Fußball Die Tormaschine kommt

Holstein Kiel fühlt sich nicht als Außenseiter im ersten Relegationsspiel beim VfL Wolfsburg

Armin Veh hat am vergangenen Samstag ziemlich lässig im dritten Stock der Arena vom VfL Wolfsburg gestanden. Es ist knapp zehn Jahre her, dass dieser Mann mal am Mittellandkanal das meisterliche Erbe eines Felix Magath verwalten sollte, was kolossal schiefging. Zum einen hatte der Zuchtmeister die Spieler ausgequetscht wie eine Zitrone, zum anderen war Veh der Doppelrolle als Trainer und Manager nicht gewachsen. Weshalb sich der 57-Jährige inzwischen – nach einer ordentlichen Auszeit – ganz auf die Aufgabe als Sportdirektor beim 1. FC Köln beschränkt. In dieser Funktion hat er kürzlich für das Projekt Wiederaufstieg einen neuen Trainer verpflichtet, der Markus Anfang heißt. Aktuell arbeitet der gebürtige Kölner noch bei Holstein Kiel. Und wie es der irgendwie überall miteinander verwobene Profifußball nun einmal will, tritt sein Team am heutigen Donnerstag (20.30 Uhr) zum Relegationshinspiel in der Autostadt an.

Veh kann sofort die Kieler Stärken aufsagen. „Starkes Offensivspiel, einstudierte Laufwege, eingeschliffene Automatismen.“ Sprich: tolle Trainer-arbeit. Und Veh hat ja Recht: Der Höhenflug der Kieler, die wie vor drei Jahren das Beispiel Darmstadt aus der Drittklassigkeit durch die Decke, sprich in die Bundesliga, schießen können, beruht keineswegs auf Zufall. Wer an 34 Zweitligaspieltagen nur sechsmal verliert und 71 Tore schießt, der klopft nicht zufällig oben an.

„Wir werden mit Spaß, Mut und Überzeugung in die Spiele gehen“, verspricht der 2016 in den hohen Norden gekommene Anfang. Negativen Druck verspürt der ehemalige Bundesligaspieler nullkommanull. „Wir wollen Ergebnisse erzielen, damit wir etwas Historisches schaffen. Das primäre Ziel es, dass wir uns gut verkaufen.“ Für den 43-Jährigen ist die Relegation ein schönes Zubrot, die ihn womöglich nur in einem emotionalen Zwiespalt bringt: Sollten die „Störche“ in der ersten Liga landen, fehlt ihnen nicht nur ein von der DFL zugelassenes Stadion, sondern Anfang würde dann freiwillig unten bleiben. Völlig unmöglich scheint das Szenario nicht.

Zumal der VfL Wolfsburg Profis hat, die wie der vom FC Liverpool ausgeliehene Mittelstürmer Divock Origi bis zum vergangenen Wochenende gar nicht wussten, wer Holstein Kiel überhaupt ist. Eine neue Biermarke? Derlei Unkenntnis gehört eigentlich bestraft, aber nicht deshalb ist das Duell zwischen dem Bundesliga-Drittletzten und Zweitligadritten vielleicht gar nicht so ungleich wie die vergangenen Jahre. Wobei Kiels Manager Ralf Becker vorsorglich auf die wirtschaftlichen Unterschiede verweist: „Unser Etat ist das Gehalt von zwei VfL-Stars“, sagte der 47-Jährige und positionierte seinen Klub als „das kleine gallische Dorf im großen Fußball-Zirkus“. Und als Beweis dafür, „dass man auch ohne großes Geld erfolgreich sein kann“.

Torjäger Marvin Ducksch, vom Liga-Gefährten FC St. Pauli nur ausgeliehen, soll mit 750 000 Euro Jahresgehalt der Topverdiener sein. Das bekommt beim VfL Wolfsburg tatsächlich so manch Tribünenhocker als Fixum in einer Halbserie. Ungeachtet der gewaltigen Etatlücke, die sich auf rund 60, 70 Millionen Euro, allein bei den Personalkosten wohlgemerkt, belaufen dürfte, zeigen sich bei den Gästen klar erkennbare Stilmerkmale, die nicht erst in der 2. Liga aufgefallen sind. Das Erstaunliche ist nämlich, dass sich der vom Hamburger Unternehmer Jörg Seidel gegründete Datendienstleister Goalimpact bereits vergangenen Sommer, damals war der neue Stolz aus Schleswig-Holstein gerade im deutschen Profifußball angekommen, als Kandidat für einen Durchmarsch in die Bundesliga identifizierte.

Das hatte jedenfalls Seidels mathematisches Modell ergeben, das den Wert einzelner Spieler für ihre Mannschaft nach einer komplizierten, aber offenbar weitgehend zutreffenden Formel bemisst. Details finden sich im Buch „Matchplan“ von Christoph Biermann, der dafür auch den Holstein-Coach befragte. Anfang habe auf die Goalimpact-Voraussage übrigens erstaunlich reagiert: „Na, dann braucht es mich als Trainer ja nicht mehr, wenn die Spieler so gut sind.“ Armin Veh wird da ganz anderer Meinung sein.

VfL Wolfsburg gegen Holstein Kiel – ein Vergleich

Saison 2017/18

Etat: 100 Millionen Euro

Platzierung: Bundesliga, 16.

Erzielte Tore: 36

Kassierte Tore: 48

Heimtabelle: Platz 17 mit 17 Punkten

Auswärtstabelle: Platz 12 mit 16 Punkten

bester Torschütze: Daniel Didavi, 9

Saison 2017/18

Etat: 6 Millionen Euro

Platzierung: 2. Bundesliga, 3.

Erzielte Tore: 71

Kassierte Tore: 44

Heimtabelle: Platz 2 mit 31 Punkten

Auswärtstabelle: Platz 4 mit 25 Punkten

bester Torschütze: Marvin Ducksch, 18

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