Gerade 17 Jahre jung war der Gymnasiast Björn Höcke, als die Ostdeutschen im Oktober 1989 die Mauer eindrückten. Er selbst lebte in einem Dorf im Westerwald und verfolgte die Ereignisse in der Tagesschau. Er lag sich mit seinem Vater vor Freude in den Armen und wurde doch zugleich von diesem wieder ernüchtert. Denn sein Vater sagte ihm „einen Satz, den ich niemals vergessen werde. Er sagte: Das ist das Ende des deutschen Volkes“. Denn im Gegensatz zur seit „Jahrzehnten laufenden Multikulturalisierung Westdeutschlands“ habe er die DDR trotz ihrer ideologischer Ferne als einen Staat empfunden „in dem die über Jahrhunderte gewachsene und belastbare Vertrauensgemeinschaft intakt war“.

Diese Erinnerung gab Björn Höcke gut 27 Jahre später – inzwischen Oberstudienrat in einer hessischen Schule – in einem alten Dresdener Ball- und Brauhaus preis. Der Ort dieser an weiteren Provokationen reichen Rede vor der AfD-Jugend war kaum zufällig, ebenso wenig der Zeitpunkt wenige Tage vorm Jahrestag der alliierten Bombenangriffe auf die Stadt am 13. Februar 1945. So monierte er mit Blick auf das Berliner Holocaustmahnmal, die Deutschen seien das „einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt“ habe. Er nannte die deutsche Erinnerungskultur seit 1945 eine „dämliche Bewältigungspolitik“ und verglich die Luftangriffe auf Dresden mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Es war nicht das erste Mal, dass Höcke solche Töne anschlug. Schon elf Jahre eher schrieb der damals 34-jährige Geschichtslehrer in einem Leserbrief an ein hessisches Regionalblatt: „In der Weltgeschichte sind niemals zuvor und niemals danach in so kurzer Zeit so viele Menschen vom Leben zum Tode befördert worden wie im ehemaligen Elbflorenz.“ Als dieser Brief in seinem Heimatort kursierte, musste er der Schulleitung versprechen, sich nie wieder derart öffentlich zu äußern. Doch dort im kleinen thüringischen Grenzdorf Bornhagen, wo er inzwischen für seine sechsköpfige Familie das alte Pfarrhaus erworben hatte, schien der schneidig-autoritäre Zugereiste damit nur an Popularität zu gewinnen. Dies bewies die Thüringer Landtagswahl 2014, bei der er hier als AfD-Kandidat 38 Prozent der Erststimmen holte.

Und seit Höcke im April 2013 die AfD in Thüringen mitgründete und wenig später deren Landessprecher wurde, wiederholte er auch immer häufiger solcherlei Anschuldigungen. So habe die Bombardierung deutscher Städte etwa dem Ziel gedient, „uns unsere kollektive Identität rauben“. Doch inzwischen sieht er Deutschland auch durch den „Import fremder Völkerschaften“ bedroht. In einem Vortrag am Institut für Staatspolitik dozierte er gar über „afrikanische Ausbreitungstypen“, denen man dringend Grenzen setzen müsse.

Wie jene Erinnerung an den Vater bei seinen kürzlichen Provokationen in Dresden zeigte, kommt Höckes politische Radikalisierung nicht von ungefähr. Seine aus Ostpreußen stammende Familie legt offenbar zeitig den Grundstein hierfür. Bevor er sich der AfD anschloss, schrieb er womöglich unter Pseudonym auch schon für die NPD-Presse. Zumindest hielten das selbst seine neuen Parteifreunde für denkbar, weshalb sie ihn im April 2015 zu einer eidesstattlichen Erklärung zwangen, dass entsprechende Gerüchte falsch wären.

Doch die Zweifel darüber scheinen, wie die aktuellen Reaktionen der Bundes-AfD zeigen, nicht ausgeräumt. Schon nach Höckes jüngstem Auftritt in Dresden erinnerte Frontfrau Frauke Petry daran, dass bereits seine früheren Auftritte zu „Hunderten von Parteiaustritten“ geführt hätten. So als er etwa in Erfurt vorm Domplatz tönte, „manchmal könnte man meinen, dass unser Land bewusst ins Chaos gestürzt wird, um eine neue autoritäre Ordnung aufzurichten“.

Viel Ärger bescherte Höcke der AfD auch Ende Januar, als er sich weigerte, auf seine Teilnahme an der Gedenkfeier zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald zu verzichten. Als er trotz Hausverbot in Buchenwald anrollte, wurde ihm die Zufahrt verwehrt – für seine Partei fraglos ein weiterer Imageschaden.