Fußball: – Er sitzt vielleicht nicht gerade mit einem dicken Hals am Dienstagabend vor dem Fernseher, mit gemischten Gefühlen allemal: „Natürlich würde ich mit meinen Kollegen bei Werder Bremen im Weserstadion stehen – und hoffen, dass wir vorzeitig den Meistertitel einfahren“, holt Thomas Lauber tief Luft: „Aber im Moment geht das halt leider nicht.“ Das muss man sich vorstellen: Spiele des FC Bayern München gehen seit Ausbruch der Corona-Pandemie ohne den 49-Jährigen aus Hänner über die Bühne. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Begegnung in New York: Thomas Lauber und sein „Hotzenwald Hänner“-Schriftzug sind auf der ganzen Welt ein begehrtes Fotomotiv.
Begegnung in New York: Thomas Lauber und sein „Hotzenwald Hänner“-Schriftzug sind auf der ganzen Welt ein begehrtes Fotomotiv. | Bild: privat

Es ist ja keineswegs so, dass die Münchner nicht ohne Thomas Lauber könnten. Im Notfall können sie ja sogar ohne Thomas Müller und ohne Robert Lewandowski – und siegen trotzdem gegen Borussia Mönchengladbach. Dieses Spiel am vergangenen Samstag hätte Thomas Lauber zu gern vor Ort erlebt, denn unter normalen Umständen „hätte ich dann die 1000 voll gemacht.“

Objekt der Begierde: Thomas Lauber – hier bei einem Fanfest 2012 – mit dem europäischen Pokal, dessen Gewinn er im Kreis der Bayern-Fans 2001 und 2013 feiern durfte.
Objekt der Begierde: Thomas Lauber – hier bei einem Fanfest 2012 – mit dem europäischen Pokal, dessen Gewinn er im Kreis der Bayern-Fans 2001 und 2013 feiern durfte. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Geisterspiel bei ZSKA Moskau

So steht das ewige Zählwerk des Thomas Lauber seit 8. März bei 991. Nach dem 2:0 gegen den FC Augsburg ging die Liga in die Corona-Zwangspause, macht seit vier Wochen mit so genannten Geisterspielen weiter – ohne Lauber: „Dabei hätte ich durchaus Erfahrung mit Geisterspielen“, schmunzelt der Kraftfahrzeug-Meister: „ZSKA Moskau spielte mal vor leeren Rängen, wir waren trotzdem angereist. Der FC Bayern mietete kurzerhand ein Hochhaus am Stadion – ein Hotel im Rohbau.“ Lauber erlebte mit zahlreichen Bayern-Fans ein denkwürdiges Spiel aus ungewohnter Perspektive und bestens versorgt dank russischer Gastfreundschaft.

Video: Scheibengruber, Matthias

Es ist nur eine von vielen großen und kleinen Episoden, die Thomas Lauber seit seiner Premiere als Stadionbesucher erlebt hat. 1985 war es, als ein Familienausflug die Laubers nach München führte, ins Olympiastadion: „Süd-Derby gegen den VfB Stuttgart – 2:1 gewonnen“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. An diesem Tag wurde der damals 14-Jährige vom rot-weißen Fieber gepackt – unheilbar quasi.

Bayern-Bus aus dem Hotzenwald: Mittlerweile ist der schwarze Bulli mit dem Bayern-Emblem ausgemustert, nachdem er Thomas Lauber auf den Reisen kreuz und quer durch Europa treue Dienste geleistet hatte.
Bayern-Bus aus dem Hotzenwald: Mittlerweile ist der schwarze Bulli mit dem Bayern-Emblem ausgemustert, nachdem er Thomas Lauber auf den Reisen kreuz und quer durch Europa treue Dienste geleistet hatte. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Ein hoffnungsloser Fall, auch wenn Thomas Lauber während der Corona-Zwangspause ins Grübeln geriet: „Erstaunlich, wieviel Zeit man plötzlich hat und man sich überlegt, ob es der ganze Aufwand wert ist?“ Schaltet er aber das TV-Gerät an und sieht Fußball im trostlos leeren Stadion, kehrt das Kribbeln zurück: „2020 gibt es wohl noch keine Rückkehr ins Stadion. Von beschränkten Zuschauerzahlen halte ich nichts.“

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Mit dem Bayern-Bulli durch London

So bleibt Lauber derzeit nur, in Erinnerungen an Reisen in alle Welt zu schwelgen. Führten ihn die ersten Auswärtsspiele nach Freiburg, Basel oder Aarau, waren es bald exotischere und bekanntere Ziele, die er im VW-Bulli mit den Kumpels vom eigens gegründeten Fanclub „Hotzenwald Hänner“ ansteuerte. „Ehe es möglich war, günstig zu fliegen, brachten wir so manchen Kilometer hinter uns – waren manchmal 24 Stunden unterwegs“, erinnert er sich an die Europa-Premiere bei Nottingham Forest: „Morgens um vier nach München, wo um 9 Uhr der Flieger startete. Nach dem Spiel sofort zurück, dann ins Auto und heim – auf die Arbeit.“

Bayern-Fan Thomas Lauber (49) aus Murg-Hänner: „Beim 2:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach am vergangenen Samstag hätte ich unter normalen Umständen die 1000 voll gemacht.“
Bayern-Fan Thomas Lauber (49) aus Murg-Hänner: „Beim 2:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach am vergangenen Samstag hätte ich unter normalen Umständen die 1000 voll gemacht.“ | Bild: Scheibengruber, Matthias

Allein in Europa blickt Thomas Lauber auf 28 bereiste Länder: „Die meisten Spiele habe ich wohl gegen Real Madrid und den FC Barcelona erlebt. Aber es waren auch weniger bekannte Städte dabei“, erinnert er sich mit gemischten Gefühlen nach Cluj-Napoca: „Das war eine Tour in eine andere Welt. Dort siehst du, wie gut es uns hier in Deutschland geht und auf welch hohem Niveau manchmal gejammert wird“, hat ihn der Trip in den Nordwesten Rumäniens nachhaltig beeindruckt.

Thomas Lauber auf Tour: Mehrmals pro Saison organisiert Thomas Lauber (rechts) aus Hänner für seinem Fanclub – hier auf einem Archivfoto vom Dezember 2009 auf der Fahrt zum Spiel gegen Borussia Mönchengladbach – eine Busfahrt zu Heimspielen in die Allianz Arena nach München.
Thomas Lauber auf Tour: Mehrmals pro Saison organisiert Thomas Lauber (rechts) aus Hänner für seinem Fanclub – hier auf einem Archivfoto vom Dezember 2009 auf der Fahrt zum Spiel gegen Borussia Mönchengladbach – eine Busfahrt zu Heimspielen in die Allianz Arena nach München. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Reisen mit dem FC Bayern haben irgendwann zwangsläufig Thomas Laubers Alltag geprägt. Der Junggeselle richtet seinen persönlichen Jahresplan nach den anstehenden Bundesliga-, Pokal- und Champions League-Spielen aus: „Natürlich hat mein Geschäft oberste Priorität. Aber es ist mir wichtig, möglichst viele Spiele zu sehen.“

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Und wenn es zeitlich passt, verbindet Thomas Lauber sogar den Urlaub mit dem FC Bayern. Nicht erst einmal war er mit der Mannschaft auf Reisen. Auftritte in China hat er ebenso hautnah erlebt, wie eine Promotion-Reise in die USA: „Das Spiel in Portland dürfte das weiteste Auswärtsspiel gewesen sein“, erinnert er sich. Doch auch das Weltpokal-Finale 2001 in Tokio lag – von der Strecke her – nicht gerade ums Eck.

Immer präsent: Selbst beim Frauenfußball-Landerspiel, 2012 mit Melanie Behringer (links, Nr. 7) in Aarau waren Thomas Lauber und der Fanclub Hotzenwald Hänner präsent.
Immer präsent: Selbst beim Frauenfußball-Landerspiel, 2012 mit Melanie Behringer (links, Nr. 7) in Aarau waren Thomas Lauber und der Fanclub Hotzenwald Hänner präsent. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Gänsehaut dank Patrik Andersson

Wurden Meisterschaften und Pokalsiege der Bayern für Thomas Lauber zum emotionalen Alltag, gibt es doch auch diese ganz besonderen Spiele: „Mein absolutes Erlebnis war das 1:1 von Patrik Andersson in der Nachspielzeit beim HSV“, bekommt Lauber schon beim Erzählen eine Gänsehaut: „Das war Emotion pur – stärker als der Sieg im Champions Finale 2013 gegen Borussia Dortmund in Wembley.“ Damals war der Bayern-Bus aus Hänner viel beachtet auf Londons Straßen unterwegs.

Süßes Hobby: Selbst als Torte lässt sich die Leidenschaft von Thomas Lauber für den FC Bayern genießen.
Süßes Hobby: Selbst als Torte lässt sich die Leidenschaft von Thomas Lauber für den FC Bayern genießen. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Weniger schön, aber ähnlich nachhaltig war die „Mutter aller Final-Niederlagen“, 1999 in Barcelona: „Du hättest unter den 30.000 Bayern-Fans eine Stecknadel fallen gehört“, wird er den Schock-Zustand nach dem bitteren 1:2 gegen Manchester United nie vergessen: „Das war brutaler als 2012 die Pleite gegen Chelsea im Finale dahoam“.

Traum-Kulisse: Thomas Lauber vor der Skyline von Shanghai bei der China-Reise mit dem FC Bayern.
Traum-Kulisse: Thomas Lauber vor der Skyline von Shanghai bei der China-Reise mit dem FC Bayern. | Bild: privat

So sprudeln die Episoden aus Thomas Laubers reichhaltigen Erinnerungen: „Ich könnte längst ein Buch schreiben“, lacht er. Doch halt, das hat er ja schon gemacht. Mehrere Fotobücher halten die einmaligen Eindrücke wach, auch eine Broschüre mit persönlichen Spielberichten hat er schon drucken lassen.

Früher Südkurven-Stammgast: Mittlerweile genießt Dauerkartenbesitzer Thomas Lauber die Heimspiele des FC Bayern auf einem eher ruhigen Sitzplatz in der Allianz-Arena.
Früher Südkurven-Stammgast: Mittlerweile genießt Dauerkartenbesitzer Thomas Lauber die Heimspiele des FC Bayern auf einem eher ruhigen Sitzplatz in der Allianz-Arena. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Und was steht nach 1000 Spielen noch auf dem Plan? „So unglaublich es klingt, aber ein Bundesliga-Stadion fehlt mir noch“, sinniert Lauber, dessen „Rekord-Gegner“ der FC Schalke 04 ist, den er schon 50 Mal gegen die Bayern antreten gesehen hat: „Schön, dass Arminia Bielefeld aufsteigt, denn auf der Alm war ich noch nie.“ Bleibt nur zu hoffen, dass der DFB dieses Auswärtsspiel für die Bayern erst in der Rückrunde ansetzt.