Regionalsport Schwarzwald FC 08-Geschäftsführer Gaetano Cristilli: "Die Lage hätte eskalieren können"

Heimspiel des FC 08 Villingen besonders gesichert. Reutlinger Ultras für Gewaltausbrüche berüchtigt

Fußball: Hundertschaften der Polizei und gewaltbereite „Fans“ sind seit Jahren fester Bestandteil des deutschen Profifußballs. Dass aber auch Oberliga-Begegnungen mit dem Status „Sicherheitsspiel“ versehen werden, ist meist nur bei Partien des SSV Reutlingen der Fall. Das war auch beim Gastspiel des Ex-Zweitligisten am vergangenen Samstag im Villinger Friedengrund so. Die Folge: Das Prädikat "Sicherheitsspiel" bescherte den Nullachtern einen erhöhten Aufwand und erhebliche Mehrkosten.

Bleibt die Frage: Waren die besonderen Maßnahmen, die den Gastgebern auferlegt wurden, überhaupt notwendig? Das Sportliche stand an diesem Tag zur Erleichterung aller Verantwortlichen und der rund 700 Zuschauer im Mittelpunkt. Die Nullachter gewannen das Duell mit 2:1. Im Vorfeld hatten Verein, Verband und Polizei allerdings die Sorge, die Ereignisse vom Mai 2016 könnten sich wiederholen. Damals kam es beim Gastspiel der Reutlinger in Villingen zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen den Hardcore-Fans des SSV und dem Sicherheitspersonal im ebm-Papst-Stadion. Diesmal waren die Verantwortlichen gut vorbereitet. „Schon mehrere Wochen vor dem Spiel begannen die Vorbereitungen“, erklärt Thomas Barth, Revierchef der Villinger Polizei und Einsatzleiter am Samstag. „Wir haben aus den Vorfällen des letzten Jahres gelernt.“ So wurden die Gäste links auf der Gegentribüne untergebracht, während der Villinger Fanclub „Bregada Foresta Negra“ auf die gegenüberliegende Seite umplatziert wurde. Ihren Unmut über diesen Entschluss quittierten die Schwarzwälder mit dem Banner „Blockverbot = Stimmungstod“.

Daneben stellte ein kalendarischer Zufall die Beamten vor eine große Herausforderung. Da am Wochenende in der Länderspielpause die europäischen Profiligen ruhten, verstärkten sich die Reutlinger Schlachtenbummler mit Ultras befreundeter Fan-Szenen. So kamen schätzungsweise 30 Anhänger vom FC St. Gallen aus der Schweiz sowie einige Fanatiker des VfB Stuttgart zur Unterstützung in den Schwarzwald. „Bis Donnerstag war die Lage noch entspannt. Dann erfuhr ich von der geplanten Reise der Schweizer Fans“, berichtet Gaetano Cristilli, Geschäftsführer des FC 08 Villingen. Aus den prognostizierten 40 bis 50 Reutlinger Anhängern wurden über 70. Die Statuten des Verbands verlangen in diesem Fall zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen. „Ich musste in kürzester Zeit weitere Zäune zur Abtrennung der Gäste von den Villinger Fans auftreiben. Dank befreundeter Firmen und guter Kontakte ist uns das sehr schnell gelungen“, sagt Cristilli. Rund 40 Beamte des vom FC 08 Villingen engagierten Sicherheitsdienstes im Stadion sowie 80 Polizeibeamte begleiteten die Veranstaltung und überwachten die An- und Abreise der Reutlinger Problemfans. Zudem waren Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten im Einsatz. Für die Spezialkräfte gehört die Sicherung eines Fußballspiels zum Tagesgeschäft.

Ebenfalls Normalität ist die erhöhte Polizeipräsenz für die Ultras des SSV Reutlingen. Mittlerweile findet fast jedes Spiel der Nullfünfer unter besonderen Vorkehrungen statt. Die „Szene E“ ist in der Oberliga berüchtigt. Zum einen dient die aktive Fanszene des Traditionsvereins, der bis 2003 in der Zweiten Bundesliga spielte, als Magnet für Spieler, die vor allem der Fans wegen an die Kreuzeiche wechseln. Auf der anderen Seite sind die Ultras häufig in den Negativschlagzeilen. „Wenn es knallt, knallt es halt. Das kommt beim Fußball vor. Wenn wir angegriffen werden, will ich niemanden sehen, der wegrennt“, beschreibt "Capo" Fabian Maier in einem 11Freunde-Bericht die gewaltbereite Einstellung der Szene E. Tatsächlich sind die Württemberger regelmäßig in Schlägereien verstrickt, sei es mit Beamten oder gegnerischen Fans.

Die größten Rivalität herrscht bei den Reutlinger Fans zum SSV Ulm und zum Karlsruher SC. Beim DFB-Pokalspiel im August 2015 hatten über 1200 Sicherheitskräfte rund um das Stadion an der Kreuzeiche alle Hände voll zu tun, um das Hochrisikospiel zwischen dem SSV und KSC zu sichern. Doch war dieser Sonderstatus auch am vergangenen Samstag notwenig? Einsatzleiter Thomas Barth von der Polizei Villingen bezieht klar Stellung. „In der Nachbetrachtung war es nicht verkehrt, derart stark aufgestellt gewesen zu sein. Es war durch die Fans aus St. Gallen Gewaltpotenzial da. Durch unsere hohe Präsenz hatten wir immer volle Handlungssicherheit.“ Auch Gaetano Cristilli vom FC 08 Villingen betont die Notwendigkeit der Ordnungshüter rund um das Spiel. „Die Lage hätte schnell eskalieren können. Die Vielzahl an Ordnern und Polizisten hat sich im Nachhinein als richtig und wichtig erwiesen.“ Rund 3000 Euro kostet die Nullachter der erhöhte Sicherheitsaufwand.

Am Ende des Tages verzeichnete die Villinger Polizei nur die Festnahme eines eidgenössischen Pöblers, der einen Beamten beleidigte und nach Hinterlegung einer Geldsumme wieder auf freien Fuß kam. Die einzige Anfeindung gegenüber den Villingern war der Reutlinger Sprechchor: „Scheiß Badenser, Scheiß Badenser, hey, hey.“ Stattdessen besannen sich die Fans auf den eigentlichen Zweck einer Kurve, nämlich ihre Mannschaft lautstark zu unterstützen. Das Sportliche stand an diesem Tag zur Erleichterung aller im Mittelpunkt. Und damit die Freude am 2:1-Erfolg des FC 08 Villingen.

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