Ein Journalist aus München hat einmal geschrieben: „Die Schweiz ist eines der besten Länder von allen.“ Die Menschen seien überaus höflich (in Deutschland keine Selbstverständlichkeit!) und wenn man morgens im Hotel den Frühstücksraum betrete, sei schon keiner mehr da. Ausnahme: Ein deutsches Frührentner-Ehepaar.

Spaß beiseite: In der Schweiz laufen im Vergleich zum deutschen Nachbarn die Uhren schneller und präziser. Lange Bänke gibt es nicht. Das, was sich die Schweizer – oft nach einer Volksabstimmung – vorgenommen haben, das erledigen sie auch, und zwar in einem überschaubaren Zeitrahmen.

Müsste man in der Schweiz eine Wahl wiederholen?

Verlässlichkeit und Sorgfalt ist zwischen Basel und Chiasso oberstes Gebot. Undenkbar, dass in Bern – oder einer anderen Kantonshauptstadt – eine Wahl wegen Schlendrians wiederholt werden müsste, wie es in Berlin mit völlig unpreußischem Schulterzucken hingenommen wird.

Fatalismus? Resignation? Oder Endlos-Debatten ohne Ergebnis? Was der Schweizer kaum kennt, weil er sein Pflichtenheft abarbeitet, lähmt in Deutschland die Modernisierung und verhindert, dass Dinge schneller besser werden, obwohl meist genug Geld da ist. Corona hat uns einen Blick in den Abgrund der gesundheitsamtlichen Fax-Kultur werfen lassen, die Energiekrise zeigt, wo Bürokratie und Verhinderungsgeist die ökologische Wende hinauszögern.

Wir haben Beispiele gesucht, die zeigen, wo und wie die Schweizer den Deutschen voraus sind, weil sie Projekte anders anpacken. Mühelos haben wir sechs Themen gefunden. Vermutlich gibt es noch viel mehr.

Freie Fahrt durch die Alpen

Durch den Gotthard-Basistunnel rollen die Züge schon seit 2016. Die Rheintalbahn ist noch lange eine Baustelle.
Durch den Gotthard-Basistunnel rollen die Züge schon seit 2016. Die Rheintalbahn ist noch lange eine Baustelle. | Bild: DPA

Nirgendwo wird der Rückstand Deutschlands auf die Schweiz so greifbar wie beim größten europäischen Schienenverkehrsprojekt auf der Achse Rotterdam-Genua. Die Schweiz lässt seit Jahren Züge durch drei Super-Tunnel unter den Alpen rollen. Derweil gräbt sich die Deutsche Bahn im Rheintal durch die Erde und dreht Betonmischer.

Dabei ging die Schweiz sogar später an den Start. Die ersten Bagger an der Neubaustrecke Karlsruhe-Basel rollten 1987 an, die Schweiz begann 1986 mit den Planungen für die Neue Alpentransversale (NEAT). Dann gab man Gas: 2007 war der neue Lötschbergtunnel fertig, 2016 der Gotthard-Basistunnel und 2016 die Röhre am Monte Ceneri. Mission accomplished! Auftrag ausgeführt!

Die deutschen Planer musste sich mit Bürgerprotesten herumschlagen, fingen mehrmals von vorn an und haben für die 180 Kilometer lange Strecke noch steinige Wege vor sich. Mindestens 18 Jahre – bis 2041 – wird es dauern, bis alle Züge ganz über die neuen Gleise rollen. Stand jetzt.

Atommüll hat ein klares Ziel

Wohin mit dem Atommüll? Die Schweiz hat diese Frage gelöst, in Deutschland wird sie auf irgendwann vertagt.
Wohin mit dem Atommüll? Die Schweiz hat diese Frage gelöst, in Deutschland wird sie auf irgendwann vertagt. | Bild: dpa

Die Suche nach einem sicheren Atomendlager lässt sich nicht in einem Spurt erledigen. Aber in Deutschland tritt man seit mehr als 40 Jahren nur auf der Stelle. 1979 begannen Probebohrungen für ein Endlager in niedersächsischen Gorleben, seit 1982 wurde der alte Salzstock erkundet. In den nächsten Jahren rollten Castoren mit hochradioaktivem Abfall in ein Zwischenlager über Tage, der Protest schwoll an.

2017 kam das Aus für das jetzt als ungeeignet erklärte Gorleben. Bis 2031, hieß es, solle ein neuer Standort her. Neuerdings soll es 15 Jahre länger – bis 2046 – dauern. Man hat also nicht nur nichts, sondern auch auf lange Zeit nichts! 

Die Schweizer „Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle“, kurz Nagra, hat zwar seit 1972 auch eine Endlosgeschichte geschrieben. Aber kürzlich wurde eine Vorentscheidung gefällt, die auf den Opalinuston unter Nördlich Lägern bei Hohentengen am Hochrhein fiel. Baustart soll 2045 sein. Suchen die Deutschen dann immer noch?

Aus für Lkw-Bürokratie am Zoll

Die Schweiz beschleunigt Lkw am Zoll per App. Deutschland und die EU brauchen dafür noch Zeit.
Die Schweiz beschleunigt Lkw am Zoll per App. Deutschland und die EU brauchen dafür noch Zeit. | Bild: Gerald Edinger

Von der Schweiz lernen kann Deutschland auch bei der Digitalisierung. Die wird den Verkehr flüssiger machen und Zeit sparen helfen. Beispiel Lkw-Stau an der Grenze: Ein Brummifahrer muss auf den Zollhof parken, dann muss er ins Zollbüro laufen und Papiere holen. Anschließend geht es zum deutschen Zollschalter, dann zum Schweizer. Danach wird die Rechnung bezahlt.

Das Ganze ist unter einer halben Stunde kaum zu schaffen. Während auf deutscher Seite Papiere gewälzt und Stempelkissen aufgeklappt werden, hat die Schweizer Zollverwaltung dem Grenzstau den Kampf angesagt, und zwar mit „DaziT“. Das steht für das rätoromanische Wort für Zoll und für Transformation.

Noch besser klingt die Wortschöpfung „Quick Zoll“. Heißt: Alles, was weit vor der Grenze möglich ist, erledigt eine App. Während die Schweizer die Pilotphase gemeistert haben, hinken Deutschland (und die EU) hinterher. Solange spart sich der Lkw-Fahrer den Gang zum Schweizer Zoll, muss aber weiter zum deutschen laufen.

Es geht auch mit weniger Tempo

Das Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen gilt in der Schweiz seit 1985. In Deutschland wird gestritten.
Das Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen gilt in der Schweiz seit 1985. In Deutschland wird gestritten. | Bild: Patrick Pleul/dpa

Inzwischen gibt es in Deutschland eine Mehrheit für ein Tempolimit auf Autobahnen. Laut einer YouGov-Umfrage vom April wären 57 Prozent der Befragten angesichts der steil angestiegenen Spritpreise und des Klimawandels mit einem Deckel bei 130 km/h einverstanden. Dieses Limit hat die Schweiz vor 46 Jahren – 1976 – eingeführt, bis man sich 1985 für Tempo 120 entschied.

Die Deutschen scheinen vergessen zu haben, dass die Regierung Brandt/Scheel im November 1973 nach dem Ölpreisschock ein sechsmonatiges Tempolimit von sogar nur 100 km/h auf Autobahnen eingeführt hat. Das sollte der Bevölkerung auch den Ernst der Lage vor Augen führen.

Heute ist die Lage ebenfalls ernst. Doch der Widerstand gegen ein Limit ist beim Koalitionspartner FDP eisern, obwohl inzwischen selbst der ADAC von seinem kategorischen Nein abgerückt ist. Und was man in Deutschland auch gerne hätte – nämlich Ausländer für die Nutzung der Autobahn zur Kasse bitten – tut die Schweiz seit 1985. Als erstes Land in Europa.

Riesen-Akku für Ökostrom

Zum Hornbergbecken I sollte ein größeres dazukommen. Das scheiterte. Die Schweiz eröffnet neue Pumpspeicherwerke.
Zum Hornbergbecken I sollte ein größeres dazukommen. Das scheiterte. Die Schweiz eröffnet neue Pumpspeicherwerke. | Bild: Rolf Haid/düa

Der Schluchsee im Schwarzwald wird auch der „größte Akku Deutschlands“ genannt. Wasser treibt eine Turbine an und wird nachts zurückgepumpt, wenn kaum Strom gebraucht wird. Angesichts der immer öfter gestellten Frage „Wie speichern wir unseren Strom?“ wäre der Ausbau von Pumpspeicherwerken (PSW) zwingend. Das könnte man längst haben.

Die Laufenburger Schluchseewerk AG wollte bei Atdorf im Hotzenwald Europas größten Stromspeicher bauen. Fertigstellung spätestens 2021. Ausgerechnet die Grünen im Kreis Waldshut brachten den Plan zu Fall. Seltene Tiere und Pflanzen seien gefährdet.

Die Schweiz dagegen hat im Juli einen Mega-Akku eingeweiht: das Pumpspeicherwerk Nant de Drance im Wallis. Bauzeit 14 Jahre, Kosten zwei Milliarden Euro. Überschüssiger Strom aus Wind, Solar und Wasser wird zwischengelagert. Installierte Leistung: 900 Megawatt – fast soviel wie der Schweizer Pumpspeicher-Champion bei Linth-Limmern mit 1 Gigawatt im Glarner Hinterland. Vorderland müsste es heißen.

Ja zum selbstbestimmten Tod

Dürfen todkranken Menschen sterben? Ja, sagt die Schweiz. In Deutschland wartet man auf die Antwort.
Dürfen todkranken Menschen sterben? Ja, sagt die Schweiz. In Deutschland wartet man auf die Antwort. | Bild: dpa

In der Schweiz gilt der assistierte Suizid als legitime Option am Lebensende. Er steht auch Ausländern offen. Daher gibt es seit Jahren einen Sterbetourismus aus Deutschland. Die Zahl der bei Schweizer Sterbehilfeorganisationen registrierten Personen wächst. In Deutschland ist es dagegen selbst für schwerst und tödliche erkrankte Menschen kaum möglich, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden.

Ärzte, die dabei assistieren, bewegen sich rechtlich in einer Grauzone – obwohl das Bundesverfassungsgericht 2020 entschied, dass ausnahmslos jedem Menschen das Recht auf assistierte Selbsttötung zusteht. Während eine Neuregelung der Sterbehilfe durch den Bundestag erwartet wird, ist die Schweiz deutlich weiter.

Am Sonntag lässt der Kanton Wallis seine Bürger über ein wohl wegweisendes Gesetz abstimmen. Gefragt wird, ob den Bewohnern von Kliniken und Heimen die Suizidbeihilfe ermöglicht werden soll. Momentan liegt es im Ermessen der Einrichtungen, ob sie Sterbehelfern den Zutritt gewähren.