„Bis man mal drin ist, dauert es immer“, erklärt Reiner Jäckle und fährt mit seinem Auto auf die Einfahrt des Konstanzer Bodenseestadions zu. Er greift nach der Plakette auf dem Amaturenbrett, die ihn als Künstler ausweist. Der Wachmann am Tor reckt den Hals, nickt und tritt zur Seite. Langsam fährt Jäckle den schmalen Zufahrtsweg entlang, parkt neben dem kleinen Häuschen, in dem die Umkleiden des Stadions untergebracht sind. Sie dienen heute als Garderoben für die Künstler, die beim Schlagerfestival „Bodensee Ahoi“ auftreten. Willkommen im Backstage-Bereich.

Schlagerstar Peter Wackel (links) mit den Jungs vom Bodensee.
Schlagerstar Peter Wackel (links) mit den Jungs vom Bodensee. | Bild: Jeanne Lutz

Auf der kleinen Terrasse vor dem Häuschen wartet schon Alexander Tylla auf seinen Bandkollegen Jäckle. Gemeinsam sind sie die „Jungs vom Bodensee“ und sollen als zweiter Programmpunkt des Tages den Schlagerfans im Stadion einheizen. Das Wetter stimmt dafür – die Premiere von „Bodensee Ahoi“ findet bei hochsommerlichen Temperaturen statt. Jäckle holt seinen kleinen Rollkoffer aus dem Kofferraum und schlendert gemütlich auf seinen Freund zu. Aus der Ferne schallt die „Fischerin vom Bodensee“ herüber, gespielt von den Radolfzeller Holzhauern. Es ist 15 Uhr. Die Party im Stadion hat schon begonnen, wenn auch vor überschaubarem Publikum.

Künstler unter sich. Backstage treiben Reiner Jäckle (Jungs vom Bodensee), Jack Gelee, Chris Metzger und Alexander Tylla (von links) allerlei Schabernack.
Künstler unter sich. Backstage treiben Reiner Jäckle (Jungs vom Bodensee), Jack Gelee, Chris Metzger und Alexander Tylla (von links) allerlei Schabernack. | Bild: Jeanne Lutz

Ein Umstand, der die Jungs vom Bodensee weniger zu stören scheint. Maximal 5700 Zuschauer könnten bei ihrem Auftritt vor der Bühne stehen. Für so viele Menschen ist „Bodensee Ahoi“ ausgelegt. Doch von Nervosität keine Spur. „Mir ist es egal, ob da fünf oder 5000 Leute sind – es geht um den Spaß dabei“, sagt Jäckle. Er tritt in das kleine Häuschen und trifft direkt auf den Musiker Chris Metzger aus Moos. Ein herzlicher Handschlag – man kennt sich.Die Suche nach der richtigen Garderobe gestaltet sich schwieriger als die Begrüßung. „Bitte unten schauen“, erklärt die Künstlerbetreuerin. Statt Namensschildern gibt es kleine Zettel auf dem Boden. Die Jungs vom Bodensee sind am Ende des Ganges untergebracht. Auf der einen Seite des kleinen Baus sind die Umkleidekabinen, die Erinnerungen an Sporthallen aus den 80er-Jahren wecken. Die kleinen Milchglasfenster unterhalb der Decke lassen wenig Licht herein, die hölzernen, in der Wand verschraubten Sitzbänke zu beiden Seiten sehen eher nach Bundesjugendspielen als nach Sternehotel aus. Die Gemeinschaftsduschen und Klos auf der anderen Seite des Ganges machen den Sportfest-Charme perfekt.

Während Jäckle seinen Koffer verstaut, kommen Tylla, Metzger und Moderator Jack Gelee herein. Letzteren erkennt man nur an seinen goldenen Schuhen. Auf der Bühne trägt der Hamburger eine blonde Perücke und ein mit goldenen Pailletten besetztes Jackett. Die Parallelen zu Schlagergröße Micky Krause sind nicht zu übersehen. Auch die Begründung Robert Laubes für die Kostümierung, wie Gelee mit bürgerlichem Namen heißt, ähneln denen Krauses: „Ich will klar zwischen Privatem und Bühnenfigur trennen.“ Es werden Getränke aus dem kleinen Kühlschrank durchgereicht. Wasser, Bier und verschiedene Softdrinks stehen zur Auswahl. „Das mit dem Koks und dem harten Alkohol sind Klischees“, sagt Tylla. Seine Kollegen nicken.

Er muss es wissen. Seit 16 Jahren ist der gebürtige Überlinger im Schlagerkosmos unterwegs, lebte eine Zeit lang auf Mallorca. „Er hat sie alle groß werden sehen“, sagt Jäckle, der seit vier Jahren selbst Schlager macht. Das lässt Tylla sein Umfeld auch gerne wissen. Mit Steffen, bekannter unter dem Namen Peter Wackel, sei er per du. Mit Michael, wie Micky Krause für Freunde heißt, habe er Werbezettel am Ballermann verteilt. Auch wenn der Umgangston untereinander freundschaftlich und die Stimmung gelöst ist – alle sind sichtlich stolz auf ihre Erfolge. „Wir haben aktuell 6000 Anfragen, die nächsten freien Termine gibt es erst wieder 2019“, erklärt Metzgers Manager. Der Mooser sei schon in England und den USA aufgetreten, spiele in der „Bundesliga des deutschen Schlager“.

Jack Gelee erzählt von Engagements beim Oktoberfest und „Dortmund Olé“, eines der größten Schlager Open-Airs, bei dem sich die erfolgreichsten Schlagerstars jährlich die Klinke in die Hand geben. „Spaß verbreiten“, so die einhellige Meinung der Künstler „ist harte Arbeit“. Aber eine sehr erfüllende. Um die Spaßmaschinerie bis zum Auftritt der Großen im Stadion am Laufen zu halten, brechen die Jungs vom Bodensee in Richtung Bühne auf. Dort angekommen, werfen sie verstohlene Blicke in Richtung Publikum. In der sengenden Nachmittagssonne warten etwa 150 Zuschauer. Auch wenn sich die Jungs vorher entspannt geben: In einem Stadion zu spielen ist nichts Alltägliches. Es steht in ihren Gesichtern geschrieben.

Direkt an der Bühne: Diese Fans sind ihren Schlager-Idolen ganz nah.
Direkt an der Bühne: Diese Fans sind ihren Schlager-Idolen ganz nah. | Bild: Oliver Hanser

Der Auftritt entpuppt sich als Heimspiel. „Reiner“-Sprechchöre schallen über den Rasen. Jäckle war jahrelang Stadionsprecher, lebte 20 Jahre in Konstanz. Auch hier gilt: Man kennt sich. Nach den ersten Liedern klatschen die Zuschauer mit, bei der von Jäckle angezettelten Polonaise schlängelt sich eine mehr als 50 Mann starke Gruppe über den Platz. Nach 45 Minuten ist der Auftritt vorbei. Das Fazit der Jungs vom Bodensee: „Spektakulär“. Fans werden umarmt, Autogramme unterschrieben. Auch das gehört zum Job. Das Publikum reicht vom Kleinkind bis zur 80-Jährigen. Auch wenn Schlager gerne belächelt wird, schafft er, was vielen anderen Musikrichtungen misslingt: Er erreicht Menschen jeden Alters.

Neben der Bühne steht schon Chris Metzger und auch Caro. Das Helene Fischer-Double wartet, mit den High-Heels in der Plastiktüte, auf ihren Auftritt. Sie alle wollen wissen, wie das Publikum drauf ist. „Man richtet das Programm immer nach der Stimmung der Zuschauer“, sagt Metzger, erklimmt die Bühne und begrüßt seine frenetisch schreienden Fans.

Caro trat in Konstanz als Helene-Fischer-Double auf. Natürlich in ihrem Repertoire: "Atemlos".
Caro trat in Konstanz als Helene-Fischer-Double auf. Natürlich in ihrem Repertoire: "Atemlos". | Bild: Oliver Hanser

Bei den Garderoben herrscht inzwischen Anspannung. Jede Sekunde soll Vanessa Mai eintreffen. Die 25-jährige Backnangerin hat im Stadion die größte Fangemeinde und gilt als der Star des Abends. Die Sicherheitsleute kontrollieren akribisch jede Person, die sich dem kleinen Häuschen nähert. Auch auf dem Dach des Nebengebäudes steht Wachpersonal, „um sicherzustellen, dass niemand herüberklettert“. Dann fährt eine schwarze Limousine mit Stuttgarter Kennzeichen vor. Mai steigt aus, begleitet von einer Stylistin, und verschwindet in ihrer Garderobe.

Der aufstrebende Schlagerstar wird abgeschirmt. „Das sind selten die Künstler selbst, sondern das Management dahinter, dass diese strengen Regeln vorgibt“, sagt Jäckle. Die Sonne steht immer tiefer, die Temperaturen sinken. Vanessa Mai, in schwarzer Leggings und magentafarbenem Oberteil, macht sich, umgeben von ihrer Entourage, auf den Weg zur Bühne.

Vanessa Mai ganz nah bei ihren Fans. Hinter den Kulissen ließ sich die Künstlerin aus dem baden-württembergischen Backnang abschirmen.
Vanessa Mai ganz nah bei ihren Fans. Hinter den Kulissen ließ sich die Künstlerin aus dem baden-württembergischen Backnang abschirmen. | Bild: Oliver Hanser

Auch die Jungs vom Bodensee brechen in diese Richtung auf. Auf einer der Tribünen befindet sich das Catering für die Künstler. Es gibt Penne mit Bolognese. Von dort oben hat man einen guten Blick auf das Geschehen. Das Helene Fischer-Double Caro singt als Zugabe „Atemlos“. Hinter der kleinen Bühne, das erste Mal allein, steht Vanessa Mai.Der ganze Abend ist minutiös durchgetaktet. Auch die Eigenheiten der Stars werden bei der Planung berücksichtigt. „Jürgen legt seinen Mix ein und zieht das durch, egal wie viel Zeit er hat“, sagt Tylla. Das wissen auch die Veranstalter – Drews bekommt zehn zusätzliche Minuten.

Kurz bevor der selbst ernannte König von Mallorca eintrifft, herrscht wieder Anspannung bei den Sicherheitsleuten. Keiner dürfe sich vor den Garderoben aufhalten, wenn Drews ankommt. Keiner, bis auf die zehn Personen, die ein Treffen mit dem 72-Jährigen gewonnen haben.

Drews wird direkt aus Mallorca eingeflogen. Als er um 19 Uhr auf dem Gelände eintrifft, gibt er sich volksnah. Hände werden geschüttelt, Selfies geschossen. Entspannt setzt sich Drews auf eine Parkbank, seine Fans umzingeln ihn. Mit dabei sind auch die Allensbacher Annette und Ansgar Fehr mit ihren drei Kindern. „Wir kennen Jürgen seit etwa zehn Jahren und treffen uns häufig privat“, erzählt Annette Fehr. Bei Konzerten seien sie seltener dabei. „Aber jetzt mit Konstanz hat das natürlich super gepasst.“

Der König und seine Freunde. Annette und Ansgar Fehr begleiten mit ihren Kindern Justin, Jeremy und Jennifer ihren Freund Jürgen Drews beim Schlagerfestival. Die Allensbacher kennen Drews seit mehr als zehn Jahren.
Der König und seine Freunde. Annette und Ansgar Fehr begleiten mit ihren Kindern Justin, Jeremy und Jennifer ihren Freund Jürgen Drews beim Schlagerfestival. Die Allensbacher kennen Drews seit mehr als zehn Jahren. | Bild: Jeanne Lutz

Während der König seinem Volk zahllose Partyhits präsentiert, hält bei den Garderoben ein Auto mit holländischem Kennzeichen. Es ist Peter Wackel. Der Schöpfer von „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“. Während er mit seiner Crew leise und schnell spricht, setzt er gegenüber Fans und Presse ein Lächeln auf und quatscht ungezwungen drauf los. Ein Vollblutprofi, der innerhalb von Sekunden von privat zu öffentlich, von Steffen zu Peter umschalten kann.

Peter Wackel ist Partysänger und wie viele andere Schlagerstars ein häufiger Gast auf Mallorca. Sein Hit ist inzwischen Kult: „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“.
Peter Wackel ist Partysänger und wie viele andere Schlagerstars ein häufiger Gast auf Mallorca. Sein Hit ist inzwischen Kult: „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“. | Bild: Oliver Hanser

Das zeigt sich spätestens, als ein erboster Jürgen Drews von der Bühne stürmt. Er durfte seine letzte Zugabe aus Zeitmangel nicht spielen. Wackel redet auf ihn ein. Nach zwei Minuten lächelt Drews und klopft Wackel auf die Schulter. Der König ist so entspannt, dass er mit Familie Fehr noch eine Wurst auf dem Gelände essen geht. Fotowünsche werden erfüllt, Autogramme geschrieben. Backstage sieht man ihn nicht mehr.

 

Die Fest-Bilanz

Der Veranstalter Dennis Eichenbrenner gibt sich zufrieden mit dem Zuspruch zum ersten Schlagerfestival „Bodensee Ahoi“ in Konstanz. Doch bei den Besucherzahlen ist noch Luft nach oben: 5700 Menschen hätte das Bodensee-Stadion fassen können, gekommen sind 2500. Eichenbrenner kündigt trotzdem an: Es wird eine Fortsetzung des Festivals geben, Termin ist der 25. August 2018. Schlager gilt zumindest in der Musikindustrie als sichere Einnahmequelle. Die über 50-Jährigen gaben von 100 Euro Musikumsatz 71 Euro für Schlager und Volksmusik aus. Fans sind vor allem Frauen: Für den höchsten Umsatz sorgen Frauen bei Schlager und Volksmusik (42 Prozent), für den geringsten bei Rock, wo nur jeder vierte Euro von ihnen stammt. (sk)



Partykönig Peter Wackel und die Jungs vom Bodensee im SÜDKURIER-Interview: