Noch wehrt sich der Herbst gegen den Winter, noch kann Stefan Klemens die großen Winterstiefel, die jeweils gefühlt ein Kilogramm wiegen, im Schrank stehen lassen. Doch schon bald wird die Landschaft ihre Farbtupfer verlieren, während die Tage knapp unterhalb des Polarkreises immer kürzer werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Eine Tischtennisplatte gibt es hier nicht. In Schweden ist das Spiel mit dem kleinen, weißen Ball seit den Erfolgen von Jan-Ove Waldner in den 80er-und 90er-Jahren zwar populär, aber der kleine Ort Gasa hat gerade einmal drei Einwohner – das reicht noch nicht einmal für eine Partie Rundlauf.

Bild: Bernhardt, Alexander

„Ich verfolge die Spiele des TTC Singen teilweise am Live-Ticker“, berichtet Klemens, den die Hegauer in ihrer Badenliga-Mannschaft gemeldet haben, der aber derzeit auf beziehungsweise hinter den Hund gekommen ist.

Video: Privat

Und das jeden Tag, denn Klemens lebt und arbeitet seit August auf einer Husky-Farm, die zwei deutsche Auswanderer gegründet haben. „Jeden morgen spannen wir 14 bis 16 Hunde vor unser Quad ein, danach geht es zwölf Kilometer durch die Einsamkeit Schwedens“, erzählt der 22-Jährige.

Video: Privat

Es rauscht kurz in der Leitung. Quatsch, natürlich in der Satelliten-Verbindung. „Der Empfang hier ist aber eigentlich besser als an vielen Stellen im Schwarzwald.“

Die Verbandsliga-Mannschaft des TTC Singen in der vergangenen Saison (von links): Stefan Goldberg, Philip Dannegger, Nico Rivizzigno (unten), Frank Schädler (darüber), Christoph Wiemer, Stefan Klemens (darüber) und Martin Mehne.
Die Verbandsliga-Mannschaft des TTC Singen in der vergangenen Saison (von links): Stefan Goldberg, Philip Dannegger, Nico Rivizzigno (unten), Frank Schädler (darüber), Christoph Wiemer, Stefan Klemens (darüber) und Martin Mehne. | Bild: privat

Im Tischtennis ist Klemens Verteidiger, spielt mit langen Noppen auf der Rückhand. Ein Spielstil, bei dem man den Gegner agieren lässt, der Geduld erfordert. Wahrscheinlich passt das am besten zu seinem Charakter, auf jeden Fall hilft es bei der Arbeit mit den Hunden. „Die Tiere sind einfach unglaublich“, berichtet Klemens. Die Stimme wird jetzt doch etwas lauter, etwa wenn er berichtet, dass die Huskys jeden Morgen sofort auf seine Stimmung reagieren. „Die wissen sofort, wie man drauf ist.“

Trinkpause für die Hunde, im Hintergrund das Quad, das von den 14 bis 16 Tieren gezogen wird. Im Winter ziehen dann jeweils vier Tiere einen Schlitten.
Trinkpause für die Hunde, im Hintergrund das Quad, das von den 14 bis 16 Tieren gezogen wird. Im Winter ziehen dann jeweils vier Tiere einen Schlitten. | Bild: Stefan Klemens

Aufgewachsen ist er nach eigener Aussage mit einem Mittelschnauzer. Und bevor jetzt jemand an Teenager-Flaum auf Klassenbildern denkt, gemeint ist damit natürlich der Hund seiner Eltern, Felix hieß das gute Tier. Vor einigen Jahren machte er dann bei Bekannten seine ersten Erfahrungen mit Huskys. „Die sind unfassbar lieb zu Menschen“, so Klemens. „Man kann einen Husky drei Stunden streicheln, der hat dann immer noch nicht genug.“

Sorgen wegen der Corona-Krise

Ein Husky ist dabei alles andere als ein Schoßhündchen. Kaum zu bändigen seien die Tiere vor den Ausfahrten, die vor allem ein Training für die Wintermonate sind. Ob es sich die Mühe auszahlt, ist dabei ungewiss. Zwar sind die Gästehütten bereits gut gebucht, ob die Touristen aber tatsächlich kommen werden, ist wegen der Corona-Krise ungewiss. Die Sommer-Saison mit Kanutouren fiel bereits komplett aus, weshalb Klemens neben dem Hundetraining viel Zeit für Wanderungen und zum Fischen hatte.

Stefan Klemens beim Streicheln. „Davon können Huskys nie genug bekommen.“
Stefan Klemens beim Streicheln. „Davon können Huskys nie genug bekommen.“ | Bild: Privat

Heimweh kam trotzdem nicht auf. Mit seinen Studienkollegen aus Konstanz hält er per Internet Kontakt, aber die drei, vier Abende, die er zuvor pro Woche in der Bruderhofhalle beim Tischtennis verbracht hat, fehlen ihm schon. Die härteste Zeit kommt aber jetzt. Bis zu 40 Grad unter Null werden in den kommenden Monaten in Gasa erwartet, da ist dann auch mit Wollunterwäsche nichts mehr zu retten. Und bei vier Stunden Tageslicht können die Stunden lang werden.

Ungewisse Zukunft

Viel Zeit zum Nachdenken. Noch bis April will er in Schweden mit den 40 Hunden der Farm arbeiten – für freie Kost und Logis. Wie es dann weitergeht? „Weiß ich noch nicht.“ Ein Husky-Führer verdient in Schweden kaum Geld. Die Bachelor-Prüfung im Wirtschaftsingenieurwesen Maschinenbau hat er im Sommer bestanden. Also zurück nach Deutschland? Und dann? Noch ist keine Entscheidung gefallen. Erst kommt der Winter. Hier am Polarkreis, wo Tischtennis erstmal auf Eis liegt. Auf einer Huskyfarm. Wau!

Mehr Infos zur Hundefarm in Schweden und ein Tagebuch gibt es unter:
http://www.spuren-im-schnee.de

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €