Einen eigenen Film drehen. In den lang ersehnten Urlaub fliegen. Die neu gegründete Firma voranbringen. Oder einfach etwas Gutes tun. Jeder Mensch scheint diesen einen Wunsch zu haben, den er sich unbedingt erfüllen möchte – nicht selten scheitert das an der Finanzierung.

Immer häufiger setzen Menschen deshalb auf Hilfe aus dem Internet. Beim sogenannten Crowdfunding (von englisch crowd für Menge und funding für Finanzierung) kann jeder, der eine Idee hat, Unterstützer um finanzielle Hilfe bitten. Fast zehn Millionen Euro kamen 2015 für Crowdfunding-Projekte zusammen.

Auch die Ravensburger Band Peter Pux hatte einen Traum. Sie wollte mit der ersten eigenen CD den nächsten musikalischen Schritt schaffen. Doch das Studio, die Produzenten, Produktion und Vertrieb konnten sich die drei Musiker allein nicht leisten. Also setzten Sänger Peter Pux, Bassist Steffen Krause und Schlagzeuger Florian Haberl auf die Masse: Crowdfunding sollte ihnen Geld einbringen. Und das mit Erfolg.

Im Internet finden sich zahlreiche Plattformen, die es Menschen ermöglichen, Geld in die virtuellen Hüte der Hilfesuchenden zu werfen. Ob als Spende, für Firmenanteile oder Produkte als Gegenleistung: Das Prinzip ist überall gleich. Die große finanzielle Last des einen wird auf die vielen Schultern der Masse verteilt. Viele geben ein bisschen, statt wenige ganz viel. Crowdfunding ist zu einem riesigen Markt geworden.

Schenkel: "Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren zählen Emotionen"

Dennis Schenkel berät mit seiner Troisdorfer Firma CrowdXperts Unternehmen, die die alternative Finanzierungsform nutzen wollen. Und er ist begeistert: „Der Einzelne hat nun selber die Macht, etwas entstehen zu lassen, wenn er andere Menschen durch Crowdfunding hinter sein Projekt versammelt.“ Im Fall der Ravensburger Band standen 123 Unterstützer hinter den CD-Plänen und stellten dem Trio 7461 Euro zur Verfügung.

Klassischerweise werden Crowdfunding-Projekte über das Internet organisiert. Es gibt Plattformen für Künstler, Unternehmen, Forschungen – einfach für alles. „Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren gehören Emotionen. Projekte mit einem hohen Grad an Emotionen haben es leichter, Menschen zu überzeugen, das Projekt zu unterstützen“, sagt Dennis Schenkel. Für Musik sei es daher einfacher als für den privaten Urlaub.

Die Jungs um Peter Pux waren erstaunt, wie viele Unterstützer sie erreichen konnten. „Wir hätten nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen mitmachen“, erklärt Steffen Krause. Neben ihren Familien, Freunden und Fans hätten auch viele für die Band unbekannte Unterstützer aus ganz Deutschland mitgemacht. Eine unerwartete Reich weite und für die Musiker ein großer Vorteil des Crowdfundings.

Für drei Monate lief das Projekt der Band auf der Plattform Startnext. Als Gegenleistung für Spenden gab es sogenannte Dankeschöns: für 14 Euro eine signierte CD, für 25 Euro einen handgeschriebenen Liedtext und für 500 Euro ein Konzert im eigenen Wohnzimmer. 6900 Euro wollten sie erzielen, um die Produktionskosten für eine CD mit fünf Liedern zu decken. Nur wenn das Finanzierungsziel erreicht wird, wird das Geld ausgezahlt. Kommt zu wenig zusammen, geht alles zurück an die Spender und die Band wäre leer ausgegangen. „Es hat alles funktioniert, aber es lief anders als erwartet“, zieht Sänger Peter Pux Bilanz.

Steffen Krause, Peter Pux und Florian Haberl (von links) wollten Aufmerksamkeit für ihr Projekt erzeugen und musizierten in der Bahn in Friedrichshafen.
Steffen Krause, Peter Pux und Florian Haberl (von links) wollten Aufmerksamkeit für ihr Projekt erzeugen und musizierten in der Bahn in Friedrichshafen. | Bild: Frank Enderle

Der Aufwand, den das Projekt mit sich gebracht habe, sei riesig gewesen. „Das war uns so anfangs nicht bewusst“, sagen die Musiker im Nachhinein. Schon vor Projektbeginn müsse Aufmerksamkeit erzielt und während der Kampagne die Projektseite gepflegt werden. Im Anschluss müssten dann die Dankeschöns eingelöst werden. Auch Crowdfunding-Experte Dennis Schenkel sieht in der Zeitfrage ein Risiko. „Besonders häufig wird der Aufwand, der mit einer Kampagne verbunden ist, unterschätzt. Das äußert sich dann in mangelnder Vorbereitung und einem schlechten Ergebnis am Ende.“

Die Aufgabe, einerseits im Gespräch zu bleiben, andererseits aber nicht lästig zu werden, war für Peter Pux besonders schwer. „Das war drei Monate Klinkenputzen“, fasst Steffen Krause zusammen. Sich immer wieder in die Rolle des Bettlers zu begeben, sei für die Künstler eine Herausforderung gewesen. Dieses Unbehagen liegt laut Dennis Schenkel auch in den gesellschaftlichen Gewohnheiten begründet. „In den USA gehört es zum guten Ton, für eine Geschäftsidee nach Geld zu fragen. In Deutschland ist dies weitestgehend noch undenkbar“, sagt er.

Crowdfounding in Deutschland immer erfolgreicher

Doch auch im zurückhaltenden Deutschland steigen die Crowdfunding-Zahlen. Seit die ersten Plattformen 2010 online gingen, wurden rund 26 Millionen Euro für Projekte gesammelt. In diesem Jahr soll erstmals die jährliche Zehn-Millionen-Marke an eingesammeltem Kapital geknackt werden. „Crowdfunding hat in den vergangenen Jahren einen wirklich bemerkenswerten Weg absolviert“, sagt auch Dennis Schenkel.

Anfangs nur von Kreativen und für kleine Projekte genutzt, sind mittlerweile auch Großkonzerne wie Sony auf den Geschmack gekommen. Sie testen damit, wie groß die Kundennachfrage nach einem bestimmten Produkt ist. Auch die Zahlen der anderen Crowdfunding-Arten steigen. Crowdlending, also der Kredit von Privatpersonen, erreichte 2015 fast 67 Millionen Euro. Es wird von Städten und Kommunen ebenso genutzt wie von professionellen Sportvereinen. Hertha BSC Berlin möchte sich von Fans und Unterstützern eine Million Euro für eine bessere Digitalisierung des Vereins leihen.

Bei einer Laufzeit von drei Jahren winkt eine Verzinsung von 4,5 Prozent pro Jahr. Aber gibt es für Anleger auch Risiken? „Als möglicher Unterstützer eines Projektes sollte ich mir genau anschauen, wer hinter dem Projekt steht. Außerdem sollte ich mir darüber im Klaren sein, dasss ich mein gesamtes eingesetztes Geld verlieren kann“, rät Fachmann Schenkel.

Bei Peter Pux ging alles glatt. Die CD-Investoren haben erhalten, wofür sie gezahlt haben. Auch wenn das letztlich länger gedauert hat als geplant. „Wir waren sehr froh, als wir das letzte Wohnzimmerkonzert endlich gespielt hatten“, blickt Peter Pux zurück. Auf Dauer sei es ihnen unangenehm gewesen, in der Schuld der Fans zu stehen. Auch deshalb kommt Crowdfunding für sie beim nächsten Projekt nicht mehr infrage: „Man kann die Fans einmal anpumpen und um Geld fragen. Aber mittlerweile wollen wir so weit sein, dass die Fans das fertige Produkt kaufen können, ohne bei der Produktion dabei zu sein.“
 

Die Gefahren

Geldverlust: Die Crowd-Finanzierung bietet Möglichkeiten, an spannenden Projekten mitzuwirken. Doch sie hat auch Risiken. Es gibt keine Garantie, dass ein gefördertes Produkt wirklich entsteht und alle angekündigten Funktionen hat. Im schlimmsten Fall ist das Geld weg und keine Gegenleistung in Sicht. Hinzu kommt, dass ein Investor, der als Gegenleistung für sein Geld Firmenanteile erhält, in der Regel kein Mitspracherecht hat und nicht beeinflussen kann, was mit dem Geld passiert.

Klagen: 2014 wurde in den USA erstmals gegen ein Projekt geklagt. 810 Unterstützer hatten damals etwa 25 000 Dollar für die Entwicklung eines Spiels zur Verfügung gestellt. Die versprochenen Dankeschöns in Form von Zeichnungen bekamen sie nie. Das Geld soll nicht für das Spiel, sondern für private Angelegenheiten ausgegeben worden sein. Der Projektstarter musste eine Strafe von 55 000 Dollar zahlen.

Schutz: Plattformen versuchen, Investoren durch Klauseln in den Geschäftsbedingungen zu schützen. Diese besagen beispielsweise, dass ein Projektstarter mit vertretbarem Aufwand versuchen muss, die Kampagne so abzuschließen, dass die Investoren zufrieden sind. Andernfalls könnten diese klagen.