Es Devlin ist erst die zweite Frau in der Geschichte der Bregenzer Festspiele, die die Bühne für das Spiel auf dem See gestaltet hat: 1946 war Maria Wanda Milliore für die Ausstattung verantwortlich. Mozarts kleines Singspiel „Bastien und Bastienne“ sowie weitere konzertante Stücke wurden gegeben. Es war das erste Jahr der Bregenzer Festspiele überhaupt und ihr Zuschnitt war noch deutlich bescheidener als heute. Seither aber lag die Gestaltung der Seebühne immer in Männerhand.

Für die Britin Es Devlin – das Es steht für Esmeralda – geht mit dem Bühnenentwurf für George Bizets „Carmen“ ein Traum in Erfüllung. „Für sämtliche Bühnenbildner, mit denen ich jemals gesprochen habe, ist es der größte Traum, hier einmal arbeiten zu dürfen“, sagte sie beim Richtfest der Seebühne. In Bregenz hört man das natürlich gerne. Und Es Devlin geht sogar noch weiter: „Ich bin ein Bregenz-Junkie“. Schon bei „André Chenier“, der Produktion der Jahre 2011/12, hatte sie gehofft, die Bühne machen zu dürfen. Doch Regisseur Keith Warner entschied sich für jemand anderes. „Ich habe quasi eine sechsjährige Verzweiflungsphase durchgemacht. Als Intendantin Elisabeth Sobotka mich für ,Carmen’ fragte, sagte ich natürlich Ja“, erzählt Devlin.

Es Devlin ist keine klassische Bühnenbildnerin, die ausschließlich für Opernhäuser und Theater arbeitet. Das tut sie auch, aber sie designed auch Bühnen für Pop-Shows, etwa von Lady Gaga, Beyoncé oder Adele. Auch in der dortigen Szene sind die Bregenzer Seebühnen offenbar bekannt. Es Devlin jedenfalls behauptet, Kanye West habe ihr ein Bild von „André Chénier“ gezeigt und gesagt, etwas in der Art wolle er auch haben.

Was Bühnenbildner an Bregenz reizt, ist die Andersartigkeit der Herausforderungen und der Möglichkeiten, die sie hier haben. Und das Bühnenbild wird nach der Aufführung nicht abgebaut, sondern bleibt für zwei Spielzeiten stehen – übrigens auch den Winter über. „Das Bühnenbild ist ein Stück Architektur“, sagt Devlin. Es sei Kunst und Architektur in einem. Daher rang sie lange um die perfekte Idee. „Immerhin bleibt dieses Bild für zwei Jahre wie eine eingefrorene Geste bestehen. Deshalb sollte es auch die richtige Geste sein.“

Aus Sevilla (Schauplatz der Oper ist die spanische Stadt) hatte Devlin bereits etliche Souvenirs mitgebracht, in der Hoffnung, Flamencotänzer, Fächer, Aschenbecher oder Stierkämpfer könnten sie irgendwie inspirieren. Auch ein Kartenspiel war darunter. Eines Tages, bei einem Treffen mit Regisseur Kasper Holten, warf sie die Karten aus lauter Verzweiflung in die Luft – und die Idee für das Bühnenbild war plötzlich da.

Die fliegenden Karten sehen nicht nur klasse aus, sie haben auch einen tieferen Sinn: Im dritten Akt legt sich Carmen die Karten, um in ihre Zukunft zu schauen. Sie sagen ihr immer wieder den Tod voraus. Und so kommt es dann ja auch: Carmen wird von ihrem Liebhaber José in Eifersucht niedergestochen. Die Karten also schweben den ganzen Abend über wie ein unheilvolles Omen über der Geschichte von Carmen, die hier erzählt wird.

Andere Details des Bühnenbilds – die Tätowierung auf dem Arm, der abblätternde Nagellack und die Zigarette – erzählen von Carmens Herkunft: Sie gehört nicht gerade zur High Society, sondern ist eine der Arbeiterinnen in der Zigarrenfabrik, mit denen die Soldaten gerne anbandeln. Carmen weiß um ihre Attraktivität und spielt sie auch gegenüber Don José voll aus – gerade weil der anfangs nicht interessiert an ihr zu sein scheint. Er hat bereits eine Verlobte. Doch dann gerät er in Carmens Sog – und das verhängnisvolle Spiel nimmt seinen Lauf.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.