Graf Björn, spreche ich Sie eigentlich gerade korrekt an? Oder muss es richtig Graf Bernadotte heißen?

Korrekt ist Graf Bernadotte. Der Titel ist ein Namensbestandteil. Auf der Mainau hat man sich darauf geeinigt, dass man Graf Björn und Gräfin Bettina sagt, weil es mit jeder neuen Generation ja auch mehrere Grafen und Gräfinnen Bernadotte gibt.

Verhalten sich Menschen Ihnen gegenüber eigentlich anders, sobald sie Ihre Herkunft erfahren?

Ich glaube schon. Aber ich denke nicht, dass das in erster Linie daran liegt, dass wir einen bekannten Namen haben. Wenn die Leute erfahren, dass ich von der Insel Mainau komme, sind sie – Gott sei Dank – begeistert, weil ihnen die Insel so gut gefällt. Mit dem Namen Bernadotte verbinden die Leute auch die Geschichte der Region.

In Deutschland wurde der Stand des Adels vor 100 Jahren aufgehoben. Dennoch gibt es eine gewisse Faszination für den Adel. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Faszination, kann ich mir vorstellen, liegt darin, dass viele Familien doch noch in den Schlössern und Burgen wohnen und das keine normalen Wohnungen sind. Dann stellen sich vielleicht manche Menschen vor, es sei so ähnlich wie bei Popstars oder Fußballern, und dass sie ein Leben führen, das nicht so alltäglich ist. 

Wohnen Sie selbst im Schloss?

Ja, meine Frau und ich wohnen hier im Schloss. Es sieht von außen natürlich riesig groß aus, aber wir haben eine Vier-Zimmer-Wohnung, wie andere Leute auch. Der Unterschied liegt wohl darin, dass wir in einem Altbau wohnen: Da sind die Flächen ein bisschen größer, die Wände dicker, die Decken höher. Und es sind natürlich alte Möbel drin, die gehören einfach zu einem Schloss.

Sie leben also an Ihrem Arbeitsplatz, von Beruf sind Sie „Graf“. Oder wie würden Sie Ihre Arbeit umschreiben?

Ich bin studierter Diplomsozialpädagoge. Von Beruf bin ich Geschäftsführer der Mainau GmbH, zusammen mit Gräfin Bettina. Ich sitze im Vorstand der Lennart-Bernadotte-Stiftung. Gräfin Bettina und ich sind wie in jedem anderen Unternehmen angestellte Geschäftsführer. Unser Arbeitgeber ist die Mainau GmbH und unser Kontrollgremium ist die Stiftung.

Wie sieht denn Ihr Arbeitsalltag aus? Inwiefern unterscheidet er sich denn von dem anderer Menschen?

Ich glaube, er unterscheidet sich schon ein wenig. Auf der Mainau gibt es keine Arbeitswoche von montags bis freitags und von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags. Stattdessen gibt es Veranstaltungen, auch am Wochenende, wie demnächst das gräfliche Inselfest, das an Fronleichnam beginnt. Das gehört als Geschäftsführer schon dazu.

Ihr Leben wird zwar nicht so stark beobachtet wie das der europäischen Royals, aber eine öffentliche Person sind Sie zumindest in der Region. Ist das manchmal schwierig?

Als Kind vielleicht. Weil es schon mal vorkommen kann, dass die Klassenkameraden in der Schule Vorurteile von zu Hause mitgebracht haben. Schwierig war früher, dass ich hier auf der Insel Mainau gewohnt habe und meine Schulfreunde etwa in Litzelstetten oder Konstanz nicht mal schnell für eine halbe Stunde zum Spielen besuchen konnte. Da hieß es dann: Spiel mit deinen Geschwistern.

Wie ist das als Erwachsener?

Wer für das Unternehmen Mainau arbeitet und Geschäftsführer ist, hat schon gewisse Repräsentationsaufgaben. Es ist schon etwas anderes, wenn man in der Öffentlichkeit auftritt. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Menschen mich auf der Straße erkennen und mich ansprechen.

Und das macht Ihnen nichts aus?

Wer so etwas nicht machen möchte, darf nicht in so einem Job arbeiten. Und das ist ja nicht nur mit meiner Arbeit so. Nehmen Sie zum Beispiel Rupert Stadler von Audi: Ihm wird es ähnlich gehen – er ist viel in den Medien, die Menschen erkennen ihn. Wenn er unterwegs ist, wird er natürlich angesprochen.

Wie wichtig sind Ihnen eigentlich Traditionen?

Mit den Traditionen ist das so eine Sache. Es gibt welche, die sind schön und machen auch Sinn – zum Beispiel das schwedische Lucia-Fest, das meine Eltern auf der Mainau eingeführt haben. Es gibt den Menschen in der dunklen Jahreszeit die Hoffnung, dass die Helligkeit zurückkehrt. Solche Traditionen sollte man pflegen und feiern. Sie gehören zur Kultur, sie sind über Jahrhunderte entstanden und sie machen Freude. Aber es gibt auch Traditionen, die sich selbst überdauert haben.

Gibt es da ein Beispiel?

Mein Vater hat immer zu einem großen Familienfest eingeladen. Da kamen viele Leute, zu denen meine Schwester und ich keine enge Bindung haben. Mit dem Generationswechsel haben wir entschieden, dass wir das so nicht mehr fortführen wollen. Weil diese Tradition für uns einfach nicht denselben Stellenwert hat wie für unseren Vater.

Das heißt, es gibt keine regelmäßigen Familientreffen mehr?

Doch, die gibt es schon noch, zuletzt zu meinem 40. Geburtstag. Da werden dann die Bernadottes und die Romanows eingeladen. Es ist einfach schwierig – die Familie ist riesengroß und weit verstreut. Ich bin schon froh, wenn ich meine Geschwister regelmäßig sehe.

Sie sind nun einmal Graf. Wenn Sie die Wahl gehabt hätten, wären Sie dann lieber ohne „blaues Blut“ geboren worden?

Also ich war neulich beim Arzt und musste eine Blutprobe abgeben. Da habe ich gesehen, dass es deutlich rot war… Spaß beiseite: Ich denke, das ist unheimlich schwer zu sagen. Denn was mich geprägt hat, ist nicht die Tatsache, dass ich als Graf geboren wurde. Sondern, dass ich als Sohn der Familie, die auf der Mainau wohnt, geboren wurde und praktisch in diesem Unternehmen groß geworden bin.

Wie meinen Sie das?

Bei uns ist kein Tag vergangen, an dem die Mainau nicht im Mittelpunkt stand. Dieses Unternehmen, die Verantwortung meiner Eltern für die Mitarbeiter, für die Insel, die Gebäude, war omnipräsent. Es fällt mir unheimlich schwer, mir vorzustellen, wer ich wäre oder wie ich wäre, wenn ich woanders geboren worden wäre oder eine andere Prägung gehabt hätte. Ich bin mit meinem Leben eigentlich sehr zufrieden: Ich mache den Job, den ich habe, gerne und bin deshalb auch froh, dass es so gekommen ist.

Empfinden Sie Ihre Arbeit manchmal nicht trotzdem als Bürde?

Bürde würde ich nicht sagen. Aber es gibt manchmal schon Situationen, die anstrengend sein können. Seit zwei Jahren wird der Dachstuhl des Schlosses instand gesetzt. Das bedeutet, dass wir täglich Handwerker haben, die in unserer Wohnung ein und aus gehen. Und das wird noch drei Jahre so bleiben. Da frage ich mich manchmal schon, ob es nicht einfacher wäre, außerhalb des Schlosses zu leben. Aber als Geschäftsführer ist man nun einmal 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag verantwortlich.

Das klingt anstrengend. Haben Sie da nicht manchmal den Wunsch, beruflich etwas anderes zu machen?

Eigentlich war von Anfang an klar, dass ich auf der Mainau arbeiten soll und will. Aber es gab auch eine Zeit, da wollte ich Kunstschmied werden, dann Koch, schließlich Förster. Auch Psychologie oder Soziologie wären denkbar gewesen. Schlussendlich habe ich mich dann aber für etwas Praktisches entschieden – Sozialpädagogik. Natürlich könnte ich mir auch vorstellen, in diesem Beruf zu arbeiten. Aber bei 300 Mitarbeitern arbeite ich ohnehin fast jeden Tag ein bisschen als Sozialpädagoge.

Was machen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit? Haben Sie Hobbys?

Ich habe den großen Fehler begangen, vor drei Jahren mit dem Golfen anzufangen.

Warum war das ein Fehler?

Weil es einfach sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, aber es macht sehr viel Spaß. Ich treffe mich mit Freunden, lese, treibe Sport, bin draußen in der Natur. Wir haben einen Hund, mit dem ich oft unterwegs bin. Ab und zu gehe ich in den Klettergarten. Und ich jage.

Sie sind ja mit einer Bürgerlichen verheiratet. Hat es für Sie je eine Rolle gespielt, ob Ihre Zukünftige von Adel ist?

Nein, das spielt für mich keine Rolle. Es geht darum, einen Partner zu finden, mit dem ich mein Leben verbringen möchte.

Wie würden Sie diese Frage mit Blick auf das britische Königshaus beantworten?

Die Schwierigkeit in Familien wie der britischen Königsfamilie liegt eher darin, einen Partner zu finden, der bereit ist, die Einschränkungen in Kauf zu nehmen, die nun einmal mit dem Prinzenstatus verbunden sind. Wer in diese Position hineingeboren ist, kennt nichts anderes. Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Aber wenn man in eine solche Familie einheiratet, dann ist das eine ganz andere Nummer.

Fragen: Mirjam Moll

Zur Person

Björn Graf Bernadotte, 42, hält es morgens gerne simpel. Ein kleiner Einblick in seine Vorlieben:

  • Frühstück: Muss für den Grafen nicht sein.
  • Kaffee: Hält er für verzichtbar und trinkt ihn nur selten.
  • Tee: Mit Vorliebe grün. Ohne eine Tasse Tee geht morgens gar nichts.
  • Geschirr: Am liebsten trinkt der Graf seinen Tee aus einer großen alten Kaffeetasse. Das Mainau-Porzellan bleibt in der Vitrine. (mim)