Der Bildhauer Peter Lenk im Gespräch über den Fall Böhmermann, sein Satireverständnis und warum er keine muslimische Politiker abbildet.

Herr Lenk, können Sie die Aufregung um Jan Böhmermanns „Schmähgedicht“ nachvollziehen?

Ich habe mit dem Gedicht überhaupt kein Problem. Das Gedicht ist derartig hart, überspitzt und geschmacklos, dass es, passend für Satire, als positiv überzogen anzusehen ist. Natürlich ist es geschmacklos. Doch mit Geschmack und Feinfühligkeit kommt man Leuten wie Erdogan nicht bei. Zudem ist es Böhmermann gelungen, Merkel in eine Zwickmühle zu bringen. Jetzt musste sie sich bewegen. Das war auch die Absicht von Böhmermanns Aktion gewesen.

Gehört Geschmacklosigkeit zur Satire als Stilmittel dazu?

Satire ist eine Form von Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, die überspitzt bis geschmacklos sein muss. Geschmacklosigkeit ist dabei nicht Bedingung. Wenn ich mich über Personen wie Erdogan lustig machen möchte, kann das aber nicht – wie im Spiegel zu lesen war – warm und humorvoll vonstatten gehen. Meine Satire auf die „Bild“-Zeitung (ein am Gebäude der Berliner Tageszeitung taz angebrachtes Relief, das den ehemaligen „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann mit überdimensionalem Geschlechtsteil zeigt) funktioniert nur geschmacklos. Die Satire zielt damit auf die sexuelle Obsession dieser Zeitung.

Hätten Sie Böhmermann vom Verfassen des Gedichts abgeraten?

Auf keinen Fall. Jeder muss wissen, was er tut oder nicht. Aus meiner Sicht ist es jedoch die Aufgabe der in der muslimischen Welt lebenden Satiriker, die Politik vor Ort zu kritisieren oder satirisch zu entblößen. Auch wenn mir bewusst ist, dass das genauso schwierig ist, wie es bei uns einmal war.

Würden Sie einen muslimischen Politiker als satirische Skulptur darstellen?

Nein. Das ist nicht meine Sache. Ich habe meine eigenen Themen, und das sollte man auch respektieren. Ich beschäftige mich mit der westlichen Kultur. Nicht aus Angst, sondern weil wir hier genügend eigenes Material haben. Mit unserem Christentum habe ich schon genug Arbeit.

Lebt es sich als Satiriker gefährlicher?

In der Tat leben wir gefährlich. Ich sage es mit Goethe: „Es wird einem nichts erlaubt, man muss es sich selber erlauben; dann lassen's sich die andern gefallen – oder nicht!“ Charlie Hebdo war nach Ansicht der Terroristen nicht erlaubt, Menschen mussten deswegen sterben. Für mich hat ein katholischer Pfarrer sogar die Todesstrafe gefordert, er sagte, ich solle mit einem Mühlenstein um den Hals ertränkt werden.

Was kann Satire bestenfalls bewirken?

Satire spendet vor allem Lachen, wodurch manche Zustände besser zu ertragen sind. Zusätzlich sollen satirische Darstellungen von Politikern wie Nadelstiche wirken und ihnen lästig sein. Als Mittel der Aufklärung sehe ich Satire nicht, sie ist mehr ein ironischer Hinweis auf aktuelle Missstände.

Gibt es für Sie Grenzen der Satire?

Ja, die gibt es. Ich vergreife mich nicht an Kranken. Ich hatte einen Auftrag, etwas für die Psychiatrie auf der Reichenau zu machen. Der Entwurf stand bereits fest. Beim Gang durch die Psychiatrie kam ich jedoch zu dem Entschluss, den Auftrag nicht anzunehmen. Ich vergreife mich nur an gesunden Menschen. Personen in der Öffentlichkeit haben von mir keine Nachsicht zu erwarten. Brenzlig wird es für mich ab der Gürtellinie. Wenn ich Skulpturen ausdrücklich mit realen Personen in Verbindung bringe, achte ich meistens darauf, dass ihre Geschlechtsteile nicht zu erkennen sind.