Fußball-WM Auftakt unserer Serie vor der Fußball-WM: Torhüter Lew Jaschin und die Furcht vor dem schwarzen Panther

Erleben Sie in unserer täglichen Serie bis zum Start des Turniers einen abwechslungsreichen WM-Countdown: Am 14. Juni beginnt die spannende Fußball-WM in Russland mit Titelverteidiger Deutschland. Grund genug, an Torhüter Lew Jaschin zu erinnern, den größten russischen Spieler aller Zeiten.

25. Juli 1966. Schwarz-Weiß-Fernsehen. Deutschland spielt im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in England gegen die UdSSR. Mein Vater hatte gesagt, das werde eine schwierige Aufgabe und mir auch noch richtig Furcht gemacht. Aber welcher Knirps im Alter von zehneinhalb hat keine Angst vor einem „schwarzen Panther“?

So, oder wie ich dazulernen sollte, auch „schwarze Krake“ oder „schwarze Spinne“ nannte die Fußballwelt den sowjetischen Torhüter Lew Iwanowitsch Jaschin, der als der beste seines Fachs galt (und später, als er schon gar nicht mehr lebte, von der Fifa zum Welttorhüter des Jahrhunderts gekürt wurde). Der Kerl hat dann auch gleich zwei, drei Paraden hingelegt, doch Helmut Haller und Franz Beckenbauer ließen sich vom schwarzen Panther nicht beeindrucken und hämmerten ihm das Leder ins Gehäuse. 2:1 für Deutschland, aber den Namen Jaschin habe ich nicht mehr vergessen – und in der Folge alles gelesen, was es über ihn zu lesen gab.

Auch auf Plakaten ist der Torhüter präsent.

Zum Beispiel, dass er als Bub eigentlich Schachweltmeister werden wollte. Oder Eishockeytorhüter. Oder Eisschnellläufer, Hochspringer oder Boxer. Der junge Jaschin war offensichtlich ein Multitalent. Aber dann wurde er doch ein Fußballtorwart, dem bald die Welt zu Füßen lag – was damals als außergewöhnlich bewertet werden musste, weil die Welt eben in Ost und West geteilt und ziemlich undurchdringlich war. Jaschins guten Ruf aber konnten ideologische Grenzen nicht aufhalten, wenn die Sowjets mit ihrem überragenden Torwart im Ausland auftraten, war dem schwarzen Panther höchste Aufmerksamkeit gewiss.

Lew Iwanowitsch Jaschin hat für die Sowjetunion 78 Länderspiele absolviert und dabei nur 70 Tore kassiert, das ist eine phänomenale Marke angesichts der Tatsache, dass in den Sechziger-jahren wenig Wert auf Defensive gelegt wurde. Es heißt, Jaschin habe in 22 Jahren als Fußballer 150 Elfmeter gehalten. Und wenn heute immer wieder mal Torwächter wie etwa zuletzt der junge Julian Pollersbeck vom Hamburger SV als eine Art Libero sich weit vor dem eigenen Strafraum in Spieleröffnung übt, dann kann schon mal der Name Jaschin fallen, weil der Mann aus Moskau hierfür stilprägend und mithin der Zeit weit voraus war. Nur, dass man eben einen Pollersbeck lieber nicht mit Jaschin vergleichen sollte.

Uwe Seeler nannte Lew Jaschin 1966 „als Fußballer und Mensch herausragend“, Franz Beckenbauer bezeichnete den Moskauer Keeper anerkennend „einen Herrn vom Scheitel bis zur Sohle“. Ein Laster aber hatte auch der herausragende Herr, eines, das ihn am Ende das Leben kosten sollte. Jaschin war Kettenraucher, 1984 musste ihm ein Bein amputiert werden und 1989 auch das zweite. Wenig später, am 20. März 1990, ist er im Alter von nur 60 Jahren an Magenkrebs gestorben.

In den Tagen der Fußball-WM in Russland schmückt Lew Jaschin eines der offiziellen Plakate. Es zeigt ihn, wie er mit Krakenarm einen großen Lederball fängt.

Der WM-Countdown

In 30 Tagen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Die deutsche Nationalmannschaft beginnt ihre Mission Titelverteidigung am 23. Mai mit dem Start des WM-Trainingslagers in Eppan/Südtirol. Hierfür nominiert Bundestrainer Joachim Löw heute einen erweiterten Kader. Die SÜDKURIER-Sportredaktion liefert Ihnen bis zum WM-Anpfiff täglich einen Beitrag, in dem es um den russischen Sport, aber auch um vieles andere geht, das man mit dem Riesenreich im Osten in Verbindung bringt. Sozusagen von Jaschin bis Kurnikowa, aber auch von Rasputin über die Matrjoschka-Figuren bis hin zu den Metrostationen Moskaus. Die Redakteure Dirk Salzmann, Marco Scheinhof und Ralf Mittmann haben Geschichten zusammengetragen und – wo immer möglich – auch persönliche Erlebnisse einfließen lassen, Garniert haben wir die unterschiedlich langen Artikel mit spaßigen kleinen Autorenbildern. Ab sofort also: Dobryy den v rossii – Guten Tag in Russland! Und viel Spaß bei der Lektüre!

 

Der Autor dieses Textes, Ralf Mittmann, mit passender Kopfbedeckung:

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