Die letzte Wende im Finale der Deutschen Meisterschaften über die 200 Meter Rücken naht. 150 Meter liegen den Schwimmern bereits in den Knochen. Das Führungstrio, zu dem auch überraschend der Konstanzer Timo Sorgius zählt, ist gleichauf.

Arme und Beine brennen, die Lunge pfeift – es ist fast nicht auszuhalten. Jetzt gilt es: Ein letztes Mal wenden, ein letztes Mal abstoßen, eine letzte Bahn auspowern.

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Ein kurzer Blick zur Seite zeigt Sorgius, dass er die Pole Position innehat – ein surreales Gefühl. Noch knapp 30 Sekunden Vollgas geben und es könnte klappen. „Das Gefühl, zu schwimmen und zu wissen, dass du gleich Deutscher Meister wirst, das ist einfach unbeschreiblich“, sagt er heute.

Und tatsächlich: mit dem schnellsten Schlussspurt im Feld schwimmt Sorgius selbst dem Olympiafinalisten Christian Diener davon und gewinnt. Sein erster Meistertitel bei den Herren.

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Auch noch ein paar Tage später wirkt er überwältigt. „Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich zwei Mal Deutscher Meister werde.“ Denn kurz nach seinem Überraschungs-Sieg über die 200 Meter Rücken gewann Sorgius auch die 200 Meter Freistil, seine Paradedisziplin.

Die Strecke, über die die Schwimm-Legende Paul Biedermann seit zwölf Jahren den Weltrekord innehat, in Sorgius‘ Alter aber nur eine Zehntel schneller war. Sorgius ist erst 17 Jahre alt, Jahrgang 2003, und schwimmt eigentlich noch im Nachwuchsbereich.

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Derzeit bereitet er sich auf die Junioren-EM in Rom vor, die in vier Wochen beginnt. Dort, im gleichen Becken, wo Biedermann bei der Schwimm-WM 2009 einst mit seinen beiden, bis heute bestehenden Weltrekorden, endgültig in die Geschichtsbücher einging.

Doch obwohl Sorgius bei der Junioren-EM einen Medaillenplatz im Blick hat, möchte er an Biedermanns Erfolge noch nicht denken – auch wenn der Vergleich auf der Hand liegt und Sorgius mit seiner Größe von 2,03 Metern sogar noch bessere körperliche Voraussetzungen als Biedermann hat.

Ein reflektierter junger Mann

Doch genau das ist Sorgius‘ Stärke: Er kann das einordnen, was seine Deutschen Meistertitel bedeuten. „Das ist zwar ein toller Erfolg, aber kein Vergleich zur Spitze. Da sind das Peanuts“, erklärt er. Es ist bezeichnend, wie reflektiert er das sagt.

Fast schon ein bisschen duckmäuserisch. Doch wer Sorgius kennt, weiß, woher die Bodenständigkeit kommt. Denn auch wenn man das von einem 17-jährigen Überflieger nicht denken mag: Leicht war es für ihn nicht immer.

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Knapp fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass er von zuhause auszog und vom SK Sparta Konstanz an den damaligen Bundesstützpunkt in Halle (Saale) wechselte. Auch Paul Biedermann, der damals gerade erst von den Olympischen Spielen in Rio zurückkehrte, schwamm dort und war nach seinem Karriereende kurzzeitig sogar Sorgius‘ Trainer.

Doch der musste sich mit seinen damals 13 Jahren erst einmal im Sportinternat und seinem neuen Umfeld zurechtfinden – in einer unsicheren Zeit. Denn nur wenige Monate nach Sorgius‘ Ankunft in Halle wurde dem damaligen Weltmeistertrainer Biedermanns, Frank Embacher, gekündigt. Der Bundesstützpunkt und seine komplette erste Mannschaft zerfielen.

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Sorgius musste umdisponieren, wechselte nach Saarbrücken. Ein Neuanfang am anderen Ende von Deutschland. Doch auch dort wurde er nicht wirklich glücklich. „Das größte Problem war eigentlich immer, dass ich vorneweg schwimmen musste. Das macht auf Dauer keinen Spaß“, erklärt er.

Sorgius stagnierte, verlor die Lust am Schwimmen. Als er im vergangenen Jahr seinen Realschulabschluss in Saarbrücken machte, kam schließlich ein Ruf, den er nicht ignorieren konnte. Frank Embacher, der einstige Cheftrainer aus Halle, wollte ihn in seinem neuen Team in Leipzig haben.

Drei Umzüge in vier Jahren

„Damals als kleiner Junge wollte ich schon zu ihm“, erklärt Sorgius. „Ich wusste, wie erfolgreich er als Trainer ist. Wenn man sich auf ihn einlässt, weiß man, dass man eigentlich nur besser werden kann.“

Also zog er nach Leipzig, sein dritter Umzug in vier Jahren. Dort trainiert er seit dem vergangenen Juni, absolviert nebenher einen Bundesfreiwilligendienst und plant eine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Knapp fünf Minuten braucht er täglich mit dem Fahrrad zur Schwimmhalle.

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Auch wenn er sich an seine erste eigene Wohnung, das gezielte Einkaufen und regelmäßige Putzen erst gewöhnen musste, wirkt Sorgius glücklich. Er wirkt so, als sei es dieses Mal anders als in Halle und Saarbrücken. Als sei er in Leipzig angekommen.

Seine Freundin, eine Triathletin, sieht er täglich. Seine Trainingskameraden pushen ihn im Training regelmäßig zu Höchstleistungen. Und auch sein Trainer Frank Embacher hat noch Großes mit ihm vor. „Er vergleicht mich öfters mit Paul und seinen Zeiten. Da ist schon ein Anreiz da, besser sein zu wollen“, erzählt der Wollmatinger.

Olympia 2024 im Blick

„Olympia 2024 ist mein Ziel. In den nächsten Jahren nehme ich alles mit, was ich mitnehmen kann. Wenn‘s kommt, dann kommt‘s. Wenn nicht, dann nicht.“ Und da ist sie wieder: Diese Coolness, die einst auch schon Paul Biedermann ausmachte.