Bürokratische Entscheidungen können manchmal ziemlich handfeste Probleme nach sich ziehen. Deana Mohr kennt sich damit aus. Die Forscherin an der Universität Zürich (UZH) züchtet im Labor spezielle Muskelzellen. In naher Zukunft sollen es derartige, in den Körper transplantierte, Helferlein Inkontinenzpatienten ermöglichen, wieder „trocken“ zu werden, wie Forscherin Mohr es ausdrückt. Sie steht in einem Seminarraum der UZH und ihre Stimmung könnte besser sein.

Deutsch-Schweizer-Forschungsprojekte auf der Kippe

Denn seit die EU im vergangenen Jahr die Forschungszusammenarbeit mit der Schweiz de facto beendet hat, fürchtet Mohr um die Früchte ihrer jahrelangen Arbeit – und 200 Millionen Menschen weltweit, die unter sogenannter Belastungsinkontinenz leiden, gleich mit ihr. Ob eine Zelltherapie nun im Alleingang rechtzeitig auf den Markt gebracht werden könne, sei ungewiss, sagt sie.

Nur einen Steinwurf entfernt, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH), geht es Yves Zimmermann ähnlich. Der Endzwanziger ist Teil eines Ingenieur-Teams, das ein Exoskelett entwickelt hat. Wenn es marktreif ist, soll es Schlaganfallpatienten oder Behinderten helfen, ihr Leben zu meistern. Fein justierte Motoren in dem Metall-Skelett verstärken dabei die minimalen Muskelbewegungen der Patienten und machen einen geregelten Alltag so erst wieder möglich.

Die Schweiz war ihm schon immer wichtig. Insgesamt zehn Mal hat Winfried Kretschmann in seiner Amtszeit seit 2011 das Nachbarland ...
Die Schweiz war ihm schon immer wichtig. Insgesamt zehn Mal hat Winfried Kretschmann in seiner Amtszeit seit 2011 das Nachbarland besucht, hier im Jahr 2014. | Bild: Patrick Seeger

Überall in der Schweiz stehen Forscher vor ähnlichen Problemen. Hunderte Forschungsvorhaben, die sie bislang im Schulterschluss mit Partnern aus der EU verwirklicht haben, sind auf der Kippe. Davon besonders betroffen ist Baden-Württemberg, das die wohl engsten Forschungsbeziehungen zur Schweiz überhaupt pflegt. Allein 118 Hochschulkooperationen gibt es zwischen der Eidgenossenschaft und dem Südwesten.

Zwischen 2014 und 2020 wurden in gut 700 gemeinsamen Projekten neue Werkstoffe ausgetüftelt, an leistungsfähigen Solarzellen oder künstlicher Intelligenz geforscht oder neue Medikamente entwickelt. Die Grundlage war das weltweit größte Forschungsprogramm namens Horizon, über das die EU jedes Jahr Milliarden Euro in Zukunftsprojekte pumpt. Das Nicht-EU-Land Schweiz galt bislang als „assoziiertes Mitglied“ und war den übrigen EU-Ländern gleichgestellt. Im Forschungsbereich existierte die EU-Außengrenze zur Schweiz somit nicht.

Ernst Stocker, Regierungsrat in Zürich (links), beim gemeinsamen Auftritt Ende April 2022 mit Südwest-Regierungschef Winfried ...
Ernst Stocker, Regierungsrat in Zürich (links), beim gemeinsamen Auftritt Ende April 2022 mit Südwest-Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) in Zürich. | Bild: Philipp von Ditfurth, dpa

Damit ist seit vergangenem Mai Schluss. Damals erklärte die Schweiz den Abbruch der Verhandlungen zu einem umfassenden Assoziierungsabkommen mit Europa, und seither zieht Brüssel die Daumenschrauben an. Beim neuen, 95 Milliarden Euro schweren, EU-Forschungsprogramm Horizon-Europe gilt die Alpenrepublik nur noch „als Drittstaat“. Grenzüberschreitende Projekte werden damit massiv erschwert, solche unter Schweizer Führung sind unmöglich geworden.

Warum ist die Türkei bei Forschung assoziiert, die Schweiz aber nicht?

Ende vergangener Woche ist Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit drei Ministern und Ministerinnen aus seinem Kabinett in die Schweiz gereist, um zu retten was zu retten ist. Es ist sein zehnter Besuch im Nachbarland, und vielleicht einer der wichtigsten. Bei der Forschung stehe „der Südwesten im Wettbewerb mit dem kalifornischen Silicon Valley und China“, sagt der Grüne bei seinem Besuch.

Nur durch enge Kooperation könne man dagegenhalten. „Wir müssen jetzt alle aufwachen“, mahnt Kretschmann. Die Schweiz mit ihren renommierten Forschungseinrichtungen sei für ein Land wie Baden-Württemberg „von überragender Bedeutung“. Und Südwest-Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) sagt: „Wir finden, die Schweiz gehört bei Horizon einfach dazu.“

Theresia Bauer (Bündnis 90/ Die Grünen), baden-württembergische Kunstministerin: Auch sie erkennt in einer tieferen ...
Theresia Bauer (Bündnis 90/ Die Grünen), baden-württembergische Kunstministerin: Auch sie erkennt in einer tieferen Forschungszusammenarbeit zwischen Deutschland und der Schweiz nur Vorteile. | Bild: Uli Deck, dpa

Dass sich der Grüne aus Deutschland so für die gegenseitigen Beziehungen einsetzt, und sei es aus wohlverstandenem Eigeninteresse, kommt in der Schweiz gut an. Joël François Mesot etwa, Präsident der ETH in Zürich, bezeichnet die aktuelle Eiszeit zwischen Brüssel und Bern als „Riesenproblem“ und führt nur ein Beispiel an.

In Quantentechnologie, die die Digitalisierung der kommenden Jahrzehnte bestimmen wird, seien sowohl die ETH, aber auch die Deutschen weltweit führend, oft in Kooperation. „Und das wird jetzt alles entkoppelt“, fügt er konsterniert hinzu. Die Politik nehme die Wissenschaft als Geisel. Das nütze niemandem und schade allen.

Deutsche Kritik an Politik aus Bern

Kretschmann sieht das genauso. Als er am zweiten Tag der Reise in Basel zu Gast ist, dem Kraftzentrum des Schweizer Exports und der Pharmaindustrie, kündigt er an, sich im Sommer bei EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen persönlich dafür einzusetzen, die Schweiz in Forschungsangelegenheiten anderen EU-Ländern gleichzustellen. „Wie soll ich es denn bitte erklären, dass die Türkei voll assoziiertes Mitglied ist und die Schweiz nicht?“, fragt er. Brüssel müsse sich bewegen – Bern aber auch.

Südwest-Verkehrsminister Winfried Hermann (rechts) kennt die Schweiz gut. Der Streit um den Flughafen Zürich und Verzögerungen bei der ...
Südwest-Verkehrsminister Winfried Hermann (rechts) kennt die Schweiz gut. Der Streit um den Flughafen Zürich und Verzögerungen bei der Gäubahn von Singen nach Stuttgart fallen in sein Aufgabengebiet. Hier steht er vor einem Rad-Schnellweg aus Holz, den ein Schweizer Unternehmer in Basel vermarkten will. | Bild: Staatsministerium Baden-Wuerttemberg

Da blitzt auch etwas Kritik an den Eidgenossen und deren bisweilen europakritischem Kurs durch. Am Ende sei die Sache aber klar: Die Frage, ob man auf dem Kontinent wirtschaftlich erfolgreich sei, hänge „in hohem Maß von der Forschung ab.“