Journalistinnen und Journalisten in Deutschland erleben seit Jahren mit, wie sich das gesellschaftliche Klima verändert und damit auch der Blick auf die Arbeit von Medien: Zunehmend sieht sich der Berufsstand Angriffen ausgesetzt – verbaler oder auch tätlicher Natur. Diese Entwicklung hat ich 2021 im Ranking zur Pressefreiheit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ niedergeschlagen. Deutschland wird hier nur mehr auf Platz 13 gelistet, die Lage im Land wird nicht mehr als gut, sondern als zufriedenstellend eingestuft. „Ein deutliches Alarmsignal“, nennt Michael Rediske, Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen, dies.

Wie erleben eine Journalistin und ein Journalist des SÜDKURIER diese Veränderungen? Und wie gehen sie damit um? Zwei Schlaglichter:

SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel: „Seit Corona hat sich ein Klimawandel vollzogen“

Alexander Michel
Alexander Michel | Bild: Tesche, Sabine

Journalisten müssen sich Kritik von außen gefallen lassen. Nach 25 Jahren im Beruf sehe ich auf eine lange Historie von Kontakten mit Lesern zurück, die mit meiner Einschätzung politischer Themen, Entscheidungen und Entwicklungen nicht übereinstimmten und am Telefon oder schriftlich eine andere Meinung vertraten. Der von manchen dabei angeschlagene Ton war rau, teilweise ungehobelt oder höhnisch. Das aber waren Ausnahmen.

Seit Corona hat sich ein Klimawandel vollzogen, der im Zuge der Impfkampagne an Fahrt aufgenommen hat. Wer sich hinter die Linie von Politik und Wissenschaft stellt und in seinen Beiträgen als Verfechter der Impfkampagne auftritt, sollte sich als Redakteur ein dickes Fell zulegen. Emotion, Aggression und Dialogverweigerung brechen sich Bahn.

Ein anonymer Briefschreiber glaubt im Verfasser einen „Gehirnamputierten“ zu erkennen, Wut-Mailer greifen ohne Anrede direkt zur Axt und holzt drauf los. Die Frage lautet weniger, ob man sich auf die Vorwürfe in der Sache einlassen soll, sondern ob man seine Zeit an eine freundliche Antwort verschwendet. Entscheidet man sich dafür, erlebt man in Einzelfällen einen Sinneswandel zumindest darin, dass der Verfasser den Ton seiner Ansprache überdenkt oder sich überrascht zeigt, dass er eine Reaktion erhalten hat.

Wenn man sich nicht in den Gedankenstrudel von Corona-Leugnern oder Impfskeptikern hineinziehen lassen möchte, heißt es Grenzen setzen, wenn es etwa auf ein E-Mail-Duell hinausläuft. Daher sollte eine einzige Antwort genügen, dann maximal noch die Bitte um Verständnis, dass in der Redaktion die Tagesarbeit geleistet werden muss.

Ein wenig von dieser Überlebens-Linie abgewichen bin ich bei einer tief gläubigen und (kinder)impfskeptischen Dame, deren Ton freundlich und deren fromme Besorgnis von Gottes Geboten abgeleitet war. Anderntags erreichte mich aus ihrer Hand ein Briefkuvert mit dem Aufruf für einen „Rosenkranz-Kreuzzug“, einem Heftchen mit dem Coverfoto eines blutenden Dornenkranz-Jesus (“Gottvertrauen statt Corona-Angst“) und einem kuriosen Falschinformations-Flyer, das sich der Warnung vor mRNA-Impfstoff und „Bill-Gates-Pandemie“ verschrieben hat.

Vielleicht entsorge ich das Ganze nicht im Altpapier, sondern hebe es auf: Für Historiker, die eines Tages die Mentalitätsgeschichte dieser Pandemie aufschreiben wollen. Sie sind für Quellenmaterial vermutlich dankbar.

SÜDKURIER-Redakteurin Mirjam Moll: „Neu ist die Aggressivität“

Mirjam Moll hat beim Mannheimer Morgen volontiert. Nach Europäischen Studien mit modernen Sprachen und Internationalen Beziehungen in ...
Mirjam Moll hat beim Mannheimer Morgen volontiert. Nach Europäischen Studien mit modernen Sprachen und Internationalen Beziehungen in England, Frankreich und den Niederlanden lag der Wechsel nach Brüssel als Korrespondentin praktisch auf der Hand. Ursprünglich aus der Ortenau, lockte dann aber doch die Heimat: Seit Mai 2018 ist sie Politikredakteurin beim SÜDKURIER. | Bild: privat

„Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“ Es ist eine Zuschrift, die mich erreicht. Eine von vielen. Und keine, die besonders harsch ist im Vergleich zu den Leserbriefen, die mir in den vergangenen Monaten zunehmend häufiger per E-Mail gesendet wurden. Manche davon lösche ich sofort, weil sie zutiefst beleidigend sind. Die Inhalte bleiben trotzdem hängen. Wieso man die Praktikantin einen Artikel habe schreiben lassen, etwa. Oder dass man mir wünsche, ich läge selbst auf der Intensivstation, weil ich mich für Impfungen ausspreche und diese ja krank machten. Dass man ja schon mit Dummheit geschlagen sein müsste, wenn man schreibt, was ich schreibe.

Es geht hier nicht darum, die schwere Bürde des Journalismus aufzuzeigen. Denn ich habe mich bewusst für diesen Beruf entschieden. Ich will Dinge kritisch hinterfragen, informieren, aufklären. Dass es immer alternative Narrative gibt zur Realität, zu Fakten, also geprüften und prüfbaren Informationen, ist nichts Neues. Neu aber ist die Aggressivität und das Niveau der Zuschriften. Es sind oft Anschuldigungen, Hasstiraden, Wutausbrüche.

Es hat sich etwas verändert in der Art, wie Leser und Journalisten miteinander kommunizieren. Und etwas ganz Grundsätzliches, das lange als Selbstverständlichkeit betrachtet wurde, wird nun in Frage gestellt: Berichtet die Presse die Wahrheit? Als Sprachrohr der Corona-Diktatur, als Staatsapparat und Propagandisten, als Lügenpresse werden Journalisten diffamiert. DIE Medien werden über einen Kamm geschert, es wird nicht mehr differenziert. Was auf Facebook und Telegram ungeprüft und ungefiltert veröffentlicht wird, findet Zuhörer und Verbreitung.

Darin liegt eine Gefahr für unsere Demokratie. Weil Algorithmen die Extreme pushen, Wut und Aggression höhere Wellen schlägt und mehr Clicks bringen und damit mehr Profit für die Unternehmen, die hinter den Sozialen Plattformen stehen.

Die Digitalisierung hat vieles verändert und auch für den Journalismus viele neue Möglichkeiten geschaffen – aber eben auch eine neue Konkurrenz, die wir als solche lange nicht wahrgenommen haben. Damit müssen wir umgehen lernen – mit Lesern, die diese Plattformen für die Suche nach Informationen nutzen, ins Gespräch kommen, Argumente prüfen und im Zweifel widerlegen. Doch solche Dialoge zu führen, ist nicht immer möglich. Nicht immer sind diese Menschen bereit, zuzuhören.

Wie also geht man mit solchen Zuschriften um? Wir in der Redaktion reden darüber. Und wir haben eine klare Linie. Dort, wo es beleidigend wird, entziehe ich mich – der Leser bekommt keine Antwort. Das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht bereit bin, zu diskutieren. Aber nicht auf einem solchen Niveau. Nicht, wenn mich jemand zu beleidigen versucht aufgrund meines Geschlechts, meines Alters, mein Äußeres. Nicht, wenn herablassende Bemerkungen begründete Kritik ersetzen sollen.

Die Debattenkultur hat sich verändert in diesem Land. Doch wir haben es in der Hand, wie wir darauf reagieren. Ein sehr geschätzter Kollege sagte mir einmal: Wenn sie unfreundlich zu dir sind, schreibe ihnen umso freundlicher zurück. Das ist der Weg, den ich beschreiten will. Denn es ist möglich, miteinander zu diskutieren, unterschiedliche Meinungen zu vertreten. Das ist Demokratie.