Mailand «Katastrophe»: Italien verpasst Fußball-WM

Nicht bei einer Fußball-WM dabei zu sein versetzt Italien in eine Schockstarre. Das Playoff-Rückspiel gegen Schweden endet torlos, tränenreich und mit Größen, die gehen. Nur der Trainer weiß noch nicht, wie es für ihn weitergeht.

Nach dem bitteren Scheitern in der WM-Qualifikation steht Italiens Fußball-Welt unter Schock. „Das ist die Apokalypse“, kommentierte kurz nach dem 0:0 gegen Schweden im Playoff-Rückspiel am Montag die „Gazzetta dello Sport“. Schon Sekunden nach dem WM-Aus flossen bei Torwartlegende Gianluigi Buffon die Tränen - wenig später verkündete der 39-Jährige seinen Rücktritt. „Ich verlasse mit Sicherheit eine Nationalmannschaft mit fitten Jungs, die von sich reden machen werden“, sagte der Keeper im italienischen Fernsehen und gestand: Es sei schlimm, dass seine Karriere so ende.


Pressestimmen zum WM-Qualifikationsspiel Italien - Schweden: 

  • ITALIEN
    „Tuttosport“: „Die Wahrheit tut weh, ja, und noch nie so sehr wie dieses Mal: Denn die Wahrheit ist, dass es zu Recht so ist. Italien fährt nicht zur Weltmeisterschaft, weil es das verdient hat: Angefangen bei dem Teil des Volkes, (...) der gepfiffen hat, als die schwedische Nationalhymne angestimmt wurde. Man kann weinen wie Buffon und weitere Millionen von Italienern. Man kann fluchen wie De Rossi auf der Bank (...). Man kann schweigen wie Ventura, der selbstgerechteste Nationaltrainer (...). Alle ab nach Hause, ja. An den Ort, wo man am besten reflektieren kann, wenn wir dazu überhaupt noch in der Lage sind.“

    „Corriere dello Sport“: „Es ist die Wirklichkeit eines italienischen Fußballs, der es zu der schmerzhaftesten Demütigung seiner Geschichte gebracht hat, eine Beschämung, eine sportliche Schande, die keinen Vergleich kennt. (...) Die Tränen von Buffon, aufrichtig und passioniert, bezeugen den Absturz, der viele Väter hat und dem niemand, wirklich niemand, entkommen kann.“

    „Gazzetta dello Sport: „Am day after ist das entscheidende Spiel grausam, aber unvermeidlich. Ventura kann schon aus persönlicher Würde nicht anders als zu gehen. (...) Für Buffon und die anderen großen Alten ist die Vergeltung ungleich härter: Sie wurden von einer unwiderrufbaren Niederlage zum Abschied getrieben, nach so vielen erinnerungswürdigen Siegen.“
  • SCHWEDEN
    „Göteborgs Posten“: „Was sollen wir sagen? Wunder in Mailand? Die Heldentat von San Siro? Die schwedischen Fans sangen: "Wir fahren zur WM und ihr nicht." Kaum zu glauben, dass das stimmt. Wir. Fahren. Zur. WM.“

    „Svenska Dagbladet“: „Ein 0:0 reichte für das Ticket nach Russland. Mamma Mia! [...] Was Janne Andersson und seine Leute mit dieser Nationalmannschaft gemacht haben, ist sensationell. Sie haben ein Kollektiv aufgebaut, in dem kein Spieler größer ist als das Team. Alles geben alles füreinander.“

    „Dagens Nyheter“: „Es gibt nichts, was dies hier schlägt. [...] Es war nicht schön, aber es war ein Match biblischer Dimensionen. [...] Die Voraussetzungen und der Gegner machen dies zu einem Erfolg, der eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Schweden hätte nicht zur WM fahren dürfen. Jetzt ist Schweden da. Der Hauptgrund ist, dass sie dachten, es könnte klappen.“
  • GROSSBRITANNIEN
    „The Independent“: „Es zeigt Buffons Großartigkeit, dass selbst die Assoziation mit einem so traumatischen Ereignis - Italien verpasst das Turnier zum ersten Mal seit 60 Jahren - seine beachtliche Karriere nicht trüben kann.“

    „The Sun“: „Die viermaligen Weltmeister werden nach der beschämendsten Nacht ihrer glorreichen Geschichte im nächsten Sommer von zu Hause zuschauen.“

    „Mirror“: „Der italienische Fußball erleidet eine seiner größten Katastrophen, weil die italienische Mannschaft zum ersten Mal seit 60 Jahren die Teilnahme an der WM-Endrunde verpasst. Trotz unablässigen Drucks und zahlreicher Chancen konnten die Azzurri das 0:1 aus dem Hinspiel nicht umkehren und stürzten die fußballverrückte Nation in Wut und Verzweiflung.“

    „The Telegraph“: „Ein langer frustrierender Abend in Mailand endet in einem Meer der Tränen.“

 

 

Die italienische Tageszeitung „La Stampa“ kommentierte: „Das azurblaue Desaster ist Wirklichkeit. Die Nacht von San Siro ist schwarz wie Kohle. Es wird viel Zeit vergehen, bis der nächste Morgen graut.“


Das erstmalige Verpassen einer Fußball-Weltmeisterschaft seit 60 Jahren hat die Nationalmannschaft bereits unmittelbar nach dem Abpfiff am Montag in Mailand tief getroffen. Trotz drückender Überlegenheit endete das Playoff-Rückspiel gegen Schweden 0:0 und besiegelte das Fehlen des viermaligen Titelträgers 2018 in Russland. Im Hinspiel in der Qualifikation am Freitag hatte es in Stockholm ein 0:1 gegeben. 1958 war die letzte Weltmeisterschaft ohne Italien.

 

Schwedens Mannschaft kann ihr Glück kaum fassen: WM-Teilnahme.
Schwedens Mannschaft kann ihr Glück kaum fassen: WM-Teilnahme. | Bild: Antonio Calanni


Nationalmannschaftstrainer Gian Piero Ventura entschied nach dem WM-Aus noch nicht über seine Zukunft. „Ich trete nicht zurück, weil ich noch nicht mit dem Präsidenten gesprochen habe. Es gibt zahlreiche Überlegungen“, sagte er laut Nachrichtenagentur Ansa in der Nacht zu Dienstag.

„Ich fühle mich danach, mich bei den Italienern zu entschuldigen, für das Ergebnis, nicht für unsere Anstrengungen.“

Der untröstliche Buffon nannte das Fehlen bei der WM eine „Katastrophe“. Es hätte für die Mannschaft und für das Land viel bedeutet. Auch im TV-Interview weinte er. Für seine langjährigen Teamkollegen Daniele De Rossi und Andrea Barzagli war es ebenfalls die letzte Partie im Trikot der Azzurri. „Ich glaube, das ist die größte Enttäuschung meines Lebens“, sagte Barzagli. „Es ist ein schwarzer Moment für unseren Fußball, und ein tiefschwarzer für uns Spieler“, kommentierte De Rossi. Nach dem Spiel habe eine Atmosphäre wie bei einem Begräbnis geherrscht. „Dabei ist niemand gestorben.“

Italiens Trainer Gian Piero Ventura versteht die Welt nicht mehr - eine WM ohne Italien! Foto: Luca Bruno
Italiens Trainer Gian Piero Ventura versteht die Welt nicht mehr - eine WM ohne Italien! Foto: Luca Bruno | Bild: dpa


Bei den äußerst passiv agierenden Schweden brach dagegen Jubel aus, nachdem sie zum zwölften Mal das WM-Ticket gelöst hatten. Sie sind nach zuletzt zwei gescheiterten Versuchen erstmals seit 2006 wieder dabei. Vor elf Jahren waren die Skandinavier im Achtelfinale an Gastgeber Deutschland gescheitert. Schweden steht als 29. von 32 WM-Teilnehmern fest.

In hitziger Atmosphäre im legendären San Siro hatten die Gastgeber schnell die Initiative genommen und auf den frühen Führungstreffer gedrängt. Der Ex-Dortmunder Ciro Immobile war einer der Aktivposten, vergab jedoch seine besten Möglichkeiten (40. Minute/64.

). Während sich die Gäste immer mehr zurückzogen und überhaupt nichts mehr für die Offensive taten, scheiterten auch Giorgio Chiellini (58.) sowie Stephan El Shaarawy (87.) und ließen die Tifosi jeweils raunen. In der Schlussphase standen alle Italiener inklusive Buffon in der gegnerischen Hälfte und drängten auf das ersehnte Tor - erfolglos.

Italiens Ciro Immobile (l) kommt zum Schuss aufs schwedische Tor, trifft aber nicht.
Italiens Ciro Immobile (l) kommt zum Schuss aufs schwedische Tor, trifft aber nicht. | Bild: Antonio Calanni


Italien hat bislang an 18 Weltmeisterschaften teilgenommen und - wie Deutschland - vier Mal den Titel geholt, zuletzt 2006. In der Qualifikation für Russland reichte es in der Gruppenphase hinter Spanien in den vergangenen Monaten nur zum zweiten Platz. Gegen die Iberer setzte es im September ein 0:3.

Die spanische Zeitung „AS“ nannte die verpasste WM ein „Drama“, die befürchtete Apokalypse sei bereits Wirklichkeit. Der bereits im Vorfeld der Partie kritisierte Chef des Fußballverbands, Carlo Tavecchio, wollte sich 48 Stunden Zeit nehmen, um Konsequenzen aus der verpassten Qualifikation zu verkünden. Dass es Ventura sein wird, der die Mannschaft bis zur Europameisterschaft 2020 wieder aufbaut, gilt als unwahrscheinlich.

 

 

 

 

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