Olympia Der Überflieger ist wieder Sieger: Snowboarder Shaun White gewinnt sein drittes Olympiagold in der Halfpipe

Nervenstärker, routinierter und mit bravem Kurzhaarschnitt ist der Snowboard-Superstar Shaun White auf dem olympischen Treppchen ganz oben. Nachdem er in Sotschi vor vier Jahren als Titelverteidiger leer ausging, zeigte er jetzt wieder eine spektakuläre Show, die keiner überbieten konnte

Welch eine Show! Shaun White hat es wieder geschafft. Zunächst bleibt er zurückhaltend. Er fasst sich an den Helm, schaut etwas ungläubig. Aber eigentlich weiß er: Das ist es. Mein dritter Olympiasieg bei meiner vierten Teilnahme. Nach diesem Traumlauf in der Halfpipe kann für den Snowboarder nichts mehr schiefgehen. Die Punktrichter sehen es kurze Zeit später genauso. 97,75 Punkte – das ist Gold. Da kann sich der Japaner Ayumu Hirano noch so sehr anstrengen, seine 95,25 Punkte reichen nicht. Wieder triumphiert White. Es ist ein mitreißender Wettkampf. Beste Werbung für den Snowboardsport.

Unten im Ziel fällt Shaun White seinem Team in die Arme. Er weint hemmungslos. Seine Mutter Cathy ist nach Südkorea gereist, ebenso seine Schwester Kari. Sie alle feiern zusammen einen außergewöhnlichen Triumph. Und White tut das mit allen Emotionen. Der Gang vor die Fernsehkameras wird zum Triumphzug. Jedem Reporter fällt er zunächst um den Hals, ehe er antwortet. Ein wunderbarer Tag sei das, einfach großartig. „Ich musste alles in den dritten Durchgang legen“, sagt er, „ich wusste, was ich zu tun hatte, ich musste es aber auch noch runterbringen.“

Im dritten Durchgang steht der 31-Jährige unter Zugzwang. Hirano hat vorgelegt, er ist an der Spitze. White startet als Letzter, der Druck ist enorm, nachdem er in seinem zweiten Versuch gestürzt war. Die Zuschauer brüllen, es sind sehr viele US-Amerikaner auf der Tribüne unter den 5000 Fans. Sie schwenken Flaggen, viele von ihnen haben eine Kopie von Whites Gesicht ausgedruckt und halten sie in die Höhe. Das Zeichen dahinter: Wir sind alle Shaun White. Die Stimmung ist prächtig. Deutlich besser als bei den Wettbewerben im Langlauf oder Biathlon, die zuletzt vor fast leeren Rängen stattfanden.

White bleibt cool, er lässt sich nicht beeindrucken. Dafür hat der 31-Jährige einfach schon zu viel erlebt. Zu Beginn dieser Saison einen schweren Sturz in Neuseeland, als er im Gesicht mit 62 Stichen genäht werden musste. All das aber ist in diesem Moment vergessen. White brilliert, White fliegt durch die Röhre, White steht jeden Sprung felsenfest. Und White zeigt sein ganzes Können. Er muss das auch, die Konkurrenz ist diesmal sehr stark. Also packt White alles aus, was seine Trickkiste zu bieten hat. Er erstaunt die Zuschauer mit zwei Sprüngen mit vierfacher Drehung. Immer wieder wabert ein „Oh“ über die Ränge. Es ist ein Ausdruck des Erstaunens. Ein Wort der Bewunderung. Für einen ganz Großen der Sportszene.

2014 in Sotschi hatte White eine Enttäuschung erlebt. Keine Medaille, das kannte er nicht. Er zieht sich zurück. Er beschäftigt sich intensiv mit der Musik und tritt als Gitarrist mit der Indie-Rockband „Bad Things“ auf. Deren ehemalige Schlagzeugerin Lena Zawaideh bezichtigt ihn 2016 der sexuellen Belästigung, es kommt zu einer außergerichtlichen Einigung. Im Zuge der #Metoo-Debatte kommt das Thema nun wieder auf.

Nach seiner Pause kehrt White in die Halfpipe zurück. Stärker als zuvor. Und in Südkorea liefert er. Zunächst in der Qualifikation, als ihm mit 98,50 Punkten ein Lauf nahe der Perfektion von 100 Zählern gelang. „Er hat mal wieder allen gezeigt, dass er noch da ist“, sagt Johannes Höpfl. Der deutsche Snowboarder kam über die Qualifikation nicht hinaus. Für ihn aber war schon die Teilnahme in Südkorea ein Erfolg.

Früher trug White eine rote, wallende Haarmähne. Flying Tomato, die fliegende Tomate, wurde er deshalb genannt. Heute trägt er einen Kurzhaarschnitt. Der sitzt auch nach den anstrengenden drei Läufen perfekt. Muss er auch, White hat noch viel vor. Erste Gespräche mit den Medien direkt an der Strecke, später im Pressekonferenzraum und am späten Nachmittag noch im Hauptpressezentrum. White hat viel zu erzählen. Aber noch keinesfalls sein Karriereende zu verkünden. Ganz im Gegenteil. 2020 in Tokio will er unbedingt als Skateboarder bei den Sommerspielen antreten. Zwei Jahre später in Peking noch einmal als Snowbarder. Und versuchen, wieder eine große Show abzuliefern.

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