Die Welt ist aus den Fugen geraten, sagt der neue Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das sagte auch Angela Merkel auf dem Parteitag in Essen: „Viele Menschen haben das Empfinden, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Und sie haben ja auch recht.“ Die „Welt“ – die Zeitung, nicht unser Planet – schreibt ebenfalls, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Auch beim Grünen-Parteitag im November erwähnte man die aus den Fugen geratene Welt. Diese unverfugte Welt ist im laufenden Wintersemester zudem sogar Gegenstand einer Ringvorlesung an der Uni Kassel.

Dabei ist die aus den Fugen geratene Welt offenbar gar nichts Neues, denn der vor bald drei Jahren verstorbene große Journalist und Weltreisende Peter Scholl-Latour wusste bereits 2012, dass die Welt aus den Fugen geraten ist und hat über die unverfugte Welt ein 400 Seiten dickes Buch geschrieben.

Ich habe mich dann gefragt, ob es denn in all den Jahren keine Handwerker gegeben hat, die sich gefreut hätten über einen möglichen Weltverfugungs-Auftrag der Vereinten Nationen – wer hätte sonst den Auftrag erteilen sollen? Und überhaupt: Was sind das denn für Fugen, die es zu reparieren gilt? Fugen, so schreibt der Brockhaus, sind Zwischenräume zwischen zwei aneinander stoßenden Bauteilen. Wikipedia ergänzt, dass die Fuge „ein gewollter oder toleranzbedingter Spalt oder Zwischenraum“ ist. Es gibt die waagrechten Lagerfugen und die senkrechten Stoßfugen. Wir brauchen für die Welt wohl beides, Lagerfugen an Nord- und Südpol und Stoßfugen rund um den Äquator. Für den Rest der Welt kommen vielleicht noch Gleit-, Schein- oder Sollrissfugen sowie Bewegungsfugen infrage, das muss die UNO in ihrer Auftragsbeschreibung präzisieren.

Wer immer auch den Auftrag dann erhält, er muss die Kunst der Fuge beherrschen. Johann Sebastian Bach war darin ein Meister. Aber wer verfügt heute noch über diese hohen Fertigkeiten?

Natürlich gehören zu einer Fuge immer zwei Bauteile, Ziegel an Ziegel, Stein auf Stein, Platte an Platte. Nur frage ich mich, was denn das anstoßende Bauteil zu unserem Planeten ist? Eine zweite Welt ist weit und breit nicht in Sicht. Nicht einmal der Mond ist ein Nachbar, den eine solide Fuge auf Abstand halten müsste. Es gibt also überhaupt kein Bauteil, das sich an die Welt fügt. Die Welt fliegt völlig fugenfrei durch das All.

Man könnte das All selbst als das an die Welt stoßende Bauteil auffassen. Dann wäre die Erdatmosphäre unsere Fuge zum All. Da haben wir vorgesorgt: Mit unseren Treibhausgasen polstern wir die Welt immer besser gegen Zusammenstöße von außen. Fugenmasse steht reichlich zur Verfügung. Dass die Welt aus den Fugen geraten ist, stimmt also gar nicht. Es ist Unfug.