Keine Ausstellung ohne Kurator. Das gilt ganz besonders für die Biennale di Venezia. Seit 1895 ist die „Mutter aller Biennalen“ Schauplatz für Sensationen, Eklats und – eben für Kunst. Aber längst hat Venedig sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Weltweit gibt es an die 200 Biennalen (also zweijährlich stattfindende Festivals). Sie verdanken sich oft genug dem berüchtigten Standortmarketing.

Aber das spielte auch schon in Venedig eine Gründerrolle: Ende des 19. Jahrhunderts wollte Riccardo Selvatico, Bürgermeister der Lagunenstadt, mit der Kunst-Biennale den Tourismus ankurbeln und den Kunstmarkt-Konkurrenten München aus dem Felde schlagen. Der Coup gelang. Mehr als eine halbe Million Besucher wurden bei der 56. Biennale 2015 gezählt, unwahrscheinlich, dass es in diesem Jahr weniger werden, auch wenn im nächsten Monat die documenta in Kassel und das Skulpturenprojekt in Münster ihre Tore öffnen und Kunstfreunde aus aller Welt anlocken.

Maskenparade: Bernardo Oyarzun vertritt in Venedig sein Heimatland Chile.
Maskenparade: Bernardo Oyarzun vertritt in Venedig sein Heimatland Chile. | Bild: DPA

Keine Biennale ohne Kurator. In der 122-jährigen Geschichte waren es bisher lediglich zwei Frauen, die den Job übernahmen – 2005 war es das Duo María de Corral/Rosa Martínez und 2011 Bice Curiger. Die Französin Christine Macel ist nun die dritte Frau, die das Direktorat der Biennale um Paolo Baratta berief. Die Mutter aller Biennalen wird also vom Kopf her wieder etwas weiblicher. Obwohl: Nur dreißig Prozent aller Künstler sind Frauen.

Im normalen Berufsleben arbeitet Macel im Pariser Centre Pompidou als Chefkuratorin. Sie hat dort Ausstellungen kuratiert, die sich dem Geist der Event-Ökonomie – wie er in der Stelzenstadt gefordert wird – verweigern. Kommerzielle Stars der Szene kommen bei ihr nicht vor, auch jetzt nicht in Venedig. Einige ihrer langjährigen Künstlerfreunde wie Kader Attia (Frankreich), Gabriel Orozco (Mexiko) oder Philippe Parreno (Algerien), hat Macel nach Venedig eingeladen. Insgesamt bespielen 120 Künstler aus 50 Ländern die Großausstellungen in den Giardini, in denen auch die nationalen Pavillons stehen (siehe Beitrag unten), und in Arsenale, der ehemaligen Waffenschmiede Venedigs.

Macel stelle lieber Fragen, als Antworten zu suchen, heißt es über sie. Dass sie ihre Ausstellung mit dem Motto „Viva Arte Viva“ (Hoch lebe die Kunst) versieht, ihre Botschaft an die Welt, hat mit ihrem Verhältnis zur Kunst zu tun: Sie hält Kunst für die „kostbarste Gabe des Menschen“, für ein zutiefst humanistisches „Ja zum Leben“. Kunst ist für sie Weg und Ziel zugleich, ganz im Sinne von Max Ernst, der sagte, ein Maler sei verloren, wenn er sich gefunden habe. Sie will, dass wir an die Kraft und Schönheit der Kunst glauben sollen und offeriert dazu einen Dialog am „Tavola Aperta“ (Offenen Tisch).

Der Besucher kann mitreden, aber mitspielen, etwa bei Rasheed Araeens „Zero to Infinty“ (Pakistan) bunte Würfel auftürmen, seine Visitenkarte auf einer Leinwand für David Medallas Projekt „Stitch in Time“ (Philippinien) nähen, oder er vergräbt sich in Ernesto Netos wunderbaren Netz-Baldachin (Brasilien) von Huni-Kuin-Indianern aus dem Amazonas. Warum das? Die Kuratorin will den Besucher aus der Rolle des Konsumenten herauslocken.

Die Kuratorin der Biennale, Christine Macel, hat dem lange Zeit in Berlin lebenden Syrer Marwan im "Pavillon der Freunden und Ängste" eine Miniretrospektive eingerichtet.
Die Kuratorin der Biennale, Christine Macel, hat dem lange Zeit in Berlin lebenden Syrer Marwan im "Pavillon der Freunden und Ängste" eine Miniretrospektive eingerichtet. | Bild: Siegmund Kopitzki

Macel, die als dünnhäutige Intellektuelle gilt, distanziert sich ausdrücklich von der letzten Biennale 2015 der global-politischen Arbeiten, die Okwui Enwezor kuratierte. Ihr vermeintlicher „Rückzug ins Private“, ihre Betonung der „L’ Art pour l’ Art“ (Kunst für die Kunst) stößt allerdings einigen Kritikern übel auf: „Land unter“ titelt eine Münchner Zeitung ihren Bericht, „Die Kunst lebt nicht von der Flucht allein“ ein Frankfurter Blatt – als sei es ein Tabubruch, eine Ausstellung mit Künstlern, von Künstlern und für Künstler zu machen. Aber es gibt auch andere Stimmen, die den unbeschwert-spielerischen Umgang mit der Kunst in schwierigen Zeiten loben.

Dass Kunst die Welt retten kann, ist (und war) reine, wenn auch hoffnungsvolle Rhetorik. Dass Kunst sich für Probleme dieser Welt – Stichwort Migration, Umwelt, Krieg, Ungleichheit – zu interessieren habe, schließt Macel gar nicht aus. Aber sie formuliert diese (mögliche) Forderung zurückhaltender, als es die vielen Weltverbesserer tun.

Dass es ein Wagnis sein kann, politisches „Engagement“ dieser Provenience bei einer Kunstschau zu praktizieren, zeigt Olafur Eliassons „Green Light – an Artistic Workshop“ im Rondell in den Giardini. Dort sind Besucher eingeladen, mit Asylbewerbern Lampen zu bauen, deren Erlös am Ende der Caritas zukommen soll. Die Migranten werden von den Besuchern beäugt wie Tiere im Zoo, während der Künstler großzügig Interviews gibt. Die Statisten dieses gut gemeinten Kunstprojekts erhalten für ihre Kanthölzchenarbeit kein Honorar. Es werden ihnen kostenlose Sprachkurse angeboten. Nicht jeder Zweck heiligt die Mittel.

Macel hat ihre Ausstellung in neun thematische Felder abgesteckt (Pavillon der Farbe, Pavillon der Unendlichkeit usw.), ohne dabei die Werke zu dominieren. So zeigen intime Fotografien den Zagreber Konzeptkünstler Mladen Stilinovic schlafend. Auch der österreichische Tausendsassa Franz West ruht auf einem Sofa, ausgestreckt unter an die Wand gehefteten Arbeiten. Das Foto ist Teil seiner Installation „Otium“ (Muße) mit Liege und Video aus den 1970er-Jahren. Merke: Auch der Künstler muss regenerieren, um sein kreatives Werk zu schaffen.

Die britische Künstlerin Phyllida Barlows hat nicht nur den Pavillon ihres Landes zugestellt mit Installationen, sondern auch den Außenbereich damit garniert.
Die britische Künstlerin Phyllida Barlows hat nicht nur den Pavillon ihres Landes zugestellt mit Installationen, sondern auch den Außenbereich damit garniert. | Bild: Siegmund Kopitzki

Macel wird ein Hang zur älteren Generation nachgesagt. In der Tat ist der Altersdurchschnitt ihrer Künstler ungewöhnlich hoch. Viele ihrer Künstler sind bereits verstorben – wie West oder der Brite John Latham. Dass sie ihnen post festum die Ehre zukommen lässt und ihr Werk in Venedig ausstellt, ist als ihre ganz persönliche Liebeserklärung zu interpretieren. Zu dieser Gruppe zählt der in Syrien geborene und in Berlin heimisch gewordene Maler Warwan Kassab-Bachi, der vergangenes Jahr verstorben ist. In der Miniretrospektive im „Pavillon der Freuden und Ängste“ trifft der Besucher auf seine eindrucksvollen Selbstporträts, die sich, von Gemälde zu Gemälde steigernd, in Farbe auflösen, aus der traurige, aber hellwache Augen schauen.

Warwan – eine Entdeckung, so wie die abstrakten Gemälde des 80-jährigen Italieners Giorgio Griffa eine Wiederentdeckung. Aber das sind unter dem Strich seltene Beispiele für das klassische Bildformat. Zwar hat sich Macel darum bemüht, sämtliche in der Kunstpraxis gängigen Techniken wie Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Installation, Medienkunst oder Performance zu lancieren, aber die Malerei bleibt Außenseiter, ja, sie wirkt angesichts der präsentierten Vielfalt fast schon wie ein Auslaufmodell.

Zu guter Letzt: die Deutschen. Macel hat sechs deutsche Künstler für „Viva Arte Viva“ ausgewählt, darunter den 77-jährigen Hessen Franz Erhard Walther, der prompt den Goldenen Löwen als bester Künstler verliehen bekam. Ihn selbst hat das gewundert. Uns auch, zumal seine „Wandformation“ – übrigens aus buntem Stoff – schon zwischen 1975 und 1983 entstanden ist. Ein spätes Glück. Glückwunsch!
 

57. Venedig-Biennale

Die Biennale in Venedig gilt – neben der documenta in Kassel – als die älteste und renommierteste Kunstschau der Welt. Sie fand 1895 zum ersten Mal statt. In diesem Jahr beteiligen sich an der Großausstellung „Viva Arte Viva“ der Französin Christine Macel in den Giardini und in Arsenale 120 Künstler aus 50 Ländern. Dazu kommen noch die 86 Länderpavillons mit ihren Ausstellungen sowie zahlreiche Parallelausstellungen, die „Collateriali“. Anne Imhof, die den deutschen Pavillon bespielt, erhielt für ihre Performance „Faust“ den Goldenen Löwen, ebenso der Hesse Franz Erhard Walter für das beste Kunstwerk. (opi)

Venedig Biennale. Bis 26. November. Öffnungszeiten: Di bis So 10-18 Uhr. Eintritt Erwachsene 25 Euro, Familienkarte 42 Euro, Dauerkarte 80 Euro. Weitere Infos: www.labiennale.org


Auch die Region ist dabei

Seit die Biennale in Venedig existiert, gibt es die offiziellen Projekte sowie die offiziell anerkannten Satellitenveranstaltungen, daneben aber eine Flut weiterer Schauen. Es ist schwer, sich da ein Bild zu machen. Die Ausstellung des Europäischen Kulturzentrums, ausgerichtet von der niederländischen Non-Profit-Organisation Global Art Affairs (GAA), die in Venedig eine Dependance unterhält, findet im offiziellen Rahmen der 57. Biennale statt. Die GAA setzt sich zum Ziel, zeitgenössische Kunst und Architektur zu fördern.

Es sind mehr als 200 Künstler aus 50 Ländern, die unter dem Titel „Personal Structures: Open Borders“ in den Palazzi Bembo und Mora präsentiert werden. Die meisten von ihnen mussten sich die Teilnahme quasi erkaufen – was offenbar mit Hilfe von Sponsoren gut möglich ist. Für das Publikum ist der Eintritt frei. Dennoch gilt es als Ehre, überhaupt angefragt zu werden, an der Doppelausstellung zu partizipieren.

Zu den prominenten Künstlern der Präsentation gehören der Österreicher Arnulf Rainer, der Deutsche Markus Lüpertz sowie die beiden Amerikaner Jeff Koons und Yoko Ono. Auch zwei bekannte Künstler aus dem Südwesten sind dabei. Und bei dem am 25. Juli startenden offiziellen Biennale-Theaterfestival sind sogar auch Konstanzer Bühnenakteure mit von der Partie.

  • Von Markus Daum aus Radolfzell, Kunstpreisträger der Stadt Konstanz des Jahres 2012, sind zwei Bronzeplastiken im Palazzo Mora ausgestellt, die als Figuren, eine liegende, eine stehende, identifiziert werden können. Vor Ort haderte Daum etwas mit der Choreografie seines Ausstellungssaals. Die körperbetonten Skulpturen brauchen nämlich Raum, um zu wirken. In der Villa Mora bekommen sie diesen nicht.
    Kunst aus der Bodenseeregion: Diese Skulptur hat der Radolfzeller Künstler Markus Daum geschaffen.
    Kunst aus der Bodenseeregion: Diese Skulptur hat der Radolfzeller Künstler Markus Daum geschaffen. | Bild: Siegmund Kopitzki
  • Davor Ljubicic, gebürtiger Kroate, der seit Jahrzehnten am Bodensee lebt, stellt zu einer raumbezogenen großfomatigen Bildcollage ein Video. Sein Schaffen als Zeichner und Maler erweitert der Künstler oft mit anderen Medien, Installationen oder Performances. Er nahm mit seiner Galeristin Heidi Frehland (Galerie Bagnato) an der Eröffnung der Ausstellungen teil und zeigte sich mit der Präsentation seiner Arbeiten – anders als Daum – ganz zufrieden. 
    Davor Ljubicic
    Davor Ljubicic | Bild: Siegmund Kopitzki
  • Am 5. August ist dann auch noch das Theater Konstanz zu Gast. Beim Theaterfestival der Biennale zeigt es Anna Sophie Mahlers „Alla fine del mare“. (opi)

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