Im Herbst 2021 kamen im SÜDKURIER vier Menschen zu Wort, die die Corona-Impfung skeptisch sehen und sich erst nach langer Zeit oder gar nicht impfen ließen. Selten war das Echo unserer Leserinnen und Leser so groß wie auf diese Berichterstattung.

Einige Leser haben erbost ihr Abonnement gekündigt, andere der Redaktion Verantwortungslosigkeit vorgeworfen, manches Schreiben war in rüdem Ton verfasst. Diese Reaktionen bestürzen uns. Andere Zuschriften haben anerkannt, dass sich die Redaktion auch mit Meinungen auseinandersetzt, die nicht mehrheitsfähig sind. Das freut uns.

Unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen

Der SÜDKURIER hat den Anspruch, einen möglichst großen Teil der Wirklichkeit und der Gesellschaft abzubilden. Dazu gehört es, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen. Die Pro-Argumente fürs Impfen haben wir im SÜDKURIER vielfach dargelegt – in Berichten, in Interviews mit Ärzten und Wissenschaftlern und zahlreichen Meinungsbeiträgen.

Auch, was es bedeutet, schwer an Corona zu erkranken, und wie sehr die Kliniken in der Pandemie belastet sind, ist regelmäßiger Teil unserer Berichterstattung. Das lässt sich mit einem Blick ins Archiv belastbar überprüfen.

Beitrag in aufgeheizter Debatte

Ein immer noch großer Teil der Bevölkerung ist dennoch gegen die Impfung. Warum ist das so? Welche Motive haben die Ungeimpften? In unserer Redaktion haben sich immer wieder Menschen gemeldet, die dem Impfen kritisch gegenüberstehen. Auch dies ist Teil unserer Wirklichkeit und Gesellschaft. Die meisten wollten damit nicht in die Öffentlichkeit, weil sie Anfeindungen befürchten.

Der SÜDKURIER hat dennoch vier Personen gefunden, die mit Bild und Namen Rede und Antwort stehen, weil es ihnen ein Anliegen ist, dass in der Debatte um Maßnahmen-Verschärfungen und Impfpflicht auch ihre Gründe gehört werden. Diese darzustellen, halten wir für einen wichtigen Beitrag in einer aufgeheizten Debatte, in der der Ton gegenüber den Ungeimpften zunehmend aggressiver wird und in der das gegenseitige Verständnis und der Austausch fehlen.

Demokratie braucht Debatte

Unsere Gesellschaft verlernt, zu debattieren, sich Meinungen anzuhören und diese auch auszuhalten. Das aber gehört zum Wesen einer demokratischen Gesellschaft. Nur wenn wir die Beweggründe der Menschen kennen, können wir auf diese eingehen. Mit den Beweggründen der Ungeimpften haben wir nicht die kruden Argumente von Verschwörungstheoretikern abgebildet, sondern reale Ängste und Haltungen.

Wozu es führt, wenn man nur noch die Bestätigung für seine eigene Auffassung sucht und keine anderen Ansichten zulässt, können wir in sozialen Netzwerken beobachten. Ernst gemeinter Journalismus bildet auch Argumente Andersdenkender ab. Wir werden das unseren Leserinnen und Lesern auch künftig zumuten.

Angelika Wohlfrom ist Autorin der diskutierten Texte, Stefan Lutz Chefredakteur des SÜDKURIER