Eierleset, Pfingstsprützlig, Schwingen, Brunnensingen – im Fricktal auf der gegenüberliegenden Rheinseite im schweizerischen Kanton Aargau werden noch Bräuche und traditionelle Sportarten gelebt, die am Hochrhein wenig bekannt sind. Eine kleine Übersicht gibt Einblick.

Eierleset nach Ostern

Der Eierleset, je nach Dorf heißt es auch Eierläset oder Eierlesen, stand früher mit Ostern in Zusammenhang, wird heute jedoch häufig in der Zeit danach veranstaltet. Es handelt sich um einen alten Frühlings- und Fruchtbarkeitsbrauch zum Vertreiben des Winters. Gepflegt wird er in der Regel von Turnvereinen in einigen Gemeinden der Kantone Aargau, Solothurn und Basel-Landschaft, im Fricktal unter anderem in Effingen, Wölflinswil, Oberhof und Wegenstetten.

Buntes Treiben: Am Eierleset in Effingen am Bözberg vertreiben eigenartige Masken den müden Winter. Bilder: Peter Schütz
Buntes Treiben: Am Eierleset in Effingen am Bözberg vertreiben eigenartige Masken den müden Winter. Bilder: Peter Schütz | Bild: Peter Schütz

So funktioniert es: Auf der Hauptstraße werden zwei Bahnen mit je 80 bis 100 Sägemehlhaufen ausgelegt. In jeden Haufen wird ein Ei gebettet. Zwei Gruppen stehen sich gegenüber, von denen eine den Winter, die andere den Frühling repräsentiert. Jede Gruppe wiederum besteht aus mehreren Läufern und einem oder zwei Fängern.

Der Wettlauf zwischen Frühling und Winter beginnt. Die Akteure: eine Braut, die mit einem bunten Frühlingsstrauß auf einen mit Stroh ausgestopften Unhold einschlägt; ein grüner Naturgeist, der ihn zu Fall gebracht hat; ein anderer, mit hunderten von Schneckenhäusern gezierter Bösewicht, der mit getrockneten Schweinsblasen um sich schlägt; eine weitere Gestalt in hölzerner Lockenpracht; schließlich eine alte Frau, die mit einer Pfanne rohe Eier zerhaut; und Maskierte, die laut schreiend über die Dorfstraße rennen.

Schönes Chaos: Am Eierleset in Effingen am Bözberg stürzen sich Winter- und Frühlingsfiguren aufeinander.
Schönes Chaos: Am Eierleset in Effingen am Bözberg stürzen sich Winter- und Frühlingsfiguren aufeinander. | Bild: Peter Schütz

Im Mittelpunkt dieses Durcheinanders steht das Ei, Symbol der Fruchtbarkeit. Das Eierleset stellt das Erwachen der Natur und den Sieg des Frühlings über den müden Winter dar. Wem das alles nicht genügt, darf sich nachher noch die Eierpredig anhören – eine Art Schnitzelbank, die vom Eierpfarrer von einer Kanzel herab verkündet wird. Effingen am Bözberg zwischen Frick und Brugg gilt als Ortschaft mit der spektakulärsten Eierleset.

Pfingstsprützlig an Pfingsten

Nicht weit von Effingen entfernt wird an Pfingsten (5. Juni 2022) in Mittelsulz, Obersulz, Bütz (Gemeinde Laufenburg-Sulz) sowie in Gansingen im Mettauertal das Pfingstsprützlig veranstaltet – auch dies ein alter Brauch, deren Hauptdarsteller seltsame, in Buchenlaub gekleidete, über zwei Meter hohe Gestalten sind, die Pfingstsprützlige eben, die wie wandelnde Büsche aussehen. Begleitet und gehalten wurden sie von jeweils zwei jungen Männern. Die sind nötig, weil das Gehen in den Laubkleidern alles andere als einfach ist. Gegen 20 Kilo schwer können diese sein, bei Regen werden sie noch schwerer.

Die drei Pfingstsprüzlige mit Begleitung aus Obersulz, Mittelsulz und Bütz.
Die drei Pfingstsprüzlige mit Begleitung aus Obersulz, Mittelsulz und Bütz. | Bild: Peter Schütz

Die Pfingstsprützlige ziehen von Brunnen zu Brunnen in den Dörfern, wo ihre Begleiter, auch Schüttler genannt, das Wasser mit Stangen oder Kellen aufwirbeln und verspritzen – eine nasse Angelegenheit, vor allem für die Schüttler, da sie in die Brunnen hineinsteigen. Der Brauch soll eine gute Ernte bringen und die Fruchtbarkeit der Frauen fördern. René Weiss, der in jungen Jahren selber als Pfingstsprützlig unterwegs war, bringt es so auf den Punkt: „Dass es für die Menschen gut kommt in diesem Jahr und dass alles gut gedeiht.“

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Der Aufbau der Bekleidungen nimmt viel Zeit in Anspruch, wobei die jungen Männer „Gstältli“ (Grundtrageinheiten) vom Militär tragen, was die Sache erleichterte. „Wenn man gut eingepackt ist, wird man nicht nass“, berichtet ein ehemaliger Pfingstsprützlig. Woher der Brauch kommt, ist ungewiss. Möglicherweise handelt es sich um ein vorchristliches Ritual, das im 19. Jahrhundert aufgegriffen wurde, dann aber verschwand.

Am Pfingstsprützlig in Sulz darf niemand wasserscheu sein.
Am Pfingstsprützlig in Sulz darf niemand wasserscheu sein. | Bild: Peter Schütz

Jeffrey Rüede spricht von einem „alten Fruchtbarkeitsbrauch“, der früher unter dem Namen „Pfingsthutte“ im ganzen Fricktal bekannt war, seinen eigentlichen Ursprung aber in vorchristlicher Zeit hat. Ein gut arbeitender Pfingstsprützlig soll einen trockenen Sommer vermeiden und gute Ernte verheißen. In den 1970er-Jahren ließen junge Sulzer den Brauch wieder aufleben. 1991 erlangte er am Festumzug in Brunnen zum 700. Geburtstag der Schweizerischen Eidgenossenschaft nationale Bekanntheit.

Schwingen

Ortswechsel: In Wittnau am nordwestlichen Zipfel des Fricktals nahe der Grenze zum Kanton Baselland lebt David Schmid (31), von Beruf Landwirt. 2018 und 2019 gewann Schmid das Nordwestschweizerische Schwingfest, 2019 vor heimischem Publikum. Schwingen ist eine Variante des Freistilringens, die auf Sägemehl ausgeübt wird. Die Kämpfenden fassen sich an einer kurzen, robusten Überhose aus Zwilch mit Ledergurt und lassen diese bis zur Entscheidung nicht los. Wer mit den Schulterblättern oder dem Rücken den Boden berührt, hat verloren.

David Schmid kopfüber: Der in Wittnau lebende Landwirt (links) am Nordwestschweizerischen Schwingfest 2019, das er gewann – auch ...
David Schmid kopfüber: Der in Wittnau lebende Landwirt (links) am Nordwestschweizerischen Schwingfest 2019, das er gewann – auch wenn es hier nicht so aussieht. | Bild: Peter Schütz

Kurios: Die besten Schwinger werden als „die Bösen“ bezeichnet. Sie begegnen sich jedoch mit Respekt und gegenseitiger Achtung. Ein Kampf wird mit einem Handschlag eingeleitet und beendet. Wer gewinnt, muss dem Unterlegenen das Sägemehl vom Rücken „putzen“. Was früher ein regelloses Kräftemessen von Sennen und Hirten war, hielt später über die Turnerbewegung in städtische Gebiete Einzug – Schwingen ist dadurch vom ländlichen Nischen- zum weit verbreiteten Nationalsport geworden. Schwingen wird auch Hosenlupf genannt.

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Ein Schwingfest ist mehr als nur ein sportlicher Anlass. In den Arenen, in denen auf mehreren Rundplätze die Wettkämpfe ausgetragen werden, geht es hoch her. Während das Sägemehl weit fort fliegt und pausierende Schwinger sich am Brunnen erfrischen, treten zwischendurch Jodlerklubs auf und zeigen Fahnenschwinger ihr Können, das alles bei laufendem Wettkampf.

Brunnensingen an Weihnachten

Der alljährlich letzte Brauch findet jeweils am 24. Dezember in Rheinfelden-Schweiz statt. Dann holen zwölf Männer der Sebastiani-Bruderschaft in der Stadtkirche Sankt Martin die Pestlaterne und ziehen nach dem letzten Glockenschlag um 23 Uhr durch die verdunkelte Altstadt. Die Männer, die in schwarze Mäntel gekleidet sind und schwarze Zylinder tragen, schreiten in Dreierkolonnen zu sechs Brunnen der Stadt.

Dort lösen sie jeweils ihre strenge Marschformation auf und stimmen im Kreis ihr Weihnachtslied an. Die Sebastiani-Bruderschaft wurde 1541 anlässlich eines wiederholten Pestausbruchs gegründet und hat danach den Weihnachts- und Neujahrsbrauch des Brunnensingens eingeführt. Die Lieder sollen den Segen bringen, der vor weiteren Pestausbrüchen schützt.

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