Triathlon „Dieser Sport ist nicht verseucht“

Sebastian Kienle gehört am Wochenende erneut zu den Favoriten beim legendären Ironman auf Hawaii. Der 33-Jährige über seine Vorbereitung, seine Chancen, Doping – und sein Verhältnis zum Topstar Jan Frodeno

Sebastian Kienle, man kann Sie fast schon als Hawaiianer bezeichnen, so lange weilen Sie schon auf Big Island. Seit wann sind Sie vor Ort?

Seit fast einem Monat. Für mich ist das hier daher fast ein zweites Stück Heimat geworden.

Warum ist die frühe Anreise so sinnvoll?

Die Bedingungen, die Kona am ähnlichsten sind, hat man vor allem in Kona! Es streiten sich ja die Triathlon-Gelehrten, ob das der einzige richtige und wahre Plan ist, aber für mich hat das immer gut funktioniert. Die Alternative, lange in Deutschland zu bleiben, wäre immer mit dem Risiko verbunden gewesen, bereits richtig schlechtes Wetter zu haben. Und dann sitzt man vielleicht schon mit einem geschwächten Immunsystem im Flieger.

Sie werden von Frau Christine, ihrem Trainer Lubos Bilek und einem Physiotherapeuten auf Hawaii unterstützt. Wie hat man sich das zu verstellen: Alle wohnen im Apartment und fiebern dieser großen Mission entgegen?

So schaut es aus (lacht). Das funktioniert nur, weil wir gut eingespielt sind und uns alle gut kennen – und jeder weiß, wo die Macken des anderen sind. Letztlich müssen vor allem die drei anderen auch meine Launen aushalten...

...Launen bei einem der härtesten Eisenmänner der Welt?

Ja, Kleinigkeiten, die ich leider an den Menschen auslasse, die mir am meisten bedeuten. Ich gebe mir dann wenig Mühe, zu unterdrücken, dass mich gerade etwas ankotzt. Hat damit zu tun, dass auch die Festplatte, der Kopf, im wörtlichen Sinne heißläuft. Ich habe aber mit der Zeit gelernt, dass auf Hawaii nur eine innere Ruhe hilft.

Wo sind die Schlüsselstellen?

Wir sind nicht bei einer Tour de France, wo sich vorher leicht sagen lässt, jetzt kommt der Mont Ventoux und wer dort am schnellsten hochfährt, der gewinnt. Beim Ironman Hawaii kann das fast überall passieren.

Wenn wir die Disziplinen durchgehen...

...sind beim Schwimmen die ersten 500 Meter der Schlüssel, gerade für mich. Am Anfang sortieren sich die Gruppen – entweder bist du in den vorderen drin oder nicht. Beim Radfahren sind die Rennen oft am Anstieg nach Hawi entschieden worden, weil dort die ganz heftigen Winde kommen und es dort leicht bergauf geht. Nach der Hälfte des Rennens lässt sich die erste Attacke setzen, die Wirkung zeigt. Und beim Laufen kommt es nach dem Wendepunkt im Energy Lab drauf an: Wenn du an dieser Stelle noch Kraft hast, geht was. Wenn du dich nicht mehr gut fühlst, merkst du es leider auch richtig.

Im Vorjahr sind Sie und Jan Frodeno zeitweise Seite an Seite gelaufen. Nostalgiker wünschen sich die Neuauflage eines „Ironwar“ wie zwischen Dave Scott und Mark Allen einst 1989. Ist so etwas überhaupt möglich?

Ich glaube, dass an solch einem Kriegsspielchen jetzt noch ein paar mehr Parteien teilnehmen können. Ich habe in den USA mit Ben Hoffmann trainiert, dem ist viel zuzutrauen. Ich kann mir vorstellen, dass der Brite Tim Don in diesem Jahr seinen Zenit erreicht. Und auch der Australier Nick Kastelein, Jans Zauberlehrling, wird sich die ersten sechs Rennstunden weit vorne aufhalten. Und nicht zu vergessen Patrick Lange, dem selbst ein größeres Defizit auf dem Rad nicht viel ausmacht. Dass er in Frankfurt nicht ganz vorne war, kann für Hawaii mitunter sogar helfen.

Also kein erneutes Duell zwischen Frodeno und Kienle?

Ich will das nicht ausschließen. Und mit Sicherheit sind wir aktuell der Stärkste und Zweitstärkste, wenn wir die vergangenen zwei, drei Jahre anschauen. Und da Menschen am liebsten die Vergangenheit heranziehen, um Vorhersagen für die Zukunft zu treffen, kann das wohl wieder so sein (lacht).

Sie haben vor Monaten eigens betont, dass Frodeno für Sie nicht unschlagbar sei. Wie ist denn jetzt der Status?

Er ist der Favorit, aber wir treten auf Augenhöhe gegeneinander an. Im vergangenen Jahr war Jan nahe an einer Niederlage. Und in diesem Jahr habe ich die besseren Ergebnisse gemacht. Jan wird erst auf Hawaii die Karten auf den Tisch legen. Er steht aber auch mehr unter Druck: Alles andere als ein Sieg wäre eine Niederlage für ihn. Diese maximale Fallhöhe hat er sich erarbeitet.

Würde Frodeno das dritte Mal in Folge in Kona die Krone holen, müsste er mit 36 Jahren und als Familienvater doch aufhören, oder?

Puh! Das wäre ja das Allerschlimmste für mich. Wenn er in diesem Jahr gewinnen, dann aufhören würde und ich im Jahr danach in der Form meines Lebens am Start stände – und Jan wäre nicht da. Es ist für mich nicht erstrebenswert, dass ich so lange weitermache, bis die anderen aufgehört haben (lacht). Im Ernst: Jan hofft sicherlich noch darauf, unter acht Stunden zu kommen – das ist schon einmal ein Ziel. Eines ist nur auch klar: Vier, fünf Jahre wird Jan nicht mehr mitmachen. Wenn er seinen Zenit überschritten hat, hört er auf. Aber er kann diese Frage nur für sich selbst beantworten.

Wie ist es bei Ihnen?

Ich kann nur für mich sagen: In solch einer extremen Sportart wie unserer trägt man sich immer mal wieder mit dem Gedanken, aufzuhören, aber ich komme immer wieder zu der Erkenntnis, dass der Triathlon mir noch verdammt viel Spaß macht, ich habe einen großen Grad an Freiheit und Unabhängigkeit und kann damit auch verhältnismäßig gut Geld verdiene. Was wäre die Alternative? Die sehe ich derzeit nicht für mich. Natürlich ist das ein Thema, das mich beschäftigt: Dazu sitze ich ja lange genug auf dem Rad, um auch mal nachzudenken. Mein Körper wird mir sagen, wie lange es noch auf diesem Niveau geht: Ich werde das Dasein als Profi-Triathlet nicht künstlich in die Länge ziehen. Aber mal ehrlich: Mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen, dass ich auf Hawaii als einer der jüngsten Profis an den Start ging. Und jetzt rede ich über mein Karriereende. Das geht mir zu schnell: Ich hoffe, dass ich noch drei, vier gute Jahre vor mir habe.

Aus der öffentlichen Diskussion ist das Thema Doping fast ganz verschwunden. Dabei werden Ausdauerleistungen in allen Sportarten oft hinterfragt.

Ich habe mich eher gewundert, dass das Thema früher bei uns so präsent war. Welche Hawaii-Sieger aus den vergangenen 30 Jahren waren denn gedopt?

Die Deutsche Nina Kraft bei ihrem Sieg 2004. Sie hat das Epo-Doping danach auch gestanden.

Ich sagte aber Hawaii-Sieger.

Da gibt es bislang keinen.

Also. Und dann vergleichen wir das mal mit dem Radsport oder mit den Siegerlisten im 100-Meter-Lauf. Ich will damit nur sagen: Diese Tatsache kommt zu dem Fakt aus dem Nada-Jahresreport, dass wir 2014 in Deutschland die am meisten kontrollierte Sportart waren. Und keiner kann ernsthaft der Meinung sein, dass das Knowhow in Sachen Doping im Triathlon annähernd so ist wie im Radsport oder der Leichtathletik. Dieser Sport ist nicht verseucht. Ich weiß ja am besten, dass man bei uns sauber Weltmeister werden kann.

Wie oft sind Sie kontrolliert worden?

In diesem Jahr hatte ich sechs Kontrollen. Für mich ist das fast verhältnismäßig wenig, in 2014 bin ich viel häufiger kontrolliert worden, ich glaube sogar, insgesamt 32-mal in Training und Wettkampf. Weniger Kontrollen können effektiv sein, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt kommen. Mich haben zeitweise vier Institutionen aufgesucht oder Kontrollen angeordnet: Die DTU, die Nada, dann auch die Wada und die WTC. Deswegen hatte ich 2014 allein in den zweieinhalb Wochen Vorbereitung auf Hawaii acht Kontrollen. Davon alleine fünf in der Wettkampfwoche.

Timo Bracht hat im vergangenen Jahr für mächtig Verstimmung bei Jan Frodeno gesorgt, weil er dessen Dominanz auf der Triathlon-Langstrecke mit der von Usain Bolt im 100-Meter-Sprint verglich. Es kam zu verbalen Attacken der beiden untereinander. Wie ist das bei Ihnen angekommen?

Da würde ich mal fein unterscheiden: Jan hat den Timo dominiert, aber Jan hat nicht unseren Sport dominiert. Ich bin lange nah an Jan dran gewesen: Leistung ist noch kein Dopinghinweis. Und bei ihm ist die gesamte Entwicklung sehr nachvollziehbar. Aus meiner Sicht hat sich unser Sport bei den Zeiten doch eher langsam entwickelt. Ich schaue eher auf diejenigen, die erst stagnieren und dann auf einmal rasante Sprüngen machen.

Fragen: Frank Hellmann

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