Fahrsport: – Plötzlich ist Leben da. Mit Getöse – durchbrochen von kurzen, lauten Rufen – prescht das Gespann aus dem Wald. Auf dem Kutschbock gibt Jennifer Wirbser prägnant ihre Kommandos. Die Leinen hat sie fest in den Händen. Wie ferngesteuert nehmen „Merlin“ und „Shitan“ die Kurve, ziehen die Kutsche – der Geschwindigkeit zum Trotz – mit Gefühl um das Hindernis. Erfüllt vom Hufschlag, lässt das Gespann vom Team Hasenhof eine langsam absinkende Staubwolke zurück.

In solchen Momenten in die 30-jährige Disponentin voll in ihrem Element. Seit gut zwei Jahren ist Jennifer Wirbser aktive Fahr-Sportlerin, besucht pro Saison etwa 15 Wettkämpfe: „Ich bin mit Pferden aufgewachsen, aber richtig gut reiten kann ich nicht“, sagt sie bescheiden. Weil Jennifer Wirbser ihr persönliches Glück dieser Erde also nicht auf dem Rücken der Pferde fand, ließ sie sich vom Hobby ihres Vaters Hans-Peter anstecken. „Er ist seit Jahren begeisterter Fahrsportler. Irgendwann war klar, dass ich das auch machen möchte.“

Zunächst absolvierte sie die nötigen Prüfungen. Sie sind die Basis, um in den Fahrsport einsteigen zu dürfen: „Die Fahrabzeichen sind eine Art Führerschein. Ohne sie darf ich gar nicht an Turnieren starten“, erklärt Jennifer Wirbser. Dann galt es, den passenden Verein zu finden. Reitvereine gibt es im Reiterring Oberrhein zwar einige und manche nennen sich sogar Reit- und Fahrverein: „Doch Fahrsport bietet in unserer Region niemand an.“ Fündig wurde sie auf der Baar, bei den Fürstenberg-Fahrsportfreunden Donaueschingen: „Wir sind etwa 20 Mitglieder, die alle dem Fahrsport verfallen sind.“

Die Mitgliedschaft im Verein ist zwar Pflicht, ein Vereinsleben im herkömmlichen Sinn gibt es allerdings kaum: „Man sieht sich eher selten“, betont Jennifer Wirbser, dass ihr Training hauptsächlich im elterlichen Reit- und Fahrstall in Breitenfeld bei Tiengen stattfindet: „Hier habe ich optimale Möglichkeiten, meine Pferde auf die Wettkämpfe vorzubereiten.“ Unterstützung findet das „Team Hasenhof“, auf der Kutsche meist von Jennifer und ihrer jüngeren Schwester Sabrina gebildet, nicht nur in der Familie, die voll hinter ihr steht: „In Absprache mit unserem Förster darf ich Waldwege nutzen, was für die Tiere und mich ein sehr wertvolles Training ist.“ Zudem überlässt ihr der Breitenfelder Landwirt Walter Ebner seine Wiesen für Übungsfahrten: „Dafür bin ich ihm richtig dankbar“, wertschätzt sie diese nicht selbstverständliche Hilfe.

<strong>Konzentration: </strong>Präzision und Optik sind gefragt, wenn Jennifer Wirbser mit dem Team Hasenhof bei der Dressur in einen Fahrsport-Wettbewerb startet. <em>Bild: privat</em>
Konzentration: Präzision und Optik sind gefragt, wenn Jennifer Wirbser mit dem Team Hasenhof bei der Dressur in einen Fahrsport-Wettbewerb startet. Bild: privat

Das tägliche Training mit den Haflinger-Ponys, die Jennifer Wirbser vor zwei Jahren gekauft hat, findet nicht nur in Breitenfeld statt. Immer wieder steuert die umtriebige Frau den Pferde-Transporter ins Münstertal – zu Bernhard Riesterer, einer Koryphäe im Fahrsport. „Von ihm lerne ich sehr viel. Diese Übungsstunden sind den großen Aufwand wirklich wert“, ist Jennifer Wirbser froh um diesen Trainer, der sie auch beim Kauf von „Merlin“ und „Shitan“ fachkundig unterstützt hat: „Ich habe zwei wunderbare Pferde bekommen, die von Anfang gewusst haben, wo es lang geht“, schmunzelt sie: „Die beiden Wallache haben mir viel beigebracht.“

Auch beim Fahrsport muss die Chemie zwischen Fahrerin und Pferden stimmen: „Merlin und Shitan sind sehr erfahren“, ist Wirbser überzeugt, dass die Tiere – ihre zwei PS – ebenso viel Spaß haben wie sie: „Das spüre ich schon, wenn ich am Turnierplatz ankomme und den Lastwagen öffne.“

Jennifer Wirbser (30) stammt aus Waldshut-Tiengen und lebt in Berau. Sie voltigierte als Kind beim RFV Hochrhein-Hotzenwald Niederhof. Fußball spielte sie als Jugendliche beim SV Eschbach und als Aktive bis 2013 beim SV Eggingen. Seit 2014 ist sie Fahrsportlerin bei den Fürstenberg-Fahrsportfreunden Donaueschingen. Bild: Matthias Scheibengruber
Jennifer Wirbser (30) stammt aus Waldshut-Tiengen und lebt in Berau. Sie voltigierte als Kind beim RFV Hochrhein-Hotzenwald Niederhof. Fußball spielte sie als Jugendliche beim SV Eschbach und als Aktive bis 2013 beim SV Eggingen. Seit 2014 ist sie Fahrsportlerin bei den Fürstenberg-Fahrsportfreunden Donaueschingen. Bild: Matthias Scheibengruber

Mit Gespür für das gegenseitige Befinden bestreiten Mensch und Tier die Wettkämpfe. Die Vierbeiner wissen, dass es bei der Dressur auf jede Bewegung ankommt: „Es ist optimal, wenn die Pferde so synchron agieren, dass der Punktrichter von der Seite den Eindruck bekommt, es sei nur ein Tier eingespannt“, weiß Jennifer Wirbser, dass aber nicht allein die Pferde zählen: „Bei der Dressur sind neben den zu fahrenden Figuren auch Ausstrahlung und Optik des Gespanns von Bedeutung.“

Nur wenn die Wertung über der 5,0 auf einer Skala von Null bis Zehn liegt, geht es zur nächsten Disziplin. Beim Hindernisfahren bilden Kegelpaare einen Parcours, der auf Tempo, aber mit Präzision, zu fahren ist. „In der M-Klasse stehen die Kegel nur 25 Zentimeter breiter als die Spurweite der Kutsche“, deutet Jennifer Wirbser an, wie eng es zugeht: „Auf dem Kegel liegt ein Ball. Der muss da auch noch liegen, wenn wir durch sind“, schmunzelt sie: „Schon ein unbedachter Schwenk des Schweifs kann ein paar Fehlerpunkte bringen.“

Wird die Dressur – und meist auch das Hindernisfahren – aus optischen Gründen auf einer traditionellen Kutsche gefahren, steigen Fahrerin und „Groom“, so heißt der Beifahrer, zum Geländefahren auf die robustere Variante um. Das Geschirr der Pferde wird martialischer: „Diese Rennen sind bis zu 15 Kilometer lang. Sie fordern sowohl Mensch als auch Tier und das Material“, ist Jennifer Wirbser froh, dass sie sich dabei nicht nur auf „Merlin“ und „Shitan“ verlassen kann, sondern auch auf ihre Schwester Sabrina: „Sie hat es einfach drauf“, lobt sie: „Das komplette Team kann sich aufeinander verlassen.“

Jennifer Wirbser im Interview

Gemeinsam gehen die Schwestern vor dem Start die Strecke ab, prägen sich Hindernisse und schwierige Passagen ein: „Im Rennen kommen von ihr entsprechende Hinweise. Zusätzlich muss sie, je nach Gelände, durch Gewichtsverlagerung die Kutsche in der Spur halten“, vergleicht Jennifer Wirbser die Aufgaben ihrer Schwester mit dem Beifahrer bei Motocross und Autorallye: „Es müssen jedes Kommando und jede Bewegung stimmen.“

Den Teamgedanken leben die Wirbsers aber nicht nur auf der Kutsche: „Die komplette Familie zieht an einem Strang“, ist sie glücklich über so viel Unterstützung: Die Eltern, Kornelia und Hans-Peter Wirbser, der als ehrenamtlicher Fahrwart im Reiterring Oberrhein auch Ansprechpartner für Interessierte ist, sind für die Infrastruktur zuständig: „Sie sind die gute Seele im Team Hasenhof“, lacht Jennifer Wirbser.

Während Sabrina, die selbst gern bei Dressurturnieren reitet, als „Groom“ gefragt ist, kümmert sich Melanie, die große Schwester, in Breitenfeld um anfallende Arbeiten rund um den Reitstall – tatkräftig unterstützt von Sohn Fabian: „Er ist einfach immer zur Stelle, wenn eine helfende Hand gebraucht wird“, freut sich Jennifer Wirbser über das Interesse und die Begeisterung des Achtjährigen, der mächtig stolz auf die Tante ist.

Das Team Hasenhof mit Jennifer Wirbser auf dem Kutschbock und den bewährten Ponys "Merlin" und "Shitan". Bild: Privat
Das Team Hasenhof mit Jennifer Wirbser auf dem Kutschbock und den bewährten Ponys "Merlin" und "Shitan". Bild: Privat

Doch letztlich wäre alles nicht möglich, würde Jennifer Wirbser nicht auch von ihrem Lebensgefährten Holger nach Kräften unterstützt: „Er hat zwar nicht das große Interesse an meinem Sport, hilft aber wo er kann. Er gibt mir für mein Hobby alle Freiheiten“, strahlt sie und weiß, wem sie noch zu Dank verpflichtet ist: „Mein Arbeitgeber, das Autohaus Ebner in Albbruck, und meine Kollegen halten mir oft den Rücken frei, wenn es vor Turnieren darum geht, einen Tag frei zu bekommen“, schätzt sie das Entgegenkommen. Schließlich steht bei vielen Turnieren schon freitags die erste Prüfung auf dem Programm.

Ihre Erfolge – Jennifer Wirbser stieg 2015 aus der Leistungsklasse sechs in die Klasse fünf auf und wurde Fünfte bei den Badischen Meisterschaften 2016 – unterstreichen nicht nur die Klasse des Teams Hasenhof, sondern bestärken sie auch darin, dass es richtig war, sich nach ihrer Zeit als Fußballerin voll auf den neuen Sport zu konzentrieren: „Nach unserem Abstieg aus der Landesliga lösten wir wegen Spielermangels die Mannschaft auf“, so Wirbser. Sie wechselte nicht den Verein, sondern die Sportart. Und hat dabei ihr großes sportliches Glück gefunden.

Zur Person

Jennifer Wirbser (30) stammt aus Waldshut-Tiengen und lebt in Berau. Sie voltigierte als Kind beim RFV Hochrhein-Hotzenwald Niederhof. Fußball spielte sie als Jugendliche beim SV Eschbach und als Aktive bis 2013 beim SV Eggingen. Seit 2014 ist sie Fahrsportlerin bei den Fürstenberg-Fahrsportfreunden Donaueschingen. (gru)
 

Jennifer Wirbser in Aktion

Der traditionelle Fahrsport lebt von vielfältigen Ansprüchen und hoher Präzision für Mensch und Pferde

  • Fahrsport bezeichnet im weitesten Sinne das Fahren mit Kutschen und Wagen. Wettkämpfe gab es schon vor 3000 Jahren in Mesopotamien. Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Rolle des Pferdes als Nutztier zurück. Nun entstand in den Adelshäusern das Gespannfahren als Sport. 1909 gab es in England die erste Marathon-Wettfahrt. 1968 entwarf der internationale Pferdesportverband die Regeln des Fahrsports. Weltmeisterschaften gibt es alle zwei Jahre für Ein-, Zwei- und Vierspänner. Bei Turnieren gibt es die Disziplinen Dressur, Geländefahren und Hindernisfahren. Sie werden einzeln oder kombiniert gewertet.
  • Dressur: Im Fahrviereck werden Aufgaben aus Hufschlagfiguren in vorgegebenen Gangarten (Schritt, Trab, selten Galopp) und im verlangten Gangmaß (Arbeitstrab, starker Trab) absolviert. Die Richter achten zudem auf stilechte Kleidung, Kutschen traditioneller Bauweise und Ausrüstung, sowie passende Pferde. Noten schwanken zwischen 0 (schlecht) und 10 (perfekt) mit Zehntelwerten.
  • Hindernisfahren: Beim „Kegelfahren“ sind im Parcours je nach Schwierigkeitsgrad bis zu 20 Kegelpaare aufgestellt, deren Abstand etwa 20 bis 50 Zentimeter weiter als die Wagenspur ist. Die Kegelpaare sind möglichst schnell und fehlerfrei zu durchfahren. Fallen Kegel oder der auf ihnen platzierte Ball, gibt es Fehlerpunkte.
  • Geländefahren: Beim „Marathon“ werden vom Gespann auf Strecken zwischen acht und 18 Kilometern natürliche und künstliche Hindernisse wie Brücken, Bachläufe oder enge und kurvenreiche Wege überwunden. Gefahren wird in Sportkleidung und meist mit Marathonwagen. (jw)