Frau Zuercher, Sie sprechen die drei großen Landessprachen der Schweiz. In welcher träumen Sie?

Französisch. Sicher nicht auf Deutsch, vielleicht Italienisch, aber eher nicht. Meine Mutter hat mit uns nur Französisch und mein Vater nur français fédéral (Bundesfranzösisch, Anmerkung der Redaktion) gesprochen – leider nie in den anderen Sprachen, die sie beherrschten. Die Kinderärzte warnten in den 80er-Jahren noch, dass man die Gehirne der Kinder nicht mit Fremdsprachen überfordern sollte. Dabei war es nachher viel mehr Arbeit und schwieriger, die weiteren Sprachen zu erlernen.

Wann war das?

Italienisch habe ich mit zwölf oder 13 zu lernen begonnen, Deutsch schon früher, weil es in der Schule die erste Fremdsprache war. Ich war darin aber ziemlich schlecht. Erst seitdem ich in Bern Klavier studiert habe, wo die Hauptsprache Deutsch war, beherrsche ich es einigermaßen. Wenn man in Biel aufgewachsen ist, gehört es ja eigentlich dazu, dass man bilingue ist.

Haben Sie die Heimatstadt Ihres Vaters erst durch Ihr Studium an der Hochschule der Künste richtig kennengelernt?

Ja, in meiner Kindheit haben wir die Großeltern in Breitfeld schon besucht, waren aber meistens bei ihnen zu Hause oder meine Großmutter ging mit mir in einen Tea Room. Dort hat sie eine Forêt Noir (Schwarzwälder Kirschtorte, Anmerkung der Redaktion) gegessen und ich einen Nussgipfel. Seither habe ich ein Faible für Tea Rooms! (lacht)

Weshalb haben Sie nicht gleich eine Schauspielschule besucht?

Ich habe von meiner italienischen Großmutter ein gewisses musikalisches Talent geerbt. Nonna Mimi lebte vor dem Zweiten Weltkrieg in Mailand. Sie war Pianistin, gab Konzerte, bildete an der Scala Sänger aus und arbeitete als Geräuschemacherin fürs Radio, bevor sie mit meinem Großvater nach Zürich und später nach Lugano zog. Da ihre Kinder keine Musik machten, hatte ich irgendwie das Gefühl, jemand müsste doch ihr Erbe weitertragen.

Trotzdem haben Sie sich umbesonnen.

In einem Orchester hat das Klavier keinen Platz und als Solistin war ich nicht begabt genug. Ich hätte höchstens Kammermusik machen und unterrichten können. Mit 22 Jahren war ich auch schon Musiklehrerin und liebte es, mit Kindern zu arbeiten, aber es kostete mich so viel Energie, dass nicht mehr genug für mich selbst übrigblieb. Ich befürchtete, dass ich mich – falls das so weitergeht – in 15 Jahren leer und traurig fühlen würde.

Zudem bekamen Sie einen Wink des Schicksals …

Ja, ich war als Musikerin zweite Assistentin in einer Opernproduktion des Ensemble-Theaters Biel-Solothurn, als mich der Regisseur fragte, ob ich mich nicht bei einem Casting für eine kleine Theaterrolle bewerben wolle. Mein Deutsch war zwar noch schlimmer als heute, aber dank einem Freund, der mich gecoacht hat, habe ich sie trotzdem bekommen. Darauf beschloss ich, noch auf eine Schauspielschule zu gehen.

Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler, links) und ihre Kollegin Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher).
Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler, links) und ihre Kollegin Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher). | Bild: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek

Sie haben in einem früheren Interview gesagt, dass Sie viele Sprachen sprechen, aber keine richtig. Ist das für eine Schauspielerin nicht besonders schwierig?

Mein Mann ist Italiener. Wir reden zu Hause ein bisschen Italienisch, Englisch und Französisch. Das ist für mich kein Problem, weil ich dann zwischen den Sprachen hin und her wechseln kann, wenn mir ein Wort nicht einfällt. Wenn ich bei meiner Arbeit als Schauspielerin auf eine Sprache fixiert bin, bevorzuge ich Italienisch oder Deutsch, weil ich mich dort freier fühle.

Obwohl Französisch Ihre Muttersprache ist?

Das hat damit zu tun, dass ich sehr perfektionistisch bin und manchmal frustriert, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge. So musste ich lernen, mich als Amateurin zu verstehen. Und zwar im positiven Sinn: Ich liebe, was ich mache, und mache es, so gut ich kann.

Gibt es bei den Tatort-Dreharbeiten lustige Missverständnisse?

Am Anfang habe ich zu meiner Partnerin immer gesagt: „Carol, ich bin so verpisst!“ Als ich es dann zur Fahrerin sagte, die uns zu den Sets chauffiert hat, fragte sie: „Was? Anna, das sagt man nicht! Es heißt, ich bin so angepisst.“ (lacht laut) Da hatte ich nun schon seit Wochen verpisst gesagt und Carol, die sich über meine Fehler amüsiert, hatte mich nie korrigiert!

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Stört es Sie nicht, dass die Beziehung zwischen den beiden Kantonspolizistinnen immer noch sehr klischeehaft überzeichnet ist? Oder sind Sie nicht frei genug, um das zu ändern?

Wir haben viele Diskussionen, aber der Tatort ist eine große Maschine, in der viele Leute mitentscheiden. Ich bin Ihrer Meinung, aber es geht voran, wenn auch langsam.

Die ersten Folgen wurden sehr kontrovers beurteilt. Wie nervös sind Sie deswegen vor der Ausstrahlung der dritten Folge?

Och ja. (stöhnt) Ich wollte eigentlich sagen, ich sei nicht nervös, aber ich bin sicher, dass ich es trotzdem sein werde. Es ist manchmal nicht einfach, die Kritiken zu lesen. Diese Serie gehört dem Publikum und ist so umstritten wie keine andere, die ich kenne.

Meine Schwester, die in München lebt und vor mir wusste, was es bedeutet, eine Tatort-Hauptrolle zu bekommen, hat mir gesagt: „Die Leute schauen ihn am Sonntag und am Montag reden sie über ihn. Hat er dir gefallen? Nein, ich habe ihn gehasst!“

Ich finde das eigentlich sehr schön, von der Energie her. Und es ist magisch, dass der Tatort schon so lange zu ihrem Leben gehört. So ist es für mich auch okay, wenn sie sagen: „Dieser Fall war schrecklich.“ So lange es nicht unser Spiel betrifft. Sonst würde ich mir sagen: „Anna, du musst besser werden!“

Erkennt man Sie schon, wenn Sie in Zürich unterwegs sind, und spricht Sie an?

In der Schweiz sagen die Leute nicht viel. Sie sind sehr diskret. In Deutschland getrauen sie sich viel mehr. Und die Leute, die es in Zürich tun, sind oft Deutsche. Wegen Corona war es jetzt ein wenig anders. Wenn ich mit Carol unterwegs war, haben uns die Leute sofort erkannt. Sogar mit Maske! (lacht)