Früher wurde geboxt. Mit Max Schmeling, Bubi Scholz oder Henry Maske stieg die halbe Nation in den Ring. Ringen gab es noch, etwa mit Wilfried Dietrich. Der Turm von Schifferstadt gewann 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom die Goldmedaille. Judo war dann schon exotischer, Karate ohnehin. Damit war die Auswahl überschaubar, wenngleich im Boxen damals schon mehrere Verbände untereinander konkurrierten.

Und heute? Wing Chun gefällig? Oder lieber eine Runde Thaiboxen? K-1? MMA? Alles Buchstabensuppe? Tatsächlich gibt es mehr Kampfsportarten, Stile und Verbände als in jeder Brühe Einlage. Und die Dojos, Budo-Circles, Gyms und Vereine freuen sich nicht nur über steigende Mitgliederzahlen, sondern gehören mit ihren Kampfabenden vor bis zu 1500 Zuschauern längst zu den größten Sportveranstaltern der Region.

Einer von ihnen ist Ralf Hasenohr. Als er sich in den 80er-Jahren erstmals für asiatischen Kampfsport begeisterte, konnten seine Eltern mit dem Hobby des Sprösslings wenig anfangen. Egal, Hauptsache der Bub macht Sport. 40 Jahre später gibt es kaum eine Kampfsporttechnik, in der sich Hasenohr nicht versucht hat. Hasenohr beherrscht viele Stile, vor allem aber das Thaiboxen.

„Das ist mein Leben“, sagt der 53-Jährige, der im schweizerischen Thayngen wohnt und bei der Deutschen Bahn als Fahrdienstleiter arbeitet. Thaiboxen ist eine Vollkontaktsportart. Anders als etwa beim Karate werden die Schläge nicht nur angedeutet, sondern konsequent zu Ende geschlagen.

An diesem Montagabend gibt er seine Leidenschaft in der Sporthalle der Singener Tittisbühlschule weiter. Ein einziges Wort, lediglich halblaut dahergesprochen, beendet das Toben und Schreien von 30 Kindern und Jugendlichen: „Aufstellung“, sagt Hasenohr. Keine zehn Sekunden später stehen seine Schüler schweigend in Reih und Glied, bereit für eine Thaibox-Lehrstunde. Im Training nach der Begrüßung werden Schlag- und Tritttechniken geübt, ein Laie würde kaum Unterschiede zu einer Karate-Einheit erkennen.

Ralf Hasenohr vom Thai-Box-Club Singen beim Training mit dem Nachwuchs. Hier gibt es weder wildes Toben noch Geschrei: „Disziplin ist wichtig“, so der 53-Jährige. „Kinder brauchen keine Stars, sie brauchen Vorbilder.“ Bild: Dirk Salzmann </span>
Ralf Hasenohr vom Thai-Box-Club Singen beim Training mit dem Nachwuchs. Hier gibt es weder wildes Toben noch Geschrei: „Disziplin ist wichtig“, so der 53-Jährige. „Kinder brauchen keine Stars, sie brauchen Vorbilder.“ | Bild: Dirk Salzmann

Mancher Kampf-Club erinnert in seinem Angebot ohnehin an einen Pizzaservice, der neben belegten Teigfladen aus Italien auch Gerichte aus Indien, China oder Mexiko anbietet. Boxen, Thaiboxen, Kickboxen, Wushu – alles drin, alles möglich. Im Jahresabo oder als Kurslehrgang, mit Vereinsanbindung oder ohne. Als Wettkampfform oder eben nur als Fitnesstraining.

Mit so viel Flexibilität können viele Vereine nicht mithalten. Roland Gantert vom Judo-Club Tiengen kennt das Problem: „Heute will sich doch keiner mehr an einen Verein binden“, so der Vorsitzende, der über zu wenige Trainer und Mitglieder klagt. Beim Karate Dojo Shintaikan Villingen sind die jungen und ältere Altersklassen gut besetzt, die Teenagerklassen dagegen nicht. „Karate ist Höflichkeit, Respekt, ist Wiederholung und nichts für den schnellen Kick“, weiß Martina Höfer. Dramatischer ist die Lage der Boxer in der Region. Einst feierte der BC Singen die Deutsche Meisterschaft im Amateurboxen. Inzwischen sind Spitzenboxer in Deutschland die Ausnahme und im Amateurbereich kämpft mancher Club ums Überleben. In Singen wagen sie immerhin derzeit einen Neuanfang mit jungen Talenten. „Weniger die Konkurrenz durch die asiatischen Kampfstile habe den Niedergang ausgelöst“, so Vereinsboss Toni Ruberto, „sondern vielmehr der eigene Verband mit seiner Bürokratie und den hohen Kosten, die den Vereinen aufgezwängt werden“.

Kampfsportveranstaltungen sorgen regelmäßig für volle Hallen, das Interesse an sportlichen Wettkämpfen ist enorm, wie hier bei der 4. Bodensee Fightnight 2017. | Bild: Reiner Jäckle

Viele Verbände und Weltmeister

In anderen Kampfsportarten wäre ein solches Problem wohl schnell behoben – wenngleich damit andere entstehen. Keine andere Sportszene ist in so viele unterschiedliche Verbände gespalten. Es gibt große mit Zehntausenden Mitgliedern, aber eben auch kleine, die quasi nur aus einer Handvoll Mitgliedern bestehen, die aber trotzdem einen Weltmeister küren. Pro Gewichtsklasse versteht sich. Die Zahl der Welt-, Interkontinental-, Europa- oder Deutschen Meister können selbst Experten so nur schätzen. Hasenohr spricht von „schwarzen Schafen“, bemängelt dennoch, dass sein Sport keine Fördergelder erhalte. „Die Zustände im Karate sind auch nicht anders. Dennoch darf Karate Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund sein und wir nicht.“

Anruf beim Deutschen Olympischen Sportbund, dem obersten Gremium des deutschen Sports. Warum ist das so? Der zuständige Justitiar verweist auf das Problem der vielen Verbände, vor allem aber darauf, dass der DOSB die Kampfsportler durchaus kritisch beäugt. „Mit Thaiboxen an sich haben wir kein Problem, aber da gibt es ein schillerndes Umfeld, das in Bezug auf Fairplay nicht zu unserer Haltung passt.“ Rums. Das sitzt. MfG Hermann Latz vom DOSB, der damit MMA meint, also Mixed Martial Arts. In den USA ist diese Version des Kämpfens längst beliebter als Boxen. Die jüngste Auflage der amerikanischen Ultimate Fighting Championship (UFC), der bekanntesten MMA-Organisation, verfolgten weltweit mehr als 100 Millionen Zuschauer. Gekämpft wird in einem Käfig und auch dann noch, wenn der Gegner blutet oder am Boden liegt. MMA an sich stehe aber nicht im Widerspruch zu Fairplay. Das sagt Ralph Fischer, dessen Sportakademie in Villingen auch MMA-Training anbietet. „Die Verletzungsgefahr ist nicht größer als in anderen Sportarten“, heißt es hier vom Firmenchef. Tatsächlich gibt es seit 2007 laut der irischen Zeitung Mirror 13 Todesfälle bei Mixed-Martial-Arts-Kämpfen. In Zusammenhang mit Boxkämpfen kam es zu deutlich mehr tödlichen Zwischenfällen. Die Manuel Velazquez Collection, ein Datenarchiv für Todesfälle im Boxen, listet 103 tote Sportler allein zwischen 2000 und 2010 auf.

Vollkontakt: So blutig wie beim medialen Großereignis Ultimate Fighting Championship geht es bei kaum einer Kampfsportart zu.
Vollkontakt: So blutig wie beim medialen Großereignis Ultimate Fighting Championship geht es bei kaum einer Kampfsportart zu. | Bild: MAURO PIMENTEL (AFP)

Zurück zum Thaiboxen, zurück zur Frage, warum Männer und Frauen überhaupt in den Ring steigen, um sich gegenseitig mit Händen und Füßen zu schlagen und zu treten. Und warum kommen so viele zum Zuschauen? „Ich glaube, dass viele, die noch nie einen Kampf gesehen haben, ein falsches Bild davon im Kopf haben“, sagt Saskia D’Effremo. Gut 30 Kämpfe hat sie bereits absolviert. „Ich kenne niemanden, der von der Atmosphäre und der Spannung nicht begeistert war.“

 

Große Veranstaltungen in der Region

  • MMA in Villingen

    Süddeutsche Meisterschaft der Mixed Martial Arts Association (MMA) für Amateure, u. a. mit Kickboxen, K1, Grappling und Kata am 23. Juni in der Deutenberghalle in Villingen. Eintritt 6 Euro. Veranstalter ist die Sportakademie Fischer.

  • Fight Night in Singen

    Die nächste Auflage der Singener Fight Night in der Münchriedhalle gibt es am 3. November. Organisator ist der Thai-Box-Club Singen von Ralf Hasenohr.

  • Bodensee Fight Night

    Fand zuletzt im März in Uhldingen-Mühlhofen statt. Wird vom Muay Thai Gym Mendez ausgerichtet, dem Trainingszentrum des Thaiboxers Harms Mendez in Überlingen. Nächste Auflage ist für das Frühjahr 2019 geplant.

  • Seesys Fight Night in Konstanz

    Findet ab 2019 immer im Oktober statt. Organisator ist der Budo-Circle Konstanz. Im Sommer 2018 findet ein Nationalkadertraining im Leichtkontakt des Verbands ISKA statt.

 

„Die Gesellschaft ist in ihrem Grundbedürfnis nach Sicherheit verunsichert“

Swen Körner, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln, über die Entwicklung der Kampfsport­szene in Deutschland.

Swen Körner
Swen Körner

Herr Körner, in Südbaden gibt es kaum ein Dorf ohne eigenen Kampfsportclub.

Das ist deutschlandweit nicht anders. Allein im Raum Köln zählten wir in einer Studie vor Kurzem über 60 Kampfsportanbieter, davon waren lediglich sechs olympischen Sportarten zuzuordnen. Die Erweiterung des Angebots mit neuen Disziplinen ist ein Phänomen, das wir schon lange beobachten.

Warum wächst die Szene so rasant?

Kampfsport ist eine attraktive Möglichkeit, körperliche Leistungsfähigkeit zu entwickeln und in einer sehr direkten Weise miteinander zu vergleichen. Die Szene ist zudem stark in den neuen Sozialen Netzwerken vertreten. Daneben gibt es noch andere Gründe für den Zuwachs an Mitgliedern und Veranstaltungen.

Welche?

Nicht jeder Kampfsportler steigt selbst in den Ring. Für viele ist das Training der Anreiz und damit die Motivation, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Hinzu kommen soziale Motive. In den Strukturen des Kampfsports spielen nicht selten Zusammenhalt und Zugehörigkeit eine große Rolle. Viele Eltern wiederum schicken ihre Kinder mit pädagogischen Erwartungen in Kampfsportschulen. Und schließlich geht es auch um Sicherheit.

Es gibt ein gestiegenes Bedürfnis, Selbstverteidigungstechniken zu beherrschen?

Ja, wir hatten nach den Vorkommnissen der Silvesternacht 2015/16 in Köln einen Boom in dieser Sparte. Pfeffersprayhersteller kamen etwa mit der Produktion nicht mehr hinterher, so groß war die Nachfrage. Auch Anbieter von Selbstverteidigungskursen berichteten von einer Hochkonjunktur.

Was sagt das über die Gesellschaft aus?

Dass sie im Grundbedürfnis der Sicherheit verunsichert ist. Der Bürger hat begriffen, dass er sich nicht allein auf Staat und Polizei verlassen kann, wenn es um die eigene Unversehrtheit geht. Die Polizei benötigt, wenn alles gut läuft, zehn bis zwölf Minuten, um vor Ort zu sein, wenn etwas passiert. Das kann zu spät sein.

Viele Eltern berichten von positiven Nebeneffekten, seit ihre Kinder Kampfsport betreiben, gerade was Disziplin anbelangt. Gibt es da tatsächlich nachweisbare Effekte auf schulische Leistungen oder privates Verhalten?

Die gibt es, aber man muss dazu ins Detail schauen. Dass die Teilnahme an kampfsportlichem Training automatisch dazu führt, dass sich die kognitive Leistung steigert oder dass die Persönlichkeit in positivem Sinn entwickelt wird, kann man so nicht sagen. Das ist aus wissenschaftlicher Perspektive ein Mythos.

Warum?

Es gibt dazu zahlreiche empirische Studien, nur kommen die zu keinem eindeutig positiven Ergebnis. Zudem wird selten thematisiert, dass Kampfsport auch in anderen Kontexten eine Rolle spielt. Im Militär natürlich oder auch im Terrorismus. In einem seiner Ratgeber empfiehlt zum Beispiel der Islamische Staat seinen Sympathisanten und Anhängern, Kampfsport zu betreiben. Auch die Hooliganszene hat sich dem Kampfsport zugewendet, um für die dritte Halbzeit vorbereitet zu sein. Es gibt eben beide Möglichkeiten. Kampfsport kann positiv wirken, aber auch in die andere Richtung gehen.

Kommen wir zu der Zuschauerperspektive. Vor allem die umstrittene Mixed Martial Arts und ihre Protagonisten werden immer bekannter. Was halten Sie davon?

Mixed Martial Arts ist der direkte körperliche Kampf mit Möglichkeiten, die weder das Boxen noch das Thaiboxen oder das zwischenzeitlich sehr populäre K-1 bieten. Im Vergleich zu früher, als quasi alles erlaubt war, ist das heutige Regelwerk sehr umfangreich. Es gibt inzwischen übrigens auch eine Frauenszene, wenngleich das MMA weiterhin eine von Männern dominierte Sportart ist. Es geht eben Mann gegen Mann, ohne viele Unterbrechungen. Für Athleten und Publikum ist das vielleicht eine der letzten sozial protegierten Nischen, in der männliche Identitätsarbeit betrieben werden kann.

Fragen: Dirk Salzmann

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