Sport Rennfahrer Pascal Wehrlein über seine neue Chance DTM und seine beste Eigenschaft

Der Worndorfer Rennfahrer Pascal Wehrlein spricht im SÜDKURIER-Interview über seine neue Chance DTM, den Ärger über den verlorenen Platz in der Formel 1 und seine beste Eigenschaft.

Pascal Wehrlein, wie fühlt es sich an, wieder zurück in der DTM zu sein?

Wie ein Nachhausekommen. Ich kenne das ganze Umfeld, daher ist nichts neu für mich. Auch von den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite. Klar haben sich einige Sachen am Reglement und Auto geändert. Das Grundprinzip ist aber noch das Gleiche wie vor zwei, drei Jahren. Daher habe ich ein sehr gutes Gefühl. Und ich freue mich auf diese Saison – ich freue mich immer mehr. Am Anfang war es nicht leicht für mich zu akzeptieren, dass ich in dieser Saison keinen Platz in der Formel 1 habe. Aber ich muss damit zurechtkommen und mit der DTM das Beste daraus machen.

Ihre Leistungen in der Formel 1 waren gut, letztlich haben andere Faktoren als der Sport den Ausschlag gegeben. Wie haben Sie das aufgenommen?

Sich darüber Gedanken zu machen, was fair ist und was nicht, bringt nichts. Natürlich würde ich gerne Formel 1 fahren. Auch von den Leistungen, die ich in den zwei Jahren gezeigt habe, sollte ein Platz für mich dort sein. Jetzt sind zwei ehemalige Teamkollegen von mir dort am Start, die ich in den vergangenen zwei Jahren geschlagen habe. Das ist schon ein komisches Gefühl. Ich freue mich aber auf die Aufgabe DTM. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich ein Auto, mit dem ich nicht wirklich etwas zeigen konnte und trotzdem etwas gezeigt habe. Ich bin dreimal in die Punkte gefahren und habe jeweils als einziger Fahrer im Team überhaupt Punkte geholt. Und ich habe meine Teamkollegen im Qualifying geschlagen. Klar denkt man immer darüber nach, was man noch besser hätte machen können.

Gibt es irgendwas, bei dem Sie in der Rückschau sagen, das hätte ich tatsächlich besser machen können?

Natürlich, da gibt es einiges. Ich bin ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist. Ich bin immer sehr selbstkritisch. Sogar wenn ich heute über mein Jahr 2015 nachdenke, als ich die DTM gewonnen habe, denke ich oft an Situationen, die ich im Qualifying oder im Rennen hätte besser machen können, um mehr Punkte zu holen. Das ist irgendwie eine komische Eigenschaft, wenn man Champion wird und darüber nachdenkt, was man hätte besser machen können. Aber so bin ich einfach gestrickt.

Aber ist das nicht die richtige Voraussetzung, um immer besser zu werden?

Auf jeden Fall. Das ist eine Eigenschaft, die mich ausmacht. In jeder Serie, in die ich bisher gekommen bin, hat es nicht lange gedauert, bis ich von der Geschwindigkeit her auf einem sehr hohen Level war. Das liegt daran, dass ich so schnell wie möglich alles lernen möchte, was wichtig ist für das Auto oder die Serie. Ich bin nie zufrieden, selbst wenn ich schnelle Runden fahre oder Rennen oder die Meisterschaft gewinne. Ich denke immer: Was hätte ich noch besser machen können, um noch mehr zu dominieren. Eine gute Eigenschaft, die einem das Leben aber nicht immer leicht macht.

Gerade vor diesem Hintergrund: Wie schwer war es für Sie, in den vergangenen zwei Jahren zu akzeptieren, dass Sie mit Ihrem Auto keine Chance auf viele Punkte oder gar Siege haben?

Das ist etwas, worauf man sich sehr schwer einstellen kann. Man kommt zu einem Rennwochenende und die Einstellung vom Team ist: Wenn wir einen Punkt holen, ist das das Beste, was wir erreichen können. Das ist eine ganz andere Mentalität, mit der man zurechtkommen muss. Ich als Fahrer komme an die Strecke und sage: Ich will dieses Wochenende gewinnen. Klar, dass das in der Formel 1 nicht geht, wenn man nicht bei Mercedes, Ferrari oder Red Bull fährt. Trotzdem ist die innere Einstellung immer die gleiche. Daher ist es sehr schwierig, sich darauf einzustellen, dass Platz 15 an einem Wochenende das Maximum sein kann.

Fühlten Sie sich in den vergangenen zwei Jahren in Ihren Teams immer richtig unterstützt? Speziell bei Sauber gab es Gerüchte, dass Ihr schwedischer Teamkollege Marcus Ericsson bevorzugt behandelt wurde.

Das macht keinen Sinn, darüber im Nachhinein zu sprechen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Tür zur Formel 1 für Sie nun langfristig verschlossen ist?

Momentan mache ich mir nicht viele Gedanken über die nächste Saison. Für dieses Jahr ist die Tür zu – außer, durch welchen Zufall auch immer, dass ein Fahrer ausfallen würde. Aber ansonsten denke ich dieses Jahr nicht über die Formel 1 als Fahrer nach. Meine Hauptaufgabe ist die DTM, in der Formel 1 bin ich als Ersatzfahrer für den Fall dabei, dass etwas passieren sollte. Was nächstes Jahr betrifft, kann alles wieder offen sein.

Ihr Programm ist voll mit DTM und als Formel-1-Ersatzfahrer. Es gibt sogar Gerüchte über ein weiteres Projekt.

Es war lange im Gespräch, die Super Formula in Japan zu fahren. Jetzt ist tatsächlich noch etwas anderes im Gespräch, aber es ist noch zu früh, um konkret darüber zu sprechen. Mit DTM und Formel 1 habe ich etwa 20 Wochenenden im Jahr verplant. Und eventuell kommt noch etwas dazu, das auch noch sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Die Formel E vielleicht?

Nein, die ist es nicht.

Von der DTM hatten Sie sich 2015 als Champion verabschiedet, mit welchen Erwartungen gehen Sie in die anstehende Saison?

Ich habe die höchsten Ansprüche an mich. Ich weiß, dass es nicht leicht wird. Ich habe nur zwei Tage Vorbereitung vor dem ersten Rennen, was es noch schwieriger macht. Ich glaube, dass es leichter ist, sich an etwas Schnelleres zu gewöhnen als sich von etwas Schnellerem wieder an etwas Langsameres heranzutasten. Man tendiert dadurch immer zu Fehlern, da man denkt, man kann schneller fahren, was aber nicht geht. Daher ist es immer schwieriger, zurückzukommen. Meine Ansprüche sind trotzdem, da weiterzumachen, wo ich 2015 aufgehört habe. Vielleicht nicht beim ersten Rennen, aber im Laufe der Saison auf jeden Fall.

Vor allem haben Sie jetzt ein Auto, mit dem Sie wahrscheinlich um Siege fahren können. Erhöht das wieder den Spaß am Motorsport?

Ich kann jetzt wieder mit dem Ansporn und Anspruch an die Strecke kommen: Dieses Wochenende kann ich gewinnen, was in den vergangenen beiden Jahren nicht der Fall war.

Wie haben Sie den Winter verbracht?

Ich bin bewusst zu Hause geblieben, ich wollte in keine Flugzeuge steigen. Ich war endlich mal wieder snowboarden, das war ich zuvor drei Jahre nicht mehr. Letztes Jahr hatte ich ja die Verletzung am Rücken, das Jahr zuvor die Operation am Handgelenk. Und ich habe viel Zeit verbracht mit Familie, Freundin und Freunden.

Und Sie leben mittlerweile in der Schweiz.

Ja, ich lebe im Thurgau, aber damit auch weiterhin am See.

Fragen: Marco Scheinhof

Zur Person

Pascal Wehrlein, hier im Gespräch mit Redakteur Marco Scheinhof, wurde am 18. Oktober 1994 in Sigmaringen geboren. Er begann seine Motorsportkarriere 2003 im Kart. Von da an ging es stetig bergauf, bis in die Formel 1, in der er die vergangenen zwei Jahre fuhr. Sein Cockpit bei Sauber aber hat er verloren, auch weil er nicht genügend Sponsorengeld mitbrachte. Deshalb kehrt er in das Deutsche Tourenwagen Masters (DTM) zurück. (sma)

Darum geht es in der DTM und das macht die Rennserie für die Fans so interessant

Für Pascal Wehrlein ist das Deutsche Tourenwagen Masters (DTM) die Rettung. Hier kann der Rennfahrer aus Worndorf im Landkreis Tuttlingen seine professionelle Motorsportkarriere nach dem Formel-1-Aus fortsetzen.

  • Das ist die DTM: Die drei Hersteller Audi, BMW und Mercedes kämpfen in der Tourenwagenserie um den Titel. Je sechs Fahrer pro Hersteller sind am Start, die Saison beginnt am 6. Mai auf dem Hockenheimring und umfasst zehn Rennveranstaltungen. Mercedes wird nach dieser Saison aus der DTM aussteigen und sich neben der Formel 1 der Formel E anschließen. „Ein bisschen Wehmut ist dabei. Aber die Technologie entwickelt sich in eine andere Richtung“, sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Deshalb der Umstieg in die vollelektronische Rennserie, in der bereits Audi ebenfalls aktiv ist. BMW wird auch nachziehen.
  • Die Bedeutung der DTM: „Die DTM ist nach der Formel 1 die professionellste Rennserie“, sagt Toto Wolff. Das Budget der Teams soll die 30-Millionen-Euro-Marke nicht übersteigen. Deshalb wurde das Fahrerfeld von 24 auf 18 Piloten reduziert. In der Formel 1 wird teilweise das zehnfache Budget veranschlagt. In den Tourenwagen der drei Hersteller stecken V-8-Motoren, knapp über 500 PS leisten und eine Höchstgeschwindigkeit von 280 km/h erreichen.
  • Das Interesse an der DTM: Das Fahrerlager ist in der DTM für die Zuschauer, anders als in der Formel 1, zugänglich, der Kontakt zu den Fahrern also möglich. 2017 stiegen auch die Zuschauerzahlen. 640 000 Fans waren an den neun Rennwochenenden dabei, was einem Schnitt von 71 111 Zuschauern entspricht. 2016 waren es 617 000 Fans gewesen. Die ARD erreichte zuletzt eine Quote am Wochenende von zwei Millionen Zuschauern. Die Zusammenarbeit mit dem TV-Sender endete aber nach 18 Jahren, künftig überträgt Sat 1 die DTM.

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