Ein zaghafter Blick und ein schwacher Händedruck. So beginnt Salhs (Name von der Redaktion geändert) und meine erste Begegnung in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende im früheren Hotel Fürstenhof in Sigmaringen – und damit auch mit dem ersten Missverständnis. Denn während ich das Gefühl habe, dass hinter der Zurückhaltung des bärtigen Syrers, hinter der schwachen Geste, womöglich Missachtung stecken könnte, ist der 29-Jährige in eine schwierige Situation geraten. Sein Dilemma: Salh ist Muslim und ich eine fremde Frau. In seiner Heimat, einem kleinen Ort im Osten des Landes, hätte er mir deshalb niemals die Hand geschüttelt. Nicht unbedingt, weil er sich mir überlegen fühlt, sondern um mich, meine Ehre und die Ehre meiner Familie zu schützen. Doch Salh weiß mittlerweile, dass viele deutsche Frauen sich durch einen verweigerten Händedruck nicht geschätzt – sondern im Gegenteil – eben nicht geschätzt fühlen. Deshalb drückt er meine Hand dann doch – wenn auch zaghaft.

Für die Wäsche zuständig: In der Flüchtlingsunterkunft in Sigmaringen übernimmt Eissa eine Aufgabe, die nicht klassisch männlich ist. Der 28-jährige Syrer kümmert sich darum, dass seine Mitbewohner im früheren Fürstenhof immer etwas Frisches zum Anziehen haben.
Für die Wäsche zuständig: In der Flüchtlingsunterkunft in Sigmaringen übernimmt Eissa eine Aufgabe, die nicht klassisch männlich ist. Der 28-jährige Syrer kümmert sich darum, dass seine Mitbewohner im früheren Fürstenhof immer etwas Frisches zum Anziehen haben.

Die eben geschilderte Szene macht deutlich, wie kompliziert die Lage zwischen Flüchtlingen und Frauen sein kann. Denn wenn Salh über alltägliche Missverständnisse und Vorurteile spricht, dann weiß er, dass diese durchaus auf beiden Seiten vorhanden sind. „In Syrien hat man sich erzählt, dass europäische Frauen sehr viel freizügiger seien“, sagt er auf Englisch. Die Konsequenz: Viele junge Männer hätten gehofft, sich in dieser angeblich freieren Gesellschaft sexuell ausleben zu können. Sie waren neugierig, malten sich aus, welche Abenteuer hier auf sie warten könnten – jenseits der Reglementierungen in Syrien.

Bei ersten Begegnungen hätten deutsche Frauen dann tatsächlich oft anders reagiert, als sie es gewohnt waren, erklärt einer der syrischen Flüchtlinge im Fürstenhof. „Sie schauten uns zum Beispiel direkt an und lächelten dabei.“ So mancher habe sich dann gefühlt, als sei er in einem Süßigkeitenladen, in dem man nur noch zugreifen muss.

Dass das nicht so ist, wissen wohl nun die meisten. Doch wie kam es zu diesem Missverständnis? Eine Erklärung: Dass sich Männer und Frauen freundschaftlich begegnen können, ist für manche Migranten durchaus ungewohnt – vor allem wenn sie aus ländlich-konservativen Regionen im Nahen Osten stammen. Özkan Ezli, Kulturwissenschaftler an der Universität Konstanz, führt in diesem Zusammenhang an: „Nach einer bekannten Aussage des Propheten, ist die Begegnung zwischen Mann und Frau immer auch eine potenziell sexuelle.“ Die Folge: Sie muss reguliert werden – zum Beispiel indem die Frau ein Kopftuch trägt oder sich – im Extremfall – sogar komplett verhüllt. Der Islam ist also einer von mehreren Bausteinen, der den Blick syrischer Männer auf Frauen erklärt. Erst recht, wenn die im Glauben angelegten patriarchalischen Ideen von Machthabern verstärkt werden, um die eigene Stellung zu festigen.

Große Runde im kleinen Zimmer: Flüchtlinge in Sigmaringen berichten von Erfahrungen und Vorurteilen.
Große Runde im kleinen Zimmer: Flüchtlinge in Sigmaringen berichten von Erfahrungen und Vorurteilen. | Bild: Susanne Ebner

Dass der Umgang von Männern mit Frauen im Nahen Osten nicht nur durch die Religion, sondern auch maßgeblich von den Lebensumständen beeinflusst wird, zeigte sich 2011 auf dem Tahir-Platz in Kairo. Damals kam es zu gemeinschaftlich begangenen sexuellen Übergriffen. Frauen wurden bei Demonstrationen – ähnlich wie in der Silvesternacht in Köln – umringt und angegriffen. Ezli meint dazu: „Meiner Ansicht nach sind solche Taten in erster Linie nicht religiös motiviert, sondern Ausdruck massiver Unzufriedenheit.“ Und tatsächlich sehen in Ägypten viele junge Männer beruflich und privat keine Perspektive. 30-Jährige, die traditionell längst einer Familie vorstehen sollten, können nicht heiraten, weil sie kein Geld verdienen. Sie leben dann oft bei ihren Eltern, ohne jegliche sexuelle Freiräume. Sexuelle Frustration ist eine Antriebskraft für einen Übergriff gegen Frauen. Damit sollen dann – nach Ansicht von Experten – meist männliche Machtvorstellungen befriedigt werden. Maja Wegener, Fachbereichsleiterin bei Terres des Femmes bestätigt dies: „In Krisen und Kriegssituationen nimmt die Gewalt an Frauen zu.“

In Sigmaringen leben die Flüchtlinge im früheren Hotel Fürstenhof.
In Sigmaringen leben die Flüchtlinge im früheren Hotel Fürstenhof.

Erhöhen Krisen, Krieg und Flucht also tatsächlich die Gefahr, Opfer von Gewalt und Vergewaltigungen zu werden? Viele Frauen, die aktuell auf der Flucht sind oder waren, scheinen dies zu bestätigen. Vor allem in den oft völlig überfüllten Sammelunterkünften fehle es an Privatsphäre, die Stimmung sei aufgeladen. Männer sind oft in der Mehrheit. Die Folge: Es mehrten sich Hinweise aus der Praxis, dass Frauen in den Unterkünften häufig von Gewalt betroffen sind, bestätigt Heike Rabe, Rechtsexpertin des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Für sie ist das jedoch wenig erstaunlich, schließlich hätten Studien ergeben, dass jede vierte Frau in Deutschland körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt. „Warum soll es dann unter den verschärften Bedingungen in den Unterkünften anders sein?“, fragt sie. Stress, soziale Isolation und Anspannung bereiteten hier den Boden für Gewalt. „Alle Geschlechter sitzen da in einer Situation, die das soziale Miteinander belastet“, sagt Rabe.

Die insgesamt sehr angespannte Stimmung spüren auch die Flüchtlinge in der Unterkunft in Sigmaringen. Dort leben 134 Personen – 110 davon sind Männer. Alle teilen sich ihre Zimmer. Teilweise leben sie dort zu acht. Wenn die Anspannung zu groß wird, verlassen sie die Unterkunft und gehen spazieren, erzählt der Syrer Eissa. Bei seinen Ausflügen in die Stadt spüre er dann, dass deutsche Frauen misstrauisch reagieren. „Es geschieht häufig, dass sie die Straßenseite wechseln, wenn ich ihnen entgegen komme“, erzählt er auf Arabisch – ein anderer Flüchtling übersetzt.

Was sie nicht wissen: Eissa ist 28 Jahre alt, hat in Damaskus gelebt und dort Jura studiert. Er hatte damals auch einige weibliche Freunde. Doch all‘ das könne er den deutschen Frauen nicht erklären, während sie schweigend und in großem Bogen an ihm vorbei gehen.

Wie sich das Vermeidungsverhalten vieler Deutschen zurzeit auf die Wahrnehmung von Flüchtlingen und Migranten auswirkt, erklärte Thomas Elbert, Psychologe an der Universität in Konstanz, erst kürzlich in einem Interview mit dieser Zeitung: Wenn man das Risiko vermeidet, wird man belohnt, meint er. Denn man sei ja schadlos aus der Situation hervorgegangen. „Was sie hingegen nicht erleben, ist, dass ihnen eigentlich gar nichts passiert wäre.“ So setzt sich das Misstrauen gegenüber Fremden nicht nur fort, sondern verstärkt sich. Die Angst bleibt und wächst. Und dann kommt es eben vor, dass eine ältere Frau nervös ihre Tasche an sich presst und die Straßenseite wechselt, wenn ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe an ihr vorbei läuft.

Die meisten Flüchtlinge wissen um diese Ängste. Um sie abzubauen, gingen Abtin Sarlak, Ramin Asrar, Abdul Valzafe und Sedigh Karimi kürzlich in Konstanz auf die Straße – mit Rosen im Gepäck. Ihre Mission war es, für einen differenzierten Blick auf die arabische Kultur zu werben. Sedigh Karimi, der sich als kurdischer Bürgerrechtler vorstellt, mahnt, kulturelle Wurzeln und aufgesetzte Machtinstrumente, nicht zu verwechseln. Extremisten setzten drastische Verhaltensregeln als Mittel der Unterdrückung gegenüber Frauen und Männern ein.

„Ich will nicht sagen,
dass der Islam gar
nichts damit zu tun
hat“: Özkan Ezli,
Kulturwissenschalftler
an der Universität
Konstanz, über
die Ursprünge von
Gewalt gegen Frauen.
Er betont, dass
man in diesen Fällen
niemals die Komplexität
der Ereignisse
unterschätzen
sollte.
„Ich will nicht sagen, dass der Islam gar nichts damit zu tun hat“: Özkan Ezli, Kulturwissenschalftler an der Universität Konstanz, über die Ursprünge von Gewalt gegen Frauen. Er betont, dass man in diesen Fällen niemals die Komplexität der Ereignisse unterschätzen sollte. | Bild: Oliver Hanser

Mit der tatsächlichen Rolle von Frau und Mann in den arabischen Kulturen aber habe dies nichts zu tun, betont er. Ramin Asrar ärgert es außerdem, wenn Beispiele von Unterdrückung aus einzelnen abgelegenen Dörfern verallgemeinert werden: „Es ist nicht so, dass man in ganz Afghanistan so mit Frauen umgeht.“

Auch der 29-jährige Salh, wünscht sich, dass Vorurteilen der Nährboden entzogen würde. Und er hat auch schon eine Idee, wie das klappen könnte. „Wir bräuchten mehr echte Begegnungen mit den Bewohnern in Sigmaringen“, sagt er, und ein anderer Flüchtling stimmt ihm zu. So könne man sich kennenlernen und dann – so hoffen sie – könnten die Bewohner sie wieder als Menschen sehen und nicht nur als potenziell gefährliche Flüchtlinge. Auch Maja Wegener von Terres des Femmes betont: „Wir dürfen nicht alle Menschen unter Generalverdacht stellen.“ Wie so oft im Leben lohnt es sich offenbar auch hier, zweimal hinzuschauen.

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Laut der Meinung vieler Experten waren es die Kolonialmächte – Osmanen, Briten und Franzosen also – die das Patriarchat zur Stabilisierung ihrer Macht im Nahen Osten weiter gestärkt haben. Dadurch wuchs der Einfluss der konservativen Geistlichen, die die Kontrolle des Familienoberhaupts über den Körper der Frau stärkten. Die Folge: Söhne wurden zu Machthabern und Frauen zu Ehefrauen erzogen. (sk)

YouTube-Hit: Flüchtling aus Syrien erklärt «diese Deutschen»

Ein syrischer Flüchtling erklärt Deutschland - so gut, dass er damit auf YouTube und in sozialen Netzwerken für Furore sorgt. «Wer sind diese Deutschen?» fragt Firas Alshater in seinem Clip, den allein bei YouTube in den ersten Tagen Zehntausende klickten. Der syrische Filmemacher lebt nach eigener Aussage seit zweieinhalb Jahren als Flüchtling in Berlin. In dem Video hat er ein Experiment gewagt und dokumentiert: Mit verbundenen Augen stellte er sich auf den Alexanderplatz, die Arme ausgebreitet, daneben ein Schild: «Ich bin syrischer Flüchtling. Ich vertraue dir - vertraust du mir? Umarme mich.» Zuerst sei lange nichts passiert - dann habe es Umarmungen gehagelt. «Ich habe gelernt, die Deutschen brauchen länger Zeit», sagt Alshater im Film. «Aber dann sind sie nicht zu stoppen. Darum glaube ich, die Integration wird klappen - irgendwann.»