Radsport: – Wegen eines Vergehens gegen die Anti-Doping-Bestimmung hat das Deutsche Sportschiedsgericht die frühere Mountainbikerin Helen Grobert aus Weilheim-Remetschwiel zu einer Wettkampfsperre von vier Jahren verurteilt. Das Urteil wurde in dieser Woche von der Nationalen Dopingagentur Nada veröffentlicht. Wegen der verbotenen Einnahme von Testosteron darf die 27-Jährige bis 23. März 2022 nicht mehr starten, heißt es in der Stellungnahme. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung und die Dauer der Sperre lösen indessen bei den Beteiligten keine große Überraschung mehr aus: „Als ich vom Urteil erfahren habe, hat es natürlich sehr weh getan so etwas zu lesen“, so Helen Grobert, die sich im Frühjahr 2018 vom aktiven Sport zurückgezogen hat, gegenüber unserer Zeitung: „Hier wurde ein Urteil gefällt, ohne dass ich persönlich in der Sache angehört wurde und mich verteidigen konnte. Die Vorwürfe sind brutal und entbehren jeder Grundlage.“

Helen Grobert: „Hier wurde ein Urteil gefällt, ohne dass ich persönlich in der Sache angehört wurde und mich verteidigen konnte. Die Vorwürfe sind brutal und entbehren jeder Grundlage.“
Helen Grobert: „Hier wurde ein Urteil gefällt, ohne dass ich persönlich in der Sache angehört wurde und mich verteidigen konnte. Die Vorwürfe sind brutal und entbehren jeder Grundlage.“ | Bild: Scheibengruber, Matthias

Unangekündigt, wie üblich im Leistungssport, standen die Dopingtester am 17. November 2017 bei Helen Grobert auf der Matte, baten um eine Urinprobe. In dieser Probe soll, schreibt das Biker-Portal acrossthecountry.net, das Testosteron nicht im ersten Anlauf gefunden worden sein. Erst vor dem Rennen in Marseille am 24. März 2018 wurde Helen Grobert vorläufig suspendiert.

Helen Grobert verweist in der Folge darauf, dass ihr Arzt im Januar 2018 bei der Nada einen Antrag für die Anwendung einer Wundsalbe stellte. Ihre Verletzung konnte aufgrund der Dauerbelastung über Jahre nicht heilen: „Diese Salbe enthält 0,05 Gramm Testosteron. Der Antrag wurde abgelehnt. Interessanterweise erhielt ich nach diesem abgelehnten Antrag die Information durch die Nada, dass mit meinem Urin ein B-Proben Splitting durchgeführt wird, da nicht mehr genügend Urin im Behälter der A-Probe vorhanden wäre.“

Dann folgte für Helen Grobert eine Überraschung: „Verrückterweise wurde nun Testosteron in dem mir zugeordneten Urin gefunden. Ich habe 110 Milliliter Urin abgegeben. 80 Milliliter befanden sich im Behälter der A-Probe, 30 im Behälter der B-Probe.“ Trotz mehrfachen Antrags habe ihr die Nada von der A-Probe weder Messwerte noch Dokumentation der Proben-Behandlung geliefert: „Das alles ist komplett verschwunden. Stattdessen lieferte man mir das Ergebnis der B-Probe. Zuletzt wurde sogar behauptet, ich hätte nie einen Antrag gestellt.“

Schöne Erinnerung: Als amtierende Deutsche Meisterin fuhr Helen Grobert im September 2015 das Bundesligarennen in Bad Säckingen.
Schöne Erinnerung: Als amtierende Deutsche Meisterin fuhr Helen Grobert im September 2015 das Bundesligarennen in Bad Säckingen. | Bild: Armin M, Küstenbrück

Diese Ungereimtheit versucht Helen Grobert seit Oktober 2018 aufzuschlüsseln: „Es gibt sehr viele skurrile Vorgänge und wilde Behauptungen in meinem Fall. Das ist einer davon. Insgesamt stellte ich sechs Mal den Antrag zur Aushändigung der A-Probe. Die Anträge wurden mit neuen Vorwürfen beantwortet. Bis heute wurde den Anträgen nicht stattgegeben“, so Grobert: „Ich wurde vom Verantwortlichen der Nada regelrecht fertig gemacht. Trotz dieser ungeklärten Situation und der mir nie ermöglichten Verteidigungschance, bestand der Schiedsrichter auf dem Verhandlungstermin beim Sportschiedsgericht und verurteilte mich ohne persönliche Anhörung.“

Wie sie mit den Anschuldigungen der Dopingagentur umgehen wird, beantwortet die ehemalige Sportlerin wie folgt: „Der Rechtsweg über das Internationale Sportgericht (CAS) ist für mich zu teuer und macht keinen Sinn. Nur die Offenlegung der Mess-Ergebnisse kann meine Unschuld beweisen. Deshalb habe ich mich nun direkt an den Laborleiter sowie den Institutsleiter des zuständigen Prüflabors „Biochemie Institut Köln„ gewandt.“

Mit einem Appell an die Ehre der Einrichtung betont Helen Grobert: „Ich werde alle mir zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpfen, um die Vorgänge transparent aufzuarbeiten.“ Die vierjährige Sperre beeindruckt sie eher weniger, denn aus gesundheitlichen Gründen habe sie ihre Karriere ohnehin beendet. „Viel wichtiger ist mir, dass ich rehabilitiert werde und unsere Stellungnahmen berücksichtigt werden.“

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Bei der Nada gibt sich Sprecherin Eva Bunthoff (Bonn) auf unsere Nachfrage indessen bedeckt: „Eine ausführliche Urteilsbegründung werden wir veröffentlichen, wenn das Urteil rechtskräftig ist.“ Das könne unter Einhaltung von Fristen rund vier Wochen dauern.

Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) wurde von der Urteilsverkündung ebenfalls überrascht, bestätigt Sprecherin Christina Kapp (Lahnstein): „Wir verstehen nicht, weshalb vor Ende der Einspruchsfrist der Name publiziert wurde und die Dauer der Sperre erstaunt ebenfalls. Allerdings liegen uns weder Urteil noch Begründung vor.“

Das sagen die Nada und der BDR

Mit vier Jahren Sperre hat auch Mountainbike-Bundestrainer Peter Schaupp (Allmendingen) nicht gerechnet: „Üblich sind zwei Jahre. Da muss mehr dahinter stecken“, glaubt der 62-Jährige, der Helen Grobert schon als Juniorentrainer unter seinen Fittichen hatte: „Die Sache ist für mich eine große Enttäuschung. Seit zwei Jahren ist der Kontakt zu Helen abgebrochen.“

Für einen Trainer sei ein Dopingfall ein Super-Gau: „Wir versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten, die Sportler in der richtigen Spur zu halten.“ Allerdings sei der Einfluss durchaus begrenzt: „Grundsätzlich sehe ich das Gute im Menschen“, erinnert sich Peter Schaupp an Veränderungen bei Helen Grobert: „Sie hatte im Frühjahr 2018 einen Leistungsschub, fuhr sehr gute Ergebnisse, hatte aber auch an Gewicht verloren.“ Grundsätzlich seien bessere Leistungen auch durch Veränderungen bei Ernährung und Training möglich: „Doping hätte ich seinerzeit nicht vermutet.“

Mountainbike-Bundestrainer Peter Schaupp: „Üblich sind für Dopingvergehen zwei Jahre Sperre. Wenn Helen Grobert für vier Jahre gesperrt wird, muss schon mehr dahinter stecken.“
Mountainbike-Bundestrainer Peter Schaupp: „Üblich sind für Dopingvergehen zwei Jahre Sperre. Wenn Helen Grobert für vier Jahre gesperrt wird, muss schon mehr dahinter stecken.“ | Bild: Scheibengruber, Matthias

Gut sei, so Peter Schaupp, dass in der Radsportszene nach dem nun veröffentlichten Urteil die richtigen Schlüsse aus dem Fall gezogen werden können: „Gerüchte machten längst die Runde. Nun können wir offen darüber reden. Wir Trainer haben bereits eine offizielle Stellungnahme an die Kader-Sportler gerichtet. Die Enttäuschung aber überwiegt, denn gerade die Biker gehen offen mit dem Thema um, passen akribisch auf und schauen, dass wir unseren Sport möglichst sauber halten.“

Zweifel am Vorwurf gegen Grobert hegt Peter Schaupp nicht: „Wenn das Schiedsgericht eine derart lange Sperre – zwei Jahre sind die Regel – ausspricht, muss mehr dahinter stecken. Hinsichtlich der geltenden Unschuldsvermutung dürften die Beweise auf einer sicheren Basis stehen. Sonst wäre das Eis zu dünn.“

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Allerdings verweist der Bundestrainer auch auf die menschliche Seite: „Trotz aller Enttäuschung denke ich, dass Helen gestraft genug ist. Wenn man hört, das das zusätzlich anhängige Strafverfahren derzeit ausgesetzt ist, weil sie nicht vernehmungsfähig sein soll, sagt das alles über ihre persönliche Situation.“

Ähnlich äußert sich Martin Wolf (Griesheim), Generalsekretär des BDR: „Die Sportlerin hat einen Fehler begangen, für den sie jetzt Verantwortung übernehmen muss. Wir sollten ihr die Rückkehr in ein Leben außerhalb des Sports ermöglichen.“

Peking-Olympiasiegerin Sabine Spitz: „Ich hätte das nicht für möglich gehalten und kann nicht verstehen, dass Helen diesen Weg gegangen ist.“
Peking-Olympiasiegerin Sabine Spitz: „Ich hätte das nicht für möglich gehalten und kann nicht verstehen, dass Helen diesen Weg gegangen ist.“ | Bild: Welte, Gerd

Peking-Olympiasiegerin Sabine Spitz, langjährige Konkurrentin von Helen Grobert, von ihr aber auch immer wieder als Vorbild bezeichnet, drückt ihr Unverständnis aus: „Das nun endlich offiziell bestätigte Dopingvergehen von Helen ist für mich sehr enttäuschend. Ich hätte das nicht für möglich gehalten und kann nicht verstehen, dass sie diesen Weg gegangen ist.“ Spitz betont, dass sie immer versucht habe, als Beispiel voranzugehen, dass man auch sauber sehr erfolgreich sein kann: „Schade, offensichtlich habe ich sie nicht erreicht. Ich würde mir wünschen, dass sie mir das irgendwann erklärt.“

Die 48-Jährige verhehlt nicht, dass sowohl der Leistungssport generell als auch der Mountainbike-Sport im Speziellen bei jedem Dopingvergehen großen Schaden nehmen: „Die Glaubwürdigkeit leidet und stellt die Athleten immer wieder unter Generalverdacht.“ Sie vermisse allerdings die Transparenz im vorliegenden Fall: „Der Zeitraum zwischen positiver Probe und offizieller Kommunikation ist nicht akzeptabel. Zumindest aber ist das Strafmaß mit vier Jahren Sperre angemessen.“

Tim Meier, Vorsitzender des Radsportbezirks Hochrhein-Wiesental und aktiver Biker aus Rheinfelden: „Sollte es systematisches Doping gewesen ein, hoffe ich, dass die Hintermänner gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden.“
Tim Meier, Vorsitzender des Radsportbezirks Hochrhein-Wiesental und aktiver Biker aus Rheinfelden: „Sollte es systematisches Doping gewesen ein, hoffe ich, dass die Hintermänner gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden.“ | Bild: Scheibengruber, Matthias

Eine klare Ansage kommt auch von Tim Meier, Vorsitzender des Radsportbezirks Hochrhein-Wiesental und aktiver Biker aus Rheinfelden: „Sollte es systematisches Doping gewesen ein, hoffe ich, dass die Hintermänner gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden. Doping ist immer aufs Schärfste zu verurteilen, vor allem weil der Radsport stets im Fokus steht.“