisch. Nur zehn Prozent der Befragten gaben an, die Sendung nicht zu kennen.
  • Die Debatte: Die Kritik an der Sendung habe sich geändert, weg von der Magersuchtsdebatte hin zur Frage, was Weiblichkeit eigentlich sei, sagt Medienwissenschaftlerin Miriam Stehling von der Uni Tübingen. Sie hat junge Frauen zum Format befragt. „Da gibt es eine Ambivalenz, indem sie etwa sagen ‚Ich schaue mir das gerne an’, die sexistischen Aufforderungen aber kritisch reflektieren.“ Für junge Frauen sei Reality-TV normal. „Sie wissen, dass es inszeniert ist“, sagt Stehling. Aber: „Sie verbannen deswegen nicht das ganze Format.“
  • Was ProSieben sagt: „Seit 13 Jahren wird GNTM immer wieder von Medienwächtern geprüft und als unbedenklich eingestuft“, erklärt ein Sprecher. „GNTM verändert sich von Jahr zu Jahr. Und nimmt Veränderungen in der Gesellschaft auf.“ Jurorin Heidi Klum hatte im Vorfeld erklärt, auch Mädchen „mit tollen Kurven“ seien gefragt. (dpa)