Alle zwei Jahre bekommt Bregenz ein neues Wahrzeichen: die Seebühne der Bregenzer Festspiele. Tatsächlich sind die Bühnenbilder so etwas wie wechselnde Wahrzeichen der Bodenseestadt. Je prägnanter sie ausfallen, desto besser bleiben sie auch nach ihrem Abbau noch in Erinnerung.

Die Mauer der „Turandot“, das Skelett des „Maskenballs“, die Freiheitsstatue der „Aida“, der Kopf von „André Chenier“ und natürlich das Auge der „Tosca“ sind zu Ikonen der Bregenzer Festspiele geworden. Das spektakuläre Tosca-Auge diente sogar als Kulisse für eine Szene des James-Bond-Films „Quantum of Solace“.


Nach Auge und Kopf folgen nun Hände mit rot lackierten Fingernägeln. Es sind die Hände der „Carmen“. George Bizets Oper – sie gehört mit Mozarts „Zauberflöte“ zu den meist gespielten Opern überhaupt – hat morgen ihre Premiere und wird dann vier Wochen lang fast täglich zwischen, unter und vielleicht auch auf diesen Händen gespielt.
Bühnenarbeiter prüfen die Befestigung der Spielkarten, die im See liegen.
Bühnenarbeiter prüfen die Befestigung der Spielkarten, die im See liegen. | Bild: Schwind

Die riesenhaften, aber naturgetreuen Unterarme und Hände, die mitsamt Tätowierung, Zigarette und abblätterndem Nagellack aus dem Bodensee ragen, gehören bereits jetzt zu den besonders gelungenen und sicherlich auch ikonischen Seebühnen der Bregenzer Festspiele. Das Bild, das die Bühnenbildnerin Es Devlin entworfen hat, ist klar und kompakt, bietet aber mit den durch die Luft wirbelnden Spielkarten genügend Möglichkeiten für technischen Bühnenzauber und Akrobatik.

Wie groß die Hände der Carmen allerdings tatsächlich sind, erahnt man erst, wenn jemand darauf steht. Da das Bühnenbild auch während der Wochen und Monate, in denen es aufgebaut wurde, öffentlich sichtbar war, konnte man beispielsweise erleben, wie sich ein Bühnenbildmaler am Arm der Carmen hoch hangelte, um die Fassade auszubessern.

Abgesichert wie ein Bergsteiger und mit einem Farbeimer am Gürtel erklomm er Zentimeter für Zentimeter die Hand der Carmen bis er schließlich auf dem Daumen stand.

Ein Maler klettert an Carmens Hand hoch, um die Fassade auszubessern.
Ein Maler klettert an Carmens Hand hoch, um die Fassade auszubessern. | Bild: Schwind

Etwa 30 Meter liegen zwischen den beiden Frauenhänden. 24 Meter über dem Wasser schwebt die höchste der Spielkarten. Für die Sänger und Sängerinnen, die normalerweise in geschlossenen Räumen spielen, sind diese Distanzen eine ungewohnte Herausforderung. Die linke Hand der Carmen ist begehbar. Eine für die Zuschauer unsichtbare Treppe hinter dem Arm führt hinauf auf den Daumen. Einige Künstler werden während der Aufführung hier hoch müssen.

Auch wenn sie dabei mit Seilen abgesichert werden, wurde schon beim Casting der Künstler darauf geachtet, dass sie nicht nur stimmlich und darstellerisch etwas zu bieten haben, sondern auch schwindelfrei sind und bereit, bei jedem Wetter zu proben und zu spielen. Regen und Sommerhitze sind gleichermaßen Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen.

Bei Probenbeginn tragen die Darsteller noch Alltagskleidung.
Bei Probenbeginn tragen die Darsteller noch Alltagskleidung. | Bild: Festspiele

Übrigens auch die Bühnen- und Kostümbildner. Das Schuhwerk der Darsteller muss rutschfest sein, die Kostüme müssen Feuchtigkeit aushalten können, ohne unansehnlich zu werden. Die Bühne muss Wind und Wetter standhalten. Für Wolfgang Urstedt, den technischen Leiter der Festspiele, liegen die Herausforderungen bei der Umsetzung der Bühnenidee generell in den Wettereinflüssen.

Für „Carmen“ gilt das besonders, weil die Spielkarten „wie große Segel wirken, die wir da in den Wind gehängt haben“, wie Urstedt erklärt. „Da muss man schon sehr findige Ingenieure haben und auch in der Mannschaft Leute, die damit Erfahrung haben.“

Die Spielkarten, die zwischen Carmens Händen auf dem Wasser zu liegen scheinen, bilden eine Spielfläche, die per Computersteuerung nach oben oder unten bewegt werden kann. So passen sie sich dem unterschiedlichen Pegelstand des Bodensees an – können je nach Bedarf aber auch während der Aufführung über oder unter der Wasserfläche liegen. Wasserscheu sollten die Darsteller also auch nicht sein.

Von weitem sehen die Spielkarten alle gleich aus. Da sie aber unterschiedliche Funktionen erfüllen, sind sie aus jeweils unterschiedlichen Materialien angefertigt. Die im Wasser versenkbaren Karten bestehen aus einem Gitterrost, das mit Bootslack lackiert und mit Schablonen bemalt wurde. Drumherum liegen die Karten, die das Produktionsteam „Beach Cards“ (Strand-Karten) nennt. Sie werden nicht versenkt, bestehen aus einer Stahl-Holzkonstruktion und sind mit einem rutschfesten Putz überzogen.

Die so genannten „Flying Cards“ (Fliegende Karten), die durch die Luft zu wirbeln scheinen, hängen an einem fast unsichtbaren Stützapparat aus Stahl. Sie haben verschiedene Funktionen: Zum einen sind sie beweglich und werden während der Aufführung zu Fluchtwegen und zum Einsatzort für Stunts. Sie dienen aber auch als Projektionsflächen für Videos. Und zu guter Letzt kaschieren die fliegenden Karten auch Lautsprecherboxen. Dazu sind sie mit bedruckten Netzplanen bespannt. So kann der Klang ungehindert aus den Lautsprechern über die Bühne wandern.

Überhaupt das Akustiksystem. Hier hinein haben die Bregenzer Festspiele jahrelang Geld und Energie gesteckt. Das Ergebnis heißt „Bregenz Open Acoutics“. Es besteht zum einen aus einem Ring an Lautsprechern, der die Zuschauertribüne von hinten umgibt. Außerdem sind etliche Lautsprecher im Bühnenbild versteckt. Sinn des Aufwands ist vor allem das so genannte Richtungshören. Wenn ein Sänger rechts auf der Bühne steht, wird der Klang auch über die rechtsseitigen Boxen geschickt, so dass für den Zuhörer Richtung des Klangs und der optische Eindruck übereinstimmen.

Die Mauer war das Symbol für die Prinzessin Turandot (2015/16). Bilder: Festspiele
Die Mauer war das Symbol für die Prinzessin Turandot (2015/16). Bilder: Festspiele | Bild: Festspiele
Der Kopf von „André Chenier“ (2011/12) hat auch dem Rapper Kanye West gefallen.
Der Kopf von „André Chenier“ (2011/12) hat auch dem Rapper Kanye West gefallen.
Bühnenbilder, die in Erinnerung bleiben: Das Auge der „Tosca“ (2007/08) wurde zur Kulisse für einen James-Bond-Film.
Bühnenbilder, die in Erinnerung bleiben: Das Auge der „Tosca“ (2007/08) wurde zur Kulisse für einen James-Bond-Film.

Programm der Bregenzer Festspiele

Die Bregenzer Festspiele bestehen nicht nur aus der Seebühnenproduktion. Während bis zum 20. August fast täglich die „Carmen“ auf dem See zu zu sehen ist, spielt sich im Festspielhaus, auf der Werkstattbühne und im Kornmarkttheater weiteres Programm ab.

  • Moses in Ägypten: Die wenig gespielte Oper von Gioacchino Rossini hat am 20. Juli, im Festspielhaus Premiere und wird dann noch zwei Mal gezeigt. Den biblischen Stoff von den Plagen und der Meeresspaltung inszeniert die Niederländerin Lotte de Beer gemeinsam mit dem Theaterkollektiv Hotel Modern, die mit Objekten und Puppen eine eigene Welt entstehen lassen.
  • Der Ring in 90 Minuten: Wagners monumentalen Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ auf übersichtliche 90 Minuten einzudampfen – dazu gehört Mut. Den hat wiederum das Theaterkollektiv Hotel Modern (29./30. Juli, Werkstattbühne)
  • To the Lighthouse: Die Kammeroper des griechischen Komponisten Zesses Seglias nach einem Text von Virginia Woolf wird am 16. und 18. August auf der Werkstattbühne gezeigt.
  • The Situation: Mit diesem Stück der österreichisch-israelischen Theaterregisseurin Yael Ronen kommt das Schauspiel zurück in die Festspiele (26./27. Juli, Kornmarkttheater) (esd)
Infos und Tickets: www.bregenzerfestspiele.com

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